„Ein Flieger hat eine Bombe geworfen.“
„Nicht möglich!“ Er lacht vergnügt und gleichmütig und blickt durch das
Monokel zum heißen Himmel empor, wo eine Gruppe von Schrapnellwölkchen
steht. Er hat nicht einmal den Knall gehört. Wir trennen uns. Ich will
einen Regimentskommandeur besuchen, und der Rittmeister hat Geschäfte
irgendwo in der Nähe. Die Kinder wühlen noch immer in dem Bombenloch.
Ich bin keine hundert Schritte an ihnen vorbei, als mich ein Offizier
anruft. „Nehmen Sie Deckung. Ein Flieger kommt. Er wird gleich werfen.“
Ah, schon wieder einer! Er hält direkten Kurs auf mich zu, ganz, als
wolle er mich persönlich aufsuchen. Schon hört man seinen Motor summen,
gleichmäßig und wundervoll brummen die hundert Pferde da oben! Aber ein
Schrapnell platzt dicht vor seiner Nase, und er biegt aus. Dem
Rittmeister indessen hat er, wie ich später erfuhr, eine Bombe in den
Garten geworfen.
Dieses X. Y. ist ein Bombennest ersten Ranges. Ich wußte es, man hatte
es mir erzählt, aber ich hatte nicht recht daran geglaubt. Weshalb
gerade dieses Arbeiterdorf? Nun, überall bilden sich Gewohnheiten aus!
Es liegt auf dem Wege Souchez-Douai, genau in der Mitte, und die
Luftstraße geht darüber hin. Es bekommt seine Bomben, früh und abends,
und die Bomben gehören zu X. Y., ganz wie der Geschützdonner und das
Schnarren und Trompeten der Automobile. Wenn die Franzosen nach Douai
fliegen, so werfen sie eine Bombe ab, und alles, was sie in Douai nicht
an den Mann bringen konnten, aus irgendeinem Grunde, bekommt X. Y. auf
dem Rückwege. Das schmutzige und schwarze Fabrikdorf hat im Grunde
genommen nur eine einzige, schnurgerade Straße, die Chaussee. Diese
Chaussee steuern die Flieger an, und wenn sie in genauem Kurs
darüberliegen, so werfen sie den Vogel über Bord. X. Y. hat seine Bombe.
Da man aber den Trick kennt, so nimmt man Reißaus, und infolgedessen
passiert verhältnismäßig wenig. Freilich, wenn man seine Feiertagspfeife
raucht und gemächlich auf der Chaussee herumstochert, so kann die Sache
schlecht ausgehen.
Ich blieb eine halbe Stunde bei dem Regimentskommandeur, und als ich
wieder auf die Straße trat, war eine wütende Knallerei ausgebrochen. Der
ganze Himmel stand voll Schrapnellwolken. Was war geschehen? Ja, auf den
ersten Blick konnte man es sehen: Während ich bei dem Kommandeur saß und
plauderte, waren zwei Fesselballone hochgegangen und feindliche
Flugzeuge griffen sie an. Der eine der Ballone stand etwa einen
Kilometer weit entfernt, der andere aber stand nahezu über meinem Kopfe,
etwas westlich vom Dorf. Er war drei- bis vierhundert Meter hoch,
vielleicht höher, und leuchtete hell in der Abendsonne. Die Luftströmung
hatte ihn herübergetrieben, ich sah zuweilen das schrägstehende
Drahtseil aufblitzen, das ihn festhielt. Deutlich sah ich den Korb, und
daraus kam etwas Rundes hervor, das war der Kopf des Beobachters. Da saß
er nun hoch oben, beobachtete die Einschläge der Geschosse,
telephonierte, dirigierte. Ganz wie er, saß drüben der andere, und beide
lasen in den feindlichen Höhenzügen wie in einem aufgeschlagenen Buch.
Das war ihnen ein bißchen zuviel! Augenblicklich kamen ihre Flieger
herbei. Zuerst sah ich nur einen. Winzig, wie eine goldene Libelle, kam
er auf den entfernteren Ballon zugeflogen. Jeden Moment verlor ich ihn
aus den Augen, so stand er im Licht. Die platzenden Schrapnelle, hoch
oben, nicht größer als ein Kopf, zeigten seine Bahn. Es waren zwanzig,
dreißig, er sollte auf keinen Fall herankommen und den Beobachter im
Korb stören! Eine ganze Wiese von Schrapnellwölkchen stand da oben. Sie
entstehen ganz urplötzlich am blauen Himmel, haarscharf ausgeschnitten,
sind rund wie eine Kugel, aus der langsam der Rauch tropft, schimmern
und opalisieren wie feinster Zigarettenrauch. Lieblich und unschuldig
sehen sie aus, oft berauschend schön. Die goldene Libelle aber flog
näher, unbekümmert und frech, in dreitausend Meter Höhe. Plötzlich, nahe
über dem entfernteren Ballon angelangt, blitzte sie breit und golden
auf. Sie hatte eine Kurve gemacht, stach in die Tiefe und schoß nun
direkt auf unseren Ballon zu. Aber unsere Kanoniere schliefen nicht! Die
Granaten fauchten über das Dorf hoch, eine hinter der anderen her, immer
rascher und wütender, und ein Dutzend blitzender Messer und Dolche, wie
von einer Kanone hochgeschossen, zuckten um die Libelle auf. In der
nächsten Sekunde schon hatten sie sich in schöne, grünlich schimmernde
Wölkchen verwandelt. Die Libelle wich nach Norden aus, überflog in
rasender Fahrt, brummend und surrend, das Dorf und stieg in einer großen
Spirale hoch. Die Dolche folgten ihr blitzend und funkelnd, sie stieg
und stieg und nahm Reißaus. Plötzlich aber drehte sie bei und kam mit
direktem Kurs zurück!
„_Voilà un autre!_“
Das ganze Dorf steht auf der Straße und sieht zu. Ein Arbeiter in
Hemdärmeln, unter der Tür einer Kneipe, deutet in die entgegengesetzte
Richtung. Seht an, ein zweiter! Ich sehe nur das Feld von
Schrapnellwölkchen, ein Rudel, zu dem immer neue kommen, aber der
Arbeiter hat die Maschine gefunden. Rechts neben dem Schlot, über den
drei kleinen Wolken, die dicht beisammen stehen! Richtig. Klein und zart
wie eine Schwalbe zieht sie näher. Sie hat es nicht auf unsern Ballon
abgesehen, sondern auf den anderen. Sie bekommt Feuer von allen Seiten,
und ein Streifen des blauen Himmels ist wie mit Lämmerwölkchen bedeckt.
Sie kann nicht heran und zieht meilenweite Kreise. Unten an der Straße
verschwinden die Leute in den Häusern: es sind Sprengstücke von den
Abwehrgeschützen heruntergekommen.
Aber wir haben die Libelle ganz außer acht gelassen. Plötzlich steht sie
wieder über dem Dorf. Sie ist von hinten heimtückisch wieder
herangeschlichen. Unsere Kanoniere aber behielten sie wohl im Auge. Über
dem Dorf bekommt sie Feuer und muß höher gehen. Sie biegt aus, kommt in
einem kühnen Bogen zurück, und es gelingt ihr, unseren Ballon zu
überfliegen. Aber in solch enormer Höhe, daß es sinnlos von ihr wäre,
eine Bombe zu werfen. Das ist ja der Sinn der Beschießung. Trifft man
sie auch nicht, so sollen sie wenigstens hochgehalten werden. Sie macht
sich davon wie das erstemal, klein wie ein Punkt sieht sie jetzt aus,
aber sie kehrt wiederum zurück.
Nach Süden zu, noch ferne, erscheinen ebenfalls Gruppen von
Schrapnellwölkchen. Zwei Striche, ja nichts anderes als zwei feine
Gedankenstriche untereinander, kommen heran. Ein Doppeldecker. In
unerhört rascher Fahrt zieht er näher. In den heißen Luftschichten
scheint er manchmal etwas höher und manchmal etwas tiefer zu stehen.
Durch irgendwelche höllische Künste gelingt es ihm, sich streckenweise
vollkommen unsichtbar zu machen. Unsere Geschütze legen eine Barriere
von Schrapnellen vor ihn, aber das ist ihm ganz einerlei. Er kommt
heran, unwiderstehlich und kühn, fliegt zwischen den Ballonen hindurch
und fegt in abenteuerlicher Höhe über meinem Kopf hinweg. Über dem Dorfe
macht er halt! Das heißt, er legt sich in die Kurve, daß er nahezu auf
den Flügelkanten steht, und kommt, ehe die Geschütze sich neu einstellen
können, den gleichen Weg zurück. Eine ganze Lage sitzt falsch! Er
überfliegt unsern Ballon und stürzt sich auf den anderen. Man muß es
zugeben, es sind _Leute_, die da oben in den Apparaten sitzen!
Nunmehr ist aber auch die Libelle zurückgekommen. Grau und unscheinbar
sieht sie aus. Sie fliegt viel niedriger und scheint es nun ernst zu
meinen.
Der Kampf geht weiter. Die Schrapnelle platzen, und die Geschütze speien
ganze Kurven von blitzenden Dolchen in den blauen Himmel. Die Flugzeuge
suchen ein Loch, um durchstoßen zu können, um ihre Bombe anbringen zu
können mit einiger Wahrscheinlichkeit auf Erfolg. Kühn und großartig
versuchen sie es wieder und wieder, man muß es ihnen lassen.
Gleichgültig und stumpf stehen die Ballone währenddessen am Himmel, als
gehe sie die ganze Sache nichts an. Sie rühren sich nicht. Sie sind wie
fliegende Elefanten, denen es gegeben ist, an Ort und Stelle in der Luft
stehen zu bleiben. Die Beobachter sitzen und telephonieren und
dirigieren, während die Geschütze feuern. Sie würden sitzen und
beobachten, wenn der Himmel über sie herabbräche. Es muß sein, und so
tun sie es, ohne überhaupt ein Wort darüber zu reden.
Die Libelle scheint, wie ich sagte, nunmehr ernste Absichten zu haben.
Sie steuert unseren Ballon kaltblütig und tollkühn an, in zweitausend
Meter Höhe, trotz des wütenden Feuers. Plötzlich platzt ein Schrapnell
unmittelbar rechts von ihr. Sie blitzt golden auf, wendet und zieht
schnurstracks nach Hause! Sie ist getroffen. Ja, die Libelle ist fertig.
Sie streckt die Flügel, so sehr es geht, aber es gelingt ihr doch nicht
mehr, über unsre Linien zu kommen. Sie muß landen und ist gefangen.
Der rasche Doppeldecker und die kleine Schwalbe, die ich immer wieder
aus den Augen verlor, setzen die Angriffe fort. Nur noch wenige Minuten,
dann kommt ein neuer, sehr rascher Doppeldecker dazu. Er überfliegt in
großer Höhe das Dorf, unsern Ballon – aber er bekommt kein Feuer. Es ist
einer von uns, ein Kampfflugzeug. Die Franzosen haben ihn gesehen, er
ist rascher und stärker als sie, es wäre Unsinn, sich mit ihm
einzulassen. Zwei von den ihrigen hat er schon ohne viele Umstände
heruntergeschossen. Ehe er noch nahekommen kann, geben sie Fersengeld.
Sie entfliehen in einer Gabel, der Doppeldecker nach Westen, die
Schwalbe nach Südwesten. Der Kampfflieger jagt in der Mitte hinter ihnen
her, um einen, wenn möglich, abzuschneiden. Die Schwalbe wird zu einem
dunkeln Punkt, der Doppeldecker zu zwei goldenen, feinen Strichen. Der
Kampfflieger verblaßt.
Nun aber bekommt er Feuer, von der Lorettohöhe herüber. Schmutziggraue
Tupfen stehen unter ihm. Es hat keinen Zweck mehr, er macht kehrt. In
toller Fahrt, brummend und summend, fliegt er über das Dorf zurück. Wie
eine Bulldogge, die ein paar Kläffer in die Flucht schlug und nun höchst
zufrieden nach Hause galoppiert. Die Schrapnellwölkchen zerfließen am
Himmel.
Im Westen, ferne, steht ein Feld safrangelber Schrapnelltupfen. Ein
später Flieger, der Feuer bekommt.
Über die Lorettohöhe steigt die erste bleiche Leuchtkugel empor. Die
Geschütze schlagen lauter. Die Nacht kommt.