Nun entdeckte ich den Grabhügel. „Waren es wirkliche Spione?“

„Ja. Zwei Offiziere. Sie hielten sich lange Monate in Douai verborgen.

Dann verkleideten sie sich als Frauen, ein schmutziges Straßenmädchen

nahmen sie noch mit. Aber sie wurden gefaßt.“

Ich bin ungläubig. Es klingt wie ein Märchen.

„Es ist wahr. Ich sah sie sterben. Sie leugneten gar nicht, sie

gestanden es ein. Sie starben gefaßt und mit Würde, wie Offiziere. Es

waren zwei mutige Burschen.“

Elend sieht dieser helle Fleck bei den Schuppen drunten aus. Mich

fröstelt. Die Frösche quaken in den Wiesen, die dunkeln Baumwipfel

bewegen sich. Die Kanonen brummen und pochen. Man gewöhnt sich daran;

Tag und Nacht hört man hier nichts anderes, selbst wenn man schläft. Man

hört nicht mehr hin, nur wenn eine schwere Batterie donnert und

trommelt, wendet man den Kopf. Hinter den Arbeiterhäusern dehnt sich das

mächtige Land, gespensterhaft durchsichtig im Licht der Sterne. Und aus

dem fahlen Lande, am Horizont, steigen dunkle Höhenzüge empor, scharf

abgegrenzt gegen den graublauen Nachthimmel.

„Das da links ist die Höhe von Vimy. In der Mitte, der breite Rücken,

das ist die Lorettohöhe, und rechts davon, das sind die Höhen hinter

Aix-Noulette.“

Plötzlich steigt hinter der Lorettohöhe ein weißer, sprühender Mond

empor und bleibt minutenlang stehen. Kreidebleich ist ein Teil der Höhe.

Der Mond sieht aus wie ein Leuchtfeuer, das auf das Meer hinaussprüht.

Plötzlich aber sind es zwei, drei, sechs Monde, die über den Höhenzügen

schweben, ein Viertel des Horizontes beherrschen sie. Hinter den dunkeln

Höhen wetterleuchtet es unaufhörlich, ein Feuerstrahl, rot und flammend,

dick wie ein Balken fährt schräg aus dem Wald auf der Höhe heraus. Die

Monde sinken, ganz langsam, und verlöschen. Aber schon stehen neue über

den Höhen. Weitab links blinzelt ein rötliches Feuer am Himmel, wie ein

entzündetes Auge. Ein Blinkfeuer im Dunst. Im Norden antwortet eine

grüne Kugel, die rasch steigt und rasch verlischt. Die Geschütze

trommeln. Ein paar sanfte schöne Sterne versprühen, Schrapnelle. Aus der

Lorettohöhe schießen, dicht nebeneinander, zwei Fühlhörner empor, mit

glühenden Kugeln an den Enden. Blitze fahren über das Land und den

dunkeln Himmel. Die Sterne verblassen. In der Ebene poltert und kracht

es. Fahle Lichtgarben, stumpf wie Rasierpinsel, stehen in der Ebene:

Einschläge von Granaten. Ein Rudel roter Leuchtkugeln. Ein gelber

Halbmond, der traurig und trüb verglimmt, schauerlich wie über

hoffnungsloser See.

Es ist wie ein toller Spuk, ein Traumgesicht. Das höllische Feuerwerk

zuckt und spielt, jede Sekunde sprüht es anders, schöner, wilder.

Diese Lichtsignale sprechen zu den Batterien. Alles können sie lautlos

in den Himmel emporsprühen. Und die Geschütze antworten, sie verstehen

alles, sie antworten präzis und unerbittlich.

Früher dauerten Schlachten ein paar Stunden, höchstens ein paar Tage. In

der Nacht standen sie still. Heute dauern sie wochenlang und der Tag ist

zu kurz, in der Nacht wüten sie weiter.

Über der Lorettohöhe stehen nebeneinander, in gleicher Höhe, drei rote

Monde und glühen zu uns herüber. Grüne Raketen fahren gespenstisch in

die Höhe. Horch! Durch das Poltern und Trommeln der Geschütze hindurch,

in den sekundenlangen Pausen zwischen den dumpfen Schlägen hört man

deutlich das rollende Gewehrfeuer und das Knattern der Maschinengewehre.

Es klingt, als würde ein Wagen voll Kohlen ausgeschüttet. Angriff!

Wieder greift Joffre an. Gestern nacht griff er an sechs verschiedenen

Stellen an und dreimal an ein und derselben. Um zehn, um ein Uhr und um

drei Uhr. Unsere Leute sind hart wie Stahl. Sie halten Unmögliches aus.

Die Maschinengewehre mähen die französischen Kolonnen dahin, ganze Züge

fliegen in die Luft, Lawinen von Leibern rollen über die Abhänge. Aber

Joffre greift an! Man hat mir gesagt, wie hoch man seine

Verluste schätzt, es sind irrsinnige Zahlen, ich wage sie nicht

niederzuschreiben. Und doch wirft er Regiment um Regiment ins Feuer. Er

erscheint mir wie ein nervös gewordener Spieler, der verloren hat und

nun sein Geld aus allen Taschen reißt, Ringe und Uhr, und alles auf den

Spieltisch schmeißt, um das Glück zu zwingen.

„Es ist bei der Schlammulde,“ sagt mein Begleiter.

Nichts ist mehr zu hören. Die Stimmen der Kanonen überbrummen alles, die

Dunkelheit deckt alles zu, was dort geschieht und geschehen ist. Besser,

es nicht zu sehen! Es mitzumachen ist möglich, es mitanzusehen, wäre

unmöglich.

Feuerschein steht hinter der Höhe von Vimy. Er verblaßt. Es blitzt und

wetterleuchtet, donnert und rumort. Feuerbalken fahren aus dem dunkeln

Wald der Lorettohöhe wie ungeheure Stichflammen in die Nacht. Und

ununterbrochen steigen Monde und fremde, nie gesehene Sonnen in die

Nacht empor. Sie stehen da und dort, überall, bald sechs, acht zur

gleichen Zeit, bald zwei, bald nahe, bald fern! Ein Mond sinkt herab und

blinzelt im Fall, Scheinwerfer tasten: das Mündungsfeuer ferner

Batterien. In der dunkeln Ebene tanzen fahle Lichtgarben. Grüne, rote

Meteoriten, die hochfliegen und langsam sinken. Schwer und gewaltig

schlägt eine deutsche Batterie da unten, sie saugt den ganzen Lärm auf

und schlägt einen rasenden Wirbel. Und wieder steigt ein Schwarm

gespenstischer leuchtender Bälle in die Nacht.

Es ist eine Gespensterküste mit hundert wechselnden und fremden Feuern,

die sprühen und blinzeln, eine höllische Küste mit unverständlichen

Signalen. Ich kann mir denken, daß ein Seemann, der ein Leben lang die

Küsten aller Kontinente ansteuerte, im Fieber, im Wahnsinn eine Küste

wie diese erblickt und verzweifelt vor diesen fremden, verwirrenden

Feuern.

Ja, wohlverstanden, es ist die Küste eines fremden, geheimnisvollen

Landes, und viele von denen, die da drüben kämpfen, werden noch in

dieser Nacht, in dieser Stunde ihren Fuß auf das ferne, unbekannte

Gestade setzen.

Der Krieg im Westen · 第 21 / 82 题