Erstickend heiß, staubig und lärmend waren die Straßen am Tage, und nun
genieße ich es, in die sinkende Nacht hinauszufahren. Schon stehen die
Sterne blaß am Himmel. Die Bäume rauschen, und die Luft ist lau und
erfrischend. Die Dunkelheit erquickt die Augen, die entzündet sind von
Staub und Schweiß. Es ist die Zeit, da die Kröten aus den Löchern
kommen.
Auf all den dunkeln Straßen der flachen Landschaft wandert und knirscht
und knarrt es. Aber es ist ein Lärm ohne Hast und Geschrei, ein Lärm wie
im Frieden, wenn die Bauern auf den Markt fahren. Die Kolonnen sind
unterwegs. An endlosen Wagenzügen fahren wir entlang, und die schweren
Pferde strecken die Schenkel, sobald sie die Hupe hören. Große, vom
Lichtschein erschreckte Pferdeaugen glotzen uns argwöhnisch von der
Seite an. Es ist das Futter für die unersättlichen Schlünde der Kanonen.
Langsam knarren die Wagen dahin. Sie haben keine Eile. Sie haben das
Futter zur bestimmten Zeit gefaßt, sie sind zur bestimmten Zeit
aufgebrochen, und sie werden auf den Punkt dort eintreffen, wo sie hin
sollen. Keine Erregung, kein lautes Wort. Die Fahrer rauchen die Pfeife,
sie haben sich behaglich und faul zurechtgesetzt, aber sobald der Wagen
vorbeikommt, werfen sie mit einem kurzen Ruck die Nase in die Luft. Die
Pfeife behalten sie dabei zwischen den Zähnen, aber niemand verlangt,
daß sie hier außen die Pfeife aus dem Mund nehmen. Hier draußen ist
vieles anders. Es geht auch so.
Zwischen den dunkeln stummen Pappeln marschiert ohne Tritt eine
Kompanie. Auch sie traben gemächlich dahin, sie haben keine Eile. Auf
den Punkt werden sie dort sein, und auf den Punkt werden sie im Graben
stehen. Ihre grauen Helme wackeln hin und her, und die schweren Stiefel
schlagen Staub aus der Straße. Junge Gesichter fliegen vorüber, bärtige,
rasche, neugierige Blicke, ein Scherzwort. Sie sind gut ausgeruht,
frisch gewaschen und gehen gleichmütig ins Gefecht, als gingen sie zur
Arbeit. „Rechts getreten!“ Der Zug an der Spitze tritt zur Seite.
Wieder eine Munitionskolonne. Ein Zug Lazarettwagen kommt ihr entgegen.
Wir müssen halten und uns an den muskulösen Schenkeln der Lastpferde
vorbeidrücken. In den Lazarettwagen haben sie die Leinwand
zurückgeschlagen, um frische Luft zu bekommen. Still und ergeben liegen
sie in den Wagen. Einzelne, mit Binden um den Kopf oder mit
Armschlingen, sitzen auf dem Bock. Auf der einen Seite ziehen sie
hinaus, auf der andern zurück. So ist der Krieg. Neuville, die
Zuckerfabrik, Souchez und die Lorettohöhe kosten viel Opfer. Tag und
Nacht.
Überall wandert und trappelt es in der Nacht. Am Tag ist hier nicht viel
zu sehen, ein paar Autos, ein paar Karren, fast keine Soldaten. Denn am
Tage wimmelt es hier von Fliegern wie an keiner Stelle der Front. Am
Tage ist hier Ebbe, aber in der Nacht kehrt die Flut zurück, um Gräben
und Batterien da draußen zu speisen, und sie verschlingen viel. Nacht um
Nacht ist es das gleiche, bei uns wie bei ihnen da drüben.
Achtung! Wir müssen zur Seite. Ein paar Autos kommen wie die Hölle
angeritten. Es sind Befehlsempfänger, die von den Stäben zum
Oberkommando jagen, und sie kennen keine Gnade. Die Mützen über den
Schädel gestülpt, die Köpfe eingezogen im Luftzug, fliegen sie vorüber.
Ein schweres Geschütz, von sechs Pferden gezogen, kraucht durch die
Nacht. Zur Front, wie alles. Es läßt den Kopf hängen und scheint auf der
Lafette zu schlafen wie ein müdes ergrautes Walroß. Aber die Kanoniere
da draußen werden es wachrütteln, und es wird seine Arbeit wieder
aufnehmen wie in der letzten Nacht. Wird seinen grauen Kopf heben und
zum Himmel emporbellen.
Ein matterleuchtetes Fenster. Ein Dorf. Der Posten tritt vor und mustert
rasch Wagen und Insassen. Das Dorf ist stockfinster. Keine Lampe,
nichts, keine Bewohner. Ein paar Soldaten sitzen in Hemdärmeln in den
finsteren Haustüren. Wieder Chaussee. Wieder Kolonnen. Stille finstere
Dörfer. Der Wagen biegt ab, passiert eine schnurgerade Straße schwarzer
Arbeiterhäuser. Er hält bei einer Zeche.
In wenigen Minuten sind wir oben auf dem dunkeln, öden Schlackenhaufen.
Ich hole Atem. Was ich sehe, ist ein nächtlicher Spuk.
Ich will versuchen, es zu beschreiben, obschon es unmöglich ist. Niemals
aber werde ich imstande sein, mein Erstaunen auszudrücken, als ich es
zum erstenmal sah: nicht mehr ist es und nicht weniger als ein Feuerwerk
des Teufels.
Zuerst sehe ich nichts. Die dunkle Halde, der Zechenhof. Ein paar
Fabrikschlöte, der Förderturm, dunkle Wände mit schwarzen hohen
Kirchenfenstern. Schuppen, Bahngeleise. Die Dächer einer
Arbeiteransiedlung, alle gleich hoch, gleich groß, wie Treibhäuser.
„Dort unten liegen zwei französische Spione begraben,“ sagt die Stimme
des Offiziers an meiner Seite. „Dort bei den Schuppen. Vor dem kleinen
Schuppen, ein paar Schritte nach rechts.“