So leicht war aber der Ausgleich doch nicht, wie Arnold sich ihn
gedacht hatte. Herr Besenbeck, der gebietende Staatsmann, wollte
von einem Ausgleich nichts wissen. Die Radfahrer waren ihm an sich
verhaßt, und mit den »Numidiern« traf er die Opposition so recht ins
Herz, ohne daß man ihm dabei eine politische Absicht hätte nachweisen
können. Jetzt war der Tag der Vergeltung für die zahllosen Nadelstiche
gekommen, mit welchen ihm die boshafte Rotte arg und lange genug
zugesetzt hatte. Den Redakteur des »Morgenblattes« hatte er nicht zu
fassen vermocht; aber der Präsident des Radfahrklubs, der sollte ihn
kennen lernen.
Der Arzt, der sofort nach dem unglücklichen Debut Fridolins
geholt worden war, hatte über die Verletzung der Rippe noch kein
abschließendes Urteil fällen können. Besenbeck erklärte, daß er an der
kritischen Stelle geschwollen sei, während der Arzt eher der Meinung
zuneigte, daß man dort nur die natürliche Rundung und Wölbung der edlen
Körperformen Sr. Exzellenz zu konstatieren hätte. Es täte ihm weh,
meinte Besenbeck, wenn er sich auf die rechte Seite legte. Der Arzt
riet nach längerem Nachdenken, er möchte sich nicht auf die rechte
Seite legen, dann empfahl er kalte Umschläge und schließlich sich
selbst.
Arnold fand den hohen Patienten in sehr schlechter Laune und gar nicht
zu einer milderen Auffassung des Falles geneigt.
Unter so bewandten Umständen hielt es Arnold doch für rätlich, die
Vertretung des Ministerpräsidenten noch nicht zurückzugeben.
»Wir müssen uns auch beizeiten über die etwaigen Einwendungen des
Gegners Klarheit zu verschaffen suchen«, begann Arnold, nachdem er sich
umständlich wegen seines Mißgeschickes entschuldigt hatte, daß gerade
der Delinquent von ihm als Arzt empfohlen worden sei.
»Es gibt keine Einwendungen«, entgegnete Se. Exzellenz ziemlich
schroff. »Die Sache war so, wie ich sie geschildert habe, und dagegen
gibt es keine Einwendungen.«
»Gewiß nicht, Exzellenz, aber die Gegner werden doch solche zu erheben
versuchen. Sie werden beispielsweise betonen, was sie freilich nicht
retten wird, daß die öffentliche Beleuchtung in der Schleiermachergasse
--«
»Woher wissen Sie,« sagte der Ministerpräsident zu dem jungen
Rechtsanwalt, »daß der Zusammenstoß in der Schleiermachergasse
stattgefunden hat?«
»Der Fall wird bereits in der Stadt besprochen, und so sind auch mir
gewisse Gerüchte zu Ohren gekommen.«
»Hm?« Se. Exzellenz ward nachdenklich. »Wird schon gesprochen davon?
Das tut nichts; jedenfalls darf im Verlaufe des Prozesses die
Schleiermachergasse nicht genannt werden.«
»Wie Sie befehlen, Exzellenz. Ich meinte nur, daß eine böswillige
Gegnerschaft vielleicht den Anlaß benutzen dürfte, Kritik zu üben
an unseren öffentlichen Zuständen. Die Straßenbeleuchtung wird als
naheliegender Vorwand dienen müssen, und man wird, weil die Beleuchtung
in der Schleiermachergasse --«
»Ich wiederhole, daß die Schleiermachergasse in den Verhandlungen
nicht vorkommen darf«, unterbrach der Präsident seinen Rechtsbeistand
noch einmal, und dieses Mal in ungeduldigem Tone. »Der Ort des
Zusammenstoßes ist ganz nebensächlich; die Hauptsache ist, daß ich
beleidigt und verletzt worden bin; alles andere hat aus dem Spiele zu
bleiben. Ich muß Sie dringend bitten, sich lediglich an den Tatbestand
und an meine Instruktion zu halten.«
»Also gut; lassen wir sie beiseite, die Schleiermachergasse.«
Als nun der Name dieser Gasse doch wieder ausgesprochen wurde, zeigte
sich der Ministerpräsident sehr nervös, und ein unwilliges Zucken mit
den Schultern verriet, wie unangenehm ihm die Nichtbeachtung seines
Befehles sei. Arnold sah ihn befremdet an, aber dann ging ihm plötzlich
mit einem Male ein ganzes Meer von Licht auf. Ach so!! Also darum!! In
der Schleiermachergasse lag der heilige Hain der Quellgöttin Egeria,
-- die schöne Baronin Waltersheim wohnte in der Schleiermachergasse!
Arnold atmete auf; nun konnte die Sache für seinen Freund Fridolin
nicht mehr schlimm werden.
»Ich habe den ganzen Schlachtplan fertig, Exzellenz!« rief er nach
einigem Nachdenken zuversichtlich. »Es wird ein Sensationsprozeß
von höchster politischer Bedeutung werden! Es sind schon aus
geringfügigeren Anlässen große Dinge hervorgegangen. So wird auch
manchem unser Fall im Anfang nicht sehr erheblich erscheinen wollen,
und doch dürfte die Welt eines schönen Tages erwachen und die Tatsache
vorfinden, daß wir aus diesem scheinbar geringfügigen Anlaß -- die
Opposition zerschmettert haben!«
Der Ministerpräsident hörte das nicht ungern, und er nickte seinem
eifrigen Anwalt ermunternd und verständnisinnig zu. Das war ja auch
sein geheimer staatsmännischer Gedanke gewesen. Der Sack sollte
geschlagen werden, aber nicht der Sack war es, der gemeint war.
»Exzellenz sind zu gut!« rief Arnold, immer wärmer werdend. »Nachsicht
wäre hier nicht am Platze; es stehen hohe Interessen auf dem Spiele.
Lassen Sie nur mich machen. Die Welt soll etwas erleben! Wir wollen
doch sehen, ob Stadt und Staat einer Rotte von Übermütigen preisgegeben
sein soll! Wir werden den öffentlichen Verkehr sichern und säubern und
das Land von einer Landplage befreien. Der Dank der Patrioten soll der
Lohn für unsere Mühe sein!«
Arnold wurde mit den nötigen Vollmachten zur Vertretung des
Präsidenten in dieser Sache versehen, und als er sich darauf von ihm
verabschiedete, um sofort an die Arbeit zu gehen, da blieb jener in
zuversichtlicher und gehobener Stimmung zurück, die höchstens dadurch
einigermaßen getrübt wurde, daß die Rippe doch nicht mehr so recht weh
tun wollte.
Aber auch die Gegner waren nicht müßig geblieben. Der Ausschuß der
»Numidier« hatte sich sofort, nachdem der fatale Zwischenfall bekannt
geworden war, zu einer Beratung zusammengetan und eine Reihe sehr
ernster Beschlüsse gefaßt. Das ausführliche Schreiben, durch welches
Arnold als der Vertreter des Privatklägers von den Ergebnissen der
Ausschußberatung verständigt wurde, wurde ihm von Fridolin selbst
überbracht, der an den Beratungen natürlich auch teilgenommen hatte.
Mit diesem Schriftstück bewaffnet, erschien er zwei Tage nach seiner
letzten Unterredung mit dem Ministerpräsidenten im Präsidialbureau.
Es hatte diesen nicht länger im Bette gelitten, und in heroischem
Pflichtbewußtsein hatte er, nachdem die Sache mit der Rippe sich
noch immer nicht aufgeklärt hatte, erklärt, daß er nun doch wieder
»regieren« gehen müsse.
»Das ist unser erster Triumph!« rief Arnold, indem er dem Präsidenten
das Schriftstück vorwies. »Die Radfahrer kriechen schon zu Kreuze!
Unsere Sache steht ausgezeichnet!«
Der Exzellenzherr schmunzelte vergnügt und bat Arnold, ihm das
Schriftstück vorzulesen, und Arnold las:
»~Gerolsteiner Radfahrerklub
›Die Numidier‹.~
An Se. Hochwohlgeboren Herrn +Dr.+ Arnold Winter,
Rechtsvertreter Sr. Exzellenz des Herrn Tobias
Besenbeck, Ministerpräsident des Großherzogtums
Gerolstein
in Gerolstein.
Hochgeehrter Herr!
Mit tiefer Entrüstung und aufrichtiger Teilnahme haben wir Kenntnis
erhalten von dem beklagenswerten Unfall, dessen Opfer Se. Exzellenz
der Herr Ministerpräsident infolge sträflicher Fahrlässigkeit und
Ungeschicklichkeit eines unserer Klubmitglieder geworden ist. Es
hieße unsere hohe Mission verkennen, wenn wir hier versuchen wollten,
ein strafwürdiges Mitglied in Schutz zu nehmen. Wir haben eine hehre
Aufgabe zu erfüllen; diese besteht aber nicht darin, daß wir ein
einzelnes Mitglied schützen, das sich gegen die Gesamtinteressen
vergangen hat, sondern darin, dem Staate zu dienen, indem wir unserem
Sporte dienen. Gewiß sind auch Sie, hochgeehrter Herr, nicht minder wie
Ihr hoher Auftraggeber von der großen kulturellen und militärischen
Bedeutung des Radfahrsportes für den Staat durchdrungen.«
»Das ist ein Unsinn!« erklärte hier Se. Exzellenz. Arnold aber las
weiter:
»Ihnen brauchen wir also all das nicht zu erläutern, und wir
begnügen uns daher mit der Erklärung, daß wir das schuldige Mitglied
~preisgeben~, und daß wir uns, soweit es nur gesetzlich zulässig
ist, dem ~Strafverfahren anschließen~!«
»Sie sehen, Exzellenz,« unterbrach hier Arnold die Lektüre, »schon
haben wir die Herren von der Opposition zu uns herübergezogen!«
»Das ist in der Tat gar nicht so übel«, meinte Besenbeck, wohlgefällig
lächelnd; »doch lesen Sie weiter!« Und Arnold las:
»Es ist der dringende Wunsch des ergebenst unterzeichneten Ausschusses,
daß der schuldige Radfahrer bestraft, möglichst strenge bestraft
werde, und auch wir wollen unserseits alles tun, was zur Klarstellung
des Sachverhaltes dienen kann. Nichts soll in diesem Falle den Lauf
der Gerechtigkeit hemmen. Wir wollen beweisen, daß, wenn ~ein~
Radfahrer schuldig ist, es doch nicht ~alle~ sind; wir wollen
zeigen, daß wir mit einem wirklich Schuldigen nicht gemeinsame Sache
machen. Mit Rücksicht auf den hier erwähnten Zweck haben wir uns zu
zwei Kundgebungen entschlossen. Es soll erstens ein Aufruf an unsere
Mitglieder erlassen und zweitens ein Artikel über den Vorfall in der
nächsten Sonntagsnummer des ›Morgenblatt‹ veröffentlicht werden. Zur
gerechten Beurteilung der ganzen Angelegenheit ist es unumgänglich
nötig, daß ein Lokalaugenschein aufgenommen werde. Es wird sich
dabei bis zur Evidenz herausstellen, daß es bei auch nur einiger
Aufmerksamkeit dem schuldigen Radfahrer ein leichtes sein mußte, der
Persönlichkeit Sr. Exzellenz auszuweichen, beziehungsweise sie zu
umfahren; es wird sich herausstellen, daß auch für eine solche Kurve
die Straße noch breit genug ist. Es muß also eine Gerichtskommission
in die ~Schleiermachergasse~ entsendet werden, damit sie den
Schauplatz der Tat studiere. Das Unglück geschah vor dem Hause Nr. 12
in der ~Schleiermachergasse~.«
»Das ist eine freche Lüge!« rief der Präsident wütend. -- In dem Hause
Nr. 12 wohnte nämlich die schöne Baronin Waltersheim. -- Der junge
Rechtsanwalt aber verlas das Schriftstück weiter:
»Der Lokalaugenschein muß ferner, um allen Parteien gerecht zu werden,
des Abends in der Dunkelheit vorgenommen werden, und unser Aufruf an
die Mitglieder bezweckt nichts anderes, als sie aufzufordern, sich der
Gerichtskommission zur Verfügung zu stellen. Sie sollen vollzählig zur
festgesetzten Stunde am Schauplatz der Tat erscheinen, und zwar, um die
Arbeit der Kommission nach jeder Richtung zu erleichtern, mit Fackeln.
--«
»Die Schufte werden doch keinen Fackelzug vor dem Hause Nr. 12
veranstalten wollen?« rief der Präsident förmlich atemlos in seinem
Ingrimm. -- Arnold las weiter:
»Wir können versprechen, daß der Aufruf an unsere Mitglieder recht
warm gehalten werden soll, und daß eine recht zahlreiche Beteiligung
zu erhoffen sein wird. Der Aufruf wird mit dem Appell schließen: Auf,
Sportgenossen, es gilt die gemeinsame große Sache! Auf, alle pünktlich
in die ~Schleiermachergasse~! Sammelpunkt vor dem Hause Nr. 12.«
Se. Exzellenz schnappte erneut nach Luft.
»Dabei soll es aber nicht sein Bewenden haben. Am nächsten Sonntag
soll auch ein Artikel erscheinen, der insbesondere unsere jüngeren
Fahrer belehren soll. Der Artikel wird den Fall, wie sich's gebührt,
kraß, aber natürlich wahrheitsgetreu schildern. Er wird den Titel
führen: ›~Die Katastrophe in der Schleiermachergasse~‹ -- denn
eine Katastrophe bedeutet der Fall für unseren Sport. Die Radfahrer
müssen eindringlich gemahnt werden, in den Straßen der Stadt mit
Vorsicht und Besonnenheit zu fahren; es soll ihnen gesagt werden, daß
jeder Staatsbürger das verfassungsmäßig gewährleistete Recht habe,
nicht umgerannt zu werden, und daß der Bauch eines Ministerpräsidenten
nicht vogelfrei sein darf. Es muß ihnen gesagt werden, daß sie unseren
Sport schädigen, wenn sie unseren Ministerpräsidenten beschädigen. Wie
Harun-al-Raschid in den Straßen Bagdads, wie Numa Pompilius durch die
Straßen Roms, wenn er heimlich seine Egeria aufsuchte, so wandelte
er still und unerkannt durch die Schleiermachergasse, das Wohl des
Staates erwägend -- und dabei sollte er seines Lebens nicht sicher
sein? Das wäre ein ganz unhaltbarer Zustand, und das muß unseren
Radfahrern gesagt werden. Sie sehen, hochgeehrter Herr, wir sind ganz
auf Ihrer Seite und bereit, alles zu tun, um Sie in Ihren Bemühungen,
den Schuldigen der verdienten Strafe zuzuführen, nach jeder Richtung
hin zu unterstützen. Wir sind weit entfernt davon, etwas vertuschen zu
wollen, und werden Ihnen immer gerne behilflich sein, die Sache nicht
einschlafen zu lassen.
Mit sportlichem All Heil!
+Dr.+ A. ~Wohlrab~, Präsident.
+Dr.+ Fr. ~Bruckner~, dzt. Schriftführer.«
»Was?« rief der Präsident, als Arnold zu Ende gelesen hatte, »der
Schriftführer heißt +Dr.+ Bruckner?! Ist das am Ende gar derselbe,
der --«
»Es scheint.«
»Das ist stark!«
»Es ist jedenfalls ein Zeichen von hoher Objektivität, wenn er selbst
den Stab über sich bricht.«
Der Präsident sah sich Arnold etwas genauer an. Ob der junge Mann wohl
etwas gemerkt hat? Arnold bestand die Prüfung zur Zufriedenheit des
Präsidenten, der nun überzeugt war, daß er nichts gemerkt hätte. Das
nahm ihn für den jungen Rechtsanwalt ein.
Der Ministerpräsident nahm eine Miene der Überlegenheit an, als
ihn Arnold zu dem bisher schon erreichten prozessualen Erfolge
beglückwünschte, und sagte dann, zwar noch immer ernst, aber doch sehr
leutselig:
»Leider habe ich jetzt doch nicht die Muße, den Prozeß weiter zu
verfolgen. Es zeigen sich ernste Verwickelungen in unserer auswärtigen
Politik, und da habe ich nicht die Zeit, meinen Privatpassionen
nachzugehen.«
Arnold tat sehr betrübt, als der weitblickende Staatsmann das
Schriftstück der »Numidier« in den Papierkorb warf und ihn beauftragte
»abzurüsten«, da es nicht zum Kriege kommen solle, -- die Sache sei es
ja doch nicht wert. Wenn man den Kasus genau betrachte, müsse man ihn
für einen geringfügigen halten. Arnold stimmte auch dem mit Wärme bei;
er hätte das gleich und immer gesagt. Merkwürdig! Exzellenz konnte sich
daran doch gar nicht erinnern!
Arnold wurde aber von seinem hohen Auftraggeber mit noch einer
weiteren, mehr diplomatischen Mission betraut. Er sollte auch bei der
gegnerischen Seite abwiegeln. Das müßte natürlich klug angestellt
werden. Es sollte so herauskommen, als ob er, der Ministerpräsident,
die kleine Torheit gnädigst verzeihen wolle, und daß er es für
wünschenswert halte, daß von dem Vorfalle nichts in die Öffentlichkeit
dringe; das sei schon notwendig mit Rücksicht auf seine Autorität.
Arnold könne auch versprechen, daß, falls diese Wünsche die
entsprechende Beachtung fänden, der Radfahrsport, dem tatsächlich eine
hohe Bedeutung nicht abzusprechen sei, von Seite der Obrigkeit stets
eine nachdrückliche Förderung erfahren solle.
»Sehen Sie, mein junger Freund,« schloß der Präsident, »so macht man
Politik! So gewinne ich die Opposition viel sicherer, als durch Zank
und Streit. Es ist besser, die erregten Gemüter zu beruhigen, als die
Leidenschaften zu entfesseln.«
Arnold ging, um seine Mission zu erfüllen, während der zurückbleibende
und nun von jedem Zwange befreite Präsident in seinem tiefen Ingrimm
nur bei dem Gedanken einige Beruhigung fand, daß es auf jene
gottvergessene Rotte Korah einmal doch noch Pech und Schwefel regnen
müsse.
Das Resultat seiner Bemühungen, das Arnold am nächsten Tage Sr.
Exzellenz zu berichten hatte, war kein durchaus befriedigendes. Die
»Numidier« als solche waren zwar gewonnen, der Ausschuß ebenfalls,
nicht minder der Klubpräsident und Redakteur des »Morgenblattes«, aber
der eigentliche Schuldige selbst, der war durchaus nicht zur Vernunft
zu bringen.
»Ja, was will denn der Mensch?« fragte Besenbeck erstaunt.
»Exzellenz, er behauptet, ein ›Schafskopf‹ genannt worden zu sein!«
»So, so; behauptet er das? Dann wird es wohl auch richtig sein.«
»Und den möchte er nicht auf sich sitzen lassen.«
»Dann werden wir den ›Schafskopf‹ zurücknehmen.«
»Damit will er sich nicht mehr begnügen.«
»Was meint der Narr noch? Soll ich mich mit ihm schlagen?«
»Das würde er für ungesetzlich halten.«
»Ja, was in aller Welt will er sonst?«
»Er will seinen Prozeß.«
»Was?« schrie nun Se. Exzellenz wütend. »Seinen Prozeß mit Fackelzug
und berittenen Bannerträgern vielleicht?!«
»Er ist so furchtbar starrköpfig,« klagte Arnold, »und wir haben kein
Mittel, ihn von der Klage abzuhalten.«
»Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich jetzt zu solchen Dummheiten
keine Zeit habe. Die Sache muß hintertrieben werden um jeden Preis,
hören Sie -- um jeden Preis?!«
»Exzellenz, einen Ausweg hat er mir allerdings angedeutet, aber ich
wage nicht --«
»Nur heraus damit; die Sache muß hintertrieben werden!«
»Exzellenz, es ist so seltsam, was er verlangt, daß ich wirklich
kaum den Mut finde, sein Ansinnen hier zu wiederholen. Er meint, die
Beleidigung, die ihm hier widerfahren sei, könne ein Ehrenmann sich
höchstens von einem ihm sehr nahestehenden Manne, so gewissermaßen nur
von einem Familienmitgliede gefallen lassen.«
»Ich kann doch ihm zuliebe jetzt keine Verwandtschaft zwischen ihm und
mir herzaubern!«
»Derselben Ansicht war auch ich, Exzellenz, er aber meinte, daß dies
doch möglich wäre.«
»Das ist ja ein kompletter Narr!«
»Gar so unmöglich ist die Sache auch wirklich nicht, das heißt --
sofern Exzellenz nur zuzustimmen geneigt sein sollten. -- +Dr.+
Bruckner liebt nämlich das gnädige Fräulein, Ihre Nichte, und wird von
ihr wiedergeliebt.«
Der Herr Ministerpräsident schnappte nach Luft und blies sie dann
wieder von sich wie ein Blasebalg. Die mächtige Präsidentenglocke
wurde in Schwung gesetzt und dem sofort eintretenden Lakai bedeutet,
daß Fräulein Käthe sofort in der Präsidialkanzlei zu erscheinen habe.
Käthe kam auch hereingewirbelt wie ein Frühlingssonnenstrahl.
»Sage mal, Käthe,« begann der gestrenge Leiter der politischen
Geschicke des Großherzogtums Gerolstein, »was würdest du sagen, wenn
wir dich aus Gründen der Staatsräson verheiraten wollten?«
»Aus Gründen der Staatsräson heiratet man gewöhnlich einen Prinzen«,
erwiderte Käthe.
»Ja, einen Prinzen! Den würdest du allerdings nehmen!«
»Den würde ich allerdings nicht nehmen!«
»Nicht?! Warum nicht?«
»Weil ich keinen Prinzen will.«
»So -- das ist ein Grund; dagegen läßt sich nichts sagen. Wenn es nun
aber kein Prinz wäre -- aber lassen wir das vorläufig. Sage mal, Käthe,
-- wir wollen jetzt von etwas anderem sprechen, -- kennst du einen
Herrn +Dr.+ Friedrich Bruckner?«
Käthe wurde feuerrot im Gesicht, aber sie nickte tapfer ein Ja!
»So! Davon weiß ich ja gar nichts! Woher denn? Wenn ich fragen darf?«
»Ach, Onkel, das erzähle ich dir ein anderes Mal. Wenn aber die
Staatsräson da verlangen sollte --«
Käthe vollendete den Satz nicht. Sie sah, wie ihr der Onkel und Vormund
aufmunternd zulächelte, und sie warf sich ihm in stürmischer Freude an
die Brust.
»O, du süßer, du lieber, du guter, guter Onkel!« rief sie, indem sie
ihn küßte.
Der Präsident war ganz gerührt und rief dann wohlwollend zu Arnold
hinüber, der sich diskret in eine Fensternische zurückgezogen hatte:
»Sehen Sie, mein junger Freund, so arrangiert man schwierige Dinge, und
so löst man bedenkliche Konflikte. Benachrichtigen Sie den jugendlichen
Starrkopf, und sagen Sie ihm, ich hoffte, daß wir noch gute Freunde
werden würden!«
Eine Entlarvung.
Erich Rodebach, der deutsche Stahlmagnat, auf dessen Wink zehntausend
Arbeiter und Beamte einzuschwenken hatten wie die bestgedrillten
pommerschen Füsiliere, war aus dem Wuppertale, in dem sich sein
industrielles Königreich ausbreitete, in einem Zug nach Nizza gefahren,
um doch selber nach dem Rechten zu sehen. Frau und Tochter -- seine
einzige Tochter -- hatten einige Wochen vorher eine Vergnügungsreise
angetreten und weilten nun an der Riviera. Ihre Briefe aus Nizza waren
einigermaßen beunruhigend gewesen. Da ward viel phantasiert von einem
entzückenden exotischen Prinzen, den sich Alma, sein Herzenskind,
im Fluge erobert hätte. Alma erwiderte seine Liebe, und ein stilles
Verhältnis besiegelte vorläufig den schönen Bund. Ein stilles
natürlich, denn offiziell sollte die Sache erst werden, wenn Papa erst
selbst gesehen und seinen Segen dazu gegeben haben würde.
Rodebach hatte einen instinktiven heillosen Respekt vor entzückenden
exotischen Prinzen, die in Nizza in so naher Nachbarschaft von Monte
Carlo auftauchen. Er machte sich also schleunig auf und kam und
sah und forschte und ließ forschen, und er fand seine schlimmsten
Befürchtungen nicht nur bestätigt, sondern durch die Tatsachen
noch weitaus überboten. Das Frauenzimmervolk ist doch von einer
unglaublichen Naivität! Er hatte in wenigen Tagen die Wahrheit
herausgebracht, und nun war er daran, Schluß zu machen. Dazu fühlte
er sich Mannes genug, ohne erst die Hilfe der Behörden in Anspruch
zu nehmen. Er war ein weltkundiger Mann, ein Mann der Praxis. Jetzt
wollte er Ordnung machen. Er fühlte sich sicher. Das Material, das
er in der Hand hatte, war ein erdrückendes. Nun hatte er sich den
»Prinzen« vorgeladen und nun sollte die Entlarvung und darauf prompt
der Hinauswurf erfolgen.
Der Prinz, der mingrelische Prinz Bradian, wurde gemeldet, und in
der nächsten Minute standen sich die beiden Männer in dem eleganten
Salon des vornehmen Hotels gegenüber. Ein starker Kontrast, die
beiden Erscheinungen. Rodebach wuchtig, in schier überlebensgroßen
Dimensionen gestaltet, mit angegrautem, aber dichtem Haupthaar und
starkem Knebelbart, buschigen Augenbrauen, wulstigem, gerötetem
Gesicht; der Prinz eine zarte, zierliche Figur, jugendlich schlank, mit
gescheiteltem, glänzend schwarzem Haar und kleinem Schnurrbärtchen,
mit wunder hübschen schwarzen schwärmerischen, wie in schwermütiger
Träumerei aufblickenden Augen, das Antlitz ein wenig bleich, etwa von
der Farbe des nachgedunkelten Elfenbeins. Er verneigte sich stumm und
machte nicht den Versuch, seinem Partner die Hand entgegenzustrecken.
Rodebach hieß ihn mit einer Gebärde Platz zu nehmen.
»Sie können sich denken, weshalb ich Sie herbeschieden habe.«
»Ich habe allerdings so eine dunkle Ahnung, Herr Rodebach, möchte
aber nicht vorgreifen. Bitte!« Und er lud mit einer Handbewegung den
gebietigen Mann ein, vorzubringen, was er auf dem Herzen habe.
»Gut. Wie Sie wünschen. Sie wissen, daß ich Sie vom Fleck weg verhaften
lassen kann.«
»Das können Sie nicht, Herr Rodebach. Aber Sie gestatten ja, daß ich
mir eine Zigarette anzünde. Das Gespräch scheint interessant werden zu
wollen, und unter Männern spricht es sich angenehmer, wenn man dabei
raucht. Vielleicht angenehm? Nicht? Schade!«
Und damit steckte er die goldene Zigarettendose wieder ein, die er
dargeboten hatte, und versorgte sich aus einem gleichfalls goldenen
Zündhölzchenbehälter mit Feuer.
»Ich wiederhole, daß ich Sie sofort verhaften lassen kann.«
»Ich wiederhole, daß Sie das nicht können, mit dem besten Willen nicht.
Sie sind da vollständig im Irrtum, Herr Rodebach; ich weiß das besser!«
»Sie sind nicht das, wofür Sie sich ausgeben.«
»Ich könnte zwar durch meine Papiere, die vollständig in Ordnung sind,
beweisen, daß ich wirklich Prinz Bradian von Mingrelien bin, aber ich
lege auf solche Kleinigkeiten kein Gewicht. Ich gebe Ihnen ohne weiters
zu, daß ich kein angeborenes Recht habe, als Prinz aufzutreten. Man hat
manchmal so seine kleinen Launen!«
»Herr, Sie sind ein Unverschämter! Ich werde Sie aber zwingen, von
Ihrem hohen Roß herabzusteigen.«
»Ganz wie ich vermutet; die Sache verspricht interessant zu werden.«
»Ihr wahrer Name ist Moriz Hofmann; geboren und zuständig zu Nikolsburg
in Mähren.«
»Vollkommen richtig. Ich bin stolz darauf und denke nicht daran, es in
Abrede zu stellen.«
»Sie sind vierzig Jahre alt und nicht, wie Sie sich ausgegeben haben,
achtundzwanzig.«
»Ich betrachte es als einen hübschen persönlichen Erfolg, daß man mir
die achtundzwanzig geglaubt hat.«
»Sie sind ein berüchtigter Verbrecher. Von den vierzig Jahren haben Sie
zwölf in den Zuchthäusern verschiedener Herren Länder verbracht!«
»Sie sehen, wie die Rechnung stimmt. Diese zwölf Jahre habe ich aus
meinem Leben gestrichen, -- bleiben genau achtundzwanzig. Ich war
berechtigt dazu. Denn -- sagen Sie selbst, Herr Rodebach -- so ein
Leben in den Gefängnissen -- ist denn das wirklich ein Leben?!«
»Ich bin also hinreichend berechtigt, Sie nun mit Fußtritten aus meinem
Zimmer zu jagen!«
»Nicht so, Herr Rodebach! Mir wäre das ja ein ganz erwünschter Vorgang,
und ich habe ihn auch schon in ernste Erwägung gezogen. Wenn Sie
also durchaus wollen -- bitte, bedienen Sie sich. Ich möchte Ihnen
abraten, obschon ich keinen Versuch der Gegenwehr machen würde. Das
wäre nicht nur unnütz, es wäre auch unklug. Warum soll ich nicht einmal
die Treppe hinunterstiegen? Wenn ich Glück habe, setzt es dabei eine
bessere Verwundung ab. Für einen Nervenschock garantiere ich, -- und
Nervenschocks sind nicht billig!«
»Ich muß sagen, einer solchen Frechheit gegenüber bleibt mir der
Verstand stehen!«
»Und ich, Herr Rodebach, muß wiederholt andeuten, daß Sie den Ton, auf
den Sie unsere Unterhaltung zu stimmen versuchen, recht unglücklich
gewählt haben. Ich fühle mich -- Sie wissen sehr wohl, aus welchen
zarten Rücksichten --«
»Ich verbiete Ihnen, auch nur ein Wort ~davon~ zu sprechen.«
»-- verpflichtet, Ihre Interessen zu wahren. Sie reiten sich ja immer
tiefer hinein und liefern sich mir förmlich in die Hände. Alles, was
Sie sinnen und reden, drängt in schnurgerader Linie zu einem großen,
europäischen Skandal, den zu vermeiden Sie dringendere Gründe haben
als ich. Nichts kann klarer sein. Auf der einen Seite meine Ehre, --
ich beschönige nichts -- die Ehre eines Hochstaplers, auf der andern
der Name Ihres Hauses -- reden wir nicht weiter! Die Partie steht zu
ungleich zu Ihren Ungunsten.«
»Darin haben Sie allerdings recht!«
»Wie ich denn überhaupt Wert darauf lege, immer korrekt zu denken und
korrekt zu handeln.«
»Der edle Stolz eines Gauners!«
»Herr Rodebach, ich kann Ihnen den sanften Vorwurf nicht ersparen, daß
Ihr Diapason noch immer falsch gestimmt ist. Es ist ausschließlich
~Ihr~ Interesse, mich nicht zu verstimmen. Je höher ich als
Ehrenmann vor Ihren Augen und jenen der Welt dastehe, desto besser
für Sie. Rekapitulieren wir einmal, um zu sehen, wie sich die Dinge
ausnehmen würden, wenn alles nach Ihrem Kopfe ginge. Mit Ihrer gütigen
Erlaubnis zünde ich mir dazu eine frische Zigarette an. Sie wissen ja,
es spricht sich besser, wenn --«
»Also gut; dann rauche ich auch eine Zigarre. Das Vergnügen, einen
philosophischen Betrüger anzuhören, ist ein seltsames und will mit Muße
genossen sein.«
»Die starken Ausdrücke tun mir weh, Herr Rodebach, weil Sie Ihre
Position verschlechtern. Also fassen wir zusammen: Erst wollten Sie
mich nur gleich ins Loch stecken lassen, weil ich mir den Titel
eines Prinzen beigelegt habe. Das geht nicht. In Deutschland oder in
Österreich hätte ich wegen Falschmeldung eine kleine Geldstrafe, immer
noch keine Verhaftung, zu gewärtigen. Auf französischem Boden kümmern
sich die Gerichte um solche Albernheiten nicht. Da kann sich einer auch
einen Herzogstitel anmaßen und es kräht kein gallischer Hahn danach.
Während Sie aber bei diesem Versuche nur durchgefallen wären, würden
Sie mit Ihren andern Intentionen einfach reinfallen. Sie haben sich
damit ganz in meine Hand gegeben. Unbesorgt -- ich werde keinen unedlen
Gebrauch von Ihren Unvorsichtigkeiten machen! Sie wollen mich zwingen,
vom hohen Roß herabzusteigen. Was heißt das? Sie werden mich entlarven.
Aber ich bitte -- entlarven Sie! Wer hindert Sie? So schreien Sie es
doch hinaus in die Welt: Dieser Mann ist kein Prinz; er ist der größte
Hochstapler Mitteleuropas, und dieser Mann hat sich mit meiner Tochter
verlobt!«
»Das ist erlogen!«
»Pardon! In meinem Geschäfte habe ich immer auf Korrektheit gehalten.
Ich behaupte nichts, was ich nicht beweisen kann. Ich bin in der
angenehmen Lage, einem hohen Gerichtshofe eine ganze Anzahl von
schriftlichen Beweisen vorzulegen. -- Hat sich mit meiner Tochter
verlobt, hat sie geküßt --«
»Bube, ich schlage dich ins Gesicht!«
»Das würde nichts beweisen und wieder nur Ihre Lage verschlechtern.
Ich dagegen würde auch das beweisen, und zwar durch zeugeneidliche
Vernehmung der beiden Damen, Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin und
meiner nicht minder hochverehrten Braut.«
Wie von der Natter gestochen sprang Rodebach auf, als dieses letzte
Wort an sein Ohr schlug. Sein ungleicher Partner mahnte aber zur
Besonnenheit.
»Bleiben Sie ruhig sitzen, Herr Rodebach. Diese Erregungen erschweren
nur unsere Auseinandersetzung. Ich wollte nur dartun, daß Ihre Position
als Angreifer eine unhaltbare ist. Weiters aber will ich Ihnen
beweisen, daß Sie selbst ~mir~ die Mittel an die Hand gegeben
haben, zum Angriff überzugehen. Sie haben sich zu Ehrenbeleidigungen
hinreißen lassen, und nichts hindert mich nun, meinerseits mit einer
gerichtlichen Klage vorzugehen. Ich gebe mich keiner Illusion hin.
Ich würde mit der Klage nicht durchdringen. Es fehlt uns das Moment
der Öffentlichkeit, das zu einer regelrechten Ehrenbeleidigung
erforderlich ist. Sie würden freigesprochen werden, aber mir ist es
gar nicht um Ihre Verurteilung zu tun. Dazu habe ich ein zu gutes
Herz. Mir würde es vollständig genügen, unsere Angelegenheit vor der
Öffentlichkeit verhandeln zu lassen.«
»Auf alle Gefahr hin -- Hofmann, Sie sind wirklich ein ausgemachter
Schurke!«
»Halten wir uns nicht mit leeren Redensarten auf. Ich habe noch andere
Pfeile im Köcher. Wenn ich mit der Ehrenbeleidigung durchfiele, so
würde ich mit der ›gefährlichen Drohung‹ mehr Glück haben. Sie erinnern
sich der mir in Aussicht gestellten Gewalttätigkeiten. Ganz sicher aber
hätte ich Erfolg mit dem ›Vorwerfen der ausgestandenen Strafe‹. Da
würden Sie heilig eingehen.«
»Ich würde es darauf ankommen lassen.«
»Das glaube ich. Nicht aber auf die öffentliche Erörterung der
Umstände! Sie können beruhigt sein. Ich denke nicht daran, gegen Sie
irgendwie feindlich vorzugehen. Dazu schätze ich Sie und Ihre verehrten
Angehörigen viel zu hoch.«
»Wir fühlen uns außerordentlich geschmeichelt!«
»Diese Ironie soll der Ausdruck einer Verachtung sein, die mir nicht
ganz gerechtfertigt erscheint. Schließlich -- ich habe das Herz Ihrer
Tochter gewonnen!«
»Reden Sie nichts davon!«
»Ich bitte um Verzeihung, ich muß davon reden, weil es schließlich klar
werden muß zwischen uns. Sie hat mich liebgewonnen, und sie ist eine
Heilige. Sie hat mich liebgewonnen -- ich stelle es unter Beweis! --,
und das muß doch einen Grund haben. So ganz verwerflich kann ich nicht
sein. Ich habe keine Zauberkünste aufgewendet. Es war die einfachste
Sache von der Welt. Wir haben uns kennen und lieben gelernt. Mit meinem
Reichtum habe ich nicht geprunkt, und mein erborgter Titel kann sie
nicht geblendet haben. Sie verkehrt nur in aristokratischen Kreisen und
ist darüber hinaus, daß sie sich durch Titel blenden ließe. Sie werden
ihr zehn, zwanzig, vielleicht fünfzig Millionen mitgeben -- was weiß
ich! Ich war nie so gemein, danach zu forschen, -- da kann sie, wenn
sie will, sich jeden Titel kaufen. Da Sie nun ein Vorurteil gegen mich
haben ...«
»Ein Vorurteil -- gegen einen Betrüger?!«
»Allerdings, ein Vorurteil. Gegen einen Betrüger? Ich zweifle nicht,
daß in absehbarer Zeit eine vorgeschrittene und geläuterte Gesetzgebung
den Betrugsparagraphen einer Revision wird unterziehen müssen. Im Kampf
ums Dasein muß es Sieg und Niederlage geben. Siegen wird immer der
Stärkere über den Schwächeren, der Klügere über den -- Minder klugen.
Und jeder Sieg wird mehr oder minder ein Betrug sein. Es ist nicht
anders im Kampf ums Dasein.«
»Wie bereits erwähnt -- ein philosophischer Gauner!«
»Ich sehe, daß Sie von Ihrem Vorurteil nicht abzubringen sind, und
darum -- es mag Sie beruhigen, Herr Rodebach --, trete ich zurück und
gebe meine Ansprüche auf.«
»Reden wir deutlich. Was kostet das?«
»Ach, Herr Rodebach, zu Erpressungen habe ich mich nie erniedrigt.
Ferne sei es von mir --«
»Keine Redensarten! Was kostet's?«
»Ich will mein Leben ändern. Mein bisheriges Geschäft --«
»Der Hochstapelei!«
»Die Hochstapelei -- war ganz schön, aber die Betriebskosten sind zu
hoch. Man behält schließlich nie etwas übrig. Ich will ins bürgerliche
Leben, ich will in die Armut zurückkehren. Mit zweitausend Mark glaube
ich das Auslangen finden zu können.«
»Ich denke auch, daß ein alleinstehender Mensch damit leben könnte.«
»Mit zweitausend Mark monatlich --«
»Monatlich?!«
»Mit zweitausend Mark monatlich glaube ich in der Tat bei bescheidenen
Ansprüchen mein Leben fristen zu können. Es wäre Hochstapelei, Herr
Rodebach, wenn ich weniger angäbe. Ich müßte dann doch wieder kommen
und Ihnen Ungelegenheiten bereiten, und das möchte ich um keinen
Preis.«
»Hören Sie, das ist ein bißchen unverschämt, ein bißchen sehr!«
»Ich verlange nicht das Kapital; es wäre nicht sicher in meinen Händen.
Mir genügt es, wenn ich meine monatliche Rente pünktlich zugestellt
erhalte.«
»Unter der Voraussetzung, daß Sie als Moriz Hofmann untertauchen, nie
in meinem Hause sich blicken und von der ganzen Angelegenheit kein Wort
verlautbaren lassen!«
»Das ist die selbstverständliche Bedingung. Die Rente hört auf, wenn
ich diese Bedingung nicht einhalte.«
»Wünschen Sie etwas Schriftliches?«
»Nein, Herr Rodebach. Nicht etwa nur, weil mündliche Verträge dieselbe
bindende Kraft haben, sondern überhaupt, weil Ihr Wort mir die beste
Bürgschaft bietet, die es auf der Welt gibt.«
»Gut. Sie werden meinem Hause Ihre Adresse angeben, und die Sendungen
werden regelmäßig erfolgen. Und somit wären wir fertig. Sie reisen
sofort ab.«
»Sofort, Herr Rodebach, nur muß vorher noch anstandshalber eine kleine
Formalität erledigt werden. Hier meine Hotelrechnung, -- ich bin
momentan wirklich nicht in der Lage, sonst würde ich mir gewiß nicht
erlauben --«
»Geben Sie her; ich werde das Geld sofort hinüberschicken.
Donnerwetter! Dreitausendzweihundert Francs -- Sie haben nicht schlecht
gelebt, Hofmann!«
»Ich habe nie schlecht gelebt, Herr Rodebach, außer wenn ich -- auf
Ferien war.«
»Gut, soll auch gemacht werden. Adieu!«
Eine Verbeugung -- und von diesem Augenblick an gab es einen Prinzen
weniger auf der Welt.
* * * * *
Hinterher fiel Herrn Rodebach etwas ein -- +esprit d'escalier+!
Er hatte sich den Kriminaldetektiv Schulze IV aus Berlin verschrieben
gehabt, der die Tatsachen feststellte und Photographie und
Fingerabdrücke als Überführungsmaterial beschaffte. Nun erst -- zu
spät -- erinnerte sich Rodebach an Dagobert. Wenn er dem die Sache
übertragen hätte -- er wäre sicher besser weggekommen. Was tut's? Er
war's auch so zufrieden.
Wolfgang Lenburg,
»Straße 27«.
Aus »Oberlehrer Müller«.
Mit Genehmigung der Verleger ~Gebrüder Paetel~ in ~Berlin~
aus ~W. Lenburg~ »~Oberlehrer Müller~«.
Gbd. M. 3.--
»Straße 27«.
Wenn mich meine Bekannten jetzt fragen, wohin ich denn eigentlich seit
dem ersten April gezogen sei, so beschleicht mich immer ein Gefühl der
Beschämung.
Früher habe ich auf die Frage nach meiner Wohnung stets frohgemut sagen
können: Potsdamer Straße 73. Die »vier Treppen« schenkte ich mir, denn
wer mich alsdann besuchen wollte, fand mich ja doch schon mit Hilfe
des stummen Portiers. Nur bei solchen Menschen, deren Gehen mir lieber
war als ihr Kommen, fügte ich mit hohler Stimme unheilverkündend noch
hinzu: »Eigentlich sind es fünf, denn das Hochparterre ist so gut wie
erster Stock.«
Wer Berlin +W+, Potsdamer Straße wohnt, braucht sich nicht zu
schämen, vorausgesetzt, daß er sonst keinen Grund dazu hat. Aber die
Bezeichnung meines neuen Domizils, »Straße 27«, klingt denn doch gar
zu sehr nach unbezahlten Baumaterialien, Trockenwohnern auf Halbmiete,
Rückkompanie und Kulturmangel.
»Straße 27!«
Man sieht förmlich dabei im Geiste auf käfigartigen Balkons zum
Trocknen ausgebreitete Betten, Wäschestücke und Strümpfe, und
darüberlugend Leute in Hemdsärmeln und viele Kinder mit ungeputzten
Nasen.
Herr Kommissionsrat Bräuer, dessen zwölfjährigem Sohne ich ein
Jahr lang mit unbegrenzter Ergebnislosigkeit Nachhilfestunden im
Lateinischen gegeben hatte, meinte, als ich ihm meine neue Wohnung
nannte, in vorwurfsvollem Tone: »Sie hatten doch aber ein ganz gutes
Einkommen und manche Nebeneinnahmen!«
Und wie hört es sich nun gar an, wenn ich der Straßenbezeichnung noch
meine Hausnummer zufüge: »Straße 27-34!« Gerade als wenn man auf dem
Bahnhof eine Droschke nach der Blechkontrollnummer aufruft!
Eine Tante von mir hat sich übrigens mit vieler Mühe die Nummer 2734 in
der Königlich-Preußischen Klassenlotterie verschafft und ist ziemlich
sicher, mit einem nicht unerheblichen Gewinn herauszukommen.
Welch törichter Aberglaube!
Das ist auch noch eine, freilich sehr, sehr schwere Kulturaufgabe
der Schule, solch mittelalterlichen Köhlerglauben aus dem Herzen der
Menschen zu roden.
Die meisten meiner Bekannten sagen, wenn sie hören, daß ich jetzt in
der »Straße 27« wohne: »Nanu, warum denn?« oder »Achherrje, das ist
wohl da hinten?« oder auch bloß: »Oh!«
Nur Maler Rönne, mein alter, unentwegt manifestierender Schulkamerad,
fand in der Fülle des Beileids keine Worte, sondern drückte mir nur
stumm die Hand. Sonst gestaltete sich unser zufälliges Zusammentreffen
auf der Straße immer zu einer geschäftlichen Transaktion, in welcher
ich den Vorzug hatte, als »Selbstdarleiher« -- Rückzahlung bis 1930
ausgeschlossen -- zu figurieren. So unangepumpt wie diesmal bin ich
noch nie von Rönne losgekommen.
Jetzt habe ich mir schon angewöhnt, immer zu sagen: »Straße 27, -- aber
es ist gar nicht so schlimm!«
Und wirklich, so schlimm ist's auch gar nicht. Straße 27 liegt auch
nicht »da hinten«, sondern in Berlin +W+. Ja, ~wirklich~, in
Berlin +W+, und dicht am Kurfürstendamm.
Auch muß ich gestehen, daß die Häuser in Straße 27 mit ihren niedlichen
Erkern, verschiedenartig gestalteten Balkons und den lichtfrohen
Hausfluren einen gewissen Individualismus haben und recht anheimelnd
aussehen. Und mit einem Anflug von Stolz sehe ich noch einmal die
Straße 27 hinab, ehe ich meinem Hause zuschreite.
»Holla, siebenundzwanzig -- vierunddreißig,« ruft mich da plötzlich der
Vorsitzende unseres Literarischen Zentralvereins an, »wie geht's, wie
steht's?«
Im ersten Augenblick bin ich über das unerwartete Zusammentreffen mit
meinem Vereinspräsidenten, dem Amtsrichter +Dr.+ Scherbe, ebenso
überrascht, wie über meine »Numerierung«. Ja, ich lasse unwillkürlich
den Blick an meinem Anzug hinabgleiten, ob etwa die ominöse Zahl 27-34
mir aufgestempelt oder angeheftet sein könne.
+Dr.+ Scherbe bemerkt dies wohl und sagt, indem er mir lachend
die Hand schüttelt: »Nichts für ungut, daß ich Sie mit Ihrem neuen
Vereins-Spitznamen anrede. Jeder bei uns hat ja seinen, wie Sie
wissen, nur Sie sind bisher immer noch ohne solchen davongekommen.
Denn, wahrhaftig, bei Ihnen ist immer alles bisher so unauffällig, so
wohlgeordnet und so regulär gewesen, daß man für Sie gar keine recht
passende Bezeichnung hat finden können, wohlverstanden: ~bisher~.
~Jetzt~ aber verdanken Sie Ihren Spitznamen Ihrer werten Straße.«
»Hol' der Teufel die Straße,« sagte ich unwillig, »und den neuen
Spitznamen dazu! Ich hasse solche ›+nick-names+‹.«
»Na, Verehrtester,« erwiderte +Dr.+ Scherbe mit beschwichtigender
Handbewegung, »seien Sie darüber nur nicht so ungehalten. Wem anders
denn als Ihnen habe ich, der Amtsrichter Scherbe, den Beinamen
›Scherbengericht‹ zu danken? -- Übrigens hat solch eine Zahl 27-34 doch
als Spitzname unleugbare Mängel,« fuhr der Amtsrichter nachdenklich
und dozierend fort, »denn die meisten nannten Sie bald unter falscher
Nummer.«
»So«, sagte ich mit recht gemischten Gefühlen.
»Ja,« meinte Scherbe, »und solch einem unhaltbaren Zustande mußte ein
Ende gemacht werden. Ich selbst habe im geselligen Teil unserer letzten
Vereinssitzung die Einziehung Ihres eben erst aufgefundenen Beinamens
beantragt und durchgesetzt.«
»Ich danke Ihnen,« erwiderte ich mit Wärme, »mir wär's wirklich recht
fatal gewesen, und der Witz ist doch recht mäßig.«
»Fand ich auch«, sagte Amtsrichter Scherbe zustimmend. »Dafür ist aber
ein anderer, ~ganz~ neuer Beiname für Sie gewählt worden, und
zwar«, fügte er mit stolzem Bewußtsein hinzu, »von ~mir~.«
Meine eben noch aufkeimende Dankbarkeit fing plötzlich an, sich in
finsteren Haß zu verwandeln.
»Und wissen Sie, alter Freund,« fuhr der Amtsrichter mit großem
Selbstgefühl fort, »wissen Sie, wie ich dazu gekommen bin? Durch eine
merkwürdige, aber naheliegende Ideenassoziation. Nämlich, wenn ich Ihre
Zahl aussprach, mußte ich immer an Droschken denken, an Droschken, die
von den sogenannten Weißlackierten gelenkt werden. Ja, und da schlug
ich für Sie den Namen ›~Der Taxameter~‹ vor.«
»Und was sagten die Herren Vereinsgenossen dazu?« fragte ich mit
unverhohlenem Mißbehagen.
»Ach,« sagte der Amtsrichter, vor Vergnügen sich förmlich schüttelnd,
»die Kerls haben ja ~so~ gelacht!« -- -- --
Straße 27 erhält endlich einen Namen.
Die Debatte über die Straßenbenennung hatte sich an jenem Abend noch
bis nach Mitternacht hingezogen. Mein Kollege Schubert war auch bald
nach mir aus der Versammlung fortgegangen, und der vorsitzende Major
hatte, wie ich vom Schuhmacher Hegel bei der Ablieferung meiner neuen,
doppelsohligen Schaftstiefel erfuhr, wegen Meinungsverschiedenheit
hinsichtlich der Geschäftsordnung in galliger Stimmung das Präsidium
niedergelegt und mit Protest das Lokal verlassen.
Infolge der vorgerückten Stunde hatten nur noch Schuhmacher Hegel,
Kolonialwarenhändler Grabow, zwei Zigarrenhändler, ein Friseur, vier
von den fünf Fahrradhändlern der Straße und ein alter Kanzleisekretär
a. D. an der weiteren Sitzung teilgenommen.
Hegel leitete nun die Verhandlung und sprach zunächst sein Bedauern
aus, daß einige Herren so geringes Interesse der Sache entgegenbrächten
und vor der endgültigen Abstimmung schon aufgebrochen wären. Ebenso
bedauerlich sei es, daß der Herr Major und seine Partei wegen einer an
sich geringfügigen Differenz die Versammlung verlassen hätten. Man
solle doch nachgiebig und duldsam sein. Er selbst z. B. ziehe seinen
Vorschlag, die Straße »Hans-Sachs-Straße« zu benennen, gern zurück.
Er sehe ein, daß ein Straßenname hauptsächlich kurz und prägnant sein
müsse. »Sachsstraße« allein täte dem Namen des großen Poeten und
Schusters nicht die schuldige Ehre an, »~Hans~-Sachs-Straße«
aber wäre eben zu lang. Er sei ja auch eventuell erbötig, dem Herrn
Major zuliebe, der ein guter Kunde von ihm sei, und nach dessen
Leisten er nun schon seit zehn Jahren die Ehre habe zu arbeiten,
die Straße Trainstraße taufen zu lassen, obwohl er selber bei den
Schwedter Dragonern gestanden hätte, und schon aus dem Grunde eben die
Bezeichnung Trainstraße unzutreffend wäre. Jedenfalls aber müsse dem
bisherigen unhaltbaren Zustande ein Ende gemacht und noch heute die
Petition an den Magistrat mit einem bestimmten Vorschlage abgesandt
werden.
Der Kanzleisekretär meinte, daß er Artillerist gewesen wäre und gegen
eine Bezeichnung wie Kanonierstraße oder Artilleriestraße nichts
gehabt hätte. Aber die gäbe es ja schon. Für »Train«straße könne er
nicht stimmen. Man könne ja aber, schon um zu zeigen, daß man auch
die Wünsche der Abwesenden nach Möglichkeit berücksichtigen wolle,
den Vorschlag der beiden bebrillten Herren wieder aufnehmen und zum
Beschluß erheben, daß die Straße »Marlostraße« genannt werden solle. Er
selber müsse offen bekennen, daß er von der Mar~litt~ wohl schon,
aber noch nie von der Existenz eines Marlo oder so ähnlich etwas gehört
hätte. Der Name an sich wäre ihm aber nicht unsympathisch.
Darauf erhob sich wieder Schuster Hegel und erklärte, man könne ja
»einen Komponist schließen« und die Straße »~Marlitt~straße«
nennen. Wenn Oberlehrer Müller erwähnt hätte, daß Marlo ein
Schustersohn gewesen wäre, so könne er allerdings nicht sagen, ob
die ~Marlitt~ eine Schuster~tochter~ war, so sympathisch
ihm speziell dies sein und für Zurücknahme seines eigenen auf
»Hans-Sachs-Straße« lautenden Vorschlags Ersatz bieten würde.
Und in wohl schon recht bierseliger Stimmung fügte der Meister, dem gar
manchmal ein arger Schalk im Nacken saß, hinzu, daß die Herren Lehrer
vielleicht auch die Namen, die Geschlechter und die Nebenumstände
nur verwechselt hätten, und ~der Marlo~ und ~die Marlitt~
möglicherweise ~eine~ Person wären. Solche Zerstreutheiten kämen
gerade bei Gelehrten so häufig vor. Er selbst habe auch schon mal ein
Paar Stiefel, die für den Herrn Major bestimmt waren, dem Oberlehrer
Müller abgeliefert, der sie übrigens ruhig getragen hätte, obwohl
er einen ganz anderen Leisten habe. Nachher könne man es gar nicht
fassen, daß man wirklich so zerstreut gewesen sei. Unzweifelhaft
aber habe die Marlitt, deren Werke er selbst besitze, wie man so
sage, »einen guten Stiebel« geschrieben. Und was Oberlehrer Müller
und der andere Lehrer gesagt hätten, daß wir ihren Schriften eine
Befruchtung des deutschen Genius, einen neuen Glanz und eine neue Blüte
unserer Dichtkunst zu verdanken haben, so könne er, Schuster Hegel,
dies vollauf bestätigen. Er erinnere nur an »das Geheimnis der alten
Mamsell«.
Bei Erwähnung dieses Werkes wurde auch der Kanzleisekretär warm. Ja,
es stellte sich die für die Marlitt sehr schmeichelhafte, für Marlowe
aber tiefbeschämende Tatsache heraus, daß fast alle übrigen Anwesenden
irgend etwas von der ersteren schon gelesen, von Marlowes literarischer
Betätigung aber noch nie etwas vernommen hatten.
Der Friseur entpuppte sich sogar als Kenner ~sämtlicher~
Marlitt-Romane, und nur Poppelmann, der Radlerwirt, kennt weder Marlowe
~noch~ Marlitt, da er früher nie für Lektüre geschwärmt hatte und
jetzt auch nur die Inserate einer Radlerzeitung liest.
So wurde denn einstimmig die Benennung »Marlittstraße« beschlossen und
der hochwohllöbliche Magistrat der Haupt- und Residenzstadt Berlin
durch Schuhmacher Hegel in nicht ungeübter Schrift, aber mit zum Teil
schon recht fidelen Buchstaben namens der versammelten Bewohner der
Straße 27 ersucht, bewußte Straße in Zukunft »~Marlittstraße~« zu
benamsen, besonders »~in Hinsicht darauf, daß wir der Marlitt eine
Befruchtung des deutschen Genius, einen neuen Glanz und eine neue Blüte
unserer Dichtkunst zu verdanken haben~«.
Ich könnte über dies alles nicht so genau referieren, da ich ja nicht
selbst Augen- und Ohrenzeuge der weiteren Verhandlungen war; aber
Friedrich Hegel hat mir bei Überbringung meiner neuen Stiefel den
ganzen Hergang mit peinlichster Genauigkeit erzählt.
Wie der ~eigentliche~ und endgültige Schlußakkord jenes Abends
geklungen hat, kann ich freilich nur mutmaßen. Ich glaube aber, er ist
nicht ganz rühmlich für Schuhmacher Hegel gewesen und soll für ihn
noch ein polizeiliches Strafmandat wegen nächtlicher Ruhestörung und
Widerstands gegen die Staatsgewalt im Gefolge haben.
Tatsache ist, daß am folgenden Tage die Schuhmacherwerkstatt erst
am späten Nachmittag geöffnet wurde, und das Blau des Himmels sich
auf intensivste Weise in dem einen Auge des Philosophen Hegel
widerspiegelte. --
Mein Kollege Schubert wäre vermutlich zu jeder anderen Zeit über die
Umformung seiner Absichten vom Schlage getroffen worden. Statt des
alten Faustpoeten die ihm verhaßte Marlitt! Aber augenblicklich ist
er in einer so rosigen Stimmung, daß er die ganze Menschheit an seine
Brust drücken möchte. Es ist ihm ja ein großes Glück geworden, -- ihm
ist ein Söhnlein geboren.
Einen anderen Schuster will er sich aber doch nehmen, da er es dem
braven Hegel nicht verzeihen kann, wenn er durch dessen Schuld künftig
in der Marlittstraße wohnen muß.
Übrigens kann er sich darüber beruhigen und ebenso die anderen
Taufgevattern unserer Straße, denn keinem soll es nach Willen gehen,
und das versöhnt ja untereinander. Der hochwohllöbliche Magistrat
von Berlin hat aus eigener Entschließung die Straße mit einem Namen
versehen, der zwar die vom Schuhmacher Hegel verlangte drakonische
Kürze vermissen läßt, aber an sich auch recht hübsch wirkt.
Seit gestern prangen unsere Straßenschilder mit der Bezeichnung:
~Herzog Ernst II. von Sachsen-Koburg-Gotha-Straße~.
Wir müssen ziehen.
Schade!
Gerade jetzt, wo die Wohnung überall so hübsch trocken geworden ist!
Na ja, man hätte sich's ja denken können, daß man gesteigert werden
würde.
Aber schade ist's doch!
Wir hatten uns schon so an die Physiognomie der Straße und ihrer
Bewohner gewöhnt. Nun aber, das hilft dann nichts. Zweihundert Mark
mehr zahlen, -- das geht beim besten Willen nicht.
»Ei, Frauchen, du wirst doch nicht Tränen in deine lustigen blauen
Augen hineinlassen! Mir wird's ja auch nicht leicht, aus diesen Räumen
zu scheiden, in denen wir unser Nest gebaut und unser glückliches
Eheleben begonnen haben.«
Und da liegt unser Kleinchen im Bett und schläft sanft und sicher und
weiß nichts von Mietesteigern und Umzug. --
Es ist doch schön, ein Fleckchen Erde so ganz sein eigen nennen zu
können, das heißt -- noch bei ~Leb~zeiten.
Ach, wir modernen Nomaden!
Und ich ziehe meine Frau zu mir heran und sehe trübe mit ihr aus dem
Fenster, an dem gerade eine Schwalbe vorüberflattert, als wenn sie noch
einen Scheidegruß bringen wollte, bevor sie wieder zum Süden zieht.
Wo sie ihr Nest wohl hat? -- Sicher nicht an unserem Hause!
Großstadt und Schwalbennest!
Aber bei uns, im kleinen mecklenburgischen Heimatsstädtchen, ja,
~da~ war die Schwalbe heimisch, da nistete sie an meinem
grünumrankten Vaterhause.
Und ich erzähle meinem Frauchen aus meiner Kindheit, von meinem Vater,
der als Bürgermeisterlein mit seiner zahlreichen Familie friedlich,
wenn auch in wohlbegründeter Einfachheit lebte. Ja, ~der~ hatte
ein Heim, wie ich es mir ersehnte, eine Scholle, die ihm zu eigen
gehörte!
Und ich höre wieder das Windessäuseln in den beiden alten Pappeln, die
vor der Haustür wie zwei mächtige Riesen Wacht hielten, atme den Duft
der Blumen aus meiner Mutter Ziergärtchen und schmecke fast auf der
Zunge die rotbäckigen Borsdorfer, die Malvasierbirnen, die blauen und
gelben Pflaumen, die Erdbeeren und all die anderen Früchte, die unser
schöner, schattiger Garten so mannigfaltig bot. Ach, und du fröhlicher
gefiederter Sängerchor!
Wie herrlich war's im Elternhaus, und mein Vater war der glückliche
Mann, der in diesem Paradiese, weit ab vom Weltgetriebe, als Herr und
Gebieter hauste.
Welche Ruhe, welch Glück, welch tiefer Frieden über dem Bilde!
Wie goldener Sonnenstrahl zieht es an meinem Geiste vorüber und macht
mein Herz in Sehnsucht schwellen.
Und seltsam! Mein Vater wiederum sehnte sich hinaus aus dem Frieden
und empfand wie Fesseln die kleinen Verhältnisse, die ihn an die
Scholle bannten. Still für sich trug er die Sehnsucht nach dem
Weltgetriebe, und pochenden Herzens verfolgte er die Zeitläufe, wie
sie sich besonders in der Hauptstadt schnell und aufregend abspielten,
während zu unserem Erdenfleckchen nur langsam diese und jene unruhvolle
Kunde drang, so wie in geschützter Bucht kaum leichter Schaum von der
scharfen Brandung eines aufgepeitschten Sees zeugt.
Und jene Hoffnung, doch noch einmal nach der Residenz versetzt zu
werden, hielt ihn jung und jugendfrisch. Aber dann wurden seine
Wünsche ruhiger und immer ruhiger, -- bis sie ihn hinaustrugen aus dem
Hause, an den treuen, hohen Pappeln vorüber, von denen er sich oft
hinweggesehnt hatte nach dem herzlosen kalten Häusermeer. -- --
Und ~mich~ hat das Geschick nach der Großstadt geweht, und ich
sehne mich nach dem Rauschen der alten Bäume und habe Heimweh nach dem
sonnigen Garten meiner Kindheit.
Wenn aber mein Lebensabend herankommt, so will ich ihn in dem
Winkelchen jener kleinen Welt mit meinem tapferen Frauchen verleben und
ausruhen von dem täglichen Kampf ums Dasein. Aber eben darum heißt's
jetzt noch recht kämpfen.
Leicht möglich, daß uns in jener abgeschiedenen Stille dann tiefe
Sehnsucht nach der altgewohnten Großstadt beschleicht, so wie mein
Vater sich wohl gern wieder aus dem verwirrenden Lärm zurückgeflüchtet
hätte in die idyllische Ruhe der kleinen Stadt.