Dein wohlaffektionierter F.«

Sr. Exzellenz dem Herrn Ministerpräsidenten war am Tage vorher zu

später Abendstunde etwas sehr, sehr Unangenehmes passiert. Er hatte

darauf eine schlechte Nacht verbracht und ließ gleich am Morgen den

Rechtsanwalt +Dr.+ Arnold Winter zu sich bescheiden, den er im

Bette empfing.

Der Fall war kritisch: Ein Radfahrer hatte den generalgewaltigen Lenker

der inneren und äußeren Politik Gerolsteins über den Haufen gerannt

und ihm dabei nicht nur einen unheilbaren Riß in die ministerielle

Hose beigebracht, sondern auch wahrscheinlich -- er hatte solche

Schmerzen in der Seite -- eine Rippe gebrochen. Er hatte die Radfahrer

schon lange auf dem Zuge, und das nicht ohne Grund; denn alles Böse im

Staate kam von den Radfahrern. Der Bestand des dortigen Radfahrerklubs

war eine stete Verhöhnung der Großmachtsstellung Gerolsteins. Alle

Augenblicke hatten sie Gerolsteiner Meisterschaften auszuschreiben, und

das waren lauter Infamien. Einmal war es die Meisterschaft »Quer durch

Gerolstein«, dann die Meisterschaft »Um das Großherzogtum herum«, und

wenn sie des Morgens gestartet hatten, so waren sie mit ihren Kämpfen

immer so rasch fertig, daß sie die Siegesfeier noch immer an demselben

Tage bei einem ~Früh~schoppen begehen konnten. Solche Bosheiten

begeht man nicht in einem Kulturstaate, der sich der Segnungen der

Zivilisation erfreut.

Das war aber noch nicht einmal alles. Gerolstein besaß zwei Zeitungen:

den »Staats-, Hof- und Haus-Anzeiger« und das »Morgenblatt«. Den

»Staats-, Hof- und Haus-Anzeiger«, der so gut ministeriell gesinnt

war, wollte aber kein Mensch lesen, und das kam wieder dem unbequemen

»Morgenblatt« zugute. Und wie ein Unglück nie allein kommt, mußte der

Redakteur des »Morgenblattes« gleichzeitig auch der Präsident des

Gerolsteiner Radfahrervereins sein. Man mußte nur wissen, was das

heißt! Damit war die ganze Radfahrerei eine politische, und zwar eine

oppositionelle Sache geworden, die Sr. Exzellenz Tag für Tag das Leben

verbitterte.

Wissen Sie, welchen Namen die Radfahrer ihrem Vereine beigelegt hatten?

»Gerolsteiner Radfahrerklub ›Die Numidier‹!« »Die Numidier?« Warum

»Die Numidier«? Die alten Numidier an der Nordküste Afrikas hatten

sicher keine Ahnung vom Veloziped, und ganz gewiß hatten weder König

Masinissa, noch Jugurtha und Juba Radfahrer als Ordonnanzen mit im

Felde. Warum also »Numidier«? Ein vernünftiger Mensch konnte von selbst

gar nicht darauf kommen, aber in Gerolstein wußte man es ganz gut, --

es steckte eine große Bosheit dahinter.

Se. Exzellenz der Ministerpräsident war bei der Opposition nicht

beliebt -- das ist nun einmal nicht anders; Ministerpräsidenten sind

bei der Opposition niemals beliebt -- und sie setzte ihm zu mit

Keulenschlägen, wo es anging, und wo das nicht anging, wenigstens mit

Nadelstichen. Keine historische Persönlichkeit wurde im »Morgenblatt«

so oft und mit solcher Vorliebe erwähnt wie der wackere +Numa

Pompilius+, der zweite König Roms, und so oft +Numa Pompilius+

im Leitartikel oder im Feuilleton oder unter den Tagesnotizen erwähnt

war, lachte ganz Gerolstein, und nur Se. Exzellenz war über alle

Maßen wütend. Denn unter +Numa Pompilius+ war immer ~er~

gemeint. Die verruchten Zeitungsschreiber hatten ihm den Spitznamen

aufgebracht und diesen auch gleich eingebürgert; dabei waren aber ihre

Beziehungen immer so fein und immer auch scheinbar so harmlos, daß

eine hohe Behörde ihnen nicht recht zu Leibe konnte. Es war geradezu

niederträchtig.

+Numa Pompilius+ wäre ja an sich ein Ehrentitel gewesen, aber man

hatte dem Herrn Minister diesen Titel nicht darum taxfrei verliehen,

um damit seine staatsmännische Einsicht zu kennzeichnen, sondern mehr

um die Quelle seiner politischen Weisheit anzudeuten. +Egeria+

war eine sehr geschätzte Quellgöttin des römischen Altertumes, und

man wußte, daß auch der Gerolsteiner +Numa Pompilius+ von einer

Gerolsteiner +Egeria+ beraten wurde.

Ministerpräsident Besenbeck war Witwer; die schöne Baronin Waltersheim

war Witwe. Der Ministerpräsident hatte ein etwas zur Verfettung

neigendes, im übrigen aber tieffühlendes Herz, und die schöne Witwe

hatte es ihm angetan.

Er hätte ihr auch schon längst die Hand zum ewigen Bunde gereicht,

wenn seine zarten Beziehungen zu ihr nicht voreilig ruchbar geworden

wären. Man kannte die schöne Baronin in Gerolstein und wußte, daß sie

eine geistvolle Frau sei, die Neigung zur Politik habe. Das wußte man;

das übrige war Kombination, daß nämlich sie den Minister beherrschte

und daß so eigentlich sie über Gerolstein herrschte. Also nur, weil

eine weise +Egeria+ da war, wurde ~er~ +Numa Pompilius+

genannt, aus keinem anderen Grunde. Als aber der Name einmal

aufgekommen war, da tat der Exzellenzherr in seiner Erbitterung, wie

schon so oft in seinem Leben, das Ungeschickteste, was in dem gegebenen

Falle zu tun war. Anstatt kurzen Prozeß zu machen und die Dame seines

etwas zur Fettsucht neigenden Herzens vom Fleck weg zu heiraten,

glaubte er seine Beziehungen zu der schönen und klugen Frau, ohne sie

aufzugeben, möglichst verheimlichen zu sollen. Als ob das in Gerolstein

nur so gegangen wäre!

Jetzt war die Analogie mit +Numa Pompilius+ und +Egeria+ erst

recht hergestellt. Unter solchen Umständen erregte es ein heiteres

Aufsehen, als sich eines schönen Tages der Radfahrerklub »Die Numidier«

auftat. Man wußte zwar auch in Gerolstein, daß die Numidier mit +Numa

Pompilius+ nichts zu tun hatten, aber die Ideenverbindung war doch

durch den Klang der Namen hergestellt, und das genügte. Die hohe

Behörde hatte allerdings den Versuch gemacht, der Konstituierung des

Klubs Schwierigkeiten in den Weg zu legen und Einsprache gegen die

seltsame Bezeichnung der »Numidier« zu erheben, aber die Proponenten

bestanden auf ihrem Vorhaben unter dem Hinweis, daß sie ebenso

streitbar und tapfer »im Dienste des Vaterlandes« sein wollten wie die

wirklichen Numidier, über welche sie die erforderlichen historischen

Kenntnisse bei der hohen Behörde in vollem Umfange mit patriotischer

Befriedigung voraussetzten -- und da war dann eigentlich nichts mehr

zu machen. Der Verein mußte bewilligt werden. Die guten Gerolsteiner

unterhielten sich aber vortrefflich bei dem Gedanken, daß sich die

»Numidier« nun als eine Art Leibgarde für +Numa Pompilius+

aufspielten, obschon sie dieser bitter haßte. Nach alledem kann man

sich denken, wie der Herr Ministerpräsident es aufnahm, als ihn einer

der »Numidier« nächtlicherweile über den Haufen rannte, ihm die Hose

zerriß, wobei auch noch das ministerielle Knie aufgeschunden wurde, und

ihm nicht nur eine Rippenverletzung beibrachte, sondern ihn zu alledem

auch noch grob anfuhr.

Der Ministerpräsident war in einer Stimmung, die den Radfahrern

nichts Gutes verhieß. Das eine stand bereits fest, daß das Radfahren

in Gerolstein eingeschränkt, die Fahrfreiheit zugestutzt, der Verein

unter scharfe polizeiliche Kontrolle gestellt werden sollte. Das

erforderte das öffentliche, das Staatsinteresse Gerolsteins. Das war

alles selbstverständlich und sollte von Amts wegen besorgt werden.

Damit sollte es aber nicht abgetan sein. Der Ministerpräsident gedachte

auch als Privatkläger und Privatbeschädigter aufzutreten. Er war

verletzt, beschädigt, beleidigt worden, und er sah gar nicht ein, warum

er sich das von einem »Numidier« gefallen lassen sollte. Er hatte

an der Laterne des Fahrrades durch welches er umgestoßen war, eine

Nummer bemerkt, es war die Nummer 88; der Mann zu dieser Nummer war

polizeilich leicht zu ermitteln, und an diesem Unglücksmenschen wollte

nun der Generalgewaltige von Gerolstein seinen Zorn auslassen; er war

ganz in der rechten Stimmung dazu.

So ward am Morgen nach dem Zusammenstoße Arnold zum Ministerpräsidenten

berufen, damit er die Vertretung des Privatklägers und

Privatbeschädigten vor den Gerichten übernehme. Arnold nahm die

Sache sehr ernst. Der Fall bot zwar kein besonderes juristisches

Interesse, aber man bekommt doch nicht alle Tage die Vertretung

eines Ministerpräsidenten. Er ließ sich von dem im Bette liegenden

Privatbeschädigten den Vorfall genau erzählen und besah sich dann das

ministerielle Knie. Es war tatsächlich ganz erheblich aufgeschunden.

Auch an die Untersuchung der lädierten Rippe machte er sich, aber es

war da ein so starkes Bäuchlein über dieselbe gelagert, daß er bald

einsah, daß er als Doktor +juris+ hier nicht zu dem gewünschten

Resultate gelangen werde.

»Exzellenz!« sagte er feierlich, »da muß ein +Medicinae+ Doktor

her! Wir brauchen ein ärztliches Zeugnis, das wir den Akten beilegen.«

»Mein Hausarzt ist leider verreist«, erwiderte der rachedürstende

Ministerpräsident.

»Das tut nichts, Exzellenz. Es ist vielleicht sogar besser, wenn hier

nicht der Hausarzt interveniert. Darf ich für diesen Fall den jungen

Arzt herzitieren, der sich vor einigen Monaten erst in Gerolstein

niedergelassen hat und dessen wissenschaftliche Bedeutung so auffallend

rasch auch in Hofkreisen anerkannt und gewürdigt worden ist; ich meine

+Dr.+ Bruckner?«

Exzellenz nickte Gewährung, und Arnold ging darauf an den Schreibtisch

und fertigte das Schreiben an Fridolin ab.

Während man nun auf den Arzt wartete, wurde der Fall weiter besprochen.

»Über die Körperverletzung«, äußerte Arnold, »werden wir ja bald im

klaren sein. Darf ich Exzellenz nun bitten, Näheres über die erlittene

Ehrverletzung mitzuteilen. Welcher Art waren die Ehrenbeleidigungen?«

»Als wir beide auf der Straße lagen, da schimpfte ich natürlich ganz

gewaltig!«

»Natürlich! Das muß auch der Prozeßgegner begreiflich finden. Exzellenz

haben die Rechtswohltat der mildernden Umstände im weitesten Maße

für sich; der Schrecken, die Aufregung, der Unmut über die mutwillig

zugefügten Verletzungen, der körperliche Schmerz -- es ist nur

natürlich, daß man da nicht erst nach gewählten Ausdrücken sucht. Was

aber sagte der Attentäter?«

»Das weiß ich eigentlich nicht mehr genau. Er schrie und schimpfte

genau so wie ich, nur viel gröber.«

»Viel gröber! Das ist ganz gut; damit kommt er uns in die Laube. Wie

lauteten die zu inkriminierenden Beschimpfungen?«

»Das weiß ich so genau nicht mehr. Eigentlich hat er nicht so sehr

geschimpft, als mich, nachdem er mich schon über den Haufen geworfen,

auch noch verhöhnt!«

»Verhöhnt! Das ist ausgezeichnet! Auch Verhöhnungen brauchen wir uns

nicht gefallen zu lassen.«

»Er meinte, ich solle nicht so schreien, als ob ich am Spieße stäke, er

liege auch nicht auf Rosen.«

»Unverschämt! Aber es kam dann wohl noch ärger?«

»Und ob! Dann sagte er: mit so einem Bauche sollte man überhaupt nicht

auf die Gasse gehen!«

»Das ist stark!«

»Und dann -- sagen Sie einmal, Herr Doktor, was ist denn das

eigentlich, ein Pneumatik?«

»Soviel ich weiß, nennt man die mit der Luftpumpe aufgeblähten

Hohlreifen so, auf welchen die Radfahrer neuestens fahren.«

»Dann verstehe ich die Sache nicht recht. Und dann sagte er nämlich,

das nächste Mal, wenn ich abends wieder ausginge, sollte ich mir eine

Laterne an meinen Pneumatik hängen! Was hat der Mensch nur gemeint,

da ich doch keinen Pneumatik habe?«

»Exzellenz, ich wage kaum anzudeuten -- ich glaube, der Mensch hatte

die Vermessenheit, auf das -- das Embonpoint Ew. Exzellenz

anzuspielen!«

»Was? Der Schuft will doch nicht etwa, daß ich mir eine Laterne an den

Bauch hängen soll?«

»Es scheint in der Tat, daß so etwas Ähnliches gemeint war.«

»Lieber Doktor, den Menschen müssen wir festsetzen!«

»Ich glaube wohl, daß wir ihm die Lust zu schlechten Witzen vertreiben

werden; er soll an uns denken! Wir werden die Ehrenbeleidigung, obschon

sie sonnenklar ist, nicht einmal so dringend brauchen. Wir kommen

schon mit der Sach- und Körperbeschädigung durch. Wir werden die Hose

Ew. Exzellenz als +Corpus delicti+ produzieren, und +Dr.+

Bruckner wird uns hoffentlich ein ärztliches Parere aufsetzen, über

welches jener gemeingefährliche Mensch nichts zu lachen haben wird.«

In diesem Moment meldete der Lakai, daß +Dr.+ Friedrich Bruckner

um die Ehre bitte, vorgelassen zu werden.

»Ach, +lucus in fabula+!« sagte der Exzellenzherr, er sagte

wirklich »+lucus+«. »Ich lasse bitten!« fügte er dann wohlwollend

hinzu.

Fridolin trat ein. Er war mit seinem schönsten Fracke angetan, und

seine Krawatte strahlte in blütenweißer Pracht und Herrlichkeit. Er

verneigte sich sehr tief, und als er sich wieder aufrichtete, da

richtete sich auch Se. Exzellenz im Bette auf und schrie nur das eine

Wort:

»Hinaus!«

Fridolin stand wie angedonnert da, dann sagte er resigniert:

»Der Mann mit dem Pneumatik!«

Der nächste Moment fand ihn wieder im Vorzimmer draußen, wo ihn sofort

eine junge Dame mit der Frage bestürmte:

»Nun, Herr Doktor, wie steht es mit dem Onkel?«

Er stand bei diesen Worten noch einmal wie angedonnert da, und die

junge Dame erklärte, als sie ihn erkannte, daß sie umfallen müsse -- es

war Käthe.

»Käthe! Du -- Sie -- gnädiges Fräulein -- hier?«

»Jawohl, ich bin hier zu Hause!« entgegnete das junge Mädchen.

»Und der da drin ist dein -- Ihr -- unser Onkel?«

»Natürlich!«

»Bitte! Gar so natürlich ist das meiner Ansicht nach nicht!«

»Er ist aber einmal mein Onkel, und mein Vormund dazu.«

»Und die Tante?«

»Ist seine Schwester«, lautete die ebenso überraschende Antwort.

»Das ist schön von ihr. Was aber den Onkel und Vormund betrifft, so bin

ich soeben von ihm mit Glanz hinausgeworfen worden!«

Das Erscheinen eines Lakais im Vorzimmer bereitete dieser Konversation

ein vorzeitiges Ende.

Vom köstlichen Humor · 第 18 / 21 题