I.

»Lieber Alter! Es ist hohe Zeit, vernünftig zu werden. Meine

Examina habe ich, wie Du weißt, längst mit Glanz bestanden, auch

die Spitalspraxis habe ich glücklich hinter mir. Nun will ich mich

auf eigene Rechnung und Gefahr als Heilkünstler seßhaft machen,

und nicht länger soll der großen Öffentlichkeit der Segen meiner

ärztlichen Kunst vorenthalten bleiben. Wo läßt man sich nieder? Ich

stimme für Gerolstein; dort bist wenigstens Du, das ist schon etwas.

Wäre dort etwas zu machen? Erfreut Ihr Euch eines recht zahlreichen

Krankenbestandes; gibt es erfreuliche Aussichten auf irgendwelche

Pestilenzien, oder seid Ihr dort alle beklagenswert gesund? Es bittet

um einige beruhigende Zeilen

Dein alter treuer

Fridolin.«

Der »liebe Alte«, an den vorstehende Zeilen gerichtet waren, war

ein junger Rechtsanwalt, Verteidiger in Strafsachen, +Dr.+

Arnold Winter, der dem verbrecherischen Teile der Menschheit von

Gerolstein seine guten Dienste zur Verfügung hielt. Im Hinblick auf

die Zukunftshoffnungen der beiden Freunde muß es aber hier schon mit

Betrübnis ausgesprochen werden, daß im Großherzogtum Gerolstein die

Menschen nicht nur von einer unausstehlich robusten Gesundheit waren,

sondern daß sie sich auch einer Tugendhaftigkeit befleißigten, die

auf die Dauer einen jungen ungeduldigen Verteidiger in Strafsachen

unfehlbar zur Verzweiflung bringen mußte.

+Dr.+ Arnold Winter setzte sich nach Empfang des Schreibens sofort

hin, um es zu beantworten -- Zeit hatte er ja. Er schrieb:

»Mein lieber Junge!

Als ich den Ausdruck Deiner Herzensmeinung las, daß es hohe Zeit sei,

vernünftig zu werden, habe ich mich einer lebhaften Besorgnis nicht

erwehren können, daß Du nun wieder einen tollen Streich vorhast.

Die Sache war von vornherein verdächtig, und daß meine Besorgnis

eine nur zu wohlbegründete war, das zeigte sich dann sofort, als

Du die Absicht aussprachest, Dich in Gerolstein anzusiedeln. Wäre

ich selbst ein vernünftiger Mensch, so müßte ich Dir folgendes

antworten: Trinke zunächst einige Gläser Wasser, und dann verschreibe

Dir ein beruhigendes Mittel, hierauf begib Dich freiwillig aufs

Beobachtungszimmer. -- Ich halte den Fall für keinen unheilbaren und

hoffe noch auf eine gute Besserung.

Da ich aber in erster Linie Dein Freund und Gesinnungsgenosse, also

~nicht~ ein vernünftiger Mensch bin, so sage ich einfach: komm!

Ich müßte ein schlechter Freund sein, wenn ich Dir bei einem dummen

Streiche meine schätzbare Mithilfe versagen wollte. Auch bei mir ist

der Wunsch der Vater des Gedankens; ich möchte Dich bei mir haben.

+Solamen miseris socios habuisse malorum.+ Ich weiß, man kann

statt +miseris+ auch +miserum+ sagen; Du siehst also, ich

bin ein gemeldeter Binsch. Letzteres soll ein Witz sein und eigentlich

›gebildeter Mensch‹ heißen. Du rümpfst die Nase und findest den

Witz etwas mäßig, aber ich versichere Dich, für unsere Gerolsteiner

Verhältnisse ist er gerade großartig genug.

Ich werde Dich also hier haben, und ›das freut dem Schwerte sehr‹ --

das Schwert bin ich. Vor gar zu argen Enttäuschungen möchte ich Dich

aber doch bewahrt wissen. Der allgemeine Gesundheitszustand ist ein von

Deinem Standpunkte aus überaus beklagenswerter und wenn nicht von Zeit

zu Zeit ein paar ~Ärzte~ Hungers stürben, so käme die Statistik

gar nicht zu ihrem Recht, die mit Fug beanspruchen darf, daß auch das

Großherzogtum Gerolstein sein Kontingent zur allgemeinen Sterblichkeit

stelle.

Wir sind aber unserer so wenige der getreuen Untertanen unseres

erlauchten Herrscherhauses, daß es höchst unpatriotisch von uns wäre,

wegzusterben wie die Fliegen. Das tun wir nicht; und das darfst

auch Du uns nicht verargen; denn mit ganz toten Gerolsteinern ist

auch Dir nicht gedient. Ganz und gar aussichtslos ist die Sache doch

nicht für Dich, nur muß sie richtig in die Hand genommen werden. Wir

müssen uns von vornherein auf den Standpunkt stellen, das Du die

Gerolsteiner nicht brauchst, sondern daß sie sich eine Ehre daraus zu

machen haben, wenn Du die Gewogenheit hast, ihnen ein Purgiermittel zu

verschreiben. Du bist jung und hast die Mittel, mit einem gediegenen

Glanz aufzutreten, dann mit einem gewissen Glanz zuzuwarten, und das

heißt nichts anderes, als sich mit einem gewissen Glanz den Anschein

geben, als hätte man furchtbar viel zu tun. Es gibt gewisse kleine

Vorbedingungen -- dann geht alles. Jung muß man sein, schön muß man

sehn, und Glück muß man haben. Jung bist Du; die Schönheit -- nun, wir

wollen nicht streiten, sagen wir also: so so! -- aber Glück hast Du

entschieden, denn Du bist vollständig unvermählt. Dir zuliebe werden

also die töchtergesegneten Mütter Gerolsteins zwar auch krank werden

und mit Vergnügen auch ihre Männer und Kinder krank machen. Es sind

sogar künstlich erzeugte Epidemien nicht ganz ausgeschlossen.

+Quae cum ita sint+ -- komm, siehe, siege! Du siehst, ich bin Dein

würdiger Freund, und es fehlt mir nicht an Argumenten, eine große

Dummheit, die Du vorhast, zu beschönigen. Ich mache mich sogar auf

weitere und größere Dummheiten gefaßt, wenn Du einmal hier sein wirst,

und erkläre jetzt schon meine freundschaftliche Bereitwilligkeit, Dir

wacker zur Seite stehen und tapfer mittun zu wollen. Solltest Du es zu

arg treiben, so weißt Du, daß ich Verteidiger in Strafsachen bin, und

kennst meine Adresse. Ich garantiere Dir eine Verteidigungsrede vor dem

Schöffengericht, die Dir einen hohen künstlerischen Genuß bereiten

soll.

+Ad vocem+ Verteidiger in Strafsachen! Du hast mich gar nicht

gefragt, wie's mir geht. Oh, mein Freund! Wenn ein Verteidiger in

Strafsachen so lange und so schöne Briefe schreibt!! Glaubst Du, daß

sich hier die Leute zu einem halbwegs anständigen Meuchelmord aufraffen

können oder wenigstens zu einem reputierlichen Totschlag unter

erschwerenden Umständen? Keine Idee! Unsere Gauner bringen unsere ganze

Rechtswissenschaft in Mißkredit, und mein großartiges Talent ist in

Gefahr, zu verkümmern. Haben die Römer die Rechtswissenschaft darum auf

eine so hohe Stufe gebracht, haben Savigny, Mittermayer, Glaser, Unger,

Ihering darum gelehrt und gewirkt, daß ich mich, wenn's hoch kommt, mit

einer nächtlichen Ruhestörung, mit einer in der Hitze des häuslichen

Gefechtes von der Hausfrau in ihrer Ehre gekränkten Köchin oder mit

einem Schafskopf, der ein Taschentuch zieht, wo er eine eiserne Kasse

erbrechen könnte, herumschlagen muß? Ich sage Dir, mein Junge, ich habe

massenhaft Zeit, und wenn ein Verteidiger in Strafsachen so viel Zeit

hat, so sollte er sich eigentlich aufhängen, oder er muß seine Zuflucht

dazu nehmen, sehr lange und sehr geistreiche Briefe zu schreiben. Ich

habe mich, wie Du siehst, zu letzterem entschlossen.

Noch ein Argument für die Dummheit, an welcher ich mich nun mitschuldig

mache: Du kommst aus der Reichshauptstadt. Das wird den guten

Gerolsteinern riesig imponieren. Mehr weiß ich mit dem besten Willen

zugunsten Deiner Absichten und meiner Wünsche nicht vorzubringen. Also

die Erfolge warten auf Dich: Komm und hole sie!

Vom köstlichen Humor · 第 9 / 21 题