Guschen stieß Klaus auf die Seite: »Und ich sitz' auf das andere Bein!«

Friedje drängte Jürgen zurück: »Und ich sitz' denn auf das -- noch

andere!«

»He! he!« lachte Jürgen, »drei Beine hat Papa gar nich!«

Alle stimmten in das Gelächter ein, nur Friedje ließ die Lippe hängen.

Er wandte sich an seine Mutter: »Auf was für'n Bein soll ich denn

sitzen?«

Frau Tönnies streichelte seinen Kopf: »Friedje sitzt denn auf Onkel

Hartig sein', der hat ja gottlob auch noch zwei Beine.«

Klaus meldete sich schleunig für das vakante zweite, und nun hieß es:

»Mit mein' Onkel Hartig kann man überhaupt viel besser spielen, mit

dem kann man 'n büschen albern!«

»Kennst du Onkel Hartig auch, Tante Manga?« fragte Anna, sich an die

Besucherin schmiegend, die etwas verwirrt auf den hellen Scheitel des

Kindes niedersah, aber keine Antwort gab.

»Ja, Sie kennen ihn doch, meinen Bruder Hartig, nich Fräulein Dehn? Er

ist ja erster Offizier auf der Maria da Gloria.«

»Ich weiß wohl -- und der ist so vergnügt? Das hab' ich noch gar nicht

gewußt -- wenn ich ihn 'mal gesehen habe -- er kam ja öfter zu Papa,

denn hat er immer so ernst ausgesehen --«

»So ehrbar getan, nich?« lachte Frau Tönnies, »ja wissen Sie, Ihr Papa,

das is je auch gewissermaßen sein Vorgesetzter, und da in is mein

Bruder nu komisch -- sich annögeln[17] oder gute Worte geben, das kann

er nich, das kann ich auch nich.«

»Und ich möcht' es nicht leiden!« rief das Mädchen mit Überzeugung.

»Er steht sich da vielleicht selbst in Lichten mit,« sagte Frau

Tönnies eifrig, »aber so is er nu 'mal, er könnt' all lang drei Reifen

haben[18], wenn er da 'n büschen auf zu laufen wüßte, aber er sagt

immer gleich: meinst', ich will einem da um zu Füßen fallen? ich werd'

noch früh genug Kap'tän, -- besorg' du mir man 'n kleine nette Frau,

denn da kann ich mich nich mit abgeben.«

Manga Dehn hatte ganz vertieft zugehört und war mechanisch immer hinter

der Frau hergegangen, die mit einem Wischlappen noch einmal wieder über

die spiegelblanke Mahagonikommode fuhr und nun das sauber gearbeitete

Schiffsmodell, das darauf stand, einer vorsichtigen Reinigung unterzog.

»Das hat Hartig gemacht, das is der ›James Watt‹, wo er als

Schiffsjunge gedient hat.«

»O bitte, lassen Sie mich das abwischen,« sagte Fräulein Dehn schnell,

-- »die Kinder können wohl wieder hinaus, es regnet nicht mehr.«

»Ach ja, Mama, und denn ziehn wir die alten Stiefels an, und die neuen

Hüte setzen wir auch erst auf, wenn die Tide kommt, eher tut es ja gar

nich nötig!« Überglücklich liefen sie hinaus, als Kinder der freien

Luft, die sie waren. Ihr Jauchzen und Hurraschreien begann von neuem.

Bald war es Zeit zum Mittagessen, es hatte schon zwölf geschlagen;

freilich -- gekocht war nicht viel, nur ein großer Topf voll

Buchweizengrütze in Buttermilch, mit Sirup gesüßt; die Hauptmahlzeit

kommt erst, wenn Papa da ist!

Frau Tönnies genierte sich sehr, das junge Mädchen zu diesem

frugalen Mittagbrot einzuladen, aber gerade, als Fräulein Dehn den

Küchenzettel erfahren hatte, bat sie darum, einen Teller voll mitessen

zu dürfen. Der Geschmack ist ja so verschieden, und übrigens -- die

Schleswig-Holsteiner essen alle gern Buchweizengrütze. Frau Tönnies

faßte das hübsche bereitwillige Mädchen scharf ins Auge -- sie konnte

sich gar nicht recht erinnern, sie zum Bleiben eingeladen zu haben,

und Manga Dehn hatte doch nur einen Augenblick ins Haus treten wollen.

Sonderbar!

»Nu wird auch woll bald mein alter Onkel kommen,« sagte die

Kapitänsfrau, »dreimal hat er schon gefragt, ob Tönnies noch nich da

is. Gleich den ersten Abend stellt der Alte sich ein, und denn kommt er

jeden Tag, so lange mein Mann hier is. Mein Bruder hat ihm das schon

'mal gesagt: ›Onkel, sie müssen sich auch 'mal allein haben‹, aber

wissen Sie, was der Alte denn antwortet: ›Ach, dat is ehr[19] je nu

all wat Oles, dat hebbt se nu nich mehr nödig.‹« Verdrießlich kellte

die Frau ihrem Ältesten noch einen Löffel voll auf. »Mir auch noch

'n orrendlichen Klacks[20],« riefen die anderen. Klatsch, klatsch,

klatsch, einen Löffel Grütze auf jeden Teller, bis die große Terrine

leer war.

»Nu muß ich aber wirklich weg,« sagte Manga Dehn, der es bei der

Erzählung sehr ungemütlich geworden war, »seien Sie mir nur nicht böse,

daß ich so lange geblieben bin.«

»Im Gegenteil war mir sehr angenehm; 'n Tasse Kaffee sollten Sie man

noch mittrinken, Fräulein, Sie haben mir ja so wunderschön geholfen.«

Fräulein Dehn steckte mit niedergeschlagenen Augen ihre langen

Filethandschuhe wieder in die Tasche.

»Ja, wenn ich Ihnen noch 'was helfen kann, Frau Tönnies, denn kann ich

am Ende noch 'n Augenblick bleiben. Wann läuft das Wasser auf?«

Frau Tönnies blickte unwillkürlich durchs Fenster; die Weiden mit

ihrem grauen, dünnen, kritzlichen Astwerk wurden wild hin und her

geschleudert, es donnerte fast ununterbrochen in der Ferne.

»Um drei,« sagte sie nachdenklich, »vor fünf kann die Maria da Gloria

nich hier sein, -- das heißt, wenn sie hier vorbeikommt, denn is sie je

noch lang nich hier, denn muß sie je noch nach Hamburg rauf, und bis

mein Mann denn hier is und mein Bruder, kann das sieben, nee, acht,

neun werden.«

»Ach, die armen Kinder!« murmelte das Mädchen, »die freun sich ja ganz

ab.«

»Das tut ihnen nichts, das müssen sie von früh auf gewohnt werden, --

ja, ich hab' doch die letzte Nacht nicht so recht geschlafen. Können

Sie sich das denken?«

Die hübschen braunen Augen des jungen Mädchens bekamen einen warmen

Schein; sie nickte eifrig.

»Wenn er man bloß heut abend noch kommt, sonst geh' ich heut nacht gar

nich zu Bett. Nee, denn zieh' ich mich nich aus. Denn bin ich doch zu

hiddelig[21], was soll ich denn im Bett tun.«

»Es muß schrecklich ängstlich sein!« Manga seufzte, und so natürlich,

als ob sie diese Angst schon vollkommen teile. Frau Tönnies sah sie

wieder prüfend an.

»Heiraten Sie man keinen Seemann, Fräulein Dehn.«

Ein schuldbewußtes Rot stieg dem Mädchen in die Wangen. »Warum meinen

Sie?« -- »Bitte, Frau Tönnies, kann ~ich~ nich heute aufwaschen?«

bat sie dann mit Innigkeit, »Kathrin braucht auf die Art nicht vom

Klären wegzugehn.«

Was will sie? dachte die Frau. Laut sagte sie: »Mit dem Kleid? Na,

freuen Sie sich, daß Sie keine Mama zu Hause haben, die Sie ausschelten

kann.«

»Sie leihen mir eine Küchenschürze! O ich wollte, ich hätte meine Mama

noch, Sie können sich gar nicht denken, wie still es bei uns zugeht;

Papa ist nicht für Geselligkeit, manchmal kommt die ganze Woche kein

Mensch, und meine zwei Schwestern sind noch so dumm.«

»Na, Sie werden doch nicht weinen?«

Frau Tönnies faßte das Mädchen freundlich in den Arm: »So'n kleine

resolvierte fixe Deern! Nee, es is wirklich schön, daß Sie hier sind,

der Tag war nich so lang, und man spricht sich die Aufregung 'n büschen

vom Herzen 'runter.« Manga blickte sie dankbar an.

»Nu sollten Sie 'n kleine Idee schlafen, Frau Tönnies. Wenn die Ewer

sich drehn[22], sag' ich Ihnen Bescheid. Ich will unter der Zeit Kaffee

machen.«

Die Frau legte sich wirklich aufs Sofa, doch sprang sie bald wieder auf

und ging zu dem jungen Mädchen in die Küche. »Ich hab' doch keine Ruhe.

Wenn sie man nich Nebel gehabt haben heut nacht. Ende August geht das

schon los! Na, Sie werden ja auch ganz blaß, -- ist da woll am Ende 'n

Passagier mit, der -- --.«

Fräulein Dehn schüttelte den Kopf: »Ich glaube auch, man muß immer was

um die Ohren haben, dann vergeht die Zeit am besten. Wenn er nur erst

da wäre, nicht?«

Frau Tönnies rief die Kinder zum Kaffee, Jürgen legte eine rotbraune

Krebsschale vor das Fräulein hin.

»Kiek, du, das 'n Tasch[23], die schenk' ich Onkel Hartig. Was schenkst

du ihm, Tante Manga?«

»Ich habe nichts.« Fräulein Dehn zeigte ihre leeren Hände, die der

Kleine aufmerksam betrachtete.

»Aber du hest Geld ~in~ de Tasch!« platzte lachend Hinrich heraus,

»das' noch besser.«

»Hinrich!« rief die Mutter verweisend, »sei doch nich so vorlaut!«

Der Junge war in einer Laune des Übermuts. »Je, nu rufst du Hinrich,

und dabei hast du es selbst gesagt, Mutter.«

Frau Tönnies wurde blutrot.

»Zu wem sollt' ich das woll gesagt haben?«

»Zu Onkel Hartig! das letztemal, als er hier war, ich weiß es ganz gut,

hab' es selbst gehört.« Der Junge war nun auch rot geworden, seine

weiße Stirn bis unter die Haare; trotzig hielt er den zürnenden Blick

der Mutter aus. Als sie ihn über den Tisch hinüber schlagen wollte,

faßte Fräulein Dehn ihre Hand. »Ach, Frau Tönnies, es tut ja nichts, --

lassen Sie ihn doch, er ist ja gar nicht unartig gewesen.«

Hinrich sprang mit Tränen in den Augen von seiner halbgeleerten Tasse

auf und stellte sich in die Ecke.

»Das is recht, da gehörst' auch hin!« rief die Frau. Nun lief der

Gekränkte zur Tür hinaus. Mietje schrie: »Hinrich,« und wollte ihm

nach, aber die Mutter führte das Kind an der Hand zurück.

»Er is 'n büschen verzogen, weil er der Älteste is,« Frau Tönnies

blickte verstimmt nach der Tür, »er is je auch sonst ganz vernünftig

soweit, aber -- wenn man kein Wort sprechen kann -- ohne daß die Gören

--«

»Ich will ihn hereinholen, heute ist doch solch'n Festtag!« bat Manga,

und eh' die Mutter es hindern konnte, war sie ihm nach. Er stand am

Gitter des Hühnerstalles, die Hände in den Hosentaschen geballt.

Tränenspuren im Gesicht. Das junge Mädchen wollte ihm den Arm um den

Hals legen, er schob sie weg, ohne sich umzusehen. »Ich meinte all, es

wär' Mama,« murmelte er, »sie hat es doch gesagt.«

»Komm, Hinrich, sei artig! Du -- wenn du es doch so gut gehört hast --

was hat denn Onkel Hartig geantwortet?« Sie zog ihn an der Hand zu sich

heran.

»Onkel hat bloß gesagt, das wär' ihm Pudding.« Der Junge lachte

unwillkürlich, tat aber gleich wieder ernst.

Manga Dehn sah ihn mit einem befriedigten Lächeln an; plötzlich nahm

sie seinen runden Kopf in beide Hände und küßte ihn herzhaft auf die

glatte Stirn zwischen den Augen.

»Sag' du nur immer die Wahrheit, mein Jung! Mama is gar nicht mehr

böse.«

Hinrich sah sie halb lachend, halb verschmitzt an: »Na, wat is nu los?«

brummte er, sich über die Stirn wischend.

»Sieh 'mal zu, Hinrich, ich glaube, nu kommt die Flut! Lauf 'mal voraus

an 'n Strand, wir kommen alle nach.«

Der Junge entsprang ihr in großen Sätzen, obgleich es noch zu früh

war; im Hineingehen kamen ihr auch schon die übrigen Kinder entgegen.

Fräulein Dehn ging gerade auf Frau Tönnies zu, die mit krauser Stirn

die Tassen ineinander stellte.

»Und nun machen Sie kein böses Gesicht, kommen Sie auf den Balkon;

haben Sie nicht eine Arbeit für mich?«

»Ach, Sie sind sehr freundlich; herrjes ja, ich hab' 'n Dutzend feine

Taschentücher für meinen Mann, aber Sie wissen woll, ich hab' sie auf

der Maschine gesäumt, und nu hängen noch all die alten Fäden beizu; die

muß ich befestigen.«

Auf dem Balkon über den Kronen der Espen, die keinen Augenblick Ruhe

gaben, war es windig, aber doch nicht schwül, wie im Zimmer. Und die

Luft war so schmeckbar frisch und so voll von Gerüchen. Teer, Laub,

Tang, nasser Sand, Heu, Fische, Reseda, Levkoyen und Tauwerk, -- alles

duftete durcheinander, so stark es konnte.

»Hier ist es schön!« Manga blickte entzückt über die weite, grün

umrahmte Wasserfläche, die dunkel und drohend genug aussah. »Ich möchte

immer in Blankenese bleiben.« Sie guckte schnell beiseite, als das

heraus war.

»Ja, Fräulein Dehn, heiraten Sie 'n Blankneser, das is die beste

Richtigkeit.« Frau Tönnies war auch befangen; nach einer Weile sagte

sie, die Augen fest auf ihrer Arbeit: »Nee, ich muß Ihnen noch sagen,

wie das zusammenhängt! Das scheniert mich, daß Sie nu am Ende denken --

-- und sehn Sie 'mal, mein Bruder Hartig is je so'n komischer Mensch!

Wenn nu mein Mann ankommt, und ich lauf' ihm denn entgegen, -- drinnen

auf 'n Vorplatz, denn '~raus~kommen darf ich nich, nee -- das mag

er nich, -- denn spitzt mein Bruder immer von junges Brautpaar und

so, und es is ja auch wahr, bei uns Seemannsfrauen bleibt es immer

neu, weil wir man immer so'n kurze Zeit zusammen sind, und denn in 'n

Ruff[24] wieder weg. ›Nimm dir auch eine,‹ sag' ich denn immer, und er

sagt denn: ›Da hew ick keen Tied to.‹«

Manga Dehn hatte ganz das Aufziehen des Fadens vergessen, und ihre

kleine feste Hand zitterte.

»Hat er denn so schrecklich viel zu tun?« fragte sie halblaut.

»Ach, keine Idee! Er is 'n Bangbüx! Er is man bloß ängstlich, daß er

sich 'n Korb holen könnte; 'n büschen großschnutig is er immer gewesen,

aber so ganz in aller Heimlichkeit.« Frau Tönnies griff verstohlen nach

Mangas Arm: »Na, Sie wissen woll, man macht 'mal Spaß, und so sagte ich

denn: Wenn du die kleine Dehn, den Inspektor seine Tochter, kriegen

könntest, das wär' 'mal nett.«

»Ach, Frau Tönnies, er mag mich ja nich leiden,« flüsterte das junge

Mädchen, und große Tränen traten ihr in die Augen; sie wendete sich ab.

Die Frau hatte gar nicht den Kopf erhoben, hatte nichts gesehn.

»Ich kann nich klug aus dem Jung werden, -- ich glaube, es is bloß,

weil Sie nu die Tochter von dem Inspektor sind! ›Meinst, ich will mich

da anschmeicheln?‹ sagt er, ›komm mir nich mit so'n Kram. Lieber bleib'

ich Junggesell, als daß ich mir nachsagen laß, ich bin einem darum zu

Füßen gefallen.‹«

Das junge Mädchen klappte die Schere auf und zu, sie sah sehr traurig

aus.

»Na, Frau Tönnies, nu will ich nach Hause gehn. Ich glaube, die Ewer

drehn sich schon.« Sie stand auf und zog ihre schwarzen Filethandschuhe

aus der Tasche.

Die Kapitänsfrau erhob sich gleichfalls. »Herrjes, is' wahr? Kommen

Sie, wir holen 'mal flink das Fernrohr, -- ach, bleiben Sie man, bis

das Schiff vorbeikommt! was wollen Sie nu miteins weglaufen!«

Die Kinder riefen und winkten vom Strand herauf. Frau Tönnies zog das

Mädchen eilig an der Hand nach: »Wir setzen uns in'n Sand, zwischen

die Weiden, kommen Sie.« Ein paar seegrasgefüllte Bankkissen wurden

auf den feuchten Strand gelegt, das niedrige Weidengesträuch, an dem

schon viele gelbe Blätter hingen, deckte den Rücken. Der Wind war

hoch. Abgerissene Kirschbaumzweige und Grasbüschel wurden in Menge

angetrieben. »Die kommen von der Lühe, gegenüber, ja das heißt mit

Recht: Kirschenland.«

Die Kinder umringten sie, wollten alle zugleich durchs Fernrohr

sehen. Zwischen der Mutter und Hinrich hatte eine stumme Aussöhnung

stattgefunden, der Junge ließ sich jetzt dienstfertig als Tisch und

Stützpunkt für das Teleskop gebrauchen.

»Fräulein, Sie müssen aber orrendlich mit Hurra schreien!«

»Und tüchtig wedeln!«

»Ob Papa woll'n +blue-light+ abbrennt, wenn er vorbei kommt?«

»Ach, Schnack, das tut er ja bloß nachts.«

»Mama, ich möcht gern 'n paar Steine in die Elbe smeißen, aber denn

geht es nich, denn wird sie zu voll!«

»Läuft die ganze Elbe über,« meinte der kleine Jasper.

»Paßt auf, jetzt kommt 'n großer Kasten! Ach so, es is bloß die

›Cobra‹! Hui, wie voll: das krimmelt und wimmelt orrendlich! Wahrt jug,

die macht Wellen! Dat giwt natte Fäut!«

Alles flüchtete zwischen die Weiden hinein, der älteste Junge aber

sprang plötzlich in ein kleines Fischerboot auf dem Strande, das mit

zwei Knaben besetzt war und trieb es mit ein paar kräftigen Stößen

weiter ins Fahrwasser hinaus.

»Hinrich! Hinrich! was machst du?« rief Manga Dehn. Frau Tönnies

lächelte wohlgefällig.

»Lassen Sie ihn man, wenn die Wellen so hohl gehn, denn hätt' das Boot

leicht umschlagen können hier im flachen Wasser. So was muß er all

wissen, dafür is er 'n Seemannssohn.«

Als die Brandung vorüber war, die hoch hinauf ein schäumendes

lehmfarbenes Wasser trieb, kehrte der Junge mit dem Boot zurück.

»Kiek, Mutter, wieviel Land uns das abreißt! Unser Stack[25] liegt

schon ganz draußen. Onkel Hartig sagt es auch immer. Du, wenn Vater

jetzt grade gekommen wär', ich wär' dreist 'n büschen nach ihm 'ran

gerudert.« Schiffe auf Schiffe kamen, atemlos pustende Schlepper,

hinter denen herrliche Vollschiffe entlang glitten. Lange, langweilig

aneinandergekoppelte Schuten voll Sand, -- Schlick, der weiter drunten

im Strombett ausgebaggert worden, kaum mit dem Bord übers Wasser

ragend, eine eintönige graue Linie. Der kleine weiße Stader Dampfer,

als richtiger Elbomnibus voll von Passagieren, kam zweimal, abwärts und

aufwärts vorüber; die Finkenwärder Fischerewer mit ihren roten, die

Blankeneser mit ihren weißen Segeln huschten mit schnellem Flügelschlag

hin und her.

»Das ist 'n Woermannscher, 'n Afrikaner, der große graue Dampfer, der

da kommt! Wenn nu man endlich auch die ›Maria da Gloria‹ käme!« Die

Kinder traten von einem Fuß auf den andern, um ihre Ungeduld irgendwie

auszulassen, nur die kleinsten wühlten friedlich im Sande, und die

Mutter blickte fast ununterbrochen durchs Fernrohr. Das junge Mädchen

hatte sich unbemerkt in den Hintergrund zurückgezogen und sah in

sehnsüchtiger Erwartung nach Westen, da wo der Himmel mit dem Wasser

zusammenrann. Ein lichtes, gelblich-graues Gewölk schwebte dort umher,

durch das von Zeit zu Zeit die Sonne heiß leuchtend hervorbrach.

Schräg fielen ihre Strahlen über die Wolken, es sah aus, als regne

es in der Ferne. Wo der Schein durch die Lücken der Dunstmassen das

Wasser traf, bildete er glänzende Lichtinseln, so scharf umgrenzt,

so blendend, daß die Augen tränten, wenn sie darauf trafen. Endlich

verschwammen alle Lichtflecke ineinander, und die ganze ferne Elbe

erschien wie ein geschliffener Schild von Stahl. Ein leichtes schwarzes

Rauchfähnchen kräuselte empor, als ob dort hinten der alte Stromgott

sich eine Nachmittagszigarre angezündet habe, -- der Himmel war klar

geworden.

»Papa kommt! Papa kommt! das is die ›Maria da Gloria!‹ Gewiß, Mutter,

das sind die zwei Schornsteine, siehst du's denn nicht? Die zwei

schwarzen Schornsteine! Anna, hol' unsre neuen Hüte, aber schnell!

Die ›Maria‹ hat Fahrt! Der Wind hilft auch mit, der is ganz westlich

geworden.

Sollen wir auf das Bollwerk laufen oder hier stehen bleiben, Mutter?

Da, jetzt grüßt sie schon! Junge, wie fein sie sich gemacht hat!

Mietje kuck, da kommt Papa! Lauter Wimpel und Flaggen! Kriegt eure

Taschentücher raus! So, nu man los: Hurra! hurra! hurra! Und noch

einmal -- -- und noch einmal! Siehst du Papa? Mutter, ich kann sehn,

wie er den Mund aufmacht, wenn er hurra schreit! Da, auf 'm Achterdeck!

Und Onkel Hartig schwenkt seinen Panama, siehst es woll, Jürgen? Hurra!

hurra! hurra!«

Es war ein herzerquickender Anblick, das sauber gemalte, schwarz

und rot leuchtende Dampfschiff, tief im Wasser, denn es kam voller

Fracht, alle Rahen behangen mit Wimpeln und Fähnchen, die in der

Abendsonne strahlten. Es war ein herzerquickender Lärm, das Heulen

der Dampfpfeife, und das Hurraschreien hüben und drüben, dort aus den

kräftigen Männerkehlen, die jubelnd den grünen Heimatstrand begrüßten,

hier die hellen Kinderstimmen, in die sich die der Mutter zaghaft nur

mischte, denn Frau Tönnies weinte dabei und hielt Mietje empor, hoch

auf dem Arm, und das waren zwei gewichtige Hindernisse zum vollen

Ausschreien, die Rührung und das unruhig sich hin und her werfende

Kind.

Ganz langsam, unter fortwährendem Hurrarufen zog sich das Schiff

heran; nun war es gerade der Gruppe am Strand gegenüber, nun schon

ein bißchen weiter links, nun immer mehr links, nun war nur noch der

hintere Schornstein unverkürzt zu sehen, nun glühte die Sonne auf der

Reederflagge am Toppmast, nun auf der Hamburger am Hintersteven, daß

die drei Türme auf dem blutroten Grunde wie Silber glänzten, nun

verhallte allmählich das Pfeifen der Sirene, nun kamen langsam die

ersten Wellen vom Schlag der Schraube herübergerollt, und nun war bald

alles versunken in dem goldgrauen Nebel, hinter dem Hamburg liegt, und

nur ein dünnes schwärzliches Rauchwölkchen stand jetzt noch eine Weile

im Osten, wie es vorher im Westen gestanden.

»Na, gottlob, gottlob!« seufzte Frau Tönnies und drückte Mietje noch

einmal an sich, ehe sie das Kind auf den Boden setzte. »Nu man flink,

Kinder, daß ihr die neuen Stiefel ankriegt, und ich muß den Rochen

aufsetzen -- in zwei Stunden kann Papa und Onkel Hartig hier sein.«

Plötzlich schien ihr etwas einzufallen. Sie kehrte auf halbem Wege um.

»Hinrich, mein guten Jung, wo is denn Fräulein Dehn geblieben?«

Als ob sie die Frage gehört, tauchte Manga Dehn aus dem Weidengestrüpp

weiter oben auf. Ihre Backen waren glühend rot, und die Sonne machte

ihre braunen Augen ganz durchscheinend; Hinrich starrte sie bewundernd

an.

»Frau Tönnies, ich bin auch so -- so recht glücklich. Sie haben solchen

guten Mann, Frau Tönnies.«

»Ach ja, einen guten Mann habe ich,« sagte die Kapitänsfrau und

lächelte tränenselig, »und sehen Sie, man kann doch jedesmal von

Glück sagen, wenn einer wohl und munter wiederkommt von das alte

Zentral«[26]. Sie mußte ihre Tränen abwischen. »Und Sie sind auch so'n

liebevolles Fräulein, und wenn das nach mir ginge -- haben Sie meinen

Bruder gesehen? Er hatte 'n weißen Hut auf.«

»Ich hab' alles gesehen! Das ganze Schiff! Adieu, Frau Tönnies, nu

wünsch' ich viel Vergnügen, und grüßen Sie Ihren guten Kapitän, und

wenn Sie allein sind« -- Manga blickte blinzelnd zu Boden -- »denn

komm' ich 'mal wieder.« Sie drückte ihr die Hand, küßte Mietje und

streichelte die andren. »Halt' dich gut, Hinrich, 'djüs Anna! Nein,

nicht mitgehn, seht lieber zu, daß ihr Mama was helfen könnt, die hat

noch viel zu tun! Meinen Sonnenschirm? Ach laßt nur, den kann ich mir

'n andermal holen.«

Einen Augenblick stutzte sie bei ihren eigenen Worten, ein schelmischer

Blick flog aus ihren hübschen klugen Augen in das arglose gesunde

Frauengesicht vor ihr, das zu allem »ja« nickte. Dann flatterte das

sommerliche Kleidchen wieder den Strandweg entlang, leuchtete noch

einmal als weißrosige Blüte zwischen den schwarzen Männerröcken auf der

Dampfschiffbrücke, und dann nahm der kleine Stader Dampfer sie auf, der

sich eben mit einem klagenden Abschiedswinseln in Bewegung setzte.

»Schade, Hartig is man dumm, sonst so'n kleine nette Deern,« sagte Frau

Tönnies vor sich hin, während sie den ungestalten eckigen Fisch in

Stücke zerhieb und große Hände voll Salz in den bereitstehenden Grapen

mit siedendem Wasser warf. »Wenn der Rochen nu man nich zäh is! Wenn

sie nu man nich eher kommen, als bis er gar is!«

Nein, Frau Tönnies hatte alles gut berechnet -- der Fisch war

butterweich, und das erste Lob des Kapitäns bei seiner Heimkehr galt

der Kochkunst seiner Blankeneserin, die doch einzig in der Welt solche

Fische zu kochen verstehe! Es war ein beglücktes Wiedersehn und ein

prächtiges gemeinsames Mahl; alle Kinder mit um den Tisch und Mietje

auf ihres Vaters Schoß; das wollte der Kapitän nicht anders, denn die

»kleine dumme Deern« hatte sich vor seinem großen Bart gefürchtet und

durchaus Onkel Hartig Papa nennen wollen. Onkel Hartig hatte zwar auch

einen großen blonden Bart, aber seine lustigen blauen Augen hatten

nicht den durchdringenden Blick des Kapitäns Tönnies, und seine Stimme

war weich und leise, während der Schwager auch zu Hause und mit den

Kindern das Kommandieren nicht lassen konnte. Neben dem kurzbeinigen,

braunen Tönnies sah der lange und breitschulterige Hartig Holert wie

ein großer Junge aus, obgleich sein Kopf mit dem krausen blonden Haar

etwas Löwenartiges hatte. Nur in der Haltung, hintenüber gebeugt,

die Hände in den Taschen, lag ein eigensinniges Selbstbewußtsein,

daß seinem Fortkommen von Jugend auf hinderlich gewesen. Die Furcht,

daß er irgend jemand »zu Füßen fallen solle«, wie er es ausdrückte,

um eines Vorteils willen, hatte zur Folge, daß er auch die kleinste

Verbindlichkeit des Benehmens scheute und wortkarg und trotzig vor

allen denen begegnete, die seine Vorgesetzten waren und ihn hätten

fördern können. So war es denn auch gekommen, daß er nun unter dem

Schwager als erster Steuermann diente. Hier war wenigstens keine

Gelegenheit, »sich anzuschmeicheln«.

»Smart is er nich, dein Bruder Hartig,« sagte Tönnies oft zu seiner

Frau, »wenn er nich so'n fixer Kerl wär', mit ›+Smartness+‹

hätt' er sich nich bis zum Offizier gebracht; aber da wird er nu woll

auch stehn bleiben.« Aber wenn seine Frau dann bekümmert aussehen

wollte, strich er ihr übers Gesicht: »Sei man still, das' all man

halb so schlimm, du bist je auch nich smart und hast mich doch zum

Mann gekriegt.« Und dann lachten sie zusammen und erzählten sich zum

wievielten Male die Geschichte ihrer Liebe am Bord des »Fotheringay«,

wo er noch zweiter Steuermann war und sie nach Plymouth fuhr, um ihre

Verwandten zu besuchen.

»Wenn du denn morgens so früh schon auf Deck warst und immer so

patent angezogen und mit 'n Arbeit in der Hand, -- Junge, sag' ich zu

mir, das' n' kleine süße, stille Deern, das gibt 'n saubere, fleißige

Frau. Kein büschen seekrank, keine Anstellerei, wie die meisten

Passagierinnen das machen, die immerlos stöhnen oder kreischen oder

lachen wie die richtigen Grienaapen[27], -- du, solche hätt' ich

nich genommen, und wenn sie 'n Sack voll Geld gehabt hätt'! Morgens

Klock zehn noch in der Kabine auf der faulen Haut, und um Mittag kaum

die Nase 'rausgestreckt, mit ungemachtem Haar und Morgenrock und

Schlarren[28] auf'n Deck 'rumzufaulenzen, wie wir diesmal 'n paar

wieder gehabt haben! ›Kapitän, hier zieht es! und hier rollt das Schiff

zu sehr, und hier stößt die Maschine,‹ weet Gott wat all! -- Bloß 'n

büschen freundlicher hätt'st mit mir sein können, ich wußt' ja gar

nich, wie ich da eigentlich an war. Ich hab' immer an meinen Knöpfen

abgezählt: mag sie dich leiden oder mag sie dich nich. Aber zuletzt im

Kartenzimmer --«

»Wie du die Sonne genommen hattest[29],« fiel Frau Tönnies glücklich

ein.

»Ja, daß du da immer 'reinkamst -- wo du nichts verloren hattest, und

denn gleich weggeguckt, wenn ~ich~ die Tür aufmachte -- schwubb

den Kopf umgedreht! Aber daß du rot geworden warst, hatt' ich doch

gesehen.«

Viel Zeit freilich zu diesen vergnüglichen Rückblicken und vertrautem

Beisammensein hatte das Ehepaar nicht. Die ersten vierzehn Tage

vergingen wie ein Tag und waren reich durch Bewegung und Arbeit

ausgefüllt. Tönnies und Holert hatten mit dem Löschen der Fracht

vollauf zu tun, mußten täglich an der Hamburger Börse erscheinen

und wegen neuer Ladung mit den Reedern verhandeln, es gab neue

Anmusterungen zu besorgen, -- endlich mußte das Schiff ins Dock

gebracht werden, weil es gar zu stark »angewachsen« war.

»Ganze Buschen sitzen an'n Boden, daß man das Schiff gar nich mehr

durchs Wasser schleppen kann«, erzählte Hartig seinem ältesten Neffen,

der immer um ihn herum war. »Weißt nich, was das is? Na, ihr könnt

uns 'mal morgen an Bord besuchen, mit alle Mann hoch. Wat seggst du,

Kaptein?« Er schlug seinem Schwager kräftig auf die Schulter. Ein

weniger gedrungener Mann als Tönnies wäre wohl unter der Liebkosung

zusammengeknickt. Der aber wandte sein braunes Gesicht lächelnd herum:

»+All right+, wenn Onkel Holert euch da traktieren will?«

»Ho, das wollen wir woll kriegen! Was, Hinrich?«

Hartig war den Kindern gegenüber von unerschütterlicher Munterkeit.

Sie waren seine Lieblinge, denn zu ihnen durfte man freundlich sein,

ohne daß es aussehen konnte, als »würfe man mit der Wurst nach dem

Schinken«. Sie vergaßen zu danken, wenn er ihnen etwas schenkte, aber

sie sprangen vor Freude, wenn er sie mitnahm oder sich sonst mit ihnen

beschäftigte. Dagegen war der Riese machtlos. Auch heute war großer

Jubel. Frau Tönnies strahlte mit ihren Kindern um die Wette. Ein

Besuch an Bord der »Maria da Gloria« gehörte zu den seltenen Genüssen

ihres einfachen Lebens, aber unerbeten, ganz von selbst mußte es

kommen. Darin war sie wie ihr Bruder. »Wenn ich das Papa sag', und

nachher is ihm das nich recht, und er sagt am Ende doch ja, weil er

uns das nich abschlagen mag, denn is mir das furchtbar unangenehm;

ich tu' das ja tausend gern, und die Kinder sind da ja ganz auf

versteuert, daß sie ihrem Papa sein Schiff besehn wollen, aber den

Mund mag ich mir da nich um verbrennen.« Frau Tönnies graute vor der

Möglichkeit des »Mundverbrennens« ebensosehr, wie ihrem Bruder vor dem

Fußfall; man sah es auch ihren Lippen an, sie waren immer ein bißchen

schmal zusammengedrückt, was ihrem sonst so offenem Gesicht einen

ängstlich-vorsichtigen Ausdruck gab. Nun aber legte sie mit großer

Genugtuung die Ausgehkleider der Kinder zurecht und prüfte ihr eigenes

neues Schwarzseidenes, das, wie sie lobend hervorhob, so »dick und so

hart wie'n Brett sei, was den Stoff anbetreffe«.

Hartig Holert guckte gedankenlos mit in den Kleiderschrank; auf

einmal aber bekamen seine Augen Leben. Er faßte mit der breiten Hand

vorsichtig in die Ecke des Schrankes und brachte zwischen Daumen und

Zeigefinger ein zierliches, spitzenbesetztes Sonnenschirmchen mit einem

weißen Griff heraus, auf dem ein goldenes +M. D.+ glänzte.

»Hallo!« sagte er, und eine Art von Rührung, von Wiedersehensfreude lag

in dem Ausruf.

Frau Tönnies nahm ihm das kleine Ding mit ängstlicher Eile ab.

»Herrjes, Hartig, brich man bloß den Schirm nich kaputt. Der hört

Fräulein Dehn zu.«

Hartig fuhr von dem Schrank zurück und schüttelte erschrocken seine

Hand. Ob im Ernst oder Scherz, das war seinem Gesichte nicht anzusehen.

»So is dat! Na, kannst es je man gleich sagen, Stine.« Und mit großen

Schritten machte er sich aus dem Staube. Die Treppe knarrte unter

seinem Gewicht. Plötzlich schien seiner Schwester ein Einfall zu

kommen.

»Hartig, hör doch 'mal!« Obgleich er schon auf der vierten

Treppenstufe hielt, reichte sein großer heller Kopf doch noch bis in

den dämmrigen Vorplatz, als er sich umwandte.

»Na, Stine, min Deern?«

»Du, ich denk' eben, sie hat ihn hier vergessen, aber nu braucht sie

ihn am Ende -- du bist ja bei Inspektor Dehn bekannt.«

Hartig sah sehr einfältig drein. »Ja, denn laß sie ihn man holen. Wat

geiht mi dat an?«

»Kannst ihn nich mit hin nehmen, Jung?«

Holert kam eine Stufe näher. »Ja, das wär' nüdlich, Stine, ich nu so

mit'n seidenen Sonnensegel überm Kopf! Haben Sie sonst noch Smerzen,

Madam?« Er lachte, daß die Bruthenne, die im oberen Bodenraum auf ihren

Eiern saß, vor Schrecken vom Nest flog und laut gackerte. Frau Tönnies

lachte auch, wollte sich's aber nicht merken lassen.

»Achhott, Jung, wenn ich ihn dir nu fein in Seidenpapier einwickel',

und du gibst ihn bloß ab?«

Holert wurde ernst. »Stine, du büst je woll 'n beten dull! Wat hew ick

mit so'n Kram to kriegen? Mit den Inspektor dor heet dat: goden Dag und

goden Weg.« Er zog mit der Hand eine schnurgerade symbolische Linie

zwischen sich und dem Inspektor durch die Luft. »Adjüs, Stine!«

Er ging aber nicht, sondern wiegte sich, die Hände in den Taschen, auf

den Zehenspitzen auf und ab.

Seine Schwester stellte sich ganz mit dem Gesicht in den Schrank hinein

und strich an ihrem seidenen Kleide herum.

»'n kleine nüdliche Deern is das so weit, Hartig.«

Der Seemann legte die Hand ans Ohr und kniff ein Auge zu. »Wokein[30],

Stine?«

»Herrjes, Jung, Inspektor Dehn seine Tochter.«

»Er hat ja drei Stück, Deern.«

»Ach, Hartig, die zwei andren gehn ja noch in Schule.« Frau Tönnies

sprach beharrlich in den Kleiderschrank, so daß ihre Stimme einen

dumpfen fernen Klang bekam.

Hartig Holert rüttelte am Treppengeländer und pfiff gedankenvoll vor

sich hin.

»Du, Jung, ich glaub', sie mag dich leiden.« Der Steuermann brach in

ein heftiges gezwungenes Lachen aus.

»Wat du klok[31] büst.«

»Ich glaub' das ganz gewiß.« Stine hätte ihre Mitteilung unterstützen

können, wenn sie zu Hartig hingegangen wäre und den Arm um seinen

Hals gelegt hätte, -- aber sich mit seinem Bruder handgemein machen,

das war in ihrer Familie keine Mode. Er schien auch schon übergenug

von der Vertraulichkeit zu haben, denn er machte ein paar Schritte

treppabwärts. Doch kehrte er noch einmal um und sagte obenhin: »Na,

heb' den Schirm man gut auf -- wenn die Gören bei den Schrank gehn --«

Frau Tönnies warf sich in die Brust: »Meine Gören sollten bei meinen

Kleiderschrank gehn? Der is ja immer zugeschlossen.«

Der große Mensch sah vor sich nieder. »Sonst, wenn er da am Ende nich

sicher steht -- --«

»Herrjes, setz' du ihn weg!« rief die Schwester erfreut, und eilig

wollte sie ihn ihm in die Hand drücken. Aber, sei es, daß er aus

Verlegenheit nicht zugreifen mochte, oder daß ihm das Ding zu

zerbrechlich aussah, -- das Schirmchen fiel zu Boden, und der hübsche

weiße Griff mit den goldenen Anfangsbuchstaben sprang entzwei. Frau

Tönnies schlug die Hände zusammen, Hartig wurde blaß und blickte

hilflos auf das Unheil. Dann sah er seine Schwester an, und eine rote

Wolke zog über seine ungebräunte Stirn.

»Bün ick dat west?« murmelte er sehr erschrocken. »Is dat lüttje

nüdliche Dings ganz entzwei?«

Er getraute sich nicht, die Stücke aufzusammeln, Frau Tönnies tat es

und stieß dabei bedauernde Seufzer aus. »Er stand da nu so gut! Hätt'

ich ihn doch stehn lassen!« Dann, als sie ihres Bruders reuevolle Miene

sah, der den Kopf hängen ließ, als sei ihm ein Unglück widerfahren,

richtete sie sich stramm auf: »Dat kann woll wedder makt warr'n. Komm,

mein Jung, bring' ihn man miteins hin! Bei Klintwort im Laden, oben in

der Hauptstraße.« Sie suchte hastig ein Papier hervor.

Der Seemann stand noch eine Weile bedenklich und kopfschüttelnd. »Ick

wull dat nu recht good maken, und nu mutt mi düt passieren.« Die

Schwester schob ihm das Päckchen untern Arm. »Je, denn mutt ick da je

nu doch woll mit los.« Seufzend und mit spitzen Fingern trug er das

verhängnisvolle Paket in seine Kammer.

»Tönnies,« sagte abends die Kapitänsfrau, als sie mit ihrem Mann allein

war, »is es dir recht, wenn ich morgen die kleine Dehn mitnehmen tu'?

Sie hat mich da all immer um gebeten.«

Der Kapitän nickte bereitwillig. »Ein Frauenzimmer mehr oder weniger,

da kommt es denn auch nicht auf an. Und Dehn seine is 'n kleine hübsche

Deern, das bringt Glück an Bord.«

Frau Stine räusperte sich: »Wenn das so meinem Bruder seine Frau werden

täte, Tönnies?«

Der Mann lachte. »Aha, nu soll der auch dran glauben. Je, hör' 'mal,

Stine, er sagte neulich, er hätte schon 'ne Braut.«

»Wo kann's angehn!« Die Frau wurde rot vor ärgerlicher Überraschung.

Sie wollte es durchaus nicht zugeben. »Er hat da woll man seine

Putzen[32] mit betrieben; er kann das so natürlich machen, als wenn das

sein Ernst is, und denn nachher is' doch man all 'n Jux gewesen.«

Das nahm nun der Kapitän beinah krumm, daß Hartig Holert, der so gar

nicht smart war, ihn hätte zum Narren haben können! »Stine, was ich dir

sag', er hat da 'ne Photographie in seinem Taschenbuch und beguckte sie

gerade sehr genau, als ich in seine Kammer kam.«

»Hast du sie denn gesehn? Wie sah sie denn aus, Tönnies?« Stine rückte

unruhig näher.

»Je, zeigen wollt' er sie ja nich, er is ja so'n ollen

Dwarsdriever[33], de ümmer na sin eegen Kopp gahn mutt. Als ich da mehr

von wissen wollte, sagte er, die Sache wär' nämlich, die Braut wüßte da

noch gar nichts von ab, aber mit ihm wär' allens in Richtigkeit.« Die

Gatten lachten um die Wette.

»Wenn du auf der ›Maria da Gloria‹ 'n Heiratskontor einrichten willst,

denn such' dir man 'n ander Paar aus -- din Broder hett all sin

Bekummst[34],« meinte Tönnies.

»Ehe er die drei Reifen nich hat, eher heirat' er nich,« sagte Stine

zuversichtlich, »dafür kenn' ich ihn.«

»Denn ward he woll sitten blieben, -- he hett dulle Küren[35].« Mit

einem bedeutsamen Gähnen unterbrach der Kapitän die Unterhaltung. -- --

Am andern Morgen wanderte ein langer Zug, Frau Tönnies mit allen

Neunen, nach dem Pinnasberge am Hamburger Hafen, um Fräulein Dehn

abzuholen. Der Kapitän und der Steuermann, die schon um sieben Uhr

früh nach Hamburg gefahren waren, wollten sie auf den Vorsetzen an

der Landungsbrücke treffen, wie die Kinder dem jungen Mädchen jubelnd

entgegenschrien.

»Erst sind wir mit 'n Stader Dampfer von Blanknese 'raufgefahren, und

nu fahren wir mit der Ringbahn nach'm Steinhöft, und denn fahren wir

mit 'n Fährdampfer nach'n Dock auf'n Reiherstieg 'rüber! Mit drei

Dinger fahren wir heute, Tante Manga!«

»Junge, das is fein!« rief Klaus und schnalzte mit der Zunge.

»Ja, ich freu' mir da auch recht zu«, sagte der kleine stämmige Jasper

mit bedächtigem Händefalten.

»Jasper Dickwust[36]!« lachten und spotteten die Kinder und tanzten um

den drolligen Kleinen herum.

Manga Dehn war fast ebenso wirbelig wie die Kinder. Sie sagte nicht

viel, aber in ihren braunen Augen sprühten helle Goldpünktchen, und

ein lebhaftes Rosenrot färbte die runden Wangen. Im Nu hatte sie ihr

graues Hauskleidchen abgestreift und das blumige, helle übergeworfen.

Ein weißer Strohhut mit einer schönen Straußenfeder, die einmal ein

seefahrender Onkel direkt aus Afrika mitgebracht, deckte den glänzenden

Flechtenknoten; die weiße Stirn mit den krausen braunen Löckchen war

frei.

»Wie süß von Ihnen, daß Sie mich mitnehmen wollen!« Manga umarmte

Frau Tönnies, aber die Sache gelang nur zur Hälfte; die Gegenbewegung

fehlte, Stine war nicht impulsiv.

»Na, fragen brauchen Sie gar nich, ob Sie mit dürfen, nich?« fragte sie

etwas abwehrend. »Ihr Papa is im Kontor und Ihre Schwestern in Schule,

und das Mädchen kocht das Mittagessen! Süh so, Fräulein Dehn kann woll

lachen.«

Manga entschuldigte sich sehr wegen ihrer bequemen Verhältnisse. »Schön

soll es sein? Furchtbar langweilig ist es, Frau Tönnies! Aber ohne

Mädchen, das will Papa nicht, dann wär' ich ja ganz allein.«

Das halbdunkle, steifmöblierte Zimmer war kein richtiger Hintergrund

für die helle mädchenhafte Gestalt; das fiel wohl auch Frau Tönnies

auf. Sie musterte bedenklich das sommerliche Kleid.

»Herrjes, so hell sind Sie? Nee, ich bin ganz dunkel, ich bin immer für

das Praktische. Ziehn Sie man lieber 'n Regenmantel über, auf den alten

Fährdampfern is das immer furchtbar schmutzig, nichts wie Sott[37]!«

Das junge Mädchen ließ die Lippe hängen; schönes Wetter, eine liebe

Begegnung in Aussicht, und dazu -- einen Regenmantel! »Ich nehm' ihn

übern Arm,« sagte sie mit abbittendem Lächeln, -- »und nun noch den

Sonnenschirm!«

Frau Tönnies wurde verlegen. »Je, mitgebracht hab' ich ihn nich,«

platzte sie heraus, »weil --«

Aber natürlich nicht! Wer konnte Frau Tönnies so etwas zumuten!

Fräulein Dehn war ganz entsetzt bei dem bloßen Gedanken daran und sah

durchaus keine Notwendigkeit ein, den Sonnenschirm fürs erste wieder zu

bekommen.

»Nehmen Sie meinen so lange«, bemerkte die Frau, die von der

Vorstellung des zerbrochenen Schirms gepeinigt wurde, und durch

dies Anerbieten, das natürlich nicht angenommen ward, einen wahren

Dankeswirbel in der bewegten Seele des jungen Mädchens verursachte.

Mietje zwischen den zwei Erwachsenen, Jasper zwischen den ältesten

Kindern, die fünf anderen im Gänsemarsch hinterdrein, so langten sie

endlich bei den Männern an, die mit etwas genierten Gesichtern den Hut

zogen.

»Mama, Onkel hat zwei große weiße Tüten, da sind gewiß Kuchen in«,

flüsterte Anna.

»Rohmtorten[38]«, sagte Jürgen in Phitjes Ohr. Ein erwartungsvolles

Lächeln sprang von einem Kindergesicht aufs andere über. »Jasper,

Dickwust, zieh' deine Beine 'n büschen nach, Onkel hat Rohmtorten.«

Kapitän Tönnies begrüßte Fräulein Dehn mit viel Galanterie, trat sofort

an ihre Seite und nahm sie, lebhaft sprechend und lachend, ganz in

Beschlag. Nach den Kindern sah er nicht viel hin -- auf der Straße und

vor Fremden fand er oft, daß neun Kinder zu haben doch ein bißchen

unschicklich sei. Hartig war halb durch Tönnies', halb durch eigene

Schuld weit hinten geblieben und steckte mit befangener Miene seiner

Schwester die Kuchentüten zu: »Nu trag' du sie man, nu mag ich das nich

mehr.« Und dann flüsterte er, ganz beklommen: »Du, sag' ihr man nich,

daß ich ihren Schirm kaputt gemacht hab', sonst geh' ich direkt nach

Hause.«

Beim Einsteigen ins Fährboot waren Tönnies und Manga Dehn die ersten;

sie saßen schon auf den niedrigen Holzbänken, über deren Unsauberkeit

der Kapitän eine laute Rede hielt, als die übrigen dazu kamen. Hartig

mit Mietje auf dem Arm warf einen kurzen unmutigen Blick auf Tönnies'

glänzendes Antlitz, dann stellte er sich am entgegengesetzten Ende des

kleinen Dampfers mit dem Rücken gegen die Maschine und sah starr in das

gelbgraue Wasser, das hier und da von schwimmendem Petroleum in allen

Regenbogenfarben spielte. Hinrich stand neben ihm, aber heute bekam er

nur kurze Antworten. Er folgte mit den Augen einem winzigen Fahrzeuge,

das schnell wie ein summender Käfer mit rotstreifigen Flügeldecken

zwischen den massigen, schweren, dunklen Schiffskörpern dahinschoß.

»Guck 'mal, Onkel, so'n kleine Petroleumbarkaß[39], die möcht' ich

woll haben, kost' man 12 bis 15000 Mark, sagt Papa.« Und als der sonst

so freundliche Hartig stumm blieb, verstummte auch der Knabe, bis das

Boot am Werftplatz landete. Immer noch war der Kapitän mit dem Fräulein

voran -- Manga aber verlangsamte zuweilen ihren Schritt und schien nur

mit halbem Ohr zu hören. Sie blickte nicht mehr so munter wie vorhin;

oft wandte sie den Kopf. »Ihre Frau ist so weit zurückgeblieben, wir

müssen wohl 'n bißchen warten.«

»Ach, Stine läuft mir nicht weg,« lachte Tönnies, »die Frauenzimmer

sind anhängliche Geschöpfe, kommen Sie man.«

»Die kleinen Kinder --« begann das Fräulein und sah sich abermals um.

»Die sind auch an Brot gewöhnt, die wollen woll zulaufen, +go

ahead, go ahead+!« Er machte eine seiner kurzen energischen

Kopfbewegungen, die sowohl ihr wie den Kindern galt. Das Mädchen

gehorchte mechanisch, mußte auch, um Tönnies' Worte zu verstehen,

dicht neben ihm bleiben. Denn der ohrenbetäubende Lärm, der von den

vielen Ambossen, besonders aber vom Maschinenhause hertönte, zerriß die

Unterhaltung, wenn man sich nur ein wenig voneinander entfernte. Dazu

zwangen die Schienengeleise, die quer über die Arbeitsstätte liefen,

die aufgestellten Maschinen in vollem Betriebe, die Eisenplatten und

Schraubenschäfte, die den nassen Boden bedeckten, fortwährend zum

Ausbiegen, Sichbücken, Zurseitespringen. »Wir machen das so«, sagte

der Kapitän zuletzt und zog Manga Dehns Arm, den er schon längere Zeit

festgehalten, durch den seinigen, ohne die allerliebste Schmollmiene

der Kleinen zu beachten. »So können Sie nich fallen und mir nich

auskratzen, was Sie, glaub' ich, furchtbar gern möchten. Nu, Augen

geradeaus, da haben wir die ›Maria da Gloria‹, da steht sie, frei auf

den eisernen Schlagbetten, -- en anständiger Kasten, was?«

Beim Anblick des riesigen, in frischem rotem und schwarzem Anstrich

leuchtenden Dampfers, der sich wie ein hohes Haus vor ihren Augen

aufbaute, brachen die Kinder in ein verwundertes Jubeln aus. Nun blieb

auch der Kapitän stehn und lachte den Nachkommenden entgegen: »Na, wie

gefällt euch das junge Brautpaar?« sagte er mit einem schadenfrohen

Blinzeln zu Hartig hinüber, indem er Mangas widerstrebenden Arm mit

Herausforderung fester unter den seinen schob.

Frau Tönnies nickte süßsäuerlich. »Süh, das is ja nett, denn bin ich

woll ganz ausgetan?« Es sollte ein Scherz sein, aber er wäre ihr besser

gelungen, wenn das junge Mädchen nicht das helle Kleid angehabt hätte,

-- sie sah ein bißchen zu niedlich aus. Hartig Holert aber, mit vor

Unmut wetterleuchtender Stirn, wandte die Augen ab, als ob ihm der

Augenblick weh tue.

»Komm, Hinrich, du wolltest ja sehen, was an so'n Schiff anwächst,

guck, hier liegt es noch, all die rötlichen Dinger, Seepocken heißen

sie.«

Er nahm den Jungen an die Hand, und der ganze Zug marschierte rund um

den Kiel, zuletzt drunter durch, um die Kalkgehäuse aufzusammeln, die

muschelartigen feingerippten Zapfen, die den Kupferboden des Schiffes

bedeckt hatten und nun abgekratzt worden waren. Mit einem plötzlichen

Entschlusse, der ihr alles Blut ins Gesicht trieb, zog Manga Dehn ihren

Arm aus dem des Kapitäns und trat zu den Kindern.

»Zeigt mir das auch 'mal, bitte, Hinrich.«

Tönnies tat, als wolle er sie wieder einfangen: »Fräulein Dehn, wahren

Sie sich bloß vor meinem Steuermann«, warnte er laut.

»Warum?« rief das junge Mädchen, den Kopf aufwerfend, daß all die

Löckchen um ihre Stirn bebten.

»O, das is'n böser Mensch, der is so furchtbar hinter den nüdlichen

Mädchen her. Is' nich wahr, Hartig?«

»Gott sei Dank, nee!« brummte Holert mit grober Stimme, indem er

die Handvoll Balanusschalen zurückzog, die er gerade dem Fräulein

hatte zeigen wollen. In etwas gesunkener Stimmung gingen sie den Weg

zurück, bis zu der Treppe, die über eine hohe, lange, frei in der

Luft schwebende Brücke auf das Schiff führte. Stine trug Mietje,

Hartig hob Jasper auf seinen Arm, der Kapitän, die Hände auf dem

Rücken, marschierte voran, Manga Dehn führte Phitje und Jürgen und

klammerte sich mehr an die Kinder, als daß es umgekehrt gewesen wäre.

Als sie das Deck betraten, kam ihnen bellend und freudewinselnd der

kleine graubraune fuchsköpfige Hund entgegen, den sie aus Südamerika

mitgebracht hatten.

»Die Feuerländer Hunde bellen auch? Wie merkwürdig! Alle Hunde sprechen

eine Sprache! Denk' 'mal, Mama.«

»Nu trinken wir 'mal erst Kaffee,« sagte der Kapitän, der mit dem

Betreten seines schwimmenden Hauses auch die Vaterrolle wieder aufnahm,

»nu man alle in den Speisesaal; Stine, gib den Kuchen her, der Steward

kann ihn auf'n Teller legen.«

Hartig schmiß eine Tüte klatschend auf den Tisch, Tönnies lachte

spöttisch und mißbilligend. »Was spielst du denn heute für 'n

Zwickel[40]?« sagte er halblaut zu ihm.

Ein breites: »Lat mi in Ruh'!« war die Antwort. Verstohlen blickte er

dabei nach dem Mädchen, das die Schlingpflanzen auf dem Marmortischchen

bewunderte und sich gleichzeitig vor dem Spiegel, den die grünen

Blätter einrahmten, den Hut abnahm und das Haar glättete.

Plötzlich hörte er ihre Stimme in ganz ergriffenem Tone sagen: »Bitte,

was sind denn das für Gewächse, Herr -- Herr Holert?«

Er blinzelte heftig vor Überraschung, sein Gesicht erhellte sich.

»+Sweet potatoes+[41], Fräulein Dehn«, sagte er unbehilflich über

die Schulter weg.

Manga steckte einen losgegangenen Zopf fest. »Sehn Sie 'mal, kommen sie

aus ~diesen~ Knollen?«

Nun mußte er doch an ihre Seite treten. »Ja, da wachsen sie 'raus,

und denn so hoch.« Beide erhoben die Augen und erblickten sich

nebeneinander im Spiegel, beide mit errötenden, frohbeklommenen

Gesichtern. Einen kurzen, verräterischen Augenblick sahen sie sich in

die Augen, prüfend, vorsichtig.

Da schlug Kapitän Tönnies seinem Schwager von hinten auf den Rücken.

»Junge, verguck' dich nich! Fräulein Dehn, lassen Sie sich nichts

weismachen, he lüggt[42].«

Der Steuermann sah Tönnies ins Gesicht, als könnt' er ihn erwürgen.

Sein Humor war ihm gänzlich abhanden gekommen. Es war gerade keine

Liebkosung, was er murmelte, wie er beiseite trat.

»Pfui, Kapitän Tönnies,« sagte Manga leise, »das ist gar nicht nett von

Ihnen. Herr Holert hat es übelgenommen.«

Diese Vorstellung amüsierte den kleinen braunen Mann außerordentlich.

»Na ward' good! Nu krieg' ich noch Ausschelte zu! Was ich Ihnen sag',

Fräulein, der Mann is gefährlich! Wenn er so steht und die Zunge im

Mund hält, -- denn is das viel ärger, als wenn ein anderer Ihnen den

Sirop fingerdick aufstreicht, glauben Sie mir.«

Der Kaffee erschien, hereingetragen von einem freundlich grinsenden

jungen Mulatten, über dessen Anblick die Kinder fast die Rahmtorten

vergaßen. Fräulein Dehn setzte sich dicht neben Frau Tönnies mit dem

unerschütterlichen Vorsatz, ihr nicht wieder von der Seite zu weichen,

ein Vorsatz, der in Gestalt eines kleinen trotzigen und kampfmutigen

Lächelns gegen den braunen Kapitän beständig um ihre roten Lippen

schwebte und sie für Hartig zu einem reizenderen Anblick machte als je.

Tönnies war sehr liebenswürdig nach rechts und links. »Stine, dein

Kaffee schmeckt besser, alles was recht is«, bemerkte er zu seiner

Frau. »Junge, bedien' dich, du weißt ja selbst, daß es bezahlt is«,

damit schob er seinem Schwager den Kuchenteller zu. --

»Das haben wir schon wieder 'mal gehabt«, seufzte Stine, als sie sich

erhoben. Mit aufmerksamen Blicken, wie um sich alles recht einzuprägen,

ging sie umher. Der Kapitän hatte sich allmählich zu ihr gefunden. »Ich

muß auch 'mal in deine Kammer, Tönnies«, sagte sie sanft.

»Ja, das tu' du man, da find'st du 'n ganze bekannte Gesellschaft.« Er

öffnete die spiegelblanke Tür und zog sie mit sich herein. Manga sah

das Ehepaar vor dem bankartigen Sofa stehen; die Wand darüber war ganz

mit Photographien bepflastert.

»So sahst du damals aus, Stine.«

»So sah ich damals aus.«

»Und das kriegte ich mit auf meine Hochzeitsreise, die ich man leider

allein machen mußte.«

»Und da bist du als Bräutigam.«

Leise schlich das junge Mädchen von der Tür weg und zog ein paar der

Kinder mit sich, die hineingewollt hatten.

»Scht! Papa und Mama haben was zu sprechen.«

Bald aber wurde sie gerufen: »Fräulein Dehn, gucken Sie 'mal, da war

Hinrich zwei Jahr, sieht er nich ganz aus, wie Mietje jetzt?« Und der

Kapitän hielt sein jüngstes Kind auf den Armen und wiegte es auf und

ab, und Stine verglich es mit der Photographie.

Inzwischen schlenderte der Steuermann auf dem Deck umher und witschte

alle Augenblicke in seine Kajüte. Dort auf dem festgeschrobenen

Tischchen lag ein Paket, ein Gegenstand in rosa Seidenpapier

gewickelt, länglich schmal. Den mußte er immer betrachten, betasten,

-- zweimal hatte er ihn schon draußen gehabt, ihn aber immer wieder

zurückgetragen. Als er das geheimnisvolle Etwas wieder einmal mit

zärtlichen und doch scheuen Blicken liebkoste, stolperte Anna herein

und wollte durchaus wissen, ob das etwas Mitgebrachtes für sie sei. Mit

desperater Miene drängte er das Kind hinaus und verschloß die Kammer

hinter sich, -- den Schlüssel versenkte er tief in die Tasche. Anna

betrachtete ihn aufmerksam: »Onkel, du hast heute immer 'n roten Kopf,

und Tante Manga hat auch 'n roten Kopf, -- ich weiß aber woll warum!«

setzte sie mit schlauem Gesicht hinzu.

Vom köstlichen Humor · 第 7 / 21 题