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DIE CIGARETTE
EIN VADEMECUM FÜR RAUCHER
von
Stephan Dirk
Herausgegeben von der Reemtsma A. G.
VERLAG FÜR INDUSTRIE-KULTUR
LEIPZIG 1924
Alle Rechte,
insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
Copyright 1924 by Verlag für Industrie-Kultur,
Leipzig
Druck von Günther, Kirstein & Wendler in Leipzig
INHALTSVERZEICHNIS
Seite
Die Bedeutung der Cigarette für die Allgemeinheit 7
Unterlagen zur Beurteilung einer Cigarette 21
Das Mischungsproblem 32
Die Fabrikation der Cigarette 38
Die wichtigsten Arten des Orienttabaks 44
Über die Genußwirkung des Tabaks 65
Eine Psychologie der Raucher 81
Über die Kultur des Cigarettengenusses 96
Es gibt wenig Genußmittel, die für die Menschheit eine so
verallgemeinerungsfähige Bedeutung gefunden haben wie die Cigarette,
und es ist deshalb besonders verwunderlich, daß man in den
breiten Raucherkreisen über die Herkunft der Cigarette und ihre
Unterschiedlichkeiten so wenig Kenntnisse antrifft.
Es gibt wohl sehr viele Weinkenner, die einen Pfälzer von einem
Steinwein und einen Mosel gegenüber einem Rheingauer nicht nur an
Flaschenformen und Flaschenfarben unterscheiden können oder sogar
innerhalb enger Gebiete gleichartige Weinarten noch nach Lage,
Jahrgang und Auslese bestimmen; es mag auch eine ziemlich große Anzahl
Cigarrenraucher geben, denen die Geschmackseigenarten bestimmter
Sumatra-, Brasil-, Virginiapflanzen usw. bekannt sind, aber die
Cigarette hat trotz ihrer großen Bedeutung bis heute nur wenig
Freunde gefunden, die sich auch mit den Feinheiten unterschiedlicher
Provenienzen und unterschiedlicher Mischungen beschäftigt haben.
Es mag die allgemeine Unkenntnis über die Cigarette mit ihrer
verhältnismäßig kurzen Verbreitungszeit begründet werden können;
aber die eigentliche Ursache wird darin zu suchen sein, daß sich die
Cigarettenraucher noch kaum darüber klar sind, wie außerordentlich
mannigfaltig Orienttabake sind, und wie weit ihre Verarbeitung und
Mischung an Kompliziertheit und Schwierigkeit alles übertrifft, was
bisher bei der Fabrikation von Genußmitteln in Betracht kam. Noch
heute kann man häufig die Meinung vertreten finden, daß der Inhalt
einer Papierhülse ziemlich gleichgültig ist, wenn nur überhaupt ein
echter Tabak verwendet wurde. Nach dem Kriege nahm man auf Grund der
Zwangswirtschaftserfahrungen sogar allgemein an, daß es wirklich
reine Orientcigaretten kaum gibt, und daß selbst eine wesentliche
Untermischung mit deutschen Tabaken und Surrogaten geschmacklich
kaum feststellbar ist.
In Wirklichkeit sind die heutigen Raucher weitaus verwöhnter, als sie
selbst wissen. Wenn es manchem Unternehmer vor dem Kriege gelingen
konnte, mit gestreckten und gefälschten Orienttabaken auch auf dem
freien Markt noch Abnehmer in genügender Anzahl zu finden, so dürfte
dies heute, sogar unter dem Zwang der hohen Preise für importierte
Tabake kaum mehr möglich sein, ohne daß er die größten Gefahren für die
Weiterentwicklung seines Unternehmens heraufbeschwört. Das durch die
Kriegserfahrungen geschärfte Mißtrauen gegen Ersatzgenußmittel hat für
heute eine Qualitätsforderung gebracht, an die vor dem Kriege niemand
denken konnte, und die vor allen Dingen auch den Rauchern selbst gar
nicht zum Bewußtsein kam.
Der Krieg und die Nachkriegsjahre, die ja in vieler Hinsicht an Stelle
langsamer Entwicklung einen raschen Umschwung gebracht haben, haben
gezeigt, wie sehr die Cigarette dem Bedürfnis unserer Generation
entspricht. Bis gar nicht so lange Zeit vor dem Kriege war die
Cigarette eigentlich eine nur wenig anerkannte Nebenerscheinung der
Cigarre. In der Meinung kultivierter Raucherkreise blieb sie bis zu
einem gewissen Grade das unkultivierte Requisit von unreifen Jünglingen
und zweifelhaften Existenzen, die ohne Geschmacksverfeinerung und
wirkliche Genußfähigkeit ein gleichgültiges Fabrikat in einer
überflüssig eleganten Form verbrauchten. Wie mancher Vater hat
damals seinem herangewachsenen Sohne das Rauchen unter der Bedingung
gestattet, daß er bei einer vernünftigen ordentlichen Cigarre bliebe
und nicht der Geschmacklosigkeit der überdies weitaus schädlicheren
Cigarette anheimfiele.
Die Cigarette wurde gegenüber der Cigarre lange Zeit geringschätzig
beurteilt. Als besonderes Abschreckungsmittel wurde die schädliche
Wirkung des verbrannten Papiers und weiterhin die Zweifelhaftigkeit
des Inhalts betont, zu dem ein richtiger Cigarrenraucher ja tatsächlich
keine Stellung finden konnte. Das alles aber hat das rasche Anwachsen
der Bedeutung von Cigaretten nicht aufhalten können, und heute wird
ihr Antagonist, die Cigarre, sowohl in der Zahl der Anhänger wie in
wirtschaftlicher Hinsicht durch die Cigarette weit übertroffen.
Wenn die Wandlungen menschlicher Genußbedürftigkeit im Laufe der
Zeiten auch kaum einer aburteilenden Kritik unterworfen werden können,
so ist der Rückgang der Cigarre gegenüber der Cigarette doch sehr zu
bedauern. Denn mit der Cigarre wandert wieder einmal ein Bild alter und
feiner Lebenskultur in die Vergangenheit. Eine wirkliche Raucherkultur
wird heute noch sehr selten mit der Cigarette verbunden; ihr Dasein
ist hierzu noch zu jung. Aber es wäre sehr wünschenswert, wenn die
Cigrettenraucher etwas von der alten Cigarrenraucherkultur lernen
könnten und auf dieser Tradition eine wirkliche Cigarettenkultur
aufbauen würden. Es ist deshalb wünschenswert, weil sich mit der
Kultur solcher Lebensgewohnheiten regelmäßig auch eine Kultivierung
der Lebensformen überhaupt gleichzeitig zu entwickeln pflegt, und weil
außerdem mit einer Kultur der Genußmittel der für die Volksgesundheit
beste harmonische Ausgleich der Kontraste des menschlichen Lebens
erreicht wird.
Man könnte auch sagen, daß eine Kultur der Genußmittel die
Schädlichkeit derselben auf ein Mindestmaß beschränkt, aber man
würde damit eine unrichtige Beurteilungseinstellung gegenüber
den narkotischen Genußmitteln im allgemeinen und gegenüber der
Cigarette im besondern einnehmen. Wohl scheinen die Meinungskämpfe
für und gegen irgendwelche Genußmittel und damit die Betonung oder
Ableugnung der Schädlichkeit von Alkohol, Tabak, Kaffee usw. kein Ende
nehmen zu wollen, aber der Einsichtige weiß, daß mit der einfachen
Schädlichkeitsfeststellung für den menschlichen Organismus noch keine
Entscheidungsbasis für solche Streitigkeiten gewonnen sein kann. Wir
wissen heute, daß der Mensch ein Mittelpunkt für Kraftansammlung und
Kraftverbrauch, für Kräfte und Gegenkräfte, Gifte und Gegengifte,
körperlich fördernde und körperlich schädigende Einflüsse ist. Die
eine Seite ist nicht ohne die andere Seite denkbar. Ein Körper, an
den geringe Kräftebeanspruchungen gestellt werden, wird wenig Kräfte
sammeln können. Worauf es ankommt, ist nur das Gleichgewicht, und was
vermieden werden muß, ist nur ein Gleichgewicht zerstörendes Übermaß
auf der einen wie auf der anderen Seite.
Außerdem ergibt das menschliche Leben so viele und vor allem so starke
Beanspruchungen des Nervensystems, daß die angenommene Schädlichkeit
des Tabakgenusses dagegen nur gering erscheint.
Wenn noch dazu der Nachweis erbracht wird, daß nervöse Spannungen des
Menschen durch den Tabakgenuß eine beruhigend-harmonische Auflösung
erfahren können, so bedeutet dies die Anerkennung eines positiven
Wertes des Tabaks. Solche nervöse Spannungen lassen sich keineswegs
im Leben vermeiden, wie es die Naturapostel verlangen, und solange
dies der Fall ist, wird das Bedürfnis nach einem Ausgleich immer
wieder Genußmittel suchen, die einseitig starke geistige Leistungen
kompensieren können. Es ist charakteristisch, daß einerseits die
Gesundheitsfanatiker extremer »Anti«-Bestrebungen meist selbst
körperlich und geistig nicht sehr kräftig sind, und daß es andererseits
niemandem gelungen ist, den Nachweis zu erbringen, daß durch
ängstliches Vermeiden größerer Kräfteanspannungen des Gehirns und des
Körpers das Leben verlängert werden kann. Selbstverständlich müssen
Kräftebeanspruchungen der jeweiligen Leistungsfähigkeit des Menschen
entsprechen. Bei solchen Streitfragen sind Meinungen eigentlich
immer Ergebnisse ganz persönlicher Erfahrungen und Empfindungen. Das
einzige objektive Vorbild, das die Forderung eines »naturgemäßen«
Lebens vorweisen kann, ergibt das Tier, denn es gibt keine auch noch
so primitiven Menschenrassen, die für Enthaltsamkeit nachweislich
als Vorbild Geltung behaupten können. Wir wissen aber, daß der
Mensch im Gegensatz zum Tier geistigen Anforderungen genügen muß,
die in gar keinem Verhältnis mehr zum Körper stehen. Schon die
einfachen Nervenbeanspruchungen des täglichen geistigen Lebens sind
im eigentlichen Sinne der Naturapostel derartig ungesund, daß jeder
Vergleich mit Lebewesen, die nur ihrer Gesundheit und natürlich
also nur der körperlichen Selbsterhaltung und Fortpflanzung leben,
hoffnungslos ist. Die vielleicht Überzüchtung zu nennende Entwicklung
des menschlichen Geistes bedingt dann eben Mittel, die einen Ausgleich
schaffen, und es ist sinnlos, gegen diese Mittel zu Felde zu ziehen,
oder sie auch nur als überflüssigen Luxus zu betrachten, solange die
Ursachen nicht beseitigt werden können, die sie veranlaßt und erzwungen
haben.
Der Mensch braucht Schuhwerk, da er im allgemeinen für den Spezialsport
des Barfußlaufens kein Interesse mehr aufbringt. Er braucht Kleidung,
da sein Körper allein den Witterungseinflüssen nicht mehr standhalten
kann. Und so braucht er auch Genußmittel, da der Körper des Menschen
nicht mehr in der Lage ist, den übersteigerten Anforderungen geistigen
Lebens den erforderlichen Ausgleich zu geben.
Die heilsame Wirkung des Tabakgenusses ist nicht mit Heilmitteln zu
vergleichen, die das Wandeln und Vergehen des Menschen nach der Meinung
Lebensunkundiger aufhalten sollen, aber sie ist segensreich durch die
Anregung oder die Beruhigung, die sie im Ausgleich widerstrebender
Spannungen zu geben vermag.
Die weitaus meisten Raucher werden den Genuß von Tabak als
Ausgleichsmittel auch fast immer irgendwie körperlich empfinden
können. Wer im Felde gewesen ist und dort nach den ungeheuren
Nervenbeanspruchungen die Gier nach dem Tabak kennengelernt hat,
wer im heutigen Erwerbsleben steht und sich weder innerlich noch
äußerlich von den aufregenden Verhältnissen unserer Zeit unabhängig
machen kann und zum Tabak greift, der weiß, daß dieses manchmal als
schädlich verschrieene Kraut eine sehr segensreiche Wirkung besitzt.
Die Voraussetzung ist immer wieder die Kultivierung des Genusses und
die sich daraus ergebende Einstellung zur Leistungsfähigkeit des
eigenen Körpers mit dem Ergebnis eines tatsächlichen Ausgleichs.
Extreme Beanspruchungen, die über die Elastizitätsgrenze des
Körpers hinausgehen, haben natürlich relativ schädliche Folgen.
Aber selbst dann ist die Schädlichkeit des Tabaks überhaupt nicht
mit der Schädlichkeit anderer Genußmittel, die er ersetzen will, zu
vergleichen. Die generelle Annahme, daß mit oder ohne Tabak ein Mensch
oder ein Volk eine kürzere oder längere Lebenszeit gewinnen kann, ist
irrig. Außerdem wird doch wohl nach allgemeinem Empfinden ein Leben
nicht nach seiner Länge, sondern nach seiner Intensität bewertet.
So können zu allen Zeiten und bei allen Völkern Mittel nachgewiesen
werden, die mit der narkotischen Wirkung des Tabaks vergleichbar
sind. Bei vielen primitiven Völkern ist es die Betelnuß, bei anderen
das Opium, dessen schädliche Folgen -- so groß sie für den Körper
eines Europäers auch sein mögen -- für den Körper des Asiaten viel
geringer sind, als allgemein angenommen wird. An weiteren Mitteln sind
Haschisch, Kiff-Kiff und andere pflanzliche Produkte usw. bekannt.
In Deutschland und vielen anderen vor allem europäischen Ländern
erfüllte die gleiche Aufgabe Jahrhunderte hindurch der Alkohol. Erst
nach den Zeiten des Sir Francis Drake trat daneben mehr und mehr
der Tabakgenuß in Erscheinung, und es ist auffallend, daß mit der
Zunahme und Verfeinerung des Tabakgenusses in den letzten Jahrzehnten
gleichlaufend eine Abnahme des Alkoholgenusses nachweisbar ist. Die
Bedürfnisse einer Allgemeinheit wandeln sich im Laufe der Zeiten und
passen sich dem jeweiligen Entwicklungszustand der Menschen und der
Völker immer wieder an. Es scheint, als ob der Tabakgenuß dazu berufen
wäre, die Jahrhunderte alte Aufgabe des Alkohols in weitgehendem
Maße zu übernehmen. Der mittelalterliche und spätere Verbrauch von
Alkohol war geradezu ungeheuer. Wir können uns heute kaum noch eine
Vorstellung machen, was die damaligen Menschen vertragen haben. Die
bedeutendsten geistigen Träger ihrer Zeit wie beispielsweise Luther,
Goethe, Bismarck und viele, viele andere waren frohe Zecher und
genossen die Ausgleichswirkung dieses geistigen Genußmittels mit einer
Lebhaftigkeit, die in unserer augenblicklichen Zeit Befremden erregen
würde. Das Zeichen unserer Zeit sind zahllose Antialkoholbewegungen
und ein tatsächlich außerordentliches Nachlassen des Konsums. Dem
Kenner menschlicher Entwicklungserscheinungen gibt beispielsweise das
Alkoholverbot in Amerika nicht so sehr den Beweis, daß theoretisch
volksgesundheitliche Bestrebungen praktisch in großem Maße durchführbar
sind, sondern er erkennt daraus, daß tatsächlich die Zeit des Alkohols
langsam vorübergeht, und daß die Möglichkeit eines Verbotes hierfür
nur ein Symptom ist. Gerade in den Vereinigten Staaten von Nordamerika
hat der Tabakverbrauch in ganz besonderem Maße zugenommen, so daß
nur von einer Richtungsänderung der Ausgleichsbedürfnisse gesprochen
werden kann. Die Notwendigkeit eines Ausgleiches zeigte sich sehr
deutlich, als graue Theoretiker der Volksgesundheit auch noch ein
Nikotinverbot als Gesetz durchsetzen wollten, und ein alter Senator
die Debatte in Washington mit den Worten erledigte, daß die Staaten
keine Kleinkinderbewahranstalten seien. Noch deutlicher zeigt sich
die Verschiebung im Ausgleichsuchen bei den mohammedanischen Völkern,
bei denen auf Grund des Alkoholverbotes der Religion die Kultur des
Kaffees und des Tabaks eine Höhe gewonnen hat, wie sie nirgends sonst
in der Welt erreicht wird. Verbote sind stets völlig zwecklos, wenn die
menschliche Natur nicht die zum Verbote nötige Majorität durch eine
entsprechende Wandlung ihrer Bedürfnisse zuläßt, oder wenn kein Ersatz
für die aufgegebene Genußmöglichkeit vorhanden ist.
In Zusammenfassung der vorher gegebenen Argumente kann mit allgemeiner
Gültigkeit behauptet werden, daß Genußmittel mit dem Ziel einer
anregenden oder beruhigenden Wirkung auf das Nervensystem und
damit auf die menschliche Psyche nicht ausgeschaltet werden können
und naturnotwendig sind. Volksgesundheitlich können nur diejenigen
Genußmittel als schädlich bezeichnet werden, die dem jeweiligen
Entwicklungszustand und den sich daraus ergebenden Bedürfnissen des
Menschen oder des Volkes nicht entsprechen. Der Kenner der Massenpsyche
weiß, daß zwangsweise durchgeführte Verbote, die nicht in einem
Instinkt gegenüber den allgemeinen Bedürfnissen, sondern in der Theorie
einzelner ihre Ursache haben, die Gefahren von Entladungen der anders
nicht gelösten Spannungen zur Folge haben. Es steht weiterhin fest, daß
der Tabak für die Gegenwart als Ausgleichsmittel eine so allgemeine
Bedeutung hat, daß weder von physischer Schädlichkeit noch von einem
volkswirtschaftlich schädlichen Luxus gesprochen werden kann. Es
scheint weiterhin, daß von den verschiedenen Formen des Tabakgenusses
die Cigarette die bevorzugte Form des zwanzigsten Jahrhunderts ist.
* * * * *
Da für die Wertung der Tabakfabrikate das einfache Bedürfnis für
den einzelnen Menschen unmittelbar vorausgesetzt werden muß, ist es
selbstverständlich nicht zu verteidigen, wenn jemand auch ohne ein
irgendwie unbestimmtes Bedürfnis zur Cigarette greift, da dann weder
Genußmöglichkeit noch der Ausgleichwert des Tabaks gefolgert werden
kann. Es ist unverantwortlich, dem Nachahmungstrieb, der Eitelkeit
usw. nachzugeben und beispielsweise heranwachsenden Kindern das
Rauchen schon zu einer Zeit zu gestatten, zu der ein wirkliches
Ausgleichsbedürfnis noch nicht denkbar ist. Erst durch das Bedürfnis
wird erwiesen, daß ein Genußmittel dem Organismus entspricht, wobei
natürlich krankhafte Übersteigerungen des Genußtriebes ausgenommen
werden müssen.
Aber selbst für Exzesse krankhaft übersteigerter Genußtriebe ist
der Tabak im allgemeinen viel zu harmlos; man vergleiche nur die
manchmal verheerenden Wirkungen von Alkohol, Opiaten usw. gegenüber
der großen Seltenheit von gesundheitlichen Schädigungen durch
übertriebenen Tabakgenuß. Auch bei solchen seltenen Beispielen wird
man meistens nicht in dem starken Tabakgenuß die wirkliche Ursache der
gesundheitlichen Schädigungen suchen müssen, sondern in den jeweiligen
Umständen, die ihrerseits erst den Tabakgenuß zur Folge haben. Es
dürfte vielleicht sogar der interessante Nachweis erbracht werden
können, daß die anscheinend gesündesten Speisen durch übertriebenen
Genuß praktisch einen größeren Prozentsatz an gesundheitlichen
Schädigungen in der Menschheit ergeben, als der -- selbstverständlich
stets zu vermeidende -- übergroße Tabakgenuß.
Die Menschheit verliert langsam ihre Robustheit; ihre
altersunterschiedlichen Gruppen, Völker und Rassen drängen langsam nach
Verfeinerung, und mit der wachsenden Differenzierung des einzelnen
Menschen geht eine steigende Verfeinerung und Differenzierung der
Genußmittel parallel. Das Nachlassen des Bierkonsums, die zunehmende
Verfeinerung auch in alkoholischen Getränken, die vielfache Aufgabe
des Alkohols als tägliches Getränk beispielsweise zugunsten des
weitaus kultivierteren Tees, das Anwachsen der Schokoladen-
und Konfiturenindustrie usw. veranschaulichen den natürlichen
Entwicklungsvorgang, wenn auch vielleicht nur der Tee mit der
außerordentlichen Genußdifferenzierung verglichen werden kann, die
der Cigarette die Zukunft sichert.
Die Verfeinerung des Geschmacksempfindens, die in Deutschland seit
dem Kriege registriert werden kann, scheint eine Kultivierung der
Cigarette gewährleisten zu können, die eine segensreiche Bedeutung
dieses Genußmittels für das 20. Jahrhundert erhoffen läßt. In den
außerdeutschen Ländern sind die Verhältnisse etwas anders. Heute steht
Deutschland von den größeren Völkern bezüglich der Qualitätsforderungen
an der Spitze, wenn auch diesen Forderungen vorläufig noch infolge
mangelnder Kaufkraft der Konsumenten nur von wenigen qualitätsstolzen
Fabriken in einem wirklich ausreichenden Maße entsprochen werden kann.
Die Cigarette ist in Deutschland noch nicht seit sehr lange bekannt,
und erst in den letzten zwei Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts
gewann sie für Deutschland eine stetig anwachsende Bedeutung. Da wir
die Cigarette in ihrer heutigen Form aus dem Osten bekommen haben,
nennen wir sie zum Unterschied zu später in Deutschland bekannt
gewordenen Abarten »Orientcigarette«. Wir bezeichnen mit diesem Namen
eine ganz bestimmte Art von in Papier gehüllten Tabakfabrikaten,
deren Herkunftsländer für uns im Orient liegen. In Wirklichkeit ist
die Kenntnis des Tabaks und der Cigarettenform auch nach dem Orient
erst vor wenigen Jahrhunderten gelangt. Sie stammt aus Amerika,
wo bereits Columbus Cigaretten in Form von maisblattumwickelten
Tabaken gesehen hat. Als die Kenntnis des Tabaks nach dem Orient
kam, wurde dieses Genußmittel mit einer erstaunlichen Sicherheit
den Bedürfnissen des Landes angepaßt. Es entwickelte sich im Orient
eine Kultur des Tabakanbaus, die sehr bald an Differenzierung die
Erzeugnisse der amerikanischen Ursprungsländer weit übertraf. Mag
auch der orientalische Tabak ursprünglich vorzugsweise in Pfeifen
unterschiedlicher Art geraucht worden sein, so wurde auch die
Gewohnheit, den Tabak in Papierhüllen zu fassen, übernommen, und
damit entstand im Orient zugleich eine Kultur der Cigarette, die so
groß wurde, daß für uns der eigentliche Cigarettenbegriff mit dem der
Orientcigarette völlig identisch wurde. Wenn der deutsche Raucher
amerikanische Tabake zu Cigaretten verarbeitet findet, so pflegt er
diese als minderwertig abzulehnen und den Inhalt der Papierhülse mit
»schwarzem« Tabak zu bezeichnen. Eine Cigarette mit schwarzem Tabak
erscheint dem deutschen Raucher nicht als eine richtige Cigarette.
Wenn dies geschichtlich auch nicht zu vertreten ist, so wird es
eben dadurch verständlich, daß die uns bekannte Orientcigarette an
Verfeinerung und Veredlung des Genusses den Tabaken der Neuen Welt so
außerordentlich überlegen ist, daß ein Wettbewerb beider Tabakarten
wenigstens in der Form einer Cigarette in Deutschland ausgeschlossen
erscheint.
Die Tabake, die der Cigarettenraucher als schwarze Tabake bezeichnet,
sind uns unter der Vorstellung von Cigarren- oder Pfeifentabaken
geläufiger. In den außerdeutschen Ländern ist diese Einstellung den
Tabaken gegenüber nicht allgemein. Beispielsweise werden in Frankreich,
Spanien, Belgien, Argentinien und anderen stark romanisch gefärbten
Ländern die sogenannten schwarzen Tabake den Orienttabaken vorgezogen.
Es mag dies teilweise durch die Wirtschaftspolitik der Länder, wie
z. B. Frankreich, wo für die Regiecigarette ein hoher Prozentsatz
französischer Tabake verarbeitet wird, begründet werden können.
Aber in anderen Ländern wieder neigt das Bedürfnis der Raucher so
offensichtlich zu dem einfacheren und herberen Genuß der sogenannten
schwarzen Tabake, daß von ganz individuellen Bedürfnissen verschiedener
Rassen gesprochen werden kann.
In Nordamerika wurde durch das Alkoholverbot der Tabakverbrauch ganz
wesentlich verstärkt. Es werden dort Orientcigaretten fabriziert,
die an Qualität unübertrefflich sind; doch für die breite Masse des
Volkes kommen vorzugsweise amerikanische Tabake zur Verarbeitung.
Allerdings entspricht der in Amerika zu Cigaretten verarbeitete
Tabak nicht unmittelbar den in Europa bekannten schwarzen Tabaken,
sondern es werden vorzugsweise Virginia-Tabake verbraucht, die
ursprünglich wie alle anderen amerikanischen Tabake charakteristische
Pfeifen- oder Cigarrentabake sind, aber durch bestimmte Prozesse
für den Konsum in Cigarettenhülsen zubereitet werden. Diese
Virginiacigaretten sind in Deutschland aus dem Jahre 1919 besonders
unter der Bezeichnung »englische Cigaretten« bekannt, denn sie wurden
vorzugsweise von englischer Seite aus in Deutschland durch das »Loch
im Westen« eingeführt. In England selbst nimmt der Verbrauch von
Virginiacigaretten ebenfalls einen großen Raum ein, da er durch die
dortigen klimatischen Verhältnisse begünstigt wird. Außerdem gibt es
in England, vor allem auf Grund der guten Beziehungen zum Orient und
besonders zu Ägypten, auch sehr wertvolle Orientcigaretten, die sich
jedoch bei weitem noch kein so großes Publikum verschafft haben wie die
entsprechenden Fabrikate in Deutschland.
Nach den Gepflogenheiten des deutschen Rauchers können wir die
Orienttabake als eigentliche Cigarettentabake glatt von sämtlichen
anderen Tabaken abtrennen, da die letzteren innerhalb Deutschlands
fast ausschließlich für Pfeifen und Cigarren verwendet werden. Zu
diesen Pfeifen- und Cigarrentabaken gehören auch die Erzeugnisse des
deutschen, überhaupt des westeuropäischen Tabakanbaues.
* * * * *
Mangels einer größeren Einfuhrmöglichkeit von Orienttabaken während
des Krieges wurden vielfach Versuche gemacht, die Restbestände an
wirklichen Orienttabaken durch deutsche Tabake usw., also sogenannte
schwarze Tabake zu strecken oder auch ausgesprochene Surrogate zu
verwenden. Die außerordentliche Abneigung, die diese Cigaretten bei
dem Raucherpublikum gefunden haben, hat noch bis heute die Meinung
bestehen lassen, daß der Qualitätsgrad einer Cigarette an der hellen
Farbe des Tabaks erkannt werden kann. Wenn es auch richtig war, daß
der Raucher seinen Augen trauen konnte, sobald er in den Zeiten
der Zwangswirtschaft an der dunkleren Färbung einheimischer oder
amerikanischer Tabake die Minderwertigkeit eines Fabrikats erkennen
wollte, so trifft diese Farbgraduierung keineswegs zu, sobald es
sich um eine Kritik innerhalb verschiedener Sorten wirklich echter
Orientcigaretten handelt. Es gibt sehr wertvolle Orienttabake,
die dunkel gefärbt sind; andere sind wiederum rötlich, und das
eigentümliche Mittelding zwischen dem echten Orienttabak und den
amerikanischen Pfeifentabaken, nämliche der Virginiatabak, hat gerade
eine besonders helle Farbe, ohne daß er an Qualität auch nur im
entferntesten mit irgendeinem echten Orienttabak verglichen werden
kann. Abgesehen von einer Feststellung der Verwendung von Misch- oder
Ersatztabaken, die man sehr wohl noch dem Auge zutrauen kann, ist es
ganz außerordentlich schwer, bereits beim Anblick einer Cigarette
ein Urteil abgeben zu können. Die Anhaltspunkte zur Beurteilung sind
allzu gering. Neben Erwähnung der Farbe hört man häufig für dieses
oder jenes »Format« plädieren. Aber auch ein Format kann niemals für
die Qualität einer Cigarette ausschlaggebend sein, denn es steht in
den weitaus meisten Fällen in unmittelbarer Abhängigkeit von der Art
der verwendeten Tabake und ihrem Mischungsverhältnis. Wenn es sich um
schwere und gehaltvolle Tabake handelt, so wird das Format relativ
schmal und klein sein müssen. Ist der Tabak leicht und sehr milde, so
wird das Format der Cigarette sehr voll sein müssen, damit die größere
Brandfläche, die jeweils dem Querschnitt der Cigarette entspricht,
einen volleren Geschmack auslöst. Je wertvoller und je sorgfältiger
Cigaretten hergestellt werden, desto bestimmter wird das entsprechende
Format festgelegt werden müssen. Die Abhängigkeit von Tabak und
Tabakmischung vom Format und umgekehrt ist so weitgehend, daß ein
und dieselbe Füllung in dem einen Format fast ungenießbar sein kann,
dagegen in einem anderen Format einen überraschend schönen Charakter
zur Geltung bringt.
Die einzige wirkliche Möglichkeit zur Beurteilung einer Cigarette ist
eine gewissenhafte Rauchprobe, und selbst dann sind noch eine Anzahl
Umstände zu beachten, deren Einwirkung häufig unterschätzt wird.
Man stelle sich beispielsweise die Stimmung vor, in der man sich nach
einem guten und reichlichen Essen, zu allen edlen und schönen Dingen
bereit, einer fast körperlich übertriebenen Behaglichkeit hingibt.
Würde man sich dann eine Cigarette anzünden, die sehr aromatisch
und auf Grund einer gewissen Herbigkeit sehr anregend wirkt, so
würde man zweifellos sehr enttäuscht sein und diesen Mißklang zur
augenblicklichen Stimmung zu einer Verurteilung der Cigarette umbiegen.
Die meisten Menschen benötigen in einer solchen behaglichen Stimmung
eine weiche, milde, aber sehr volle und blumige Cigarette, die den
durch das Essen bereits gewonnenen seelischen Ausgleich erhöht und
jegliche Aufregung verhindert. Man stelle sich jedoch andererseits
einen Geistesarbeiter vor, der nächtelang über kniffligen Problemen
sitzt, und dessen unbedingt zur Arbeit erforderliche Konzentration
durch langsames Ermüden nachläßt. Wenn er dann zu einer milden,
weichen, versöhnlichen Cigarette greifen wollte, so würde gerade das
Gegenteil der beabsichtigten Wirkung eintreten, und die erhoffte
Spannung würde sich ganz auflösen. In solchen Augenblicken benötigt er
eine herbe, kräftig-aromatische Cigarette von momentaner anregender
Wirkung und möglichst kurzer Brenndauer, da die Muße für einen langen
und stillen Genuß des Tabaks nicht vorhanden ist.
Es gibt Cigaretten, die man eigentlich nur in einem bequemen Sessel
richtig genießen kann, und die an anderer Stelle, beispielsweise auf
der Straße einfach deplaziert wirken. Es gibt andere Cigaretten, die
den hastigen, kurzen Augenblicken einer Konzert- oder Theaterpause
angepaßt sind, wieder andere, die nach langen Anstrengungen
körperlicher Art eine erfrischende, anregende Wirkung auslösen, usw.
Neben diesen verschiedenen Wirkungsmöglichkeiten, die der
raffinierte Raucher kennt, gibt es natürlich für jeden einzelnen
eine eigentliche Leib- und Magencigarette, die man als die typische
Gewohnheitscigarette bezeichnen kann. Da die Menschen mit ihren
Bedürfnissen außerordentlich verschieden sind, sind natürlich
auch die Cigaretten verschieden, die den jeweiligen individuellen
Bedürfnissen entsprechen sollen. Wat den enen sin Uhl, is den annern
sin Nachtigall. Eine süße Smyrna-Cigarette, die dem einen den ganzen
Tag über ein immerwährendes Vergnügen bereitet, würde dem andern völlig
unerträglich werden können. Natürlich sind dies Differenzierungen, wie
sie nur der sehr verwöhnte Raucher kennt, aber bei der Beurteilung von
Cigaretten ganz allgemein spielt der ganz persönliche Geschmack eine
so große Rolle, daß man häufig ein sehr schlechtes Urteil über eine
Cigarette erleben kann trotzdem diese eigentlich nur den jeweiligen
Geschmacksforderungen widerspricht, aber im übrigen qualitativ
unantastbar ist. Ein extremes Beispiel ergibt die bereits erwähnte
Cigarette mit sogenanntem schwarzem Tabak, die von manchen Ausländern
als die einzig mögliche Cigarette bezeichnet wird, und die der größte
Teil der deutschen Raucher mit dem besten Willen nicht verträgt, ohne
daß man deshalb sagen dürfte, die Cigarette wäre an sich schlecht.
Die Schwierigkeit für das Auffinden einer richtigen Leib- und
Magencigarette beruht vor allen Dingen in der Gefahr der
Geschmacksübermüdung. Je wertvoller die Tabake sind, desto
charakteristischer sind sie in ihren Geschmackseigenarten, und es ist
eine sehr schwere Aufgabe des Fabrikanten, die Geschmackseigenarten
derart abzudämpfen, daß eine Geschmacksübermüdung bis zu einem gewissen
Grade ausgeschaltet bleibt. Ganz und gar wird sich die Gefahr nicht
beseitigen lassen, denn es dürfte wohl überhaupt kein menschliches
Genußmittel geben, das nicht doch hin und wieder eine Abwechslung
erfordert. So haben sich bereits viele Raucher daran gewöhnt, mit
bestimmten gegeneinander abgeglichenen Cigaretten hin und wieder
abzuwechseln, um sich die Lebendigkeit der Wirkung zu erhalten und eine
Übermüdung zu vermeiden. Andererseits kann man sich allerdings auch
an eine bestimmte Cigarette oder einen bestimmten Cigarettencharakter
so gewöhnen, daß man kaum noch in der Lage ist, anderen Arten
Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Jede wirklich wertvolle und
eigenartige Mischung verlangt auch ein gewisses Einleben, und man kann
sich manchmal an eine anfangs abgelehnte Cigarette durch gewissenhaftes
Nachprüfen so gewöhnen, daß man gegen diese wiederum keine andere
eintauschen möchte. Man kann eben manchmal erst langsam auf den
richtigen Geschmack kommen.
Die einzige Anforderung, die man bei Voraussetzung unterschiedlichster
Arten an eine Cigarette immer stellen muß, ist die jeweilig ihrer Art
entsprechende wirkliche Reinheit und Qualität. Wenn jemand an den Genuß
reiner Orientcigaretten gewöhnt ist, wird er stets sofort auch den
minimalsten Prozentsatz der Verwendung unedlerer Tabake feststellen
können. Außerhalb reiner Qualitätsfragen ist ein Streit nicht möglich.
De gustibus non est disputandum.
In erster Linie hängt der Charakter einer Cigarette von der Art der
verwendeten Tabake ab. Aber mindestens ebenso wesentlich sind die
Mischungsprobleme. Es ist heute noch wenig bekannt, daß auch der
denkbar edelste Tabak (und zwar je edler, desto weniger) allein
verarbeitet nicht rauchbar ist. Erst durch Mischung verschiedener
Tabake nach bestimmten Gesichtspunkten entsteht das Tabakmaterial
für eine Cigarette. Die Regeln und Rezepte für Mischungen sind sehr
komplizierter und variabler Art, da jeder Tabak, der verwendet wird,
seinen besonderen Eigenarten entsprechend gemischt werden muß.
Es werden immer wieder neue Variationen erfunden, denen zahllose
Experimente vorhergehen. Die Mischungsgeheimnisse d. h. wertvolle
Mischungsrezepte sind ein sehr wesentliches Besitztum eines Fabrikanten.
Die Begründung der Unrauchbarkeit einzelner Tabaksorten für sich allein
ist darin zu suchen, daß jeder Tabak von Charakter geschmacklich
zu einseitig ist und seinen Charakter übermäßig aufdringlich zur
Geltung bringt. Die Absicht des Mischers ist es nun, diejenigen
Tabake gegeneinander abzuwägen, die sich gegenseitig ausgleichen und
dadurch ihre jeweilige Geschmackseinseitigkeit verlieren, um dieses
oder jenes feine Aroma oder diesen oder jenen feinen Geschmacksakkord
den jeweiligen Anforderungen gemäß mehr oder weniger unaufdringlich
auswirken zu lassen. Die Mischungsforderung ist ähnlich wie bei weitaus
den meisten Speisen, die für sich genossen schal und leer schmecken
würden und ihren Wert eigentlich erst durch entsprechende Gewürze wie
Salz usw. offenbaren. Die Gewürze selbst wiederum können nicht allein
genossen werden. Erst der fein abgewogene Zusammenklang und Ausgleich
verschiedener Eigenarten ergibt die Genußmöglichkeit.
Deshalb unterscheidet man genau so wie bei vielen anderen
gastronomischen Materialien Tabake, die als Gewürze verwendet werden
und daher _Würztabake_ genannt werden können, und Tabake, die
eine möglichst ruhige Basis ergeben, und auf denen sich die Mischungen
von Würztabaken frei entwickeln können. Da es sich bei Tabaken nicht
um Nahrungsmittel, sondern Genußmittel handelt, sind natürlich die
Würztabake die wichtigsten und wertvollsten. Die zur Basis verwendeten
Tabake kann man als _Fülltabake_ bezeichnen. Es sind dies
vorzugsweise Tabake sehr ruhiger und unaufdringlicher Geschmacksarten,
die auf Grund der Bezeichnung durchaus nicht mit Tabaken verwechselt
werden dürfen, die man zu Zeiten der Zwangswirtschaft als
Füllsel für Cigarettenhülsen unter teilweiser Beimischung echter
Orienttabake verwendete. Wenn die Fülltabake auch durch den Wert
der edelsten Würztabake übertroffen werden, so liegt doch gerade
in der Auswahl, Verwertung und Dosierung von Fülltabaken der Kern
des ganzen Mischungsproblems. Durch weitgehende Kenntnis, welche
Fülltabake und Fülltabakmischungen diesen oder jenen Würztabaken oder
Würztabakmischungen die harmonisch ausgleichende Basis geben können,
kann ein Fabrikant allen mit ihm im Wettbewerb stehenden Unternehmungen
qualitativ den Rang ablaufen. Die Geheimnisse der Fülltabake werden als
persönlichste Erfahrungen ängstlich gehütet. Die Schwierigkeiten der
Auswertung bestehen aber gerade darin, daß man jeweils nur unter den
auf dem Markt zur Verfügung stehenden Tabaken die Auswahl hat und immer
wieder neue Rezepte aufstellen muß, da gleichartig geratene Sorten nur
selten wieder aufzutreiben sind. Eine grundsätzliche Unterscheidung
zwischen Würztabaken und Fülltabaken steht für den Tabakmarkt nicht
fest, da in dieser oder jener Mischung dieser oder jener Fülltabak
auch als Würztabak dienen kann. Weiterhin gibt es auch sehr wertvolle
Sorten, die eigentlich als Würztabake bezeichnet werden können, aber
einen Geschmacksausgleich bereits untereinander finden, ohne daß ein
gegensätzlicher Fülltabak benötigt wird.
Die Bauern der Ursprungsländer des Tabaks sind nicht so empfindlich
gegen starke und sehr herbe Cigaretten wie die Europäer. Der
türkische Bauer kann Mischungen rauchen, die nach unserem Empfinden
sehr einseitig gewürzt sind. Aber trotz der gewissen Einseitigkeit
der Mischungen für die Einwohner der Tabakländer, die sich aus der
bevorzugten oder ausschließlichen Verwendung der örtlich vorhandenen
Tabake ergibt, sind die dort verwendeten Rauchtabake doch immer wieder
Mischungen, in denen ein Ausgleich wenigstens bis zu einem gewissen
Grade gesucht wird.
Die Mischungsprobleme sind ganz außerordentlich diffizil und setzen
eine Geschmackskritik voraus, die Nichtfachleuten geradezu märchenhaft
erscheinen muß. Es gibt Orientalen, die beim Rauchen einer Cigarette
sofort die zehn oder zwanzig maßgebenden Würztabake aufzählen, die
in einer Mischung enthalten sind. Infolgedessen werden auch in den
europäischen Fabriken von Rang die Mischungen fast ausschließlich von
Orientalen ausgeführt oder zumindest angeregt. Es ist sehr eigenartig
und charakteristisch, daß solche Mischer immer wieder die Tabaksorten
ihrer engeren Heimat besonders vorziehen und in diesen Sorten allein
genügend Differenzmaterial für Mischungen finden zu können glauben. Im
allgemeinen werden jedoch zu Mischungen für Europäer so ziemlich alle
Gebiete herangezogen, die als Ursprungsländer edler Tabake in Betracht
kommen, um damit Differenzierungen zu schaffen, die den vielseitigen
Anforderungen entsprechen können.
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Die Mischungsaufgaben ergeben sich aus den jeweils zur Verfügung
stehenden Provenienzen, denn die Eigenarten verschiedener Tabake,
denen entsprochen werden muß, sind unbegrenzt variabel. Für diese
Geschmackseigenarten ist in erster Linie die Pflanzenart bestimmend.
Dazu kommt die Bodenbeschaffenheit und die Lage der Anbaugebiete
mit ihren jeweils eigentümlichen klimatischen Verhältnissen.
Weiterhin spielt die Höhenlage und die Sonnenlage eine so große
Rolle, daß schon geringe Höhenunterschiede angebauter Flächen und
kleine Abweichungen in der Lage dieser Flächen zur Himmelsrichtung
auch bei sonst gleichartigen Voraussetzungen deutlich bemerkbar
werden. Selbstverständlich ist außerdem jeder Jahrgang, jede Ernte
unterschiedlich, denn die verschiedene Zahl der Sonnentage, der
Niederschläge, der Temperaturen usw. in verschiedenen Jahren ergibt
sehr verschiedene Tabake.
Man kann also, abgesehen von öfteren weitgehenden Ähnlichkeiten
verschiedener Tabakpartien, behaupten, daß genau ein und derselbe Tabak
nie zweimal auf dem Markt erscheint.
Liegen die benötigten Tabake nach Einkauf, Verzollung usw. in den
zur Fabrik gehörigen Lagerräumen zur Verfügung, und liegen die
obig besprochenen Mischungsrezepte für die jeweils vorhandenen und
zur Verarbeitung gelangenden Provenienzen fest, so ist der weitere
Fabrikationsvorgang bis zur Cigarette mehr ein Problem der Präzision,
der Sauberkeit, Zweckmäßigkeit und kaufmännischen Rentabilität als ein
maßgebender Faktor für die Geschmacksqualität der Cigarette.
Da die zur Verfügung stehenden Provenienzen kaum in gleicher
Geschmackseigenart nachzubekommen sind, da aber andererseits das
Bedürfnis besteht, eine einmal eingeführte Cigarettenmarke von
bestimmter Geschmacksrichtung möglichst lange auf dem Markte zu
erhalten, werden die für den Geschmack maßgebenden Partien jeweilig
in sehr großen Mengen erworben, so daß möglichst auf Jahre hinaus
die gleichbleibende Qualität und Geschmackseigenart einer Cigarette
gesichert ist. Weiterhin bemüht man sich, möglichst viele verschiedene
Tabakarten zu Mischungen zu verwenden, so daß der durch neue Ernten
bedingte Ausfall dieses oder jenes Mischungsteiles durch einen
möglichst ähnlichen Tabak ergänzt werden kann, ohne daß diese minimalen
Differenzen dem Raucher auffallen können, vor allem, wenn der
Grundcharakter und die Qualitätsstufe der Cigarettenmarke voll erhalten
bleibt.
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Das Tabaklager der großen Cigarettenfabriken steht unter dem
Tabakmeister, der die Tabake fachtechnisch behandeln muß, die
Mischungsrezepte in Vorschlag bringt und die Mischungen selbst
überwacht. Diese Stellung ist wohl ausschließlich Orientalen
vorbehalten, da selbst die verwöhnteste Zunge eines Europäers nicht
in der Lage ist, die minimalen Geschmacksdifferenzen praktisch
zu bestimmen. Trotzdem ist es natürlich, daß ein Tabakmeister,
so bedeutsam seine Stellung auch sein mag, keineswegs für die
Qualitätsstellung der Fabrik, für die er arbeitet, maßgebend
sein kann. Hierfür ist und bleibt die eigentliche Firmenleitung
durchaus maßgebend. Selbst bei den besten Beamten muß eine auch
nur etwas mangelhafte Fachkenntnis der Firmenleitung in Tabak- und
Mischungsfragen sehr verhängnisvoll werden. Denn an dieser Stelle wird
Qualitätswille, Stil und Geschmacksforderung maßgebend festgelegt.
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Die Tabake werden in den Ballen, in denen sie aus dem Orient ankommen,
in den Fabrikationsgang gebracht. In der ersten Station werden die
Ballen geöffnet, aufgeteilt, die eng aneinander gepreßten Blätter
werden einzeln auseinander genommen und sortiert. Nach der Sortierung
werden die Blätter (nach ihren Provenienzen geordnet) in große
Holzkisten gefüllt und erwarten in dieser Form den Mischungsvorgang.
Die nächste Station ist der Mischungsplatz, auf dem aus den Holzkisten
in dem angegebenen Verhältnis der Mischungsrezepte die Tabake der
verschiedenen Provenienzen schichtweise übereinander gelegt werden.
Es ist dies ein ziemlich großer Platz, auf den der Inhalt der Kisten
gekippt und von Arbeitern in gleichmäßigen Lagen auf der ganzen
Fläche verteilt wird. Bei diesem Prozeß wird der Tabak den jeweiligen
unterschiedlichen Anforderungen entsprechend mehr oder weniger
angefeuchtet. Dann wird das Gemisch in große Boxen gebracht, wo es
einige Tage lagert.
Die nächste Station ist die Tabakschneiderei. Das Tabakgemisch wird
großen Schneidemaschinen zugeführt, die die Blätter in feine Strähnen
zerschneiden. Der von den Messern herunterfallende Tabak wird auf
Transportbändern in eine Entstaubungsanlage gebracht, die als nächste
Station die Aufgabe hat, den Tabak von dem bitteren Tabakstaub
gründlich zu reinigen. Aus der Entstaubungstrommel wird der Tabak
wieder in große Holzkisten gefüllt und neuerlich einem Zwischenlager
zugeführt.
Aus diesem Zwischenlager gelangt der Tabak in den Maschinensaal,
in dem er zur Cigarette verarbeitet wird. An Stelle der früheren
Handarbeit ist heute in einem außerordentlich weitgehenden Maße die
weitaus präziser und wesentlich sauberer arbeitende Maschine getreten.
Die fertiggestellten Cigaretten werden in Schragen gesammelt und dem
sogenannten Schragenlager zugeführt, in dem die Cigaretten wiederum
eine Lagerzeit von etwa drei Tagen durchmachen.
Aus dem Schragenlager kommt die Cigarette in den Packsaal. Dort wird
sie unmittelbar in die für den Verkauf bestimmten Packungen gebracht.
Von hier aus kommen die Cigaretten in ihren Originalpackungen in ein
zweites Zwischenlager, das sogenannte Unbanderolierten-Lager, aus dem
sie den jeweiligen Anforderungen gemäß zur Anbringung der Banderole
abgeholt werden. In der Banderolierabteilung wird diese Banderole auf
maschinellem Wege um die Originaldosen oder Kartons herumgelegt, und
zwar derart, daß die Dose nun nicht mehr geöffnet werden kann, ohne
daß die Banderole an einer der drei behördlich geforderten Stellen
zerrissen wird. Hinter dem Banderolierten-Lager befindet sich die
vorletzte Station, das sogenannte Fertiglager. Hier erwarten die
Cigaretten, in Halbmille-Pakete geordnet, ihre Expedition. Aus der sich
daran anschließenden Expeditionsabteilung gehen die Cigaretten in die
Welt hinaus.
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Der Vorgang, der in der kurzen Schilderung der wesentlichen Stationen
sehr einfach erscheint, ist in Wirklichkeit erheblich komplizierter.
Eine große Anzahl von Vorsichtsmaßregeln gegen Witterungseinflüsse,
für die der Tabak eine übergroße Empfindlichkeit besitzt, und weiteren
Vorkehrungen, die hygienischen Anforderungen entsprechen, lassen die
Fabrikationseinrichtungen zu einem sehr komplizierten Apparat werden.
Sehr wesentlich ist vor allem, daß der Tabak nach dem Entblättern nicht
mehr von Menschenhand berührt wird, da dies aus ästhetischen Gründen
für ein Genußmittel stets geboten erscheint.
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Der Wirtschaftssachverständige wird im allgemeinen der Ansicht sein,
daß ein sehr wichtiger Teil der Cigarettenindustrie bisher noch nicht
erwähnt ist: die Reklame. Es ist leider durchaus richtig, daß selbst
das beste Fabrikat ohne irgendwelche Mittel, das Publikum aufmerksam
zu machen, nicht zur Geltung gebracht werden kann. Es ist dies
bedauerlich, aber unumgänglich. Für die Qualitätsfrage der Cigarette
ist diese Angelegenheit völlig bedeutungslos, zumal das deutsche
Raucherpublikum sich heute offensichtlich mehr und mehr dem Einfluß
der Reklame zu entziehen sucht, und es weiterhin praktisch erwiesen
werden kann, daß die Qualität der Cigarette auf dem Markt stets
endgültig entscheidet. Deswegen bleibt allerdings ganz unabhängig von
einer Reklameabsicht die Forderung bestehen, daß eine wertvolle Ware
ein wertvolles Gewand beanspruchen muß. Die künstlerischen Leistungen,
für die gerade in der Cigarettenindustrie sehr viel Raum zur Verfügung
gestellt wird, sollten sich jedoch lieber auf eine rein sachliche
Basis beschränken, auf der sie dem jeweiligen Stil und dem Wert des
Tabakerzeugnisses gemäß das Verkaufsobjekt zu einem harmonischen Ganzen
gestalten, so daß die Gefahr vermieden wird, die wir häufig in der
Überwucherung geschmacklicher Stilmittel gegenüber dem eigentlichen
Fabrikat erkennen können. Denn letzten Endes handelt es sich immer
wieder nur um die Qualität der Ware selbst.
Vor etwa drei Jahrhunderten mögen amerikanische Tabake in den heutigen
Ursprungsländern unserer Cigarettentabake eingeführt worden sein.
Durch die neuen für das Wachstum der Pflanzen maßgebenden Verhältnisse
entstanden aber allmählich völlig neuartige Pflanzen, die heute in der
übrigen Welt ihresgleichen nicht finden können.
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Zur Gewinnung einer gewissen Übersicht werden die Tabake ihrer
Pflanzenart nach hauptsächlich in zwei große Gruppen geteilt. Die
erste Gruppe bilden die _Basma_. Hierzu gehören die berühmtesten
und teuersten Tabake. Sie bestehen vorzugsweise aus kleinen und sehr
zartrippigen Blättern von meist heller Färbung.
Die zweite Gruppe bilden die _Baschibagli_, die sich durch größere
Blätter und etwas stärkere Rippen von den vorhergehenden unterscheiden.
Zu diesen beiden Hauptgruppen treten noch einzelne Zwischenstufen, die
sich vermutlich aus der Verbindung beider Arten ergeben haben.
Im allgemeinen werden diese beiden Tabakarten auch in der Manipulation
unterschieden. Der Tabak, der in den Herbstmonaten geerntet wird, im
Winter die ersten Sortierungen bei den Tabakbauern erfährt und ungefähr
zu gleicher Zeit von den Händlern aufgekauft wird, hat den ganzen
Sommer hindurch einen Prozeß durchzumachen, den man Fermentation nennt.
Für diese Fermentation werden die beiden Arten Basma und Baschibagli
unterschiedlich manipuliert. Und zwar werden die Baschibagliblätter,
nachdem sie durch verschiedene Sortierungen nach Qualität und Größe
eingeteilt sind, Blatt auf Blatt dicht übereinander gelegt und gepreßt.
Offensichtlich benötigen die etwas fleischigeren Baschibagliblätter ein
dichteres Aufeinanderlegen für die Fermentation als die feineren und
kleineren Basmablätter.