Über die Sitte, die Grabstellen zu besuchen und dort zu beten.
»Siehe, ich lege dir Leben und Tod vor, wähle das Leben!«(5. B.
Mos. 30, 15. 19)
So lauten die Worte der Schrift: Wähle das Leben, denn alle Lehren
und Gebote in der heiligen Thora gehen nur auf das Leben (Ezech.
20, 11.), und des Glaubens Kraft soll sich für das Leben und in
demselben wirksam zeigen.
Diese Worte geben uns den Grund dafür an, warum der Israelit seine
Heiligtümer nicht auf Grabeswölbungen baut, nicht das Tote zum Grund für
die Saat des Glaubens wählt und keinen Reliquien-Dienst kennt; und wie
hoch er auch den entseelten Leichnam achtet, als die Hülle, die einst
gewürdigt gewesen ist, den göttlichen Geist zu tragen, so daß die
Geringschätzung einer Leiche als Gotteslästerung bezeichnet wird
(Berachoth 19), so verbietet seine Religion doch, eine Leiche zur Schau
zu stellen oder Prunk mit derselben zu entfalten, um der Eitelkeit
Nahrung zu geben, wenn die Verwesung schon davon zeugt, daß sie eine
Beute des Grabes ist.
Bei jedem Todesfall soll das Gefühl von dem Ernst des Lebens und seinem
raschen Entschwinden bei uns geweckt werden, so daß wir aufs neue unser
Dasein zur nützlichen Wirksamkeit unter den Menschen heiligen, zu einem
heiligen Wandel vor dem Unsichtbaren, und wenn man auch die Stätten
bezeichnen soll, wo teure Entschlafene ruhen (Ezech. 39, 15.), so soll
es doch nicht durch kostbare Denkmäler geschehen; denn gute Werke sind
die schönsten Monumente, welche die Hinterbliebenen für die Verklärten
errichten und edle Handlungen die schönsten Blumen, die auf ihren
Grabeshügeln gepflanzt werden.[90]
[Fußnote 90: Wenn man in der späteren Zeit auch auf jüdischen
Friedhöfen prachtvolle Grabmäler, sogar mit heidnischen Sinnbildern
geschmückt, hervorragen sieht, so kann man nur beklagen, daß der
erhabene Geist der jüdischen Religion so wenig erkannt wird; denn dieser
gebietet einen bescheidenen Wandel im Leben, um wie viel mehr verbietet
er also das Entgegengesetzte im Grabe. Man muß beklagen, daß die
Kurzsichtigen nicht einsehen wollen, daß alle diese Denkmäler zuletzt
verwittern werden, so daß niemand die Stätte mehr kennt, wo sie
gestanden haben. Wie viel besser, wenn die Summen, welche darauf
verwendet worden sind, zu Wohltaten gespendet worden wären. Und ist es
auch nur eine geringe Summe, so könnte doch die Rente davon einer armen
Familie jährlich eine frohe Woche verschaffen, und da würden
Freudentränen als dankbare Beweise dem Gedächtnisse eines längst
Entschlafenen fließen.]
Wenn es demnach eine uralte Sitte ist, an gewissen Tagen im Jahre die
Gräber zu besuchen, besonders, wenn der Tag wiederkehrt, an dem man
einen seiner Verwandten verloren hat, oder wenn Sorgen und Bekümmernis
unsern Sinn darniederdrücken,[91] so ist es eine Selbstfolge, daß eine
jede abergläubische Vorstellung davon fern gehalten werden muß, jene
schwärmerischen Gedanken, als ob man mit den Toten verkehren oder sie
sogar anbeten könne, was ganz und gar wider die Grundsätze unserer
erhabenen Religion streitet (5. Mos. 18, 9. 11.); denn die, denen Gott
sich offenbart hat, heißt es bei den Propheten (Jes. 8, 19.), die sollen
sich zu ihm wenden, der einen jeden erhört, der ihn in Wahrheit anruft,
und nicht die Toten für die Lebenden fragen.
[Fußnote 91: Cir. Taanith. Fol. 16 u. 23, wonach in älteren Zeiten die
ganze Gemeinde in Zeiten der Bedrängnis, z. B. bei Mißernte, in
Kriegszeiten, u. s. w. sich auf dem Friedhofe zum Gebet versammelte.]
Nein! Ganz andere Gesichtspunkte sind es, von denen aus der Besuch der
Gräber bei den Juden verstanden und begriffen werden soll. Zuerst und
vor allen Dingen soll er den Namen Gottes heiligen und es laut
verkünden, daß der Allgütige gerecht ist, wie unerforschlich auch seine
Wege sind. Dort legt er, wenn einer seiner Lieben zur Erde getragen
wird, das Bekenntnis ab, daß des Allmächtigen Schöpfers Werk vollkommen
und alle seine Wege gerecht sind (5. Mos. 32, 4). Je mehr es uns in dem
schweren Augenblick, wo der Leichnam eines unserer Lieben versenkt wird,
vorkommen könnte, als ob manches Menschen Dasein unvollendet geblieben
sei, und wir in der Bitterkeit des Schmerzes versucht werden könnten,
Gottes Gerechtigkeit zu bezweifeln, destomehr sollen wir unsere wahre
Ergebenheit in Gottes Willen, unsern unverrückbaren Glauben beweisen,
und indem wir der künftigen Welt gedenken, es bekennen, daß der Herr
gerecht ist. Und diesen Glauben sollen wir jedesmal stärken, da wir die
Gräber besuchen.
Sowohl das Leben als der Tod scheinen uns in Wahrheit rätselhaft. Wir
sehen hier nicht nur Menschen jeden Alters und Standes bestattet, und
scheinen oft Grund zu der Frage zu haben, weshalb es diesen oder jenen
treffen mußte, sondern wir sehen auch solche, deren Wirksamkeit uns von
der größten Wichtigkeit zu sein schien, in der Blüte der Jugend
fortgerissen, während die, welche nach unserer Meinung für die Welt ganz
entbehrlich waren, erst hochbetagt zu den Ihrigen versammelt wurden.
Mütter wurden von den Kindern fortgerissen, während diese noch der
mütterlichen Pflege bedürftig waren, und die Hoffnung der Zukunft, die
lebendige Jugend, ging den Weg alles Fleisches, während schwächliche
Greise erst spät ihr Haupt zur Ruhe legten. Aber je rätselhafter hier
uns alles erscheint, desto innerlicher sollen wir das Wort des Glaubens
erfassen, daß der Herr wohl wunderbar in seinem Rate ist, aber doch
herrlich in seiner Tat, und daß das, was er geschaffen hat, vollkommen
ist, und das, was uns als gestorben erscheint, begonnen hat, seiner
Vollendung entgegenzugehen. Denn beide Welten stehen in Verbindung mit
einander; das ewige Leben nimmt seinen Anfang schon mit diesem, und was
der Unerforschliche bestimmt, muß gerecht sein.
Bereits hier auf Erden nimmt das ewige Leben seinen Anfang, und gerade
dieser Gedanke ist es, der dadurch lebendig in uns werden soll, daß wir
die Grabstellen der Entschlafenen besuchen,[92] wo aller Stolz und alle
Eitelkeit uns verlassen sollen und die Macht der Sinnlichkeit gebrochen
wird. Nur allzu leicht vergessen wir unsere wahre Bestimmung im Taumel
des Lebens, allzu leicht betrachten wir Reichtum, Ehre und Vergnügungen
als die Güter, welche wir zumeist erstreben sollen, als ob sie uns
niemals entfliehen würden, aber hier auf dem Friedhof:
»Hier zeiget deutlich uns das Grab,
Wie Glanz und Reichtum nichts als Staub,
Der Jugend Blüten fallen ab,
Und Weltenruhm welkt hin wie Laub!«
Hier sehen wir wie schnell alle Herrlichkeit verschwindet,
wie der Ehrgeizige mitten in seinem hochstrebenden Vorhaben
gehemmt wird, und die stolzesten Pläne im Nu
vernichtet sind. Und hier, wo Groß und Klein gleich sind,
(Ijob 3, 19.), wo wir erfahren, daß deren Namen im
Dunkeln verborgen bleiben (Pred. 6, 14.), die mit Eitelkeit
kommen und im Finstern gehen, hier beschließen
wir, im Licht zu wandeln und nach einem guten Namen
zu streben (Pred. 7, 1.), denn der Mensch in all seiner
Herrlichkeit ist nichts, wenn er nicht durch seine Taten
und Handlungen darnach strebt, das ewige Leben zu erreichen.
[Fußnote 92: Der Friedhof wird deshalb nicht nur das Haus der
Gräber (Beit Hakvarot]) sondern auch das Haus der Lebenden (Beit Hachayim)
(Beit Olam)] genannt oder das Haus der Ewigkeit.]
Und zu einem solchen Streben soll der Gang nach
den Gräbern uns entflammen. Wir sind die Arbeiter, die
der Herr in seinen Weinberg gestellt, daß sie ihr Tagewerk
verrichten sollen; ob wir früh oder spät davon abberufen
werden, das ist nicht unsere Sache, nur das ist unsere
Sache, daß wir vollführen, so viel wir vermögen. Aber
der Tag ist kurz, und die Arbeit ist groß (Ijob 7, 1-6),
und nur allzu oft glauben wir, daß noch Zeit genug ist,
zur Tätigkeit und zur Umkehr. O, hier werden wir erinnert,
wie viele Menschen in ihrer Blütezeit starben,
wie wenige auch nur einen Teil ihres Berufes haben
erfüllen können, wie wenige, deren Arbeit für die Zeit
genügte, die ihnen zugemessen war; hier werden wir daran
erinnert, daß das irdische Leben dahinfährt wie ein Schatten,
und wir werden zu eifriger Tätigkeit ermuntert, die Zeit
zu benutzen, ehe sie verronnen ist.
Wie viel tragen hierzu nicht die Gedanken an den
frommen und wohltätigen Wandel der Verklärten bei!
Wohl sollen wir uns im Leben nach Vorbildern umschauen
und ihnen nachzuahmen suchen; aber so lange die Hülle
des Staubes die Seele umgibt, bemerken wir nur zu leicht
die Mängel, die an jener kleben. Erst wenn wir die
irdische Gestalt nicht mehr sehen, dann steht die lautere
Tugend der Heimgegangenen, ihrer Seele reiner Adel klar
vor unseren Blicken; rein ist jetzt unsere Liebe zu ihnen,
und mit größerer Liebe umfassen wir am Grabe die Teuren,
über deren Gegenwart wir uns noch freuen können, und
wir erfahren in Wahrheit, »daß das Gedächtnis der Frommen
zum Segen ist.« Denn unser Sinn weilt nicht nur
bei den auf dem Friedhof schlummernden Abgeschiedenen,
sondern auch bei den schon längst Heimgegangenen, bei allen
Vätern und Müttern, den Propheten und Märtyrern, den
Lehrern und Führern, die einstmals gelebt haben und deren
Andenken uns heilig ist. Nicht als ob wir an sie dächten,
wie an Heilige, die angebetet werden sollten, denn des
größten Propheten Moses Grab wurde gerade verborgen,
damit es nicht ein Gegenstand abergläubischer Anbetung
und Wallfahrt werde, sondern wir gedenken ihrer hier,
um uns ins Gedächtnis zu rufen, wie sie für die Wahrheit
gelitten und gestritten haben, um uns zu erinnern an die
Verfolgungen, die sie um des Glaubens willen geduldet
haben, wir gedenken ihrer, weil ihr Leben ein Zeugnis
für die Unsterblichkeit ablegt. Hier erinnern wir uns auch
der Liebe, welche die Heimgegangenen zu uns hegten, während
sie noch in der Hülle des Staubes wandelten, einer Liebe,
die gewiß im Reich der Ewigkeit erhöht werden muß, die
bei uns die Überzeugung eines Wiedersehens jenseits des
Grabes weckt, und Balsam in das wunde Herz träufelt.
Ja, der Gang zum Grabe soll uns besonders Tröstung
und Frieden verschaffen, wenn der Weg des Lebens rauh
wird, wenn irdisches Weh uns ergreift und unsre Seele
Ruhe sucht.
Am Jahrestage des Todes eines der Eltern.
1. Herr des Lebens und des Todes, der du dem
Menschen das Leben gibst und ihn zur bestimmten Zeit und
Stunde wieder abrufst, hier stehe ich vor dir an dieser
Stätte, die eines der teuersten Güter meines Lebens in
sich birgt; hier liegen meines teuren Vaters (meiner
geliebten Mutter) Gebeine; hier schläfst du den ewigen
Schlaf, du, dem (der) ich meines Lebens ganzes Glück
schulde, du meines Herzens schönster Schmuck, meiner Seele
kostbarster Schatz. O! erst jetzt, da ich dich für immer
vermisse, fühle ich, was du mir gewesen bist, was ich für
dich hätte sein sollen, o, wie oft habe ich schon als Kind
deine treue Liebe verkannt, mit Undank dir deine freundliche
Fürsorge vergolten. Siehe, deshalb will ich hier an deinem
Grabe meine Reue vor Gott aussprechen, daß er mir
vergeben möge, so ich gegen dich gefehlt habe, will ihn
bitten, daß er über deine Asche Frieden walten lassen möge,
und ihm geloben, daß ich, da ich dich verloren habe, noch
nach deinem Tode die Pflichten kindlicher Liebe gegen dich
dadurch erfüllen will, daß ich deinen Namen stets in Ehren
halte. O Gott! stärke du mich, daß ich fest am Glauben
halte, daß ich als frommer und gottesfürchtiger Israelit
(meinen..........) im Himmel Freude bereiten
möge, verleihe mir Kraft, daß ich mir ein reines Herz
bewahre, um das Andenken (meines....) durch gute
Werke und durch gottgefällige Handlungen zu verewigen.
Und wenn du mich einst aus diesem Leben abrufst, laß
mich dann ohne Scham vor die Seele treten können, die
jetzt bei dir weilt. Dazu sei dieser Todestag mir eine Triebfeder,
o himmlischer Vater, gewähre mir, was ich von dir
erbitte, o Gott. Ich bete für die Errettung der Seele meines
gestorbenen (.........), laß ihn (sie) in den
Bund des Lebens aufgenommen sein, laß den frommen
Entschluß, den ich heute fasse, dir wohlgefallen und nimm
mich einst in Gnaden auf.
Amen!
Ein anderes Gebet bei derselben Veranlassung.
2. Herr, o allgütiger Vater im Himmel, hier bei
diesem stillen, bescheidenen Grabeshügel, der die Asche
eines so teuern Verwandten bedeckt, hier erhebe ich, dein
schwaches, sterbliches Kind, mein zerknirschtes Herz zu
deinem Himmel, wo die unsterblichen Seelen, deren Staub
hier ruht, wie die Sterne leuchten. O Gott der Liebe!
gedenke mit väterlichem Erbarmen der Seele, an deren
Scheiden dieser Tag mich mit so tief innerlicher Wehmut
erinnert. Noch schwebt mir die wehevolle Stunde vor, da
du diese teure Seele (meinen Vater, meine Mutter) von
mir riefst. Ach, wie ganz anders war doch mein Leben,
da sie noch als mein leuchtendes Vorbild hier auf Erden
wandelten; wie manche Freude haben sie mir bereitet!
Wie oft stärkten sie mich durch ihren weisen Rat! O!
ich erinnere mich ferner, welche Hoffnung (der liebe Vater,
die gute Mutter) auf mich setzte, wie ich voll Hoffnung
zu ihm, (ihr) aufschaute, wie ich darnach strebte, seines
(ihres) Alters Stütze zu sein, und wie er (sie) so rasch von
meiner Seite hinweggerissen wurde, ehe diese Hoffnungen noch
in Erfüllung gehen konnten. Doch mein Glaube lehrt mich, daß,
was du Allmächtiger tust, gerecht, weise und heilbringend ist,
er belebt mich mit der Hoffnung auf ein Wiedersehen jenseits
des Grabes, wo mir offenbar werden soll, daß des Menschen
höheres Hoffen erfüllt wird. O, vergönne mir denn heute,
daß ich mich deinem Throne nähere und dich um Kraft dazu
anflehe, daß es mir glücke, auf meiner Pilgerreise etwas zu
wirken, das von dem frommen Geist zeugen möge, den der
Heimgegangene in meiner Seele gepflegt hat. Stehe mir
bei, daß ich die Gaben, welche du mir verliehen hast, dazu
anwende, durch meine Handlungen dem Verklärten ein ewiges
Angedenken in der Gemeinde zu gründen. O, Herr leite
mich, daß meine Wege dir gefallen mögen, und nimm
mich zuletzt mit Ehren auf.
Amen!
Am Grabe des Vaters, am Jahrestage seines Todes.
3. An diesem Tage, der mich so lebhaft an die Sorge
erinnert, die mein Herz erfüllte, als du zur Ewigkeit abgerufen
wurdest und nur der Gedanke an die Unsterblichkeit,
den du, mein heimgegangener Vater, mir eingeprägt hast,
mir Trost verleihen konnte,--an diesem Tage nahe ich
mich deinem Staube, um meinem niemals genügend ausgesprochenen
Dank zu äußern, den ich dir für all deine
väterliche Fürsorge, die du mir mit so vieler Aufopferung
bewiesen hast, schuldig bin. Der alliebende Vergelter wird
dort gewiß deine Seele dafür belohnen, und sie wird
himmlische Freude und Glückseligkeit in dem Bewußtsein
finden, daß dein Kind darnach strebt, den Weg der Frommen
zu gehen, auf dem es die Vollkommenheit erreichen kann.
Dein Andenken soll mir deshalb stets heilig und unvergeßlich
sein; oft will ich der guten Lehre, der liebevollen
Ermahnungen und nützlichen Warnungen mich erinnern,
die ich aus deinem Munde empfangen habe. Wenn die
Versuchung kommen sollte, will ich mich damit wider sie
kräftigen und sie besiegen, daß ich mich frage: entspricht
deine Handlung wohl der frommen Weisung, die du von
deinem Vater erhalten, stimmt sie mit seinem rühmlichen
und wohltätigen Wandel überein? Würde er sie billigen
können und ihr seine Zustimmung verleihen? Würdest du
ihn nicht damit betrübt und das Herz verwundet haben,
welches stets für dein Wohl schlug? Ja, geliebter Entschlafener!
Dein Leben soll mir ein leuchtendes Vorbild
auf meiner irdischen Laufbahn sein. Ich will der unerschütterlichen
Standhaftigkeit gedenken, mit der du an
deinem Glauben hieltest, der innigen Teilnahme, mit der
du dich in der Schar der Betenden einfandest, der Sparsamkeit,
die du bewiesest, wenn es die Genüsse des Lebens
galt, und der Freigebigkeit, womit du den Bedrängten
halfest. O, du Allmächtiger im Himmel! der du gewiß
der Seele meines verstorbenen Vaters das Reich der Ewigkeit
aufgetan hast, laß auch meinen Wandel mehr und mehr
dazu beitragen, daß sie froh werde, dein Angesicht in voller
Klarheit zu schauen; erhöre die verklärte Seele, wenn sie
vor deinem Thron ihre Fürbitte für mich niederlegt.
Zeige du mir den Weg des Lebens, denn bei dir ist die
Quelle des Lebens, in deinem Lichte sollen wir Licht
und Seligkeit schauen in Ewigkeit.
Amen!
Am Grabe der Mutter, am Jahrestage ihres Todes.
4. Mutter! Liebe Mutter! Das Kind, welches du
einst unter deinem Herzen getragen und das du so treulich
mit innigster Liebe gepflegt hast, als du noch unter den
Sterblichen wandeltest, dieses dein Kind kommt an diesem
heiligen Gedächtnistage zu deinem Grabe, indem Tränen
der Wehmut und der Liebe seine Augen füllen. O, daß
dein Geist dorten wahrnehme die dankbaren Gefühle, die
mich in diesem Augenblick durchströmen. Ach, wie wenig
war ich doch imstande, meine kindliche Erkenntlichkeit dir
zu beweisen; kaum verstand ich die mütterliche Liebe zu
schätzen. Aber seit ich dich nicht mehr habe, habe ich erst
recht die Größe meines Verlustes kennen gelernt, seit der
Zeit, da du nicht mehr auf Erden wandelst, werde ich
täglich daran erinnert, wie viel Dank ich deiner mütterlichen
Fürsorge schulde, wie du Selbstverleugnung übtest,
um das Glück und Wohl deines Kindes zu fördern. Ich
weiß nicht, wie ich meine Schuld bezahlen soll, außer daß
ich mich bestrebe so zu leben, daß ein Jeder, der meinen
Wandel auf Erden sieht, ausrufen muß:»Heil dem Weibe,
das ihn geboren hat,« und daß ich so deinen Namen mit
Ruhm verewige. Deine Seele sei ein unsichtbarer Engel,
der mich stets umschwebe, mich von Sünden und Lastern
fern halte, und mich stets an die heilige Andacht erinnere,
mit welcher du in deinem Heim, wie im Gotteshause zu
dem Herrn betetest, sodaß mein Herz dadurch fromm
und mein Sinn milde werde.--Und du, himmlischer
Vater, der so gerne die Gebete seiner Kinder erhört, o!
erhöre mich, wenn ich bete: schenke meiner heimgegangenen
Mutter dort, wo nur Liebe und Friede herrscht, jene
beseligende Wonne, die du deinen Heiligen bereitet hast,
zu denen auch sie ja sicher zählt, daß sie es wissen, wenn
ihre Nachkommen in Reinheit und Frömmigkeit vor dir
wandeln. Stärke mich dazu, daß ich einst, wenn die Bande
des Staubes fallen, und der Geist zu dir emporsteigt,
mit heiliger Freude einer seligen Wiedervereinigung mit
meiner verklärten Mutter und allen Edlen, die bei dir
sind, gewiß sein kann. Dein Name sei gepriesen in aller
Ewigkeit.
Amen!
Am Grabe eines Kindes.
5. Allweiser! du, dessen Gedanken weit hinausreichen
über die unseren, vergib, wenn mein betrübtes Herz hier
am Grabe eines geliebten Kindes seufzt, an das meine
Seele so fest geknüpft, das meines Lebens Stolz, Freude
und Hoffnung war. Ach, so oft ich mich seiner Asche
nähere, werden die traurigen Betrachtungen erneuert, die
sein Verlust verursachte; ach, welch freudige Aussichten
wurden durch seinen Tod vernichtet, welche Hoffnungen
mit ihm bestattet! Doch es ist deine Weisheit, erhabenes
Wesen, das ich anbete; du weißt ja besser, als die schwachen
Sterblichen, was zu ihrem Heile dient. Die fernste Zukunft
liegt ja vor deinem Blicke offen da, und du kennst die
Tage deiner Frommen, wenn sie zum ewigen Erbe und
Lohn erfüllt sind. (Ps. 36, 18.) Du wolltest vielleicht
meinen so früh heimgegangenen Liebling vor großen Gefahren
und Versuchungen, vor unzähligen Beschwerden
bewahren. Wohl rinnen meine Tränen bei dem Gedanken,
daß ich niemals mehr hier auf der Erde dem begegnen soll,
was meine Augenweide war, aber ich will in dem Gedanken
Trost suchen, daß die Unschuldigen, welche früh sterben,
doch lange gelebt haben; denn ihre Prüfungszeit war bald
vorüber, ihre Seele gefiel dem Ewigen, deshalb beeilte
er sich, dieselbe von dem sündigen Leib zu befreien und sie
dorthin zu versetzen, wo sie besser der Vollkommenheit
entgegenreisen kann. Ich will Trost in der Überzeugung
finden, daß ich durch Ergebenheit in deinen Willen deinen
Namen heiligen soll, du Heiliger!--O, mein geliebtes
Kind, sehe ich dich auch nicht mehr um mich, ewig will
ich dich doch mein nennen und in der Hoffnung leben, daß
ich dich einst verklärt unter den Engeln in der Ewigkeit
wiedersehen werde. O, wenn ich nur nichts versäumt
habe in der Ausbildung deines unvergänglichen Geistes!
(Dein frühzeitiger Tod soll mich noch mehr bestimmen,
deine Geschwister nicht nur für die Welt, sondern auch
für den Himmel zu erziehen, indem ich in ihrem Herzen
den Glauben befestige und so dieselben zur Seligkeit vorbereite.)
O Herr! vergib mir, wenn ich je meine mütterlichen
Pflichten vergessen habe, und laß die teure Seele, die jetzt
bei dir ist, schon mehr und mehr deinem Reiche entgegenreisen!
Erhöre mich, o himmlischer Vater, und laß Trost,
Ruhe und Seligkeit mein Inneres erfüllen, so daß ich freudig
deinen Namen in aller Ewigkeit preisen kann.
Amen!
Eine Witwe am Grabe ihres Mannes.
6. Friede sei mit deinem Staube, du meines Lebens
leitender Stern, du meiner Kinder Versorger und
Führer![93] Ach, wenn auch viele Tage verflossen sind, seit der Allweise
in seinem unerforschlichen Ratschluß dich von mir rief,
so fühle ich doch jedesmal, wenn ich mich deiner Ruhestätte
nähere, meinen tiefen Schmerz und erinnere mich mit süßer
Wehmut unseres glücklichen Zusammenlebens, von dem
Augenblick an, da du mir freundlich entgegen lächeltest und
den Frühling meines Lebens mir verherrlichtest, da deine
Gedanken nur darauf zielten, mir Glück und Frieden zu
bereiten, für das Wohl unserer Kinder zu sorgen, bis zu
der Stunde, da dein Auge brach, und das Licht, das mein
Haus erhellte, verdunkelt wurde, und Sorge und Bekümmernis
für meine Kleinen mein Herz überwältigten.
O, ich kann nicht ohne Tränen fragen: weshalb, o Herr,
sollte er mir genommen werden? Aber gerade dieser Schmerz
über deinen Verlust löst sich in dem seligen Bewußtsein
auf, daß du mir nahe bist! Ja, ich habe, ich besitze dich
noch. In meines Herzens Tiefe schließe ich dich ein, denn
das, was uns vereinigt hat, ist unsterblich. Das leibliche
Auge sieht dich nicht mehr, aber mein geistiges Auge erblickt
dich noch, und es ist mir, als ob deine ermunternde
Stimme mich stärke. Zeige du mich hin zu ihm, der den
Witwen ein Führer und den Vaterlosen ein Vater ist,
der die heimsucht, welche er liebt, und dessen Wege all zu
erhaben sind, als daß wir Sterbliche sie verstehen könnten,
die aber sicherlich zum Guten führen. Ja, Allheiliger!
Stärke mich zur Ergebung in deinen heiligen Willen,
gieße Balsam in mein wundes Herz, vergib mir meine
Sünden und erbarme dich über meine Kinder. Gib mir
Kraft sie zu allem Guten zu erziehen, und wecke du in
ihrem Innern eine fromme Denkungsart, daß sie dir um
Wohlgefallen, mir zur Freude und meinem heimgegangenen
Gatten zum rühmlichen Gedächtnis werden möchten.
Beschirme die Tage meiner Zukunft und gedenke stets der
teuren Seele, deren Verlust ich beweine, zum Guten und
zur ewigen Glückseligkeit.
Amen!
[Fußnote 93: Wenn sie keine Kinder hat, muß natürlich alles, was darauf
hindeutet, aus diesem Gebet weggelassen werden.]
Am Grabe eines gefallenen Vaterlandsverteidigers.
7. Mit Ehrfurcht und Dankbarkeit nahe ich mich diesem
Grabe, o Ewiger! wo der Staub dessen ruht, der heldenmütig
sein Leben geopfert hat, um des Vaterlands Recht
und Wohlfahrt zu schützen. O, Allgerechter, wie sein Andenken
ewig teuer ist und sein muß für einen jeden, der
es aufrichtig mit seinem Volke und Vaterlande meint, und
wie seine Ruhestätte allezeit von den Tränen heiligster
Erinnerung benetzt werden wird, so belohne du ihn dort
für seine fromme Tat, wo allein wahre Treue und Aufopferung
für die Mitmenschen vollkommen belohnt werden
kann. Ja, du, der du hier schlummerst, du hast es gezeigt,
daß, so kostbar auch das Gut des Lebens ist, doch noch ein
höheres Gut vorhanden ist, für das man jenes hingeben
muß. Du täuschtest das Vertrauen nicht, das man in der
Stunde der Gefahr auf dich setzte; unerschrocken tratest du
dem Tode entgegen, und welch süße Bande dich auch fesselten,
du rissest dich von ihnen los und kämpftest mit Mut und
Kraft, wie die Helden des Altertums, sicher, daß nur
der vergängliche Teil des Menschen überwunden werden
und fallen kann, der unvergängliche aber siegen muß. An
deinem Grabe soll sich die Jugend für Vaterlandsliebe
begeistern, soll der Mut in den Söhnen des Landes entflammt
werden, ja, hier will ich mich begeistern, jedes Opfer, das
in meinen Kräften steht, für das Vaterland, für die Brüder,
für die Gemeinde zu bringen. Hier will ich lernen, für
meinen Glauben zu dulden und zu streiten, hier will ich
als ein treuer Bürger lernen, alles zu bekämpfen, was dem
Wohle des Vaterlandes schaden kann, und als ein wahrhafter
Diener Gottes in jedem Kampfe für mein himmlisches
Vaterland bis zum Letzten ausharren. Hilf du mir, Allheiliger,
daß meine Seele den Tod der Gerechten sterben
und mein Ende dem der Frommen gleichen möge. Sei
mit mir, Allgegenwärtiger, und laß meinen Wandel dir
stets wohlgefallen.
Amen!
Beim Grabe eines Verwandten.
(Nach einem älteren hebräischen Gebet.)
8. Hier an dieser Stätte, wo der Gedanke an ihn,
der zum Tode wie zum Leben führt, in unserm Innern
lebendig wird, hier erhebe ich meinen Geist zu dem Unendlichen
und sage: mein Gott, du mein teuerstes Gut, das
mir über alles geht, nächst dir strebt meine Sehnsucht nach
jenen wahrhaft Frommen, welche jetzt die Erde deckt, und
hier weilt die Asche eines mir teuren Körpers;
Mutter oder Großmutter
am Grabe
eines Kindes:
Siehe, ich deine Mutter, welche
dich (geboren), gepflegt und geliebt
hat, mit treuer mütterlicher Sorge
mit inniger Zuneigung,
* * * * *
Kinder oder Enkel
am Grabe der Eltern
oder der Großeltern:
Siehe, ich deine Tochter (Enkelin),
die durch die heiligen Banden
des Blutes mit dir verbunden ist;
* * * * *
Am Grabe eines
Ehegatten:
Siehe, ich, deine treue Gattin,
welche dich innigst liebt!
* * * * *
Am Grabe eines
Bruders oder eines
sonstigen Angehörigen:
Siehe, ich deine Schwester,
(Schwiegertochter, Freundin, Schülerin
usw.)
* * * * *
besuche deinen Grabeshügel! Ehre sei Gott in der Höhe!
Friede mit deinem Staub! Die Freude der Seligkeit mit
deiner Seele! Innige Liebe zu dir, die eben so warm ist,
als damals, wo du noch am Leben warst, durchdringt mich,
führte mich hierher zu deiner Ruhestätte, wo ich vor dem
Gott der Geister meine Seele ausschütten und ihn bitten
will, dir gnädig zu sein und deine Seele im Eden im Verein
mit deiner Stammväter verklärten Seelen zu erfreuen,
daß du in Seligkeit das ewige Gut genießen mögest, das
Er seinen Frommen vorbehalten hat. Mögest du von dem
Tau der Seligkeit im ewigen Leben erquickt werden, wie
der Tau des Himmels die Pflanze erquickt.--Und sollte
in jenem Leben die Liebe, welche einst dein Herz bewegt
hat, denn aufhören können? Nein, so innig, wie ich deiner
gedenke, und wie meine Gebete für deine Seligkeit aufsteigen,
eben so innig gedenkt deine Seele der meinigen,
wünscht mir alles Gute und betet für meine Wohlfahrt zu
dem Allerbarmer. O, daß unsere gemeinsamen Gebete ihm
wohlgefallen möchten, und er in seiner Güte alles Böse von
mir und allen deinen Angehörigen abwenden wollte. Gott
der Liebe! du, in dessen Hand die Seelen aller Toten und
Lebendigen stehen, erhöre unsere Gebete, die zum Throne
deiner Herrlichkeit aufsteigen, segne mich, daß ich ein dir
wohlgefälliges Leben führen möge, zur Ehre und zum Ruhm
für den, dessen ich heute gedenke, und daß ich also glücklich
hier auf Erden sei und einst selig werde dort in der
Ewigkeit, wenn ich in das göttliche Reich bei dir aufgenommen
werde, mein Vater und mein Richter.
Amen!