Am Laubhüttenfest als Erntefest.[46]

47. Ewiger, der du sowohl in der Höhe als in der Tiefe die verborgenen

Quellen öffnest und aus unerschöpflicher Fülle Segen niederströmen läßt

über alle Geschöpfe, dir bringen jetzt alle ihren Dank, weil ihre

Vorratskammern wiederum gefüllt sind,--wie könnte ich da allein

schweigen? Sollte ich dir meinen Dank nicht bringen, der du deine milde

Hand aufgetan und allem, was lebt, seine Nahrung gegeben hast? Nein, und

wenn auch alle Welt schwiege, ich müßte doch in dieser Stunde die Stimme

meiner Dankbarkeit erheben, denn du hast ja selber dieses Fest in deiner

Güte dazu geweiht, daß es in der Brust des Israeliten die Stimme des

Dankes wecken soll, auf daß, wie unsere Väter in der Wüste jeden Tag der

Woche, so auch wir jetzt zu diesen festlichen Stunden erkennen, daß das

Brot vom Himmel kommt, und daß wir nicht sein sollen wie diejenigen,

welche über die Gabe den allgütigen Geber vergessen. Und kann ich auch

nicht wie der Landmann zur Erntezeit, in meine Scheuern gehen, um den

reichen Segen zu sehen, so hast du doch mir und den Meinen eine nicht

minder reiche Ernte verliehen. Die Tat, welche ich vollführe, der Beruf,

den ich erfülle, das ist ja der Acker, den ich pflüge und besäe, und wie

reich hast du mich ernten lassen! Und hätte ich auch nur wenig geerntet,

flossen auch die Quellen der Nahrung nur spärlich, so ist doch selbst

dieses Geringe eine unverdiente Gabe aus deiner Hand. Aufs neue wird mir

die Gewißheit, daß du deinen Bund hältst, »daß Saat und Ernte niemals

aufhören und der Fleißige gesegnet werden soll.« Wieder habe ich

tausende von Erquickungen empfangen, und jede einzelne von ihnen lehrte

mich, daß, »wenn auch junge Löwen schmachten und hungern, so soll doch

denen, die dich von ganzem Herzen suchen, nichts Gutes mangeln«.[47] So

will ich mich denn heute in diesem Troste freuen, und ich will meine

Freude erhöhen, indem ich Freude nah und fern verbreite, und meinen Dank

will ich dir dadurch beweisen, daß ich jedem meiner Brüder und jeder

meiner Schwestern mit freundlichem Angesicht, mit mildem, wohltätigem

Sinn entgegenkommen will, daß auch ihr Dank für alles, womit du uns

gesegnet hast, zu dir aufsteige. Nun bitte ich dich, allen schöne,

festliche Tage zu bereiten, ich bitte dich, Frieden und Freude über mich

und mein Haus auszubreiten, daß es von deinem Lob beständig widerhallen

möge. Geheiliget sei dein Name!

Amen!

[Fußnote 46: Einsammlungsfest 2. Mos. 23, 16, 34. 22.--5. Mos. 16, 13.]

48. Dir danke ich, o mein Gott, daß dein Name nahe ist, und daß, der du

deine hohe Wohnung dir im Himmel erbaut hast, du auch deinen Bund auf

Erden gegründet und deine Hütte unter den Kindern der Menschen

aufgeschlagen hast, daß auch mein Leben in der Gemeinschaft der Frommen

geheiligt wird. Denn heute ist es ja das Fest, welches du dereinst

angeordnet hast, um dem gemeinsamen Leben der Gläubigen Nahrung zu

geben, und noch jetzt ist es diesem Zweck geweiht; und wie vormals alle

diejenigen an ihm vereinigt wurden, welche in zahlreichen Scharen zur

heiligen Stadt hinzogen, deinen Namen zu preisen und deiner Lehre zu

lauschen, auf daß sie neu belebt würden und mit des Glaubens heiligen

Gaben in ihre Häuser heimkehrten, also umschlingt dasselbe Fest noch

immer mit einem heiligen Band alle diejenigen, die über die weite Erde

zerstreut und zersplittert sind, aber eine geistige Gemeinschaft sich

bewahrt haben. Es verbindet uns alle als Brüder im Glauben, die wenig

Begabten mit den an Kenntnis Reichen, und die, welche durch ihre frommen

und edlen Handlungen sich einen Namen und guten Ruf erworben haben, mit

denen, die nur wenig vollführt, aber doch zur Gründung des Himmelreiches

auf Erden mitgewirkt haben, wenn sie nur treu geblieben sind und sich

dem heiligen Bund von ganzem Herzen angeschlossen haben. Es sind ja

nicht nur die Mächtigen und Großen, die hie und da nur spärlich zu

finden sind, durch welche die Aufgabe, die du deinem Volke gestellt

hast, erfüllt werden soll; auch nicht allein diejenigen, welche die

Menschen dazu bestellt haben, deinen Weinberg zu hüten und zu pflegen,

nein, es sind auch diejenigen, welche mit geringen Kräften Stein auf

Stein zu dem heiligen Bau tragen, die Geringen, welche in einfältiger

Frömmigkeit das Ihrige zu seinem Wachstum beitragen, und überall sich

finden, wo der Lebensstrom deiner Lehre fließt, gleich der

unansehnlichen Weide, die an jedem Strom wächst und die ganze Erde

ziert, während die Palme nur ein Schmuck der südlichen Länder ist. O

Gott, laß auch mich ein lebendiges Glied in diesem Bunde sein, mich, der

ich mit ganzem Herzen mich deiner Gemeinde anschließe; und kann ich auch

nichts Großes wirken, so erfülle mich doch mit der freudigen Gewißheit,

daß selbst durch das Wenige, welches ich beizutragen vermag, das Ganze

und Große auch gefördert werde. Stärke mich in dem Vorsatz, mit

Bereitwilligkeit mein Scherflein für alles zu geben, was zum Bedarf der

Gemeinde sowohl, wie deines Hauses dient, und für alles, was die

Gemeinschaft mit dir fördert. Und Herr, mit Sorgfalt will ich alles

vermeiden, was Zwistigkeit erregen könnte, und was dazu dienen möchte,

das Band zu lösen, welches uns alle in einem Gedanken und in einem Sinne

vereinen soll. Laß nun dieses Fest über mich und die Meinigen seine

erquickenden Schatten breiten, daß ich von seiner Freude gesättigt

werde, als von dem Vorgeschmack der Seligkeit.

Amen!

[Fußnote 47: Ps. 31, 11.]

Am Schlußfeste (Schemini Azeres).

49. Ewiger Gott! Das Fest und die Natur vereinen sich, um mir zu

predigen;»Alles ist eitel, alles ist ganz eitel!«[48] Wohin ich jetzt

meine Blicke wende, überall in der Natur treten mir die Zeichen der

Vergänglichkeit entgegen. Die Schönheit der Ebene ist geschwunden, der

Schmuck der Fluren ist dahingewelkt, auf dürre, welke Blätter tritt mein

Fuß, und ich fühle mich tief von dem Gedanken ergriffen:»Des Menschen

Leben ist wie Gras, er blüht wie eine Blume des Feldes, ein Wind fährt

darüber hin und sie ist nicht mehr und ihre Stätte kennt man nicht

länger;«[49] bald welkt die Schönheit des Lebens dahin, ach, gar bald

werde ich dastehen wie ein entlaubter Baum, von dem Blatt nach Blatt

herunterfällt. Und wird mir nicht dasselbe von diesem heiligen

Schlußfest gepredigt, das mich daran erinnern soll, wie bald meine Tage

zu Ende sind und mein Tagewerk abgeschlossen werden soll? Noch einmal

will ich mich in dir und vor deinem Angesichte freuen, o Ewiger, und in

meiner Seele alle die beseligenden Eindrücke sammeln, welche diese

vielen Festtage auf mich gemacht haben, und ich will mich hüten, daß ich

nichts von der mir noch vergönnten Zeit verliere. So will ich mich denn

beeilen, ehe des Lebens Winter herannaht und die Kräfte mir versagen,

das zu vollführen, wozu ich berufen worden bin, und ich will die wenigen

Tage, welche mir zugemessen sind, noch mehr dazu benutzen, ein Leben zu

führen, dir angenehm und den Menschen segenbringend. Mein himmlischer

Vater! Nimm das Opfer meines Herzens gnädig an, das fromme Gelübde, daß

ich in dem Vergänglichen das Ewige erfassen will, damit ich einst, wenn

du mich rufst, ein Schlußfest bei dir in Seligkeit und ewiger Freude

feiern möge.

Amen!

[Fußnote 48: Prediger Sal. 1, 2.]

[Fußnote 49: Ps. 103, 15-16.]

Am Freudenfeste über die Thora (Simchas Thora).

50.»Das Gras verdorrt und die Blumen welken dahin, aber dein Wort, o

Gott, bleibt in alle Ewigkeit.«[50] Das ist mein Freudenruf, mein Psalm,

mein Lobgesang, mit dem ich mich dir am heutigen Tage, an dem Israel die

heilige Thora beendigt und von neuem wieder beginnt, nahe. Alles

Irdische vergeht, nur dein Wort besteht in Ewigkeit, und die, welche es

uns verkündigt haben, leben ewig in unserer Erinnerung. Das flammende

Wort, welches Moses Lippen entströmte, ist die unvergängliche

Richtschnur unseres Lebens, ein ewiges, das aller Zeiten Stürme doch

nicht zu vernichten vermochten. O Vater, ich danke dir, daß dieses Wort

des Lebens noch mein Eigentum ist, und daß ich es rein und unverfälscht

besitze, wie es ursprünglich lautete. Ich danke dir, daß du mir den

Zugang zu demselben eröffnet hast, ja, du hast es ja einem jeden

Israeliten zur Pflicht gemacht, sich recht vertraut damit zu machen, in

seine Tiefen einzudringen und Leben und Geist daraus zu schöpfen, die

Wahrheit darin zu suchen, zur Liebe dadurch erwärmt zu werden, und

Trost und selige Hoffnung darin zu finden. Ich danke dir, daß du in den

24 Büchern der heiligen Schrift (Thora, Nebiim und Kethubim) auch mir

die reine Quelle des Lebens für alle Zeiten und Geschlechter hast

strömen lassen. Und indem ich dir für deine geschriebene Lehre danke,

sende ich auch meinen Dank für die mündliche zu dir empor, welche uns

den Inhalt der Schrift erst verstehen und richtig erfassen läßt. O, mein

Gott, wie oft habe ich nicht dieses dein Wort gering geachtet, wie oft

eine Gelegenheit versäumt, darin belehrt zu werden oder die Zeit

verschlafen, da ich seiner Verkündigung lauschen sollte, während ich

meine beste Zeit für Schriften vergeudete, welche den Geist beflecken

und Herz wie Sinn verderben! O lehre du selbst mich den Schatz hüten,

den du mir geschenkt hast, daß ich in Zukunft möchte sagen können:»Ich

hasse Fabel und Tand, aber ich liebe deine Lehre!«[51] Die langen

Winterabende will ich dir weihen, indem ich bei deinem heiligen Wort

verweile, ich will aufmerken auf die mündlichen Auslegungen desselben

und dahin eilen, wo ich es in lebendiger Verkündigung hören kann, daß

meine Seele errettet werde.[52] Ich will ein waches Auge über alle die

Meinigen haben, daß sie nicht die giftigen Bücher lesen, welche ihre

Gedanken beflecken und will sie den Wert deines Wortes erkennen lassen,

welches uns von dem Irdischen zum Himmlischen emporhebt. Nun breite du

deinen Frieden über mich und die Meinigen aus, den Frieden, welcher

denen versprochen ist, die dein Wort lieben, daß ich niemals straucheln

möge und meine Seele in dir lebe und dich in alle Ewigkeit preise.[53]

Amen!

[Fußnote 50: Jes. 40, 8.]

[Fußnote 51: Ps. 119, 113, 163.]

[Fußnote 52: Jes. 55, 3.]

[Fußnote 53: Ps. 119, 175.]

Am Feste der Tempelweihe (Chanuka, Lichterfest).

51. Lieber Gott! Wie soll ich dir genugsam danken und dich preisen für

all die Freude und all die Hoffnung, welche mir aus den Lichtern

entgegenstrahlen, die wir in diesen Tagen zum Gedächtnis an den Kampf

der Makkabäer anzünden, die für das höchste Gut, für den Glauben,

stritten; zum Gedächtnis an den Sieg, welchen du sie gewinnen ließest,

zum Gedächtnis an die Märtyrer, die um des Glaubens willen, und um das

ewige Leben zu retten, freudig in den Tod gingen. So hast du Israel

nicht nur dazu erkoren, deinen Bund zu schließen und deine Gotteslehre

zu bewahren, sondern du hast es auch dazu gewürdigt, das erste Volk zu

sein, welches ein Beispiel zur Nachahmung gegeben, für die höchsten und

heiligsten Güter des Menschen, für die Freiheit des Glaubens und des

Geistes zu kämpfen und alles Irdische zu verachten, wenn der Glaube in

Gefahr schwebt, ja bereitwillig selbst lieber das Leben opfern, als die

heilige Überzeugung aufzugeben. Das erzählt uns ja die Geschichte

unseres Festes, wie unsere Väter in jenen Schreckenszeiten allen

Drohungen und Verlockungen trotzten; wie sowohl Frauen als Männer,

sowohl Greise als Kinder standhaft alle Marter ertrugen; wie sie den

Scheiterhaufen bestiegen und selbst im Tode noch ihren Glauben

bezeugten. Und wenn auch alles dem Glauben Israels den Untergang

verkündete, so ging er doch durch deine allmächtige Hilfe gerade aus

jenen Tagen siegreich hervor, und du hast aller Welt gezeigt, daß die

Kraft des Geistes mächtiger ist, als gewaltige Heere. O Herr! Ich danke

dir, daß die Zeit der blutigen Verfolgung um des Glaubens willen ein

Ende genommen hat; aber ach, mein Gott! wie oft sind nicht Hohn und

Spott weit schneidendere und giftigere Waffen, und selbst die

Mutigsten, die sich nicht fürchten würden, für den Glauben in den Tod zu

gehen, zittern vor der Verachtung der Welt und den Pfeilen des Spottes.

Wie viele sind nicht dem Falle ausgesetzt durch die Schlinge, welche der

Versucher ihrer Frömmigkeit legt, wenn er ihnen sowohl zuflüstert, als

auch laut entgegenruft, daß sie noch in einer veralteten Lehre befangen

sind, und wie muß es nicht mein Herz mit Sorgen und Bekümmernis

erfüllen, wenn ich die Lässigkeit im Glauben sehe, die überall

hervortritt und mich fast fürchten läßt, daß derselbe ganz auf Erden

untergehen könnte.--Doch nein, nein! Indem ich der Zeit der Makkabäer

gedenke, will ich mich zugleich daran erinnern, wie oft das Verderben

gedroht hat, wie oft es geschienen, als ob das heilige Licht des

Glaubens erlöschen sollte, und doch flammte es von neuem auf und

strahlte nur um so klarer und heller. Ich will beim Anblick dieser

Lichter meinen Eifer entflammen und meine Treue in deinem Dienste

stärken, sowohl ich, wie auch mein Haus, ja, ich will auf die Fahne

meines Lebens die Inschrift setzen:»Wer unter den Mächtigen kann sich

vergleichen mit dir«, und sicher und ruhig werde ich im Glauben

wandeln.»Ewiger, du bist mein Licht und meine Hilfe, wen sollte ich da

wohl fürchten? Du bist die Kraft meines Lebens, vor wem sollte mir da

wohl grauen? Höre mein Flehen, sei mir gnädig und erhöre mich.«[54]

Amen!

Am Purimfest.

52.»Mein Mund lobsinge dem Herrn und preise ihn unter vielen, denn er

steht zur Rechten des Unschuldigen, um ihn von denen zu erretten, die

seine Seele richteten.«[55]

»Du machst des Listigen Anschläge zu schanden, so daß sie keine Macht

haben, ihre Absicht auszuführen, du fängst die Boshaften in ihrer

eigenen Tücke und vereitelst die Pläne des Bösen.«[56] So errettetest du

ja unsere Väter von Tod und Verderben, als der Mächtige die Unschuldigen

anklagte und in gekränktem Hochmut einen Plan schmiedete, deine Treuen

aus dem Lande zu vertilgen. Du, Israels Schirmherr, der niemals

schlummert und niemals schläft, du ließest die Ruhe das Lager jenes

Königs fliehen, du öffnetest sein Auge, den Anschlag des Verräters zu

erkennen; ja du hattest schon zuvor das Mittel zur Errettung Israels

bereit, jene fromme Seele, die ihr Leben opfern wollte, für das Heil

ihres Volkes! So wurde selbst das schlimme Los uns zu Glück und Ehre, du

ließest es zu Israels Rettung und Wohl fallen, und »die Sorge ward in

Glück, der Kummer verwandelt in Freude.«--O, weshalb erschrecke ich da,

wenn schlimme Nachricht mein Ohr erreicht, weshalb erbeben die Menschen,

wenn von Ruchlosen Pläne gegen ihr Wohl geschmiedet werden? Du regierst

ja alles, du lenkst jeden Anschlag zu seinem Ausgang und löst die

Verwickelungen des Lebens, und die Schandtat des Bösen muß ebenso gut

meinem Wohle dienen, als die Segnungen der Edlen und Frommen. So werde

meine Seele denn froh in dir, und Freude umgebe mich diesen Tag. So weit

ich vermag, will ich den Unterdrückten auch selber helfen, und meine

Freude mir dadurch erhöhen, ich will mit meinen Gaben manchen Armen

unterstützen, und mein Hallelujah soll den ganzen Tag vor dir

erschallen.

Amen!

[Fußnote 54: Ps. 27.]

[Fußnote 55: Ps. 109, 30.]

53. Mein Gott! Mein Mund vermag nicht all den Dank und all die Freude

auszudrücken, die mein Herz fühlt, so oft dieser Tag der Errettung

wiederkehrt.»Wenn du nicht mit uns gewesen wärest, als die Menschen sich

wider uns erhoben, so hätten die Gottlosen uns in ihrem Zorn

verschlungen. Ihr Glück würde dann wie die Wellen in rasendem Sturm uns

überflutet haben. Dir sei Lob und Preis, o Gott, der uns nicht zu einem

Raub ihrer Zähne werden ließ. Wir entgingen unsern Verfolgern; denn

unsere Hilfe ruht in dem Namen des Allmächtigen, der Himmel und Erde

erschaffen hat.«[57]--Zu allen Zeiten und überall hast du, unser Vater,

uns beschirmt; und dieser Tag ruft uns nicht nur den Sieg Israels über

Haman ins Gedächtnis, sondern alle die Ereignisse, da deine Vorsehung

unsere Väter errettet hat, da du ihre Betrübnis in Jubel, den Ruf ihrer

Angst und ihres Schmerzes in Tränen der Freude und der Dankbarkeit

verwandelt hast. Ja sicherlich, Herr unser Gott, Israel ist ein lebendes

Zeugnis deiner ewigen Treue:»Die, welche auf dich hoffen, sollen niemals

zu schanden werden.« Israel wurde verachtet und gedemütigt, aber sein

Vertrauen auf dich war stärker als seine Leiden, und du hattest Mitleid

mit seinem Schmerze; hellere und freundlichere Tage sind ja gefolgt auf

die Zeit des Hasses und der Verfolgung. Allvaters Stimme hat den Geist

aller seiner Kinder durchdrungen, ihre Herzen erreicht, und Israel

findet überall unter den Nachkommen seiner Unterdrücker nunmehr Brüder.

Ja, die Erinnerung an das, was unsere Väter gelitten haben, erhöht in

unsern Herzen nur die Freude über unser Vaterland, das all unsere Wunden

geheilt hat, all unsere Schmach getilgt und unserm Glauben seine

Freiheit und seinen Glanz zurückgegeben hat. Gelobt seiest du, unser

Gott, unser Erretter! O, daß doch das Bewußtsein all der Freuden, die

wir in diesem unsern Geburtslande genießen, unsere Herzen zu

brüderlicher und liebevoller Gesinnung gegen alle Menschen, unsere

Brüder, erwecken möchte!--Sei gelobt, du Ewiger, unser Gott, für all die

Wunder, welche du an unsern Vätern vollführt hast und für den ewigen

Schutz, den du ihren Kindern angedeihen läßt.

Amen!

[Fußnote 56: Ijob. 5. 12, 13.]

[Fußnote 57: Ps. 124.]

Am Tage der Zerstörung des Tempels (Tischoh b'ab).

54. O du, dessen Liebe ohne Ende ist und dessen Barmherzigkeit ohne

Grenzen, heute werde ich erinnert an die Stunde, »da du Israels Schmuck

vom Himmel zur Erde stürztest und am Tage der Heimsuchung den Schemel

deiner Füße nicht achtetest,«[58] und meine Bitte wird von Wehmut

erfüllt, und Sorgen erfassen mein Herz. Wie könnte es auch anders sein?

Ist nicht das gerade das Große und Erhabene der heiligen Gedächtnistage

meines Glaubens, daß ich nicht nur die glücklichen Zeiten, die Tage der

Errettung, des Sieges und der Freude mir vor die Seele rufen soll,

sondern auch jene, die ein trauriges Zeugnis für die Sünde und den

Abfall der Väter ablegen, wie sie es selbst verschuldeten, daß du nicht

einmal dein Heiligtum schontest, welches über alle Ebenen der Welt sein

Licht verbreiten sollte, daß »Zion, von wo die Thora ausgehen sollte, wie

ein Acker gepflügt wird, und daß Jerusalem, die Stätte, welche zur

Verkündigung deines Namens geheiligt war, zu einem Steinhaufen

wurde.«[59] Mit Sorgen stimme ich in die Klage des Propheten ein:»Unsere

Väter haben gesündigt und sind nicht mehr, und wir tragen ihre

Sünde.«[60] Sie hörten nicht auf den Ruf deiner Gnade, und vergebens

zeigtest du ihnen deine Langmut; ja, sie gruben sich mit eigner Hand ihr

Grab, indem sie gegen einander wüteten und sich durch eigenen Streit in

die Hände ihrer Feinde gaben. Da wurde der heilige Bau zerschmettert und

zermalmte in seinem Falle alle, die ihm anhingen. Ach Herr! Bitterlich

weine ich über diesen Fall, und um so bitterer, weil die Sünden der

damaligen Zeit noch immer unter uns herrschen. Aber »je mehr ich mir das

Innerliche zu Herzen nehme, um so fester ist auch meine Hoffnung,«[61]

und je tiefer meine Sorge ist, um so gewisser ist auch mein Vertrauen

auf dich und deinen Trost. Ja, so gewiß, wie jenes Gotteswort in

Erfüllung ging, welches dem sündigen Volke seinen Untergang verkündigte,

und daß die Tage des Zornes kommen sollten, so gewiß wird auch jene Zeit

erscheinen, wo es wieder zu Gnaden aufgenommen wird und sich erfüllt,

was der Prophet verkündet:»Und in den letzten Tagen soll es geschehen,

da soll der Tempelberg des Herrn über alle Höhen erhoben werden, und

alle Völker sollen dahin strömen und sagen: Kommet! laßt uns

hinaufziehen zu dem Herrn, zum Hause des Gottes Jakobs, auf daß er uns

seine Wege lehre, daß wir in seinen Fußtapfen wandern mögen, und Freude

soll über alle sich verbreiten, die in Sorgen leben ob seines

Falles.«[62] Ewiger! stärke du mich in dieser meiner Hoffnung und laß

mein Leben ein Zeugnis davon sein, daß ich Wahrheit und Frieden liebe.

Amen!

[Fußnote 58: Klagelieder 2, 1.]

[Fußnote 59: Micha 3, 12.]

[Fußnote 60: Klagelieder 5, 7.]

[Fußnote 61: Klagelieder 3, 21.]

[Fußnote 62: Micha 4.]

Schlußgebet beim Gottesdienste (Olenu).

55. Uns geziemt es dich zu loben und dich zu verehren, o Herr des

Weltalls, und deine Größe und Herrlichkeit zu bezeugen, da du uns

berufen hast, deine Worte und deine Taten in der Übung frommer Werke zu

verkünden und dich durch unseren Lebenswandel zu heiligen. Darum

verneigen wir uns ehrfurchtsvoll vor dir, und bekennen dich als den

Herrn des Himmels und der Erde. Ja wir hoffen auf dich und glauben in

fester und unerschütterlicher Treue, daß deine Größe und Allmacht, o

Gott, immer mehr erkannt werde und sich sichtbar verbreite nach allen

Richtungen der Erde, damit aller Irrtum hienieden verschwinde und alle

Wesen erkennen, daß du nur allein Gott und Herr bist über alle

erschaffenen Dinge. Alsdann werden alle Bewohner des Weltalls vor dir

sich neigen und deiner Herrschaft sich willig unterwerfen, deinen Namen

die Ehre geben und so den wahren Frieden allseitig hienieden begründen.

So lehren ja auch deine Propheten mit ihrem hellen Seherblicke in die

Zukunft.»Gottes Reich ist ein ewig dauerndes.« Und an anderer Stelle

heißt es:»Und Gott wird König sein über die ganze Erde, alsdann wird

der Ewige einzig sein und sein Name einzig.«!

Amen!

Die Hausfrau, wenn sie Chala nimmt.

56. Wie du einst unsere Väter in der Wüste speistest und sie am Tage

alles zum Unterhalte ihres Lebens finden ließest, dessen sie bedurften,

so bist du, o mein Gott, mit meinem Gatten, (meines Hauses Versorger)

gewesen und hast seinen Fleiß gesegnet, daß wir den Unterhalt unseres

Lebens nicht entbehren. Bevor nun der heilige Tag beginnt, will ich nach

Vorschrift auf bildliche Weise dir meinen Dank darbringen, und als ein

echtes Weib Israels will ich unsern Glauben bekennen, daß selbst jeder

sinnliche Genuß, den du uns gewährst, durch fromme Gedanken geheiligt

werden soll. Denn du ließest es zum hohen Beruf des Weibes werden, den

Segen des Glaubens in das schöne Heim zu bringen; ihr legtest du die

Pflicht auf, das tägliche Brot zu heiligen. O, mein Gott, so laß es denn

dir gedeckt sein, was ich bereite, und segne du unsers Lebens Brot.

Amen!

Die Hausfrau, wenn sie die Sabbatlichter oder die Festlichter anzündet.

57. Freude soll alle Zeit in Israels Wohnungen leuchten; das

israelitische Weib soll die Wolke der Bekümmernis zerstreuen, die sich

zeitweilig über den Gatten ausbreitet und den häuslichen Kreis

verdunkelt. Mit dem warmen und reinen Glauben in ihrer Brust soll sie

trösten, ermuntern und erquicken. O! habe Dank, o Vater, daß ich jetzt

wieder an meinen schönen und heiligen Beruf dadurch erinnert werde, daß

ich die Sabbat-(Fest-)Lichter anzünde, durch aufopfernde Tätigkeit,

Freude zu verbreiten und das Licht des Glaubens zu bewahren.

Amen!

Gebete für Israeliten · 第 16 / 46 题