III. Gebete an den Feiertagen.

Abendgebet an den drei Festen: Peßach, Schabuoth (Wochen-) und Succoth

(Laubhüttenfest).

31. Allgütiger und allheiliger Gott! Ich danke dir, daß du mich diesen

Abend hast erleben lassen, daß ich wiederum ein heiliges Fest feiern

kann, welches mich erinnert, wie du in deiner Weisheit den Kreislauf der

Zeiten geordnet und wie du, o Allmächtiger! alles zu seiner Zeit

geschaffen hast,--ein Fest, das mir deine mächtigen Wunder der Tage der

Vergangenheit ins Gedächtnis ruft, deine Wohltaten gegen unsere Väter,

wie du ihnen Hilfe sandtest, sie leitetest und führtest, Wohltaten, die

sowohl das Heil Israels als auch das der Menschheit überhaupt gefördert

haben. Ich danke dir, daß du mich dieses heilige Fest hast erleben

lassen, das meine Gotteserkenntnis bewähren, meinen Glaubensbund

erneuern und mich in demselben befestigen soll, und das mich an deine

ewigen Verheißungen erinnert, die du an jede Festzeit geknüpft hast. Ja,

ich danke dir, daß du, das unvollkommene Wesen des Menschen

berücksichtigend, dieses dein Fest eingesetzt hast, damit die heilige

Glaubensflamme in uns allen lebendig erhalten werde. O, möchte doch

alles sowohl in mir als um mich her das heilige Festgewand anlegen,

möchte ich in dieser Nacht mich von deinem väterlichen Schutze

umschattet fühlen, möchte ich sowohl, als alle, die mir angehören, von

dem seligen Gefühl ergriffen werden, mit welchen das Fest jeden erfüllen

sollte. Bewahre mich und meine Lieben vor allem, was den Frieden der

Nacht und des Festes stören könnte, und laß mich morgen in der

versammelten Gemeinde festliche Freude und festliche Erbauung mit all

denen genießen, die dich suchen, deine Güte empfinden und dich anbeten,

dich, der du »in Gnade und Barmherzigkeit festliche Erinnerungstage für

deine Wunder eingesetzt hast«,[25] O sprich zu mir:»Du bist mein Diener,

von dem ich gepriesen werde.«[26] Gepriesen sei dein Name in Ewigkeit.

Amen!

[Fußnote 25: Ps. 111, 4.]

[Fußnote 26: Jes. 49, 3.]

Morgengebet für den ersten und zweiten Tag des Peßachfestes.

32. Mit Dank erhebe ich mein Herz zu dir, o Ewiger, daß du in der

kalten, dunkeln Nacht des Winters mir Schutz gewesen bist, daß die

Winterzeit nun dahingegangen, und milde Lüfte mich wieder anwehen.

Alles, was im Schlummer gelegen, ist wiederum erwacht, die gefesselt

gewesene Natur ist wieder befreit. O, mein Gott, rührt sich wohl auch in

mir dieses neue Leben? Bin auch ich frei geworden und wandre nicht mehr

in der schmählichen Knechtschaft der Welt? Hat nicht die himmlische Saat

in meiner Brust auch im Schlafe gelegen vor der Kälte der Welt, wie die

Saat des Ackers vor dem Winterfrost? Habe ich wohl in den vielen langen

Nächten nach dem himmlischen Lichte in deinem heiligen Gesetze gesucht,

in stiller Zurückgezogenheit über dein Wort geforscht und die dunkle

Tiefe meines eigenen Herzens bei dem klaren Lichte deiner Lehre

untersucht? Oder habe ich vielmehr durch allerlei irdische Lust und

Freude nur noch mehr jedes höhere Gefühl in mir in Schlaf versenkt und

durch die Menge weltlicher Zerstreuungen den klaren Funken von deinem

Geiste, der in mir noch geglommen, völlig ausgelöscht? Habe ich nicht

manchmal Kälte und Unwetter nur als Vorwand vorgeschützt, um dein Haus

nicht zu besuchen? O! dieses Fest ist es, das mir solche mahnende

Erinnerungen gibt. An diesem Tage war es ja, daß du unsere Väter aus dem

Joche Ägyptens erlöstest, daß ihr Geist von dem Sklavensinne befreit

ward, und sie anfingen, als freies Volk zu leben und sich als solches zu

fühlen, daß sie sich dazu erhoben, deine Diener zu sein. Im Glauben an

dich traten sie ihre große Wanderung durch die Erdenwüste an, damit sie,

dem Lichte gleich, in der Finsternis der Welt leuchten sollten, um

sowohl in den Freuden als auch in den Leiden des irdischen Lebens,

deinen Namen zu verehren und anzubeten, und das Lamm zu sein, welches

seine Unschuld und Reinheit bewahrt und gerne das Opfer der Welt sein

will, aber auch selbst der Priester ist, der es darbringt, um das Werk

zu vollbringen, das du Israel aufgetragen: dein Reich auszubreiten, und

es zu befestigen. O, ich fühle, wie weit entfernt ich noch davon bin,

ein würdiges Glied in Israels Gemeinde, wie weit entfernt davon, dein

freigeborner Sohn zu sein, der das Joch der Welt abgeworfen, und dein

Diener, der sich von jedem Joche des Vorurteils frei gemacht und weder

von dem hohlen Wesen des Unglaubens, noch von den Irrtümern des

Aberglaubens gefesselt ist. Ach, der Sauerteig der Sünde füllt noch

meine Brust, und Eitelkeit, Wollust und Habsucht betören mich. O, möchte

ich doch, indem ich den Sauerteig aus meinem Hause forträume, auch

meinen Sinn läutern! Ja, ich will an diesem Feste meinen Lebenstag aufs

neue beginnen und mich selbst wieder zum Glauben erwecken. Ich will die

Erinnerungen aus den Tagen meiner Kindheit auffrischen, da fromme Eltern

an diesem Feste die gute Saat in meine Seele ausstreuten; ich will mir

Israels wunderbare Leitung wieder vor die Seele rufen, von der Zeit an,

da es durch deine kräftige Hand, o Gott! aus Ägypten geführt worden, bis

auf diesen Tag, um immer mehr zu erkennen, daß es unter deiner

väterlichen Obhut steht, daß es aber noch nicht seinen hohen Beruf

erfüllt und daß jedes Mitglied der Gemeinde Israels dir und seinem hohen

Berufe sein Leben und seine Kraft weihen soll. Aber was ich auch

will,--nichts vermag ich doch ohne deinen gnädigen Beistand. Dein Geist

sei mit mir und den Meinigen in dieser festlichen Zeit, daß wir sie

feiern zu deinem Wohlgefallen, zur Verherrlichung deines Namens.

Amen!

Ein anderes Gebet für den Peßachmorgen.

33. Wie lange auch der Winter gewährt, wie viele Sehnsuchtsseufzer in

den dunkeln Nächten zu deinem Himmel emporgestiegen, so habe ich doch

unter deinem Schutze, Allbarmherziger, den Anbruch der milden Jahreszeit

erlebt. So gedenke ich auch heute, daß durch deine Güte auf gleiche

Weise vor Jahrtausenden die Morgenröte der Freiheit für das

Menschengeschlecht anbrach. Du beriefest Israel, deinen Erstgeborenen,

eine Gemeinde zu deiner Anbetung zu bilden, damit die Nacht des

Heidentums nach und nach verschwinde, und alle Unterdrückung aufhöre.

Ja, lange hatten meine Vorfahren in Druck und Elend geschmachtet und

viele hatten schon jede Hoffnung auf Rettung aufgegeben, ja, hatten

schon aufgegeben den Glauben an die Verheißungen, die ihnen von

Geschlecht zu Geschlecht überliefert waren; doch die Stunde der

Errettung kam, und sie kam früher, als selbst die Gläubigsten geahnt

hatten, sie kam in der tiefsten Finsternis der Nacht.--O, ich sehe wohl,

noch seufzt die Welt unter dem Joche der Knechtschaft, noch bekämpfen

Völker einander mit blutigen Waffen, noch herrschen die Schrecken des

Krieges und noch werden wir von Eigennutz getrieben. Menschenfurcht hält

noch den Geist gebunden und völlig machen wir uns zu Sklaven törichter

Eitelkeit, und Gold und Ehre und Macht sind die Götzen, die die Menge

anbetet, und Laster und Leidenschaften üben eine mächtige Herrschaft

aus, sowohl über das ganze Menschengeschlecht, als über jeden Einzelnen.

Doch du, »dessen Name von Ewigkeit zu Ewigkeit währt, und der du unser

Erlöser bist«, du wirst dennoch endlich die Erlösung kommen lassen, so

gewiß, als du sie verheißen hast. Du wirst die Zeit kommen lassen, in

der »alle in Freundschaft mit einander wohnen, die Schwerter zu

Pflugscharen schmieden werden und das Kind mit der Schlange

spielet«,[27] da das Gift der Sünde von ihr genommen sein wird. Diese

Hoffnung soll das Fest in meiner Brust erneuern, und ich weiß, daß auch

mir ein wenig Kraft verliehen worden, in deinem Dienste für das Kommen

deines Reiches zu arbeiten. O, Herr! laß mich denn das Joch brechen, das

noch auf mir lastet, laß mich von Hochmut und sündiger Lust gereinigt

werden, und laß mich erkennen, daß nichts auf Erden mir als Eigentum

angehört, sondern daß mein Besitz ein anvertrautes Gut, ein Darlehen von

dir ist. Um nun von diesem Bewußtsein durchdrungen zu werden, wird ja

auch in Israel jede erste Gabe des Lebens dir geheiligt, deshalb gehört

dir ja die erste Erntefrucht des Jahres, und brachten eben ja am

heutigen Tage unsere Väter das heilige Omer als Opfer der Erstlinge dir

dar. So will ich denn gedenken, daß alles eine unverdiente Gabe aus

deiner Hand ist, und wie sehr ich auch dafür gearbeitet habe, so ist

doch nur der Genuß, wie von dem eines nur zur Benutzung anvertrauten

Gutes mir davon gestattet, die Seele aber darf nicht daran hängen; denn

es ist ja alles eitel und nichtig, die Seele aber schufst du für das

Ewige, und der hat schon jetzt das ewige Leben, der nur an dir festhält.

Gib, o du mein himmlischer Vater, daß ich in solcher Hoffnung an diesem

Feste wachse und wecke sie bei allen meinen Brüdern, ja laß die

zuversichtliche Erwartung bald das Menschengeschlecht erfüllen, daß

einst der Tag erscheine, »da der Herr einzig sein wird und sein Name

einzig.« Amen!

[Fußnote 27: Jes. 2, 4; Micha 4, 1--3, Jes. 11, 8.]

Morgengebet an den beiden letzten Tagen des Peßachfestes.

(2. B. M. 24, 15.)

34. Wo ist wohl die Wohnung eines Frommen, in der man nicht heute mit

Freuden Siegesgesänge anstimmt:»die Rechte des Herrn ist erhaben, die

Rechte des Herrn hat das Siegeswerk vollbracht!« O, auch mein Haus soll

von Siegesgesang erschallen und von Dank für deine wunderbare Hilfe, da

Israel so kurz nach der Befreiungsstunde, am Rande des Verderbens

stehend, nur im Aufblick zu dir, im Gebete, Mut und Rettung fand. Auch

hier in meinem Hause soll ein Dankfest gefeiert werden, dafür, daß du an

diesem Tage »den Glauben an dich und an Moses, deinen Diener, in den

Herzen unserer Väter befestigt hast. Und hat es nicht auch in meinem

eignen Leben so manche Stunde der Gefahr gegeben, in der ich oder einer

der Meinigen gleichsam über einem Abgrunde schwebte, so manchen

angstvollen Augenblick, in welchem ich verzagte und nicht fest in meinem

Glauben war? Doch du halfst mir und du stärktest meinen schwachen

Glauben! O, indem ich dir nun danke, will ich auch nicht vergessen an

diesem Dankfest denen zu danken, die du als Werkzeug gewählt hast, mir

zu helfen, mich zu stärken und zu trösten oder auch zu belehren. Wenn so

viele, weit entfernt solches anzuerkennen, undankbar sind, so will ich

in der Feststunde mir aufs neue die Pflicht der Dankbarkeit und

Erkenntlichkeit ins Gedächtnis rufen, will auf meinen Vater (meine

Mutter, meine Gattin, meine Kinder usw.) mit Dank für all das Gute, das

mir von seiner (ihrer) Hand zuteil geworden, hinblicken und will mit

Tränen der Dankbarkeit aller meiner Wohltäter gedenken, wenn sie auch

schon im Grabe schlummern; ja, derer will ich gedenken, die mich als

Kind in ihre zärtlichen Arme geschlossen und meine Jugend geleitet

haben; meines Lehrers, der meinen Geist erleuchtet und mir den Weg des

Lebens gezeigt hat, und aller, die mir jemals Rat erteilt und mit ihrem

Beistande mich in meinem Berufe unterstützt haben. Gib mir, o, Ewiger,

Gelegenheit und Kraft, ihnen allen meinen Dank durch die Tat beweisen zu

können! Und wenn ich so viele teure Wesen vermisse, denen ich nichts von

der Schuld meiner Dankbarkeit habe abtragen können, wenn vielleicht

einer meiner Brüder gerade zur Festzeit den Verlust eines Freundes,

eines Gönners oder Helfers beklagt, wenn der eine oder andere sich

einsam und verlassen fühlt, o! so laß in seiner wie in meiner Seele das

trostreiche Wort laut ertönen:»Stehe still und sieh die Hilfe des

Herrn!« Denn du, o Herr, bist ewig und immer, und ewig lenkst du meinen

Weg. Dir will ich stets aus ganzem Herzen danken, und deinen Namen will

ich ehren in aller Ewigkeit.

Amen!

Morgengebet am Wochenfeste.

35. Ewiger, hochgepriesener, einziger Gott!--O! wie könnte ich heute

deinen heiligen Namen aussprechen, ohne dir zugleich dafür zu danken,

daß du den Menschenkindern dich offenbart und deinen heiligen Willen

ihnen kund getan hast. Du hast ja zu ewigem Angedenken daran dieses Fest

der Gesetzgebung und der Offenbarung eingesetzt! Deine größte Liebe

gegen die Sterblichen zeigtest du an jenem Tage, da du uns deinen

väterlichen Willen kund getan, da du das Himmlische dem Geschlechte der

Erde offenbartest, daß wir es erkennen und des himmlischen Reiches

teilhaftig werden. Auch ich bin dazu berufen und kann zu den Glücklichen

und Seligen gezählt werden; auch für mich hast du deine Worte verkündet.

Ja, ihre Herrlichkeit leuchtet der ganzen Welt; obschon unbewußt lebt,

und atmet sie in derselben, und würde sie ohne dein ewigstrahlendes

Licht in Finsternis eingehüllt sein. So soll denn der Unglauben eben so

wenig wie der Aberglauben Herrschaft über mich gewinnen. Aber ach! wenn

ich mich im Lichte deines geoffenbarten Wortes prüfe, muß ich da nicht

beschämt bekennen, daß es in mir oft verdunkelt worden und nicht in

voller Kraft in all meinem Denken und Tun widerstrahlte? Nahm ich nicht

oft den Schein für die Wahrheit und Menschenklugheit und Blendwerk oder

meine eigenen törichten Meinungen für Gotteserkenntnis, und Vorurteil

für Überzeugung?--War ich wohl fest in deinem Gesetze zu allen Zeiten,

daß es mit Flammenschrift auf den Tafeln meines Herzens eingeschrieben

stand als ein ewiges Bundeszeugnis, als ein Zeugnis meiner Treue und

meines Strebens, dich und deinen Willen immer klarer zu erkennen? War

ich nicht zuweilen hartnäckig und rühmte mich da der Festigkeit, oder

hielt ich nicht zuweilen die Zweifel, die sich in meiner Brust erhoben

und das Schwanken meines Geistes für Fortschritt? Darum bitte ich dich,

du, »dessen Wort ewig ist, dessen Wahrheit fest steht von Geschlecht zu

Geschlecht«, o, leite meine Schritte auf die Bahn deines Wortes, daß ich

nie davon weiche, weder zur Rechten noch zur Linken, und laß nicht die

Sünde und das Verderben Macht über mich gewinnen! Laß mich erkennen,

daß »der Mensch nicht vom Brote allein lebt, sondern von allem dem, was

aus deinem Munde kommt«,[28] und wecke in mir ein beständiges Verlangen

nach diesem Lebensbrot, daß deine Zeugnisse mein ewiges Erbteil seien,

meines Herzens wahre Freude, meiner Seele Seligkeit.

Amen!

[Fußnote 28: 5. Buch Mosis 8, 3.]

36. Heute, da ich der höchsten und heiligsten Gabe gedenke, mit welcher

du, mein Gott, vom Sinai aus deine Menschenkinder begnadigt hast,--wie

danke ich dir da, daß ich Israels Glauben bekenne! Wie hilflos und

verlassen würde ich sein, wollte ich Licht und Leitung bei den Weisen

der Welt suchen, die so oft einander widersprechen, und von denen der

eine niederreißt, was der andere als ein unerschütterliches Gebäude

aufgerichtet. Ja, ich danke dir, mein Gott, daß ich ein Israelit bin,

und ich die heiligen Stammväter und alle Propheten, die du mit deinem

heiligen Geiste erfülltest, zu Leitsternen für mich auf meiner Bahn

habe, und daß du auch für mich das Wort leuchten ließest, welches du

selbst in deiner Gnade kund getan hast, das Wort, das felsenfest allen

Stürmen der Zeit Widerstand geleistet, und das der Spott der

Leichtsinnigen, die Geringschätzung der Weltlichgesinnten nicht zu

erschüttern vermocht hat. Ja, wohl muß ich meines Glaubens wegen

zuweilen Kummer und Beschwerden erdulden, und wo ich als ernster

Israelit nach deinem Gesetze und deiner Lehre wandern will, da werde ich

oft von außen und von innen von Feinden bedrängt;»denn die, welche an

deinem Worte festhalten und in seinem reinen Geiste wandern, müssen oft

unter Kedars Hütten wohnen, unter denen, die den himmlischen Frieden

hassen.« Aber du läßt mich die Wahrheit deiner himmlischen Lehre

erkennen, und nicht weltliche Freuden und nicht irdische Bande sind es,

die mich an sie binden; denn du hast sie als Preis für mannigfältige

Kämpfe gegeben, und gerade unter diesen soll sie ihre Gotteskraft

beweisen. O, so stärke mich denn, wie du unsere Vorfahren gestärkt, daß

ich dieses Kleinod wie meinen Augapfel bewahre und es auf die kommenden

Geschlechter vererbe. Laß seine Herrlichkeit immer mehr mir strahlen,

und laß mich darin unablässig für mich und für alle die Meinigen Leben

und Licht, Trost und Frieden finden.

Amen!

Am Neujahrsfest (Rosch Haschana).

Am Vorabend des Festes.

37. Herr, unveränderlicher, ewiglebender Gott! sieh gnadenvoll nieder

auf dein Kind, das kaum sich aufrecht zu erhalten vermag unter den

wechselnden Gefühlen, die es an diesem heiligen Abend überwältigen, der

das hingeschwundene Jahr von dem neuen trennt, welches sich aufzurollen

beginnt. Denn erscheine ich mir doch fast selbst ein Wunder, wenn ich

mir alles in Erinnerung zurückrufe, was mir in dem dahingeschwundenen

Jahre widerfahren und begegnet: Freuden und Sorgen, Erquickungen und

Bekümmernisse, Leiden und Momente des Glücks. Ja, jede Stunde, jeder

Augenblick gab das Zeugnis, daß du mich auf den Armen deiner Liebe

trägst, daß deine Huld mich umschwebt. Und ach! wie wenig habe ich all

dieser Güte entsprochen, wie oft verzagte ich, und wie oft strauchelte

ich! Und sehe ich hin auf die vielen Wünsche und Erwartungen, die sich

nun in meiner Brust regen, und die ich nun vor dir für die kommende Zeit

aussprechen will, o Herr und Vater, wo soll ich da beginnen und wo

enden? O du, der du den Gedanken kennst, ehe er noch ausgesprochen wird,

du weißt ja, wessen ich bedarf, und was zu meinem Wohle und dem Wohle

der Meinen dienen kann. Darum empfehle ich mich deinem gnädigen Schutze

und bitte nur um dieses: laß mich mit dem hingeschwundenen Jahre auch

aller meiner Sünden ledig werden, und laß für mich ein Jahr beginnen,

welches in Wahrheit ein neues ist, ein Jahr, in welchem ich mehr und

mehr deine Weisheit, Gerechtigkeit und Liebe erkenne, ein Jahr, das von

Anfang bis zum Ende Zeugnis gebe von meinem eifrigen Streben, dir zu

gefallen, und von meiner Hingebung an deine väterliche Leitung. Und so

will ich denn getrost das neue Jahr antreten, denn ich weiß, daß du,

Allgütiger, mir nahe bist, und daß du mein Gebet erhörest.

Amen!

Neujahrstag.

38.»Lobsinge dem Herrn meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes

getan hat«, das ist mein erster Gedanke, mein erstes Gefühl an diesem

Tage. Und dieses Sinnen taucht nicht in meinem Innern auf, ohne daß

meine ganze Seele sich zu der Bitte erhebt:»Mein Gott, vergib mir meine

Sünden!« Denn ich weiß es gar wohl, daß ich alle Zeit vor deinem

Angesichte stehe, und daß dein Auge mir folgt auf allen meinen Wegen.

Aber heute, da ich so vieler Wohltaten mich erinnere, die du in einer

langen Reihe von Tagen mir erwiesen hast, wie oft du meine Seele mit

Freude erfülltest, mir Stunden schenktest, in denen ich mich so

glücklich fühlte, wie oft du mir halfst bei meiner Arbeit, mich

erfreutest durch den Anblick meiner Lieben, durch die Umgebung

liebevoller Herzen und froher, freundlicher Gesichter, mich stärktest in

schweren Augenblicken, mich Trost und Linderung finden ließest unter

Schmerz und Sorge, ja mir so oft helfend zur Seite standest, mich, wenn

die Versuchung mir nahte, und ich nahe daran war zu wanken, aufrecht

hieltest in meiner Schwäche--heute muß ich die Last aller meiner Sünden

um vieles schwerer fühlen, und all meine Schuld tritt mir vor die Seele.

Jeder Tag, jede Stunde des verflossenen Jahres klagt mich ob meiner

Versäumnisse an; wie oft habe ich nicht meine Pflicht vergessen, meinen

Beruf als Mensch, als Israelit! Heute, da ich nicht nur so viele deiner

Wohltaten gegen mich vergessen habe, sondern auch so manchen sündigen

Gedanken, so manche unrechte Tat, die ich mir habe zuschulden kommen

lassen, heute fühle ich es mit Furcht und Beben, daß ich von dir

gerichtet werden soll, dir, dem Allwissenden, der all mein Tun und

Lassen kennt, dem auch die verborgensten Gedanken meines Herzens

offenbar sind und dessen Auge die Tat sieht, die keinen irdischen Zeugen

hatte; o ja, heute erkenne ich vollkommen, wie ich all deiner Güte und

Barmherzigkeit nicht wert gewesen bin. Und stehe ich nicht heute vor

einer unbekannten Zukunft? Wie zahlreich sind meine Wünsche, wie

mannigfaltig meine Hoffnungen, die ich an die kommenden Tage knüpfe, und

wie erbebe ich bei dem Gedanken, was sie vielleicht für mich oder für

diejenigen in ihrem Schoße bergen, die ich mehr noch liebe als mich

selbst! O, wie konnte ich wohl der Zukunft vertrauensvoll entgegen

sehen, wenn nicht deine Verzeihung mir würde auf meinem neuen Wege. O

Allgütiger! Nimm mich und die Meinen in deine treue Hut, laß deine Gnade

mir leuchten in dem neuen Jahre, unterstütze mich darin, daß ich das

Gute übe, hilf mir, jede sündige Lust zu überwinden. Halte fern von mir

jede Versuchung, und wenn du mir Kämpfe auferlegst, so verleihe du mir

auch die Kraft, siegreich aus ihnen hervorzugehen, und stärke mich, Haß

und Neid, Rachsucht und der Sinne Lust zu bezwingen durch eine innige

Liebe zu dir. Erneuere du selbst in mir das feste Vertrauen auf deine

Hülfe, daß ich fest stehen möge im Glauben, und lehre mich, an jedem

Tage mit neuen Liedern dir zu lobsingen, und deinen heiligen Namen zu

preisen.

Amen!

39.»Herr Gott, tausend Jahre sind ja vor dir, wie der Tag, der gestern

vergangen ist, aber unsere Tage fahren dahin wie Rauch und verschwinden

wie Schatten«,[29] und ehe wir es merken, stehen wir vor den Pforten der

Ewigkeit. So haben wir, ich und die Meinen, heute wiederum ein Jahr

zurückgelegt, wir stehen an der Schwelle eines neuen, und wir wissen

nicht, wie viele unter uns am heutigen Tage vielleicht zum letzten Male

die Neujahrssonne aufgehen sehen. O, mein Vater, ich habe so viele, die

meinem Herzen wert und teuer sind, und denen ich so gerne noch eine

Weile meine volle Liebe erweisen möchte, o, erhalte du sie doch am Leben

und schenke ihnen Freude und Segen! Erhalte am Leben (meine alten

Eltern, meinen teuren Vater, meine geliebte Mutter, meinen guten treuen

Gatten usw.) breite deine schirmende Hand aus über (meinen Großvater,

meine Großmutter, meinen Bruder, meine Schwester, Geschwister,

Wohltäter, Freunde usw.) O, himmlischer Vater, von ganzem Herzen bete

ich auch zu dir für die, welche ich mit mütterlicher Liebe umfasse: o,

laß meine Söhne und Töchter leben, und laß dieses Jahr ihnen Glück und

Frieden bringen, führe du sie den richtigen Weg, daß auch meine Seele

sich darüber freuen möge; verleihe du ihnen Kraft und Gesundheit; laß

sie erzogen werden und aufwachsen in deiner Furcht und Erkenntnis, dir

zum Wohlgefallen und den Menschen.--Allerbarmer! auch für mich wage ich

zu beten, wie sehr ich auch erkenne, daß ich sündenbelastet bin. O,

verleihe du mir Stärke! Solltest du in diesem Jahre meiner Seele

gebieten, zu dir einzukehren, so laß sie dahinziehen in Frieden, ist es

aber dein Wille, mir noch ein Lebensjahr zu schenken, so laß es zum

Segen für mich werden. Ja, solltest du es mir vergönnen, die Tage zu

erleben, »da des Hauses Wächter erzittern, die Stützen sich beugen und

der Blick umdunkelt wird!«[30] »so verwirf mich nicht, mein Gott, in

meinem hohen Alter und verlaß mich nicht, wenn mein Haar grau wird und

meine Kräfte abnehmen!«[31] Und wenn die Freude an dieser Welt mir

schwindet, so laß du die Freude an dir und die Sehnsucht nach deinem

Himmel um so stärker in meinem Innern werden. Ach Herr! stärke mich, daß

weder Glück noch Unglück, weder Freud noch Leid mich von dir entfernen

möge, daß alles dazu diene, mich meiner Vollendung näher zu bringen, und

daß auch ich dereinst ein freundliches Andenken hinterlassen möge, und

mein Gedächtnis in Segen bleibe.

Amen!

[Fußnote 29: Ps. 90.]

Beim Schofarblasen.

40. Dir, o allmächtiger und liebreicher Gott, will ich huldigen als dem

König der Welt! Deshalb ruft mich heute Schofars (der Posaunen) Schall

auf zum Kampfe wider den Feind, der in meiner eignen Brust hauset,

siehe, alle die verflossenen Zeiten mit ihren denkwürdigen Begebenheiten

ziehen an meiner Seele vorüber, indem mein Ohr auf diese Töne lauscht.

Im Geiste sehe ich des Widders Horn vom Gebüsch festgehalten, mich daran

erinnernd, wie jener Patriarch die schwere Prüfung bestanden. Ach Herr,

wie oft seufzte ich doch, selbst bei dem Geringsten das mich heimsuchte;

wie werde ich bestehen, wenn du beschlossen haben solltest, meine Treue

auf gleiche Art zu prüfen? Und im Geiste höre ich gleichsam das Wort des

Bundes, wie es verkündigt wird unter Posaunenschall, und ich erbebe;

denn mit zerknirschtem Herzen muß ich es bekennen: Ich habe deinen

heiligen Bund nicht gehalten. Es ist mir, als ob der Propheten gewaltige

Stimme, ihre Warnungsrufe und Ermahnungen, ihre Predigt zur Buße und

Umkehr und die Verkündigung des mahnenden Gerichts in dieser Stunde an

mein Ohr dringe, und ich erbebe. O Ewiger! laß diese Töne mich aus

meinem Schlummer wecken, laß sie mich mit Reue erfüllen über die Tage

der Vergangenheit, welche ich nicht für das ewige Leben benutzt habe,

aber auch zugleich mit dem Trost, daß du als ein huldreicher Herr mit

Erbarmen auf deinen bußfertigen Diener herabschauen, und daß du, ein

gütiger Vater, dein reuiges Kind in Liebe wieder zu Gnaden aufnehmen

wirst. Stärke mich in der Prüfungszeit, laß mich widerstehen allen

Versuchungen der Welt, laß mich siegen über die sündige Lust und

verachten den Spott der Ungläubigen. Ja, laß diese Stunde gnadenbringend

sein für mein Herz und meine Seele, daß ich von dieser Zeit an wandern

möge in dem Lichte deines Angesichtes.

Amen!

[Fußnote 30: Koheleth 12, 3. ff.]

[Fußnote 31: Ps. 71. 9.]

Am großen Versöhnungsfeste (Jom hakippurim).

Zu Anfang des Abendgottesdienstes (Kol nidre).

41. Barmherziger Vater! Wie erbebt mein Herz, wie zittert meine Seele,

da ich mich dir an diesem heiligen Abend nahe, da des Himmels Tore sich

vor dem bußfertigen Sünder, der um Versöhnung bittet, auftun. So will

ich denn mit all meinen Gedanken dich suchen und bei dir weilen, und mit

aufrichtigen Worten der Reue deine Verzeihung mir erflehen. Ach Herr!

Treten nicht meine Gedanken und Reden vor deinem Richterstuhle wider

mich auf? Wer vermöchte alle sündigen Gedanken zählen, die in meiner

Seele aufgestiegen; und wie oft hatten nicht unlautere, habsüchtige,

rachgierige Wünsche und Begierden in meiner Brust sich geregt! Es

tauchen verlangende Gedanken in meinem Herzen auf, vor denen ich selbst

erschrecken muß, und doch habe ich ihnen damals Raum gegeben, anstatt

sie zu verscheuchen, und habe so oft meine Seele mit ihnen

befleckt!--Herr! Herr! Wie könnte ich wohl ohne Erröten meine Gedanken

jetzt zu dir erheben, und wie darf ich es wagen, meine Lippen jetzt zum

Gebet zu öffnen, da ich doch weiß, wie oft dieselben Lippen sich schon

zur Schmeichelei oder zum Spott, zu Verleumdung, Hohn und Kränkung

öffneten! O ewiger Richter! Ich habe leichtsinnige, zweideutige,

heuchlerische, falsche, verführerische und unlautere Worte geredet,

Worte die dich und dein Gesetz schmähten! Ich habe unüberlegt

Versprechungen gemacht, die ich nicht gehalten habe! Ach ich erinnere

mich in dieser Stunde nicht nur der leeren Versprechungen, die ich

meinen Nächsten gegeben, sondern ich denke auch daran, wie oft ich

gelobt habe, mein Leben dir, mein Gott, zu weihen, und in Zucht und

Rechtschaffenheit vor dir zu wandeln, wie oft ich gelobt habe, deine

Gebote zu halten, und mich und mein ganzes Wirken zu heiligen, und daß

ich, ach, nicht minder oft mein Gelübde dir gebrochen habe! Darf da

derselbe Mund nun wagen, um Gnade zu bitten, der so oft die Sprache, die

Gabe deiner Gnade mißbraucht hat? Ach, ich will an die Pforte deiner

Gnade anpochen und um Eingang flehen, und sieh! die Schlüssel, welche du

mir gabst, des Himmels Tore mir zu öffnen, und mir den Weg zu dir zu

bahnen: »Gedanken und Worte«, die treten anklagend wider mich auf. O! so

vergib mir vor allen Dingen, was ich bis auf diese Stunde in Gedanken

und Worten gesündigt! Sieh, Allgütiger, die tiefe Trauer, welche mich

ergreift, und verbirg die Menge meiner Sünden unter dem Mantel deines

Erbarmens: reinige meine Seele von unlauteren Gedanken und laß die Glut

der Andacht hier in deinem Heiligtum alles Unlautere meines Geistes

verzehren! Laß meines Herzens Angst und Reue »eine glühende Kohle von

deinem heiligen Altar« sein, die meinen Mund berührt, während mich deine

Zusage tröstet:»Siehe! diese hat deine Lippen berührt, dein Vergehen ist

getilgt, und deine Sünde soll gesühnt sein!«[32] Vergib mir jedes

übereilte Wort, das ich gesagt habe, und lehre mich von dieser Stunde

an, meine lose Zunge zügeln; vergib mir die unbedachten Versprechungen,

die ich gegeben habe, und erfülle mich mit der Gewißheit, daß du ein

huldvoller Vater bist, der seinen Kindern gerne vergibt. Ja laß mich dir

danken, daß du mich diesen Tag hast erleben lassen, und laß mich ihn vom

Abend bis zum Abend dazu benutzen, durch Gebet und Buße in innerliche

Gemeinschaft mit dir zu treten.

Amen!

Zum Morgengottesdienst (Schacharis).

42.»Herr! Herr! allmächtiger, barmherziger und gnädiger Gott,

langmütiger und von großer Güte und Treue, der die Liebe bewahrt bis ins

tausendste Geschlecht, Übertretungen und Sünden vergibt und doch nichts

ungestraft läßt!«[33] Du unerschöpflicher Quell der Gnade! ich beuge

mich vor dir in den Staub und bete deinen Namen mit unendlichem Danke

an, denn du hast mir diesen Tag zur Rettung meiner Seele geschenkt. Was

wäre ich doch, und wie sollte ich die schwere Bürde aller meiner Sünden

tragen können, wenn du nicht diesen heiligen Tag dazu bestimmt hättest,

sie von mir zu nehmen, von meinen Übertretungen mich zu reinigen und

meine Schuld zu sühnen, oder wie könnte ich mich davor retten, tiefer

und tiefer zu sinken, wenn ich nicht durch Fasten, Gebet und Buße am

heutigen Tage an alle meine Sündenschuld erinnert würde, und deine

liebende Vaterstimme mich heute nicht von meinem Irrweg zurückriefe und

mir den Tag des Gerichts vor Augen stellte, der einst für jeden

Sterblichen erscheinen wird, aber mir auch zugleich wiederum deine Gnade

zeigte, die gerne verzeiht und mir zuruft, daß ich, »dich suchen und

leben soll«. Wohl weiß ich, o Gott, daß du stets alle meine Wege

schaust, und daß deine Stimme mich ohne Unterlaß zu warnen sucht, aber

das ist ja gerade mein Vergehen, daß ich darauf nicht achte. Ja gewiß,

meiner Sünden Menge würde zuletzt allen Frieden und jegliche Ruhe aus

meiner Brust verjagen, sie würde mich tiefer und tiefer ins Verderben

stürzen und niemals zur Prüfung meiner selbst kommen lassen, wenn du

nicht diesen großen Sabbat[34] eingesetzt hättest, der meiner Seele den

heiligsten Frieden und die seligste Ruhe verschaffen soll. Siehe, indem

ich diesen heiligen Tag in deinem Heiligtum zubringe, so werde ich daran

erinnert, daß ich selbst heilig sein soll, denn du, o Gott, bist heilig

und in deinem Lichte soll ich mich, meinen Sinn und meinen Wandel

läutern.--Ach, Herr, wenn ich alle meine Versündigungen bekennen wollte,

wo sollte ich da anfangen und wo aufhören? O! so oft ich an diesem Tage

mit der Gemeinde das Sündenbekenntnis (Viduj) widerhole, so laß mich

tief in das Innere meines Herzens schauen und mich selbst prüfen, ob die

Sünden mich nicht in ihr Garn gelockt haben. Laß mich untersuchen, ob

ich auch unverrückbar ein sittlich heiliges Ziel bei all meinem Tun und

Handeln vor Augen habe, das ich vor den Menschen dereinst zeigen und mir

selber auch gegenüber stellen darf, wenn ich im Gebete vor deinem

Angesicht stehe. Schaue gnädig auf die Tränen meiner Reue herab, und laß

die Zerknirschung meines Herzens dir ein angenehmes Sühnopfer sein.

Schenke mir deine Verzeihung für jedes Mal, daß ich meine Pflicht als

Mensch (als Mutter, Tochter, Schwester, Verwandte usw.), als Israelitin

versäumt habe, vergib mir, daß ich so oft die Menschen mehr als dich

gefürchtet habe, verzeihe mir, daß ich rasch zur Lust der Welt und

zögernd zu deinem Dienste, daß ich eifrig zum Schlechten und langsam zum

Guten, verschwenderisch für den Genuß und geizig für Wohltaten gewesen

bin. Gerechter Gott! Verfahre nicht mit mir nach meinen Sünden, sondern

nach deiner großen Barmherzigkeit welche gern vergibt. Ja, erbarme dich

über mich und hilf mir in deiner Liebe, daß ich an diesem Tage der

Versöhnung von neuem geheiligt werde; führe du mich selbst zurück auf

deinem Wege, daß ich zum Guten und zur Wahrheit Umkehr halten möge, denn

du bist Herr, mein Gott.

Amen!

[Fußnote 32: Jesaias, Kap. 6.]

[Fußnote 33: 2. Buch Mosis, 34, 6. ff.]

[Fußnote 34: Schabbos Schabboßaun.]

Beim Mittagsgebet (Mussaph).

43. Je länger ich heute in deinem Haus verweile, Allheiliger, je mehr

ich mich selbst betrachte, indem die Quelle jeder Sinneslust gehemmt

ist, und das Brausen der Leidenschaften in meiner Brust erstirbt, je

klarer ich mir bewußt werde, daß ich hier vor deinem ewigen

Richterstuhle stehe, wo nicht nur die Sünden, welche alle Welt sieht und

verurteilt, mir vorgehalten werden, sondern wo eine jede sündige

Neigung, jede gottlose Begierde, jedes unnütze Wort, ja selbst die

geringste Versäumnis in der Ausübung des Guten, die ich mir habe zu

schulden kommen lassen, als Zeugen gegen mich auftreten, mich ohne

Schonung vor dich zu Gericht bringen, dem alles offenbar ist, und mich

meiner Selbsttäuschung entreißen, die meinen Geist sonst gefangen hält,

um so mehr muß ich wieder und wieder dein Erbarmen anflehen: O, vergib,

vergib mir, Allbarmherziger, wende mir deine Gnade wieder zu, daß ich in

meinen Sünden nicht verderben muß! Aber darf ich mein Angesicht wohl zu

dir erheben und deine Verzeihung mir erflehen, so lange noch die Stimme

eines gekränkten Bruders meine Stimme übertönt, und so lange dies mein

Herz noch nicht erfüllt ist mit »der Liebe, welche alle Vergehen

zudeckt«?[35] Über wie manchen habe ich nicht in Blindheit und

Leidenschaft ein ungerechtes Urteil gefällt, wie oft habe ich meines

Nächsten Absicht verkannt, wie oft ihm feindlich entgegengestrebt! Herr!

soweit ich meiner eigenen Lieblosigkeit Sünde kenne, will ich mich

bestreben das Meinige zu tun, um meines Bruders, meiner Schwester

Verzeihung zu erlangen, aber, ach, wie viel habe ich nicht vergessen,

wie manche sind nicht von mir geschieden, ohne daß ich damals ihre

Verzeihung erhielt oder sie jetzt noch erhalten könnte. So laß mich denn

vor deinem Angesicht für mein Vergehen, das ich gegen diese begangen

habe, Abbitte tun. Dein ewiger Geist, der in ihnen wirkt, tilge meine

Schuld in ihrem Andenken. Und mich, o Herr, mich erfülle du mit dem

reinen Geiste der Versöhnung. O, ich will allen Groll und allen Haß aus

meiner Seele ausmerzen! Ich will jede Kränkung für nicht geschehen

erachten und jedes Versehen gegen mich verzeihen, und wenn jemand auch

noch so schlecht gegen mich und die Meinigen gehandelt hätte, und wer

versucht hat, mir zu schaden und meine Ehre zu beflecken, ja, Herr,

selbst meinem Todfeinde, ich will ihnen allen verzeihen, und sollte es

mir schwer fallen, so will ich mich daran erinnern, daß gegen mich sich

doch keiner so schwer vergangen hat, als ich mich gegen dich,

Allgütiger, versündigt habe, und daß ich doch auf deine Verzeihung

hoffe, weil du meine Schwäche kennst, und will mir ins Bewußtsein rufen,

daß meines Bruders Versehen gegen mich auch aus derselben Quelle der

Schwäche und des bösen Willens fließen. Ich will eingedenk sein dessen,

was unsere Weisen sagen, daß wir von dir mit demselben Maß gemessen

werden, mit dem wir andere messen und andere richten, und daß[36] des

Menschen schönster Schmuck darin besteht, alle Verschuldung zu übersehen

und zu vergessen!--O gnadenreicher Richter! so schaue denn herab auf

meine Seele, die erfüllt ist mit Gefühlen der Vergebung, in der ein

himmlischer Friede wohnt, den kein bitteres Gefühl gegen irgend einen

Menschen mehr stört! Erhöre du auch meine Bitte um Vergebung meiner

Sünden und erfülle meinen Geist mit der beseligenden Verkündigung:

»Heute sollen deine Übertretungen getilgt werden und du sollst rein sein

von allen deinen Sünden wider den Ewigen.«[37] Mit diesem Trost will ich

mich heute vor dir in den Staub niederwerfen, vor dir, der du selbst

verzeihst und gerne die Vergehen tilgst.

Amen!

[Fußnote 35: Spr. Sal. 10, 13.]

Beim Nachmittagsgebet (Mincha[38]).

44. Hilf, o Ewiger, denn der Frommen Anzahl ist geschwunden und der

Gläubigen sind wenig, erhöre mein Gebet für die Sünder, welche frech

ihr Haupt erheben, und vergib die schweren Übertretungen, die so

zahlreich und häufig sind. Ach, der Himmel umdunkelt sich vor meinen

Blicken, wenn ich daran denke, wie schamlos Wollust und Unmäßigkeit

auftreten und die jungen Seelen bestricken, wie sie die schönsten

Verhältnisse vergiften, das Wohl der Familien untergraben und so manche

den wilden, unmäßigen Lüsten zum Opfer fallen lassen, während sie

zugleich ihre Laster unter beschönigenden Namen verbergen, oder wenn ich

an den Trotz gedenke, mit dem man deine Gebote übertritt, dein mildes

himmlisches Joch verhöhnt, ja sich sogar rühmt, es abgeworfen, und dafür

das Joch auf sich genommen zu haben, welches die Welt in ihrer

Verderbnis geschmiedet hat! O du, mein Gott, dessen Barmherzigkeit kein

Ende nimmt, ich bitte dich: Vergib meinen Brüdern ihren Abfall und ihre

Schuld, gehe nicht mit ihnen ins Gericht und strafe uns nicht in deinem

Zorn um ihrer Übertretung willen! Und doch, darf ich wohl eine Fürbitte

für die Sünder zu dir emporsenden, ohne daß mich mein eigenes Gewissen

als Teilnehmer an ihren Vergehen anklagt? Wie oft bin ich es vielleicht

gewesen, der Veranlassung zum Sündigen gab, oder habe ich stets

hinreichend meine Abscheu vor dem Laster zu erkennen gegeben und all den

Kummer sehen lassen, von dem ich ergriffen wurde, wenn die Sünde ohne

Erröten auftrat? War meine Betrübnis nicht viel größer über den

geringsten Verlust an zeitlichen Gütern, als darüber, daß sich die

Frechheit und die Ruchlosigkeit meinen Blicken darstellten, oder daß ich

sah, wie eine Menschenseele verloren ging! Entflammte mein Zorn nicht

weit mehr über die geringste Beleidigung, die mir widerfuhr, als wenn

ich Zeuge war, wie dein Name und dein Haus entweiht wurden! Ach,

Herr, »flossen Tränenströme aus meinen Augen, weil deine Gesetze nicht

beobachtet wurden? Wurde ich von Kummer verzehrt, weil deine Worte

vergessen wurden?[39] Habe ich freimütig dich und deine Lehre bekannt,

wenn der Gottlosen Hohn mich mit Schmerz erfüllte?« O, es ist so schwer,

ohne Fehler zu wandeln, selbst wenn auch der Edlen und Heiligen Beispiel

mir stets voranleuchtet, wenn meine Augen jederzeit sehen, allenthalben,

was dir verhaßt ist, und mein Ohr beständig hört, was Sinne und Gedanken

irreleitet und stört. O du, »der du dich über uns erbarmest, wie ein

Vater über seine Kinder«, laß deine Gnade groß sein gegen die sündige

Welt und hilf mir, mit Sorgfalt alles zu vermeiden, was mir zu einer

Schlinge werden könnte. Errette mich bei den ernsten und heiligen

Erinnerungen dieses Tages, o Herr, errette auch (meine Kinder, meine

Angehörigen, meine Verwandten und Freunde, meine Dienstboten), daß kein

sündiger Umgang sie von dir entfernen möge.»Läutere mich, o Allgütiger,

erforsche mein Herz, prüfe meine Gedanken, sieh, ob der Weg, den ich

wandle, zum Verderben, führt, und leite mich auf den Weg zur

Ewigkeit!«[40] Möchten alle Sünder bedenken, wie nahe ihnen ihr Ende

ist, wie bald das Leben ihnen verronnen, daß sie zur Zerknirschung

geführt werden und zu dir umkehren möchten.»Verwirf mich nicht vor

deinem Angesichte, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir, sondern

laß mich deiner Gnade wieder froh werden, und schenke mir einen neuen

und willigen Geist, daß ich den Übertretern deine Wege kund tue, und die

Sünder sich zu dir bekehren möchten.«[41]

[Fußnote 36: Spr. Sal. 19. 11.]

[Fußnote 37: 3. B. M. 16, 30.]

[Fußnote 38: Nach dem Thora-Lesen, 3 B. Mos. 18]

[Fußnote 39: Ps. 119, 139.]

[Fußnote 40: Ps. 139, 23.]

[Fußnote 41: Ps. 51.]

Zum Schlußgebet (Neïlah).

45. Vater, barmherziger Vater im Himmel! Es ist die letzte Stunde des

heiligen Tages, welche jetzt naht. O, daß doch meine ganze Seele in

diesem Augenblick sich von der Erde hin zu dir erheben möchte, als ob

des Lebens letzte Stunde mir erschienen sei. Mit Gebet und Buße habe ich

nun heute die Gelüste und Begierden meines Leibes besiegt, und doch, wie

leicht ist nicht die Sehnsucht nach des Lebens Lust selbst mitten in

meiner Andacht bei mir wach geworden, und selbst während ich reuevoll

meine Sünden bekannte, konnte das Verlangen nach ihnen in meiner Brust

nicht erstickt werden; ja, ja, vielleicht hat mich sogar der Wunsch

erfüllt, daß dieser Tag schon überstanden sein möchte, gerade als ob

dieser Tag an sich durch Fasten und Buße mir Ablaß für meine Sünden

verschaffen könnte, und als ob ich alsdann frei wieder den Weg meiner

alten Verirrungen betreten könnte, wenn er geendet habe. O, laß mich

deshalb noch einmal aus allen meinen Kräften meine Gedanken und mein

Inneres läutern, und laß meine heißen Tränen die Aufrichtigkeit meiner

Reue bezeugen und dir ein angenehmes Sühnopfer sein, mit dem ich meines

Herzens Gelübde besiegele, daß ich dich stets vor Augen haben will, und

daß die Erinnerung an diesen Tag mit unverlöschbarer Schrift in die

Tafeln meines Herzens eingegraben und mir nahe sein soll in jeder Stunde

der Versuchung.--Herr! Zürne mir nicht, daß ich noch dieses letzte Mal

zu dir bete; die Schatten des Abends breiten sich schon aus, und die

dunklen Schatten meiner Sünden verfolgen mich; ich will sie verjagen und

noch einmal meine Schuld bekennen, ich will an die Türe deiner Gnade

anklopfen und deinen Namen anrufen, du einziger, ewiglebender Gott! Ich

will mich unter dieser Anrufung dir heiligen mit Leib und Seele, und

ich gelobe feierlichst, mich selbst in Liebe zu opfern. O, laß mich

deiner Gnade Stimme vernehmen:»Ich, ich selbst tilge deine Übertretungen

und will deine Sünden vergessen«[42] O laß meine Seele beim Ende dieses

Tages mit heiliger Freude erfüllt sein, daß sie jubeln könne:»Selig,

selig ist der, dem seine Übertretung vergeben und dessen Sünde getilgt

ist! Selig ist der Mensch, dem der Herr seine Schuld nicht anrechnet,

und selig der Geist, den der Herr von der Last seiner Sünden befreit

hat!«[43]--Ja, laß meine erlöste Seele deinen Namen in alle Ewigkeit

lobpreisen, du, mein Herr und mein Gott.

Amen!

Am Laubhüttenfest (Succoth).

46. Herrscher der Welt, der du die Liebe bist! Heute erinnere ich mich,

wie wunderbar du unsere Väter durch die Wüste führtest, da du sie in

Hütten wohnen ließest, und vertrauensvoll rufe ich aus:»Der Herr ist

mein Hirte, mir wird nichts mangeln«[44] O, Dank sei dir gebracht, daß

du mir dieses Freudenfest verliehen hast, das mich jedes Jahr in der

Zuversicht bestärken soll, niemals vor der unbekannten Zukunft mich zu

ängstigen, und niemals mich von den mannigfachen Sorgen überwältigen zu

lassen, die ja oft in den Menschenherzen auftauchen. Denn meine Hütte

ist in deinem Namen erbaut, und wenn ich auch jetzt nichts sähe als die

öde Wildnis, so weiß ich doch, daß du dein Manna herniederfallen lassen

kannst, daß du mir alles, dessen ich bedarf, verleihen und daß du deinen

Schatten ausbreiten kannst über meine Wohnung. Und, wenn auch Stürme

tosen und sie umzustürzen drohen, so will ich doch mit frohem Mute

durch die Wölbung der Laubhütte zu deinem Himmel aufschauen, der seine

Strahlen in meine Wohnung hernieder sendet und ich will mein Vertrauen

auf dich setzen, der gerade unter den brausenden Stürmen die Saaten

reifen läßt und den Bäumen die Kraft gibt, Frucht zu tragen, und der da

will, daß auch der innere Mensch unter den Stürmen der Geschicke und der

Zeit reifen und Kraft gewinnen soll, edle Frucht zu tragen. Aber auch

daran will ich heute denken, daß gerade dieses Fest dazu eingesetzt ist,

mich an die Pflicht zu erinnern, auch eine gebührende Sorge für meinen

Körper zu hegen, und ich will froh sein, daß ich mich zu einem Glauben

bekenne, der nicht von mir fordert, daß ich mein Fleisch mit

selbstverursachten Martern peinige oder mir jede Freude versage, die du

auf meinem Wege mir erblühen läßt, noch daß ich ganz der Welt entsagen

und abgeschieden von ihr leben soll; nein, vielmehr einen Glauben, der

gerade will und mich durch diese Feier dazu auffordert, daß ich die

Freuden der Erde mit meinen Verwandten und Freunden genießen soll und

mich »freuen all des Guten, das du mir gegeben hast«, so daß jeder

sinnliche Genuß dadurch geheiligt wird, daß er in dir genossen wird und

so, daß ich mich selber bei allem, was meinen Leib erquickt und freut,

in deinem Dienste fühle, als einer, der dein heiliges Gebot erfüllt. So

gib denn du, mein Gott, daß so selbst jede irdische Lust, die du mir

bereitest, mich dir näher führen und daß ich, indem mein Vertrauen auf

dich gekräftigt wird, erfahren möge, daß»wer auf dich baut, mit Gnade

umgeben werden und sein Haus und seine Hütte in Frieden stehen

soll«.[45]

Amen!

[Fußnote 42: Jes. 43, 25.]

[Fußnote 43: Ps. 32.]

[Fußnote 44: Ps. 23, 1.]

[Fußnote 45: Ps. 32, 10.]

Gebete für Israeliten · 第 15 / 46 题