(halb emporgerichtet).
Wer ruft?--Ha! seh ich recht? Bist du's?
Entsetzliche! Du trittst noch vor mich hin?
Mein Schwert! Mein Schwert!
(Er will aufspringen, sinkt aber wieder zurück.)
O weh mir! Meine Glieder
Versagen mir den Dienst!--Gebrochen!--Hin!
Medea.
Laß ab! Du triffst mich nicht! Ich bin ein Opfer
Für eines andern Hand als für die deine!
Jason.
Wo hast du meine Kinder?
Medea.
Meine sind's!
Jason.
Wo hast du sie?
Medea.
Sie sind an einem Ort
Wo ihnen besser ist, als mir und dir.
Jason.
Tot sind sie, tot!
Medea.
Dir scheint der Tod das Schlimmste;
Ich kenn ein noch viel Ärgres: elend sein.
Hätt'st du das Leben höher nicht geachtet
Als es zu achten ist, uns wär' nun anders.
Drum tragen wir! Den Kindern ist's erspart!
Jason.
Das sagst du und stehst ruhig?
Medea.
Ruhig? Ruhig?
Wär' dir mein Busen nicht auch jetzt verschlossen,
Wie er dir's immer war, du sähst den Schmerz
Der endlos wallend wie ein brandend Meer
Die einzeln Trümmer meines Leids verschlingt
Und sie, verhüllt im Greuel der Verwüstung,
Mit sich wälzt in das Unermeßliche.
Nicht traur' ich, daß die Kinder nicht mehr sind
Ich traure, daß sie (waren) und daß (wir) sind.
Jason.
O weh mir, weh!
Medea.
Du trage, was dich trifft,
Denn wahrlich, unverdient trifft es dich nicht!
Wie du vor mir liegst auf der nackten Erde,
So lag ich auch in Kolchis einst vor dir,
Und bat um Schonung, doch du schontest nicht!
Mit blindem Frevel griffst du nach den Losen,
Ob ich dir zurief gleich: du greifst den Tod.
So habe denn was trotzend du gewollt:
Den Tod. Ich aber scheide jetzt von dir;
Auf immerdar. Es ist das letztemal
In alle Ewigkeit das letztemal
Daß ich zu dir nun rede mein Gemahl.
Leb wohl. Nach all den Freuden frührer Tage,
In all den Schmerzen, die uns jetzt umnachten,
Zu all dem Jammer, der noch künftig droht
Sag ich dir Lebewohl, mein Gatte.
Ein kummervolles Dasein bricht dir an,
Doch was auch kommen mag: Halt aus!
Und sei im Tragen stärker als im Handeln.
Willst du im Schmerz vergehn, so denk an mich
Und tröste dich an meinem größern Jammer,
Die ich getan, wo du nur unterlassen.
Ich geh hinweg, den ungeheuern Schmerz
Fort mit mir tragend in die weite Welt.
Ein Dolchstoß wäre Labsal, doch nicht so!
Medea soll nicht durch Medeen sterben,
Mein frühres Leben, eines bessern Richters
Macht es mich würdig, als Medea ist.
Nach Delphi geh ich. An des Gottes Altar
Von wo das Vlies einst Phryxus weggenommen
Häng ich, dem dunkeln Gott das Seine gebend,
Es auf, das selbst die Flamme nicht verletzt
Und das hervorging ganz und unversehrt
Aus der Korintherfürstin blut'gem Brande;
Dort stell ich mich den Priestern dar, sie fragend,
Ob sie mein Haupt zum Opfer nehmen an,
Ob sie mich senden in die ferne Wüste
In längerm Leben findend längre Qual.
Erkennst das Zeichen du, um das du rangst?
Das dir ein Ruhm war und ein Glück dir schien?
Was ist der Erde Glück?--Ein Schatten!
Was ist der Erde Ruhm?--Ein Traum!
Du Armer! der von Schatten du geträumt!
Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.
Ich scheide nun, leb wohl, mein Gatte!
Die wir zum Unglück uns gefunden,
Im Unglück scheiden wir. Leb wohl!
Jason.
Verwaist! Allein! O meine Kinder!
Medea.
Trage!
Jason.
Verloren!
Medea.
Dulde!
Jason.
Könnt' ich sterben!
Medea.
Büße!
Ich geh und niemals sieht dein Aug' mich wieder!
(Indem sie sich zum Fortgehen wendet fällt der Vorhang.)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Medea, von Franz Grillparzer.