(an ihrem Halse).
Meinst du? O daß ich's glauben könnte, glauben!
(Jason kommt.)
Kreusa (sich gegen ihn wendend).
Hier dein Gemahl. Sieh Jason, wir sind Freunde!
Jason.
So, so.
Medea.
Sei mir gegrüßt.--Sie ist so gut,
Sie will Medeas Freundin sein und Lehrerin.
Jason.
Viel Glück zu dem Versuch!
Kreusa.
Was bist du ernst?
Wir wollen hier recht frohe Tage leben.
Ich, meine Sorge zwischen meinem Vater
Und euch verteilend; du und sie, Medea--
Jason.
Medea!
Medea.
Was gebeutst du, mein Gemahl?
Jason.
Sahst du die Kinder schon?
Medea.
Ach, ja nur erst.
Sie sind recht munter.
Jason.
Sieh doch noch einmal!
Medea.
Nur kaum erst war ich dort.
Jason.
Sieh (doch), sieh (doch!)
Medea.
Wenn du es willst.
Jason.
Ich wünsch es.
Medea.
Wohl, ich gehe.
(Ab.)
Kreusa.
Was sendest du sie fort? Sie sind ja wohl.
Jason.
Ah! So, nun ist mir leicht, nun kann ich atmen!
Ihr Anblick schnürt das Innre mir zusammen
Und die verhehlte Qual erwürgt mich fast.
Kreusa.
Was hör ich? O ihr allgerechten Götter!
So spricht nun er und so sprach vorher sie.
Wer sagte mir denn, Gatten liebten sich?
Jason.
Ja wohl, wenn nach genutzter Jugendzeit
Der Jüngling auf ein Mädchen wirft den Blick
Und sie zur Göttin macht von seinen Wünschen.
Er späht nach ihrem Aug', ob es ihn trifft
Und trifft's ihn, ist er froh in seinem Sinn.
Zum Vater geht er und zur Mutter hin
Und wirbt um sie und jene sagen's zu.
Da ist ein Fest und die Verwandten kommen
Die ganze Stadt nimmt an dem Jubel Teil.
Mit Kränzen reich geschmückt und lichten Blumen
Führt er die Braut zu Tempel und Altar.
Errötend und in holdem Schauer bebend
Vor dem was sie doch wünscht, tritt sie einher;
Der Vater aber legt die Hände auf
Und segnet sie und ihr entfernt Geschlecht.
Die so zur Freite gehn, die lieben sich.
Mir war es auch bestimmt, doch kam es nicht.
Was hab ich denn getan, gerechte Götter,
Daß ihr mir nahmt, was ihr dem Ärmsten gebt
Ein Schmerzasyl an seinem eignen Herd
Und zur Vertrauten, die ihm angetraut.
Kreusa.
So hast du nicht gefreit wie andre freien,
Der Vater hob die Hand nicht segnend auf?
Jason.
Er hob sie auf, doch mit dem Schwert bewaffnet
Und statt des Segens gab er uns den Fluch.
Allein ich hab ihm's tüchtig rückgegeben;
Sein Sohn ist tot, er selber stumm und tot--
Sein Fluch nur lebt--zum mind'sten scheint es so.
Kreusa.
Wie können wen'ge Jahre doch verwandeln!
Wie warst du mild und wie bist nun so rauh.
Ich selber bin dieselbe die ich war,
Was damals ich gewollt, will ich noch jetzt,
Was da mir gut erschien, erscheint mir's noch,
Was tadelnswert muß ich noch jetzo tadeln.
Mit dir scheint's anders.
Jason.
Ja, auch das, auch das!
Es ist des Unglücks eigentlichstes Unglück,
Daß selten drin der Mensch sich rein bewahrt.
Hier gilt's zu lenken, dort zu biegen, beugen,
Hier rückt das Recht ein Haar und dort ein Gran,
Und an dem Ziel der Bahn steht man ein andrer,
Als der man war, da man den Lauf begann.
Und dem Verlust der Achtung dieser Welt
Fehlt noch der einz'ge Trost, die eigne Achtung.
Ich habe nichts getan was schlimm an sich,
Doch viel gewollt, gemocht, gewünscht, getrachtet;
Still zugesehen, wenn es andre taten;
Hier Übles nicht gewollt, doch zugegriffen
Und nicht bedacht daß Übel sich erzeuge.
Und jetzt steh ich vom Unheilsmeer umbrandet
Und kann nicht sagen: ich hab's nicht getan!
O Jugend, warum währst du ewig nicht!
Beglückend Wähnen, seliges Vergessen,
Der Augenblick des Strebens Wieg' und Grab.
Wie plätschert' ich im Strom der Abenteuer,
Die Wogen teilend mit der starken Brust.
Doch kommt das Mannesalter ernst geschritten,
Da flieht der Schein: die nackte Wirklichkeit
Schleicht still heran und brütet über Sorgen.
Die Gegenwart ist dann kein Fruchtbaum mehr,
In dessen Schatten man genießend ruht,
Sie ist ein unangreifbar Samenkorn,
Das man vergräbt, daß eine Zukunft sprosse.
Was wirst du tun? wo wirst du sein und wohnen?
Was wird aus dir? Und was aus Weib und Kind?
Das fällt uns an und quält uns ab und ab.
(Er setzt sich.)
Kreusa.
Was sorgst du denn? es ist für dich gesorgt.
Jason.
Gesorgt? O ja, wie man dem Bettler wohl
Den Napf mit Abhub an die Schwelle reicht.
Bin ich der Jason und brauch andrer Sorge?
Muß unter fremden Tisch die Füße setzen
Mit meinen Kindern betteln gehn zu fremden Mitleid?
Mein Vater war ein Fürst, ich bin es auch
Und wer ist, der dem Jason sich vergleicht?
Und doch--
(Er ist aufgestanden.)
Ich kam den lauten Markt entlang
Und durch die weiten Gassen eurer Stadt
Weißt du noch, wie durch sie ich prangend schritt
Als ich, vor jenem Argonautenzug,
Hierherkam, von euch Abschied noch zu nehmen?
Da wallten sie in dichtgedrängten Wogen
Von Menschen, Wagen, Pferden, bunt gemengt.
Die Dächer trugen Schauende, die Türme,
Und wie um Schätze stritt man sich den Raum.
Die Luft ertönte von der Zimbel Lärm
Und von dem Lärm der heilzuschreinden Menge.
Dicht drängt' sie sich rings um die edle Schar,
Die reich geschmückt, in Panzers hellem Leuchten,
Der mindeste ein König und ein Held,
Den edlen Führer ehrfurchtsvoll umgaben--
Und ich war's der sie führte, ich ihr Hort,
Ich, den das Volk in lautem Jubel grüßte--
Jetzt als ich durch dieselben Straßen ging,
Traf mich kein Aug', kein Gruß, kein Wort.
Nur als ich stand, und rings her um mich sah,
Meint' einer, es sei schlechte Sitte, so
In Weges Mitte stehn und andre stören.
Kreusa.
Du wirst dich wieder heben, wenn du willst.
Jason.
Mit mir ist's aus! ich hebe mich nicht mehr.
Kreusa.
Ich weiß ein Mittel wie dir's wohl gelingt.
Jason.
Das Mittel wüßt' ich wohl, doch schaffst du mir's?
Mach daß ich nie der Väter Land verlassen,
Daß ich bei euch hier in Korinthos blieb,
Daß ich das Vlies, ich Kolchis nie gesehen,
Ich nie gesehen sie, die nun mein Weib.
Mach, daß sie heimkehrt in ihr fluchbeladnes Land
Und die Erinnrung mitnimmt, daß sie dagewesen,
Dann will ich wieder Mensch mit Menschen sein.
Kreusa.
Das wär's allein? Ich weiß ein andres Mittel:
Ein einfach Herz und einen stillen Sinn.
Jason.
Ja, wer von dir das lernen könnte, Gute!
Kreusa.
Die Götter geben's jedem, der nur will.
Auch dir war's einst und kann es wieder werden.
Jason.
Denkst du noch manchmal unsrer Jugendzeit?
Kreusa.
Gar oft und gern erinnr' ich mich an sie.
Jason.
Wie wir ein Herz und eine Seele waren.
Kreusa.
Ich machte milder dich und du mich kühn.
Weißt du, wie ich den Helm aufs Haupt mir setzte?
Jason.
Er war zu weit, du hieltst ihn, sanft geduckt,
Mit kleinen Händen ob den goldnen Locken.
Kreusa, es war eine schöne Zeit!
Kreusa.
Und wie mein Vater sich darüber freute,
Er nannt' uns öfter scherzend Bräutigam und Braut.
Jason.
Es kam nicht so.
Kreusa.
Wie manches anders kommt,
Als man's gedacht. Allein was tut's?
Wir wollen drum nicht minder fröhlich sein!
(Medea kommt zurück.)
Medea.
Die Kleinen sind besorgt.
Jason.
Nun, es ist gut.
(Fortfahrend.)
Die schönen Orte unsrer Jugendlust,
An die Erinnrung knüpft mit leisen Fäden,
Ich hab sie durchgegangen, da ich kam,
Und Brust und Lippen kühlend eingetaucht
Im frischen Born der hellen Kinderzeit.
Ich war am Markt, wo ich den Wagen lenkte,
Das rasche Roß dem Ziel entgegentrieb,
Den Faustschlag wechselnd mit dem Gegner rang,
Indes du standst und sahst, erschrakst und zürntest,
Um meinetwillen jedem Gegner feind.
Ich war im Tempel, wo vereint wir knieten,
Hier nur allein einander uns vergessend,
Und unsre Lippen zu den Göttern sandten
Aus zweier Brust ein einzig, einig Herz.
Kreusa.
So weißt du denn das alles noch so gut?
Jason.
Ich sauge Labung draus mit vollen Zügen
Medea (die still hingegangen ist und die weggelegte Leier ergriffen hat).
Jason, ich weiß ein Lied!
Jason.
Und dann der Turm!
Weißt du den Turm dort an der Meeresküste
Wo du mit deinem Vater standst und weintest,
Als ich das Schiff bestieg zum weiten Zug.
Ich hatte da kein Aug' für deine Tränen
Denn nur nach Taten dürstete mein Herz.
Ein Windstoß löste deinen Schleier los
Und warf ihn in die See, ich sprang darnach
Und trug ihn mit mir fort, dir zum Gedächtnis.
Kreusa.
Hast du ihn noch?
Jason.
Denk nur, so manches Jahr
Verging seit dem und nahm dein Pfand mit sich.
Der Wind hat ihn verweht.
Medea.
Ich weiß ein Lied.
Jason.
Du riefst mir damals zu: Leb wohl, mein Bruder.
Kreusa.
Und jetzt ruf ich: Mein Bruder, sei gegrüßt!
Medea.
Jason, ich weiß ein Lied.
Kreusa.
Sie weiß ein Lied,
Das du einst sangst, hör zu, sie soll dir's singen.
Jason.
Ja so! Wo war ich denn? Das klebt mir an
Aus meiner Jugendzeit und spottet meiner,
Daß gern ich manchmal träumen mag und schwatzen
Von Dingen die nicht sind und die nicht werden.
Denn wie der Jüngling in der Zukunft lebt
So lebt der Mann mit der Vergangenheit.
Die Gegenwart weiß keiner recht zu leben.
Da war ich jetzt ein tatenkräft'ger Held
Und hatt' ein liebes Weib und Gold und Gut
Und einen Ort wo meine Kinder schlafen.
Was also willst du denn?
(Zu Medea.)
Kreusa.
Ein Lied dir singen,
Das du in deiner Jugend sangst bei uns.
Jason.
Und das singst du?
Medea.
So gut ich kann.
Jason.
Ja wohl!
Willst du mit einem armen Jugendlied
Mir meine Jugend geben und ihr Glück?
Laß das. Wir wollen aneinander halten
Weil's einmal denn so kam und wie sich's gibt.
Doch nichts von Liedern und von derlei Dingen!
Kreusa.
Laß sie's doch singen. Sie hat sich geplagt
Bis sie's gewußt und nun--
Jason.
So singe, sing!
Kreusa.
Die zweite Saite, weißt du noch?
Medea (mit der Hand schmerzlich aber ihre Stirne streichend).
Vergessen.
Jason.
Siehst du, ich sagt' es wohl, es geht nun nicht!
An andres Spiel ist ihre Hand gewohnt,
Den Drachen sang sie zaubrisch in den Schlaf.
Und das klang anders als dein reines Lied.
Kreusa (einflüsternd).
O ihr Götter
Ihr hohen Götter--
Medea (nachsagend).
O ihr Götter--
Ihr hohen, ihr gerechten, strengen Götter!
(Die Leier entfällt ihr, sie schlägt beide Hände vor die weinenden
Augen.)
Kreusa.
Sie weint. Wie kannst du doch so hart sein und so wild.
Jason (sie zurückhaltend).
Laß sie! Kind, du verstehst uns beide nicht!
Es ist der Götter Hand, was sie nun fühlt,
Auch hier gräbt sie, auch hier mit blut'gen Griffen.
Greif du nicht in der Götter Richteramt!
Hättst du sie dort gesehn im Drachenhorst,
Wie sie sich mit dem Wurm zur Wette bäumte,
Voll Gift der Zunge Doppelpfeile schoß,
Und Haß und Tod aus Flammenaugen blinkte,
Dein Busen wär' gestählt gen ihre Tränen.
Nimm du die Leier und sing mir das Lied
Und bann den Dämon, der mich würgend quält.
Du kannst's vielleicht, doch jene nicht.
Kreusa.
Recht gern.
(Sie will die Leier aufheben.)