(Halle in Kreons Königsburg) zu (Korinth.)
(Kreusa sitzend, Medea auf einem niederern Schemmel vor ihr, eine
Leier in ihrem Arm; sie ist griechisch gekleidet.)
Kreusa.
Hier diese Saite nimm, die zweite, diese!
Medea.
So also?
Kreusa.
Nein. Die Finger mehr gelöst.
Medea.
Es geht nicht.
Kreusa.
Wohl. Wenn du's nur ernstlich nimmst.
Medea.
Ich nehm es ernstlich; doch es geht nicht.
(Sie legt die Leier weg und steht auf.)
Nur an den Wurfspieß ist die Hand gewöhnt
Und an des Weidwerks ernstlich rauh Geschäft.
(Ihre rechte Hand dicht vor die Augen haltend.)
Daß ich sie strafen könnte diese Finger, strafen!
Kreusa.
Wie du nun bist! Da hatt' ich mich gefreut
Daß du ihn überraschen solltest, Jason,
Mit deinem Lied.
Medea.
Ja so, ja du hast recht.
Darauf vergaß ich. Laß noch mal versuchen!
Es wird ihn freuen, meinst du, wirklich freuen?
Kreusa.
Gewiß. Er sang das Liedchen schon als Knabe,
Als er bei uns, in unserm Hause lebte.
Sooft ich's hörte, sprang ich fröhlich auf,
Denn immer war's das Zeichen seiner Heimkehr.
Medea.
Das Liedchen aber?
Kreusa.
Wohl so hör mir zu
Es ist nur kurz und eben nicht sehr schön
Allein er wußt' es gar so hübsch zu singen,
So übermütig, trotzend, spöttisch fast. O ihr Götter,
Ihr hohen Götter!
Salbt mein Haupt
Wölbt meine Brust,
Daß den Männern
Ich obsiege
Und den zierlichen
Mädchen auch.
Medea.
Ja, ja, sie haben's ihm gegeben!
Kreusa.
Was?
Medea.
Des kurzen Liedchens Inhalt.
Kreusa.
Welchen Inhalt?
Medea.
Daß den Männern er obsiege
Und den zierlichen Mädchen auch.
Kreusa.
Daran hatt' ich nun eben nie gedacht.
Ich sang's nur nach, wie ich's ihn singen hörte.
Medea.
So stand er da an Kolchis' fremder Küste;
Die Männer stürzten nieder seinem Blick,
Und mit demselben Blick warf er den Brand
In der Unsel'gen Busen, die ihn floh,
Bis, lang verhehlt, die Flamme stieg empor
Und Ruh' und Glück und Frieden prasselnd sanken
Von Rauchesqualm und Feuersglut umhüllt.
So stand er da in Kraft und Schönheit prangend,
Ein Held, ein Gott und lockte, lockte, lockte,
Bis es verlockt, sein Opfer, und vernichtet,
Dann warf er's hin und niemand hob es auf.
Kreusa.
Bist du sein Weib und sprichst so schlimm von ihm?
Medea.
Du kennst ihn nicht, ich aber kenn ihn ganz.
Nur (er) ist da, (er) in der weiten Welt
Und alles andre nichts als Stoff zu Taten.
Voll Selbstheit, nicht des Nutzens, doch des Sinns,
Spielt er mit seinem und der andern Glück.
Lockt's ihn nach Ruhm so schlägt er einen tot,
Will er ein Weib, so holt er eine sich,
Was auch darüber bricht, was kümmert's ihn!
Er tut nur Recht, doch recht ist was er will.
Du kennst ihn nicht, ich aber kenn ihn ganz
Und denk ich an die Dinge, die geschehn,
Ich könnt' ihn sterben sehn und lachen drob.
Kreusa.
Leb wohl!
Medea.
Du gehst?
Kreusa.
Soll ich dich länger hören?
Ihr Götter! Spricht die Gattin so vom Gatten?
Medea.
Nach dem er ist: der Meine tat darnach!
Kreusa.
Beim hohen Himmel, hätt' ich einen Gatten,
So arg, so schlimm, als Deiner nimmer ist,
Und Kinder, sein Geschenk und Ebenbild,
Ich wollt' sie lieben, töteten sie mich.
Medea.
Das sagt sich gut, allein es übt sich schwer.
Kreusa.
Es wär' wohl minder süß, übt' es sich leichter.
Doch tue was dir gutdünkt, ich will gehn.
Zuerst lockst du mit holdem Wort mich an
Und fragst nach Mitteln mich, ihm zu gefallen
Und nun brichst du in Haß und Schmähung aus.
Viel Übles hab an Menschen ich bemerkt,
Das Schlimmste aber ist ein unversöhnlich Herz.
Leb wohl und lerne besser sein.
Medea.
Du zürnst?
Kreusa.
Beinahe.
Medea.
O gib nicht auch (du) mich auf,
Verlaß mich nicht sei du mein Schirm und Schutz!
Kreusa.
Nun bist du mild und erst warst du voll Haß.
Medea.
Der Haß gilt mir und Jason gilt die Liebe.
Kreusa.
So liebst du deinen Gatten?
Medea.
Wär' ich hier sonst?
Kreusa.
Ich sinne nach und doch versteh ich's nicht.
Doch: liebst du ihn, bin ich dir wieder gut,
Und sage dir wohl sichre Mittel an,
Die Launen, die er hat, ich weiß es wohl,
Wie Wolken zu zerstreun. Laß uns nur machen.
Ich sah es, er war morgens trüb und düster,
Doch sing ihm erst dein Lied und du wirst sehn
Wie schnell er fröhlich wird. Hier ist die Leier.
Nicht eher laß ich ab, bis du es weißt.
(Sie sitzt.)
Was kommst du nicht? Was stehst und zögerst du?
Medea.
Ich seh dich an und seh dich wieder an
Und kann an deinem Anblick kaum mich sätt'gen.
Du Gute, Milde, schön an Leib und Seele,
Das Herz wie deine Kleider hell und rein.
Gleich einer weißen Taube schwebest du,
Die Flügel breitend, über dieses Leben
Und netzest keine Feder an dem Schlamm,
In dem wir ab uns kämpfend mühsam weben.
Senk einen Strahl von deiner Himmelsklarheit
In diese wunde, schmerzzerrißne Brust.
Was Gram und Haß und Unglück hingeschrieben
O lösch es aus mit deiner frommen Hand
Und setze deine reinen Züge hin.
Die Stärke, die mein Stolz von Jugend war,
Sie hat im Kampfe sich als schwach bewiesen
O lehre mich, was stark die Schwäche macht.
(Sie setzt sich auf den Schemmel zu Kreusas Füßen.)
Zu deinen Füßen will ich her mich flüchten
Und will dir klagen, was sie mir getan;
Will lernen, was ich lassen soll und tun.
Wie eine Magd will ich dir dienend folgen,
Will weben an dem Webstuhl, früh zur Hand,
Und alles Werk, das man bei uns verachtet,
Den Sklaven überläßt und dem Gesind',
Hier aber übt die Frau und Herrin selbst,
Vergessend, daß mein Vater Kolchis' König,
Vergessend, daß mir Götter sind als Ahnen,
Vergessend was geschehn und was noch droht--
(Aufstehend und sich entfernend.)
Doch das vergißt sich nicht.
Kreusa (ihr folgend).
Was ficht dich an?
Was Schlimmes auch in frührer Zeit geschehn,
Der Mensch vergißt, ach und die Götter auch.