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Also hat sich's zugetragen. Und was wird jetzt geschehen sein? Alles
Menschengeschick steht in Gottes Hand, alles vollzieht sich nach seinem
Ratschlusse und fast nichts nach dem Sinne der Menschen.
Als die Magd Frieda in dem Opfertode des armen Waldmenschen seine
unermeßliche Liebe zu ihr besiegelt sah, als das letzte Hindernis
gefallen war zwischen ihr und dem Adlerwirt, daß sie sich nun vor
Gott und der Welt hätten können die Hände reichen -- fand sie, daß
ihre heiße Leidenschaft für Wolfram anfing zu schwinden. Was war das
für ein Unterschied! Was sind die gewöhnlichen Männer für zage,
gemeinsinnliche, engherzige Schelme gegen diesen einen einsamen,
heldenhaften! Von diesem allein war sie geliebt worden mit einer
Liebe, wie wenigen Weibern auf Erden sie zuteil wird, mit einer Liebe,
die stärker ist als der Tod. -- Aber gekannt hat er es nicht, das
Weibesherz, sonst hätte er im voraus wissen müssen, daß sein Opfer
umsonst ist.
An demselben Tage, als die Reste der beiden Verunglückten auf einem
kleinen Alpenkirchhofe still bestattet worden waren, schrieb die Frieda
einen Brief an den Adlerwirt:
»Lieber Wolfram!
Weil das geschehen ist, muß es aus sein und ganz aus sein bei uns
zweien. Er tät' immer zwischen uns stehen mit seinen blutigen Wunden.
Ich habe wohl einmal gemeint, ich kunnt Dich glücklich machen,
jetzt nimmer. Und im Unglück bist schon genug gewesen. Du bist frei
geworden vor drei Tagen, ich habe geheiratet. Sein Sterbetag ist der
Hochzeitstag zwischen ihm und mir geworden. Ich bin sein, und Du
wirst auch wieder eine andere finden. Ich wünsche Dir alles Gute, und
was vergangen ist, das soll vergessen sein.«
[Illustration]
Nachwort zu dieser Geschichte.
(Als Ohrenbeichte an den Kritiker.)
Weil unser Dasein ohnehin überreich an Drangsal und Leid ist, so wollte
ich -- beginnend mit heiterem Liebesabenteuer des jungen Adlerwirtes
von Kirchbrunn -- in dem süßen Herzensleben junger Menschen eine
Idylle schreiben, mir und anderen zur Ergötzung. Allein es ist anders
gekommen. Wie es im Leben sich so häufig fügt, daß alles ganz anders
wird, als der Mensch gehofft hat, kommt solches bisweilen sogar auch
in der Dichtung vor. Nicht das erste Mal -- ich gestehe es -- ist es
mir hier passiert, daß während der Entwicklung einer Geschichte ganz
von dem ursprünglichen Plane abgewichen wurde, weil sich folgerichtig
andere Dinge ereignen mußten, als im Plane ausgeheckt waren. Den Plan
macht der Kopf, dem ist im Übermut und Fürwitz alles möglich, der hat
hundert Leitern, um dem Erdboden zu entkommen und in willkürlichen
Zonen seine Luftschlösser zu bauen. Wenn nachher aber das Herz
anhebt, dichterisch zu schaffen, nach Vorbildern der Wirklichkeit
sinnlich zu gestalten, nach göttlichen und dämonischen Gesetzen des
Gemütes zu handeln, da wird die Luftlinie verlassen und je nach der
Bodenbeschaffenheit vorangegangen. Da ist es am besten, wenn der
Dichter seiner Geschichte nicht vorangeht, sondern ihr folgt, wenn er
sie nicht leitet, sondern von ihr geleitet wird, das heißt, wenn er
der Entwicklung nicht Gewalt antut, sondern dieselbe nach gegebenen
Verhältnissen sich selbst frei vollziehen läßt.
So habe ich es auch hier gehalten. Meine Gestalten -- bestimmt
veranlagte Menschen -- sah ich vor mir. In harmlosem Spiele führte
ich sie durcheinander, wie der Zufall oder das Geschick uns selbst
durcheinander würfelt. Sie gewannen eine bestimmte Stellung zu
einander, und nun war die Lage gegeben; im Augenblicke begann eine
Entfaltung und eine Entwicklung, die sachte vom gezogenen Plane abwich,
immer weiter und unheimlicher, bis zu jener letzten Folge, vor der ich
selbst erschrak. Aus der lockenden Idylle ist ein tragischer Roman
geworden, der nicht beabsichtigt war.
Es wird einem auch oft recht langweilig auf dem Tummelplatze des
gewöhnlichen Lebens. Der Alltagsmenschen Begierden und Taten sind
lächerlich schnöde, man wird mit ihnen weder warm, noch kalt. Wenn
aber unvermutet irgendwo ein starkes Herz auftaucht, sei es in
wildwetternder, zerstörender Leidenschaft, sei es in heldenhaftem
Opfermut, alsbald reißt es des Dichters Aufmerksamkeit auf sich und
läßt sie nicht wieder los, und so lange nicht wieder, bis es an einer
großen Tugend zugrunde geht.
Als auf dem Freiballe beim Schwambachwirt mein Held plötzlich
hinausgerufen wurde zu einem halbverkommenen Holzknechte, da ahnte ich
noch nichts. Als dieser Holzknecht aber vom Adlerwirt verlangte: Laß'
ab von der Dirn! Sie ist mein, und wenn du sie noch einmal anrührst,
so wirst erstochen! -- da war ich in seinem Banne. Als ich hernach
der weiteren Entwicklung meiner Geschichte mit doppeltem Interesse
folgte, war ich überzeugt, daß der Schopper-Schub den Adlerwirt ganz
gewiß ermorden würde. Es kam anders, der weichmütige Adlerwirt ward
zu einem beklagenswerten Dulder, seine Liebe zu Frieda suchte er
redlich zu dämpfen, bis er endlich vom Zufall unbarmherzig mit dem
Mädchen seiner heimlichen Leidenschaft zusammengeführt wurde. Jetzt
standen die Dinge so, daß der Schopper-Schub wohl ans Messer griff,
aber nicht mehr zuzustoßen vermochte. Denn durch lange Entsagung war
in seinem großen Herzen die Liebe zum Weibe weit und hoch über die
sinnliche Leidenschaft hinausgewachsen, und mächtig erfüllte ihn der
eine Gedanke: glücklich machen das geliebte Wesen um jeden Preis.
Ein zweites Wort sprach der Rechtssinn des Naturmenschen: Wenn die
zwei sich in der Tat lieben, so sollen sie sich haben. -- In dem
Augenblicke, als ich den armen Menschen in weher Verzichtung dahingehen
sah, wußte ich freilich, daß da noch etwas geschehen würde. Ich glaubte
nicht recht, daß der Schopper ein Opfer nur halb vollbringt, und daß er
selbst nicht mehr würde weiterleben wollen, das fürchtete ich.
Als Frau Kunigunde von dem der Gant verfallenen Adlerwirtshause auf dem
Steirerwäglein fortfuhr, ließ ich sie sehr ungern in den Siebenbachwald
ziehen. Aber ihre Rachsucht gegen den durchgegangenen Mann war so
groß, daß sie keine Macht der Welt zurückgehalten haben würde, seine
Spuren zu verfolgen. Ich ahnte nichts Gutes, als sie dem Schopper-Schub
nachfragte, und leider -- meine Ahnung hat mich nicht betrogen.
So leid es mir um den Schopper tat, so fiel mir doch ordentlich
ein Stein vom Herzen, als das gräßliche Unglück auf der Holzriesen
geschehen war. -- Jetzt endlich! jetzt können die zwei jungen
Leute, die wirklich füreinander geschaffen zu sein scheinen,
zusammen heiraten! -- Und da tut sich mir eine ungeahnte Tiefe des
Weibesherzens auf: jetzt, da ~solches~ sich zugetragen, mag sie keine
Liebschaft mehr, und am wenigsten eine mit dem, der ihr so lange im
Wege gestanden, dessentwegen sie den treuesten Menschen auf der Welt
mißkannt und abgewiesen hat.
Wenn meine heiteren Geschichten auf solche Art enden, dann will ich
mich zweimal besinnen, ehe ich wieder einmal eine Idylle anfange zu
schreiben. Und vielleicht tut auch jeder andere wohl daran, sich
zweimal zu besinnen, bevor er -- sei es mit einer armen Magd, oder
sei es mit einer feinen Großbauerntochter -- ein Liebesverhältnis
anhebt. Ist die Dichtung schon so schlimm, um wieviel mehr erst die
Wirklichkeit ...
Von den wenigen Bekannten, die noch leben, haben wir uns gar nicht
verabschieden können. Es ging zu schnell. Wenn der Chronist dieser
Ereignisse sich schließlich selbst als einen alten Bekannten vorstellen
wollte, als den kleinen, in den Sand verlaufenden Professor Nix, so
wäre uns damit nicht sehr gedient. Als Figur in der Erzählung tut
der kleine Nix zu wenig, seine Hauptleistung besteht darin, uns die
Geschichte übermittelt zu haben. Der Frieda und dem Wolfram hätten wir
noch gerne die Hand gedrückt. Wenn schon die Jungdirn schrieb, daß, was
vergangen ist, auch vergessen sein soll, so möchten wir ihnen doch für
das, was kommen wird, alles Gute wünschen, vor allem ein starkes Herz,
welches die unvergeßlichen Erfahrungen der Vergangenheit in der Zukunft
sich zunutze mache.
[Illustration]
[Illustration]
Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.
[Illustration: =F= 1501 =IX=09: 100.000]