Schubhart Schopper.«

* * * * *

Also hat sich's zugetragen. Und was wird jetzt geschehen sein? Alles

Menschengeschick steht in Gottes Hand, alles vollzieht sich nach seinem

Ratschlusse und fast nichts nach dem Sinne der Menschen.

Als die Magd Frieda in dem Opfertode des armen Waldmenschen seine

unermeßliche Liebe zu ihr besiegelt sah, als das letzte Hindernis

gefallen war zwischen ihr und dem Adlerwirt, daß sie sich nun vor

Gott und der Welt hätten können die Hände reichen -- fand sie, daß

ihre heiße Leidenschaft für Wolfram anfing zu schwinden. Was war das

für ein Unterschied! Was sind die gewöhnlichen Männer für zage,

gemeinsinnliche, engherzige Schelme gegen diesen einen einsamen,

heldenhaften! Von diesem allein war sie geliebt worden mit einer

Liebe, wie wenigen Weibern auf Erden sie zuteil wird, mit einer Liebe,

die stärker ist als der Tod. -- Aber gekannt hat er es nicht, das

Weibesherz, sonst hätte er im voraus wissen müssen, daß sein Opfer

umsonst ist.

An demselben Tage, als die Reste der beiden Verunglückten auf einem

kleinen Alpenkirchhofe still bestattet worden waren, schrieb die Frieda

einen Brief an den Adlerwirt:

»Lieber Wolfram!

Weil das geschehen ist, muß es aus sein und ganz aus sein bei uns

zweien. Er tät' immer zwischen uns stehen mit seinen blutigen Wunden.

Ich habe wohl einmal gemeint, ich kunnt Dich glücklich machen,

jetzt nimmer. Und im Unglück bist schon genug gewesen. Du bist frei

geworden vor drei Tagen, ich habe geheiratet. Sein Sterbetag ist der

Hochzeitstag zwischen ihm und mir geworden. Ich bin sein, und Du

wirst auch wieder eine andere finden. Ich wünsche Dir alles Gute, und

was vergangen ist, das soll vergessen sein.«

[Illustration]

Nachwort zu dieser Geschichte.

(Als Ohrenbeichte an den Kritiker.)

Weil unser Dasein ohnehin überreich an Drangsal und Leid ist, so wollte

ich -- beginnend mit heiterem Liebesabenteuer des jungen Adlerwirtes

von Kirchbrunn -- in dem süßen Herzensleben junger Menschen eine

Idylle schreiben, mir und anderen zur Ergötzung. Allein es ist anders

gekommen. Wie es im Leben sich so häufig fügt, daß alles ganz anders

wird, als der Mensch gehofft hat, kommt solches bisweilen sogar auch

in der Dichtung vor. Nicht das erste Mal -- ich gestehe es -- ist es

mir hier passiert, daß während der Entwicklung einer Geschichte ganz

von dem ursprünglichen Plane abgewichen wurde, weil sich folgerichtig

andere Dinge ereignen mußten, als im Plane ausgeheckt waren. Den Plan

macht der Kopf, dem ist im Übermut und Fürwitz alles möglich, der hat

hundert Leitern, um dem Erdboden zu entkommen und in willkürlichen

Zonen seine Luftschlösser zu bauen. Wenn nachher aber das Herz

anhebt, dichterisch zu schaffen, nach Vorbildern der Wirklichkeit

sinnlich zu gestalten, nach göttlichen und dämonischen Gesetzen des

Gemütes zu handeln, da wird die Luftlinie verlassen und je nach der

Bodenbeschaffenheit vorangegangen. Da ist es am besten, wenn der

Dichter seiner Geschichte nicht vorangeht, sondern ihr folgt, wenn er

sie nicht leitet, sondern von ihr geleitet wird, das heißt, wenn er

der Entwicklung nicht Gewalt antut, sondern dieselbe nach gegebenen

Verhältnissen sich selbst frei vollziehen läßt.

So habe ich es auch hier gehalten. Meine Gestalten -- bestimmt

veranlagte Menschen -- sah ich vor mir. In harmlosem Spiele führte

ich sie durcheinander, wie der Zufall oder das Geschick uns selbst

durcheinander würfelt. Sie gewannen eine bestimmte Stellung zu

einander, und nun war die Lage gegeben; im Augenblicke begann eine

Entfaltung und eine Entwicklung, die sachte vom gezogenen Plane abwich,

immer weiter und unheimlicher, bis zu jener letzten Folge, vor der ich

selbst erschrak. Aus der lockenden Idylle ist ein tragischer Roman

geworden, der nicht beabsichtigt war.

Es wird einem auch oft recht langweilig auf dem Tummelplatze des

gewöhnlichen Lebens. Der Alltagsmenschen Begierden und Taten sind

lächerlich schnöde, man wird mit ihnen weder warm, noch kalt. Wenn

aber unvermutet irgendwo ein starkes Herz auftaucht, sei es in

wildwetternder, zerstörender Leidenschaft, sei es in heldenhaftem

Opfermut, alsbald reißt es des Dichters Aufmerksamkeit auf sich und

läßt sie nicht wieder los, und so lange nicht wieder, bis es an einer

großen Tugend zugrunde geht.

Als auf dem Freiballe beim Schwambachwirt mein Held plötzlich

hinausgerufen wurde zu einem halbverkommenen Holzknechte, da ahnte ich

noch nichts. Als dieser Holzknecht aber vom Adlerwirt verlangte: Laß'

ab von der Dirn! Sie ist mein, und wenn du sie noch einmal anrührst,

so wirst erstochen! -- da war ich in seinem Banne. Als ich hernach

der weiteren Entwicklung meiner Geschichte mit doppeltem Interesse

folgte, war ich überzeugt, daß der Schopper-Schub den Adlerwirt ganz

gewiß ermorden würde. Es kam anders, der weichmütige Adlerwirt ward

zu einem beklagenswerten Dulder, seine Liebe zu Frieda suchte er

redlich zu dämpfen, bis er endlich vom Zufall unbarmherzig mit dem

Mädchen seiner heimlichen Leidenschaft zusammengeführt wurde. Jetzt

standen die Dinge so, daß der Schopper-Schub wohl ans Messer griff,

aber nicht mehr zuzustoßen vermochte. Denn durch lange Entsagung war

in seinem großen Herzen die Liebe zum Weibe weit und hoch über die

sinnliche Leidenschaft hinausgewachsen, und mächtig erfüllte ihn der

eine Gedanke: glücklich machen das geliebte Wesen um jeden Preis.

Ein zweites Wort sprach der Rechtssinn des Naturmenschen: Wenn die

zwei sich in der Tat lieben, so sollen sie sich haben. -- In dem

Augenblicke, als ich den armen Menschen in weher Verzichtung dahingehen

sah, wußte ich freilich, daß da noch etwas geschehen würde. Ich glaubte

nicht recht, daß der Schopper ein Opfer nur halb vollbringt, und daß er

selbst nicht mehr würde weiterleben wollen, das fürchtete ich.

Als Frau Kunigunde von dem der Gant verfallenen Adlerwirtshause auf dem

Steirerwäglein fortfuhr, ließ ich sie sehr ungern in den Siebenbachwald

ziehen. Aber ihre Rachsucht gegen den durchgegangenen Mann war so

groß, daß sie keine Macht der Welt zurückgehalten haben würde, seine

Spuren zu verfolgen. Ich ahnte nichts Gutes, als sie dem Schopper-Schub

nachfragte, und leider -- meine Ahnung hat mich nicht betrogen.

So leid es mir um den Schopper tat, so fiel mir doch ordentlich

ein Stein vom Herzen, als das gräßliche Unglück auf der Holzriesen

geschehen war. -- Jetzt endlich! jetzt können die zwei jungen

Leute, die wirklich füreinander geschaffen zu sein scheinen,

zusammen heiraten! -- Und da tut sich mir eine ungeahnte Tiefe des

Weibesherzens auf: jetzt, da ~solches~ sich zugetragen, mag sie keine

Liebschaft mehr, und am wenigsten eine mit dem, der ihr so lange im

Wege gestanden, dessentwegen sie den treuesten Menschen auf der Welt

mißkannt und abgewiesen hat.

Wenn meine heiteren Geschichten auf solche Art enden, dann will ich

mich zweimal besinnen, ehe ich wieder einmal eine Idylle anfange zu

schreiben. Und vielleicht tut auch jeder andere wohl daran, sich

zweimal zu besinnen, bevor er -- sei es mit einer armen Magd, oder

sei es mit einer feinen Großbauerntochter -- ein Liebesverhältnis

anhebt. Ist die Dichtung schon so schlimm, um wieviel mehr erst die

Wirklichkeit ...

Von den wenigen Bekannten, die noch leben, haben wir uns gar nicht

verabschieden können. Es ging zu schnell. Wenn der Chronist dieser

Ereignisse sich schließlich selbst als einen alten Bekannten vorstellen

wollte, als den kleinen, in den Sand verlaufenden Professor Nix, so

wäre uns damit nicht sehr gedient. Als Figur in der Erzählung tut

der kleine Nix zu wenig, seine Hauptleistung besteht darin, uns die

Geschichte übermittelt zu haben. Der Frieda und dem Wolfram hätten wir

noch gerne die Hand gedrückt. Wenn schon die Jungdirn schrieb, daß, was

vergangen ist, auch vergessen sein soll, so möchten wir ihnen doch für

das, was kommen wird, alles Gute wünschen, vor allem ein starkes Herz,

welches die unvergeßlichen Erfahrungen der Vergangenheit in der Zukunft

sich zunutze mache.

[Illustration]

[Illustration]

Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.

[Illustration: =F= 1501 =IX=09: 100.000]

Der Adlerwirt von Kirchbrunn · 第 18 / 22 题