Winterhäuser, Zelte, Frauenboote und Reisen.
Im Winter wohnen die Grönländer in Häusern aus Steinen und Rasen. Diese
erheben sich anderthalb bis zwei Meter über der Erde, während der
Fußboden tiefer liegt. Das Dach ist flach, etwas gewölbt. Solch ein
Haus gleicht von außen einem unansehnlichen Erdhaufen.
Die Häuser enthalten nur ein einziges Zimmer, und darin wohnen
meistens mehrere Familien, Männer und Frauen, Greise und Kinder.
Es ist so niedrig, daß ein mehr als mittelgroßer Mann darin kaum
aufrecht stehen kann. Das Zimmer hat, wie das Haus von außen, die
Form eines Rechteckes. Die eine Längswand nimmt die ungefähr zwei
Meter breite Hauptpritsche ein, auf der die Bewohner des Hauses, d. h.
die Verheirateten, alle erwachsenen Töchter und die Kinder beiderlei
Geschlechts, schlafen. Hier liegen sie in langer Reihe nebeneinander,
die Füße der Wand und den Kopf der Stube zugekehrt.
H. E. Saabye sagt in seinem obenerwähnten Tagebuch, die Ehebetten seien
unter der Pritsche aufgeschlagen. Ich habe nichts entdeckt, was darauf
schließen ließe, daß dies im Godthaabdistrikte heute noch irgendwo der
Fall ist.
Die unverheirateten Männer liegen gewöhnlich auf den kleineren
Pritschen unter den Fenstern, die in der entgegengesetzten Längswand
angebracht sind, und deren Zahl sich, je nach der Größe des Hauses, auf
eines, zwei und auf drei beläuft. Die Scheiben bestanden früher stets
aus Darmhaut oder dergleichen, jetzt aber findet man auf der Westküste
meistens schon Glasfenster. An den kurzen Seitenwänden befinden sich
gewöhnlich auch Pritschen, auf diesen und den Fensterpritschen schlafen
etwaige Gäste.
Wohnen -- wie man es gewöhnlich trifft -- mehrere Familien in einem
Hause, so ist die Hauptpritsche durch Holzstützen, die vom Vorderrande
der Pritsche bis zur Decke reichen und mittelst niedriger Seitenwände
mit der hinteren Wand verbunden sind, in verschiedene Buchten geteilt,
von denen jede einer Familie als Schlafzimmer dient. Es scheint uns
beinahe unglaublich, wie wenig Raum die Eskimos brauchen. Kapitän Holm
beschreibt ein Haus auf der Ostküste, das etwa 27 Fuß lang und 14½
Fuß breit war und in dem acht Familien, zusammen 38 Personen, wohnten.
In einer vier Fuß breiten Bucht schlief ein Mann mit zwei Frauen und
sieben Kindern. Da darf sich der Einzelne natürlich nicht breit machen.
Die Betten bestehen aus Seehunds- und Renntierfellen. Damit deckten sie
sich früher auch zu und lagen, das obenerwähnte Hauskleid abgerechnet,
ganz nackt darunter. Heutzutage deckt man sich auf der Westküste
meistens mit Federbetten zu.
Früher wurden die Wände mit Häuten bekleidet, und die bloße Erde, zum
Teil mit Fliesen belegt, bildete den Fußboden. Jetzt aber, da viel
europäischer Luxus eingeführt ist, hat man auf der Westküste schon
angefangen, die Wände zu täfeln und die Fußböden zu dielen. Ja, man
hat selbst die Sitte angenommen, die Fußböden aufzuwaschen und zwar
sogar ein paarmal im Jahre.
In das Haus gelangt man durch einen langen, engen Gang, dessen Fußboden
teilweise in die Erde hineingegraben ist und der ebenfalls aus Steinen
und Rasen besteht. Von außen steigt man durch ein Loch in ihn hinein.
Gewöhnlich ist er so eng und niedrig, daß man in hockender Stellung
hindurchkriechen muß, und für große Leute hat das Durchkommen seine
Schwierigkeiten. Ich hörte in Sardlok, daß ein allerdings recht dicker
Ladenjüngling aus Godthaab an einem engen Punkte des Ganges von Terkels
Hause stecken geblieben sei. Da lag er, mit Händen und Füßen arbeitend,
und schrie wie besessen, konnte aber nicht von der Stelle. Das Ende vom
Liede war, daß vier Knaben beauftragt wurden, ihn aus der Klemme zu
befreien. Zwei kamen von hinten und schoben den fleischigsten Teil des
Körpers, der bei dem guten Herrn allerdings sehr umfangreich gewesen
sein soll, vor sich her, während die beiden andern aus dem Innern des
Hauses herbeieilten, um ihn an je einem Arme vorwärts zu ziehen. Alle
vier mühten sich im Schweiße ihres Angesichts ab, aber der Dicke saß
fest wie ein Werglappen in einem Flintenlaufe, und man wollte schon das
Dach abdecken, um ihm freien Durchgang zu verschaffen, als er endlich
vorwärts rutschte. Soviel ich mich erinnere, hat nachher ein Fenster
eingeschlagen werden müssen, um ihn auf diesem Wege wieder aus dem Haus
zu schaffen.
In die Stube kommt man aus diesem Gange durch eine kleine viereckige
Oeffnung, die gewöhnlich in der vorderen Längswand angebracht ist und
mit einer Thür oder einem Brette geschlossen wird.
Der Zweck dieses Hausganges ist, das Eindringen der kalten und das
Entweichen der warmen Luft zu verhindern. Er liegt deshalb tiefer als
das Haus, wodurch gleichzeitig etwas Ventilation erreicht wird, da
die dicke, schlechte Luft teilweise in ihn hinabsinken und durch ihn
entweichen kann.
In den nach altgrönländischem Muster eingerichteten Häusern giebt es
keinen Feuerherd. Sie werden durch Thranlampen, die Tag und Nacht
brennen, erleuchtet und erwärmt. Daß letztere auch nachts brennen,
geschieht nicht nur der Wärme wegen, sondern weil der außerordentlich
abergläubische Eskimo sich entsetzlich im Dunkeln fürchtet. Wenn
irgendwo Not herrscht, so wird als Beweis für die schlechten
Verhältnisse angeführt: »Denkt nur, die armen Leute müssen nachts ohne
Lampen schlafen!«
Die Lampen sind große, offene, flache Schalen von Speckstein in Form
eines Halbmondes. Auf der rechten Seite liegt der aus Zeug oder
trockenem Moos gedrehte Docht. Diese Lampen werden auf einen hölzernen
Fuß gestellt, der auf einem kleinen Tisch oder einer Erhöhung an der
Vorderseite der Pritsche steht. Gewöhnlich hat jede Familie ihren
eigenen Lampentisch. Wohnen nun mehrere Familien zusammen, so kommen
auch viele Lampen zusammen, da jede mindestens eine, in der Regel aber
mehrere brennt.
Ueber diesen Lampen wurde früher auch in Specksteintöpfen, die von der
Decke herabhingen, gekocht. Die Zubereitung der Speisen ging natürlich,
wie alles andere, auch in diesem Zimmer »für alles« vor sich.
Auf der Ostküste ist es noch heute so. Auf der Westküste hat die
moderne Civilisation insofern eine Aenderung bewirkt, als das Essen
dort meistens in einem an der Seite des Ganges angebauten Raume
auf einem Herde gekocht wird. Das Brennmaterial besteht aus Torf
und Mövenerde -- ein sehr feiner Ausdruck für alten getrockneten
Mövendung. Auch die alten Specksteintöpfe haben eisernen, die im
Kolonieladen feilgehalten werden, Platz gemacht.
Manche Westgrönländer sind sogar so raffiniert geworden, daß sie
aus dem Kolonieladen Oefen zur Erwärmung ihrer Stube kaufen. Das
Feurungsmaterial ist freilich dasselbe geblieben. Gleichzeitig aber
brennen sie noch immer die unentbehrlichen Lampen, wenn nicht aus
anderen Gründen, so doch der Erhellung wegen.
Früher fand man in Grönland meistens große, von mehreren Familien
bewohnte Häuser. Dadurch wurde die Heizung billiger, und die Bewohner
hatten es schön warm, abgesehen davon, daß die Geselligkeit im ganzen
auch manche Vorteile gewährte. Hier hat sich der Einfluß der Europäer
nicht als gut erwiesen. Sie drangen auf die Verteilung der Familien
in einzelne kleine Häuser und setzten große Belohnungen für das Bauen
solcher Häuser aus. Sie hielten es für so schön, daß jede Familie für
sich selbst lebte! Aber die Häuser wurden schlechter und kälter, es
wurde mehr Material zur Erleuchtung und Heizung gebraucht, als sich
allemal beschaffen ließ, und das ganze vorteilhafte System geriet in
Zerrüttung.
Im Winter, wenn alles festgefroren ist, mögen solche Erdhäuser recht
gut sein, doch im Sommer, wenn es von den Wänden trieft und das Dach
leckt und bisweilen von selbst einfällt, sind sie kein gesunder
Aufenthaltsort. In alten Zeiten verließ daher der Grönländer im
April, bei Frühlingsanfang, sein Haus und deckte oft sogar das Dach
ab, damit die Wohnung bis zum Herbste gehörig auslüften und vom Regen
reingewaschen werden könnte -- ein recht bequemes Scheuerfest.
Den ganzen Sommer und einen guten Teil des Herbstes hindurch, bis in
den September oder Oktober lebten dann die Grönländer in Zelten, und
gewöhnlich hatte jede Familie ein eigenes. Dieses Zelt hatte eine
eigentümlich halbrunde Form mit einer Eingangsthür an der hohen,
flachen Seite. Es ist innen ähnlich wie ein Haus eingerichtet, die
Pritsche läuft an der schrägen Hinterwand entlang, der Thüröffnung, die
ein Vorhang von halbdurchsichtiger Darmhaut verschließt, gegenüber. Die
Wände des Zeltes bestehen aus einer äußeren Schicht von abgehaarten,
wasserdichten Häuten, wozu gewöhnlich alte Bootbezüge verwendet werden,
und einer inneren Schicht mit den Haaren nach innen gekehrter Renntier-
oder Seehundsfelle. In diesen Zelten, die übrigens recht warm sind,
gehen die Eskimos nackt, wie bei sich zu Hause.
Unzertrennlich von dem sommerlichen Zeltleben ist das Frauenboot.
Dieses bis zu 12 +m+ lange Boot ist von den Europäern so benannt
worden, weil es im Gegensatze zum Kajak von Frauen gerudert wird.
Es ist ein offenes Boot mit Holzrippen, außen mit Seehundsfell bezogen,
schmal und verhältnismäßig sehr flach. Es rudert sich außerordentlich
leicht, aber infolge seiner Form ist es ein unhandliches, schlechtes
Seeboot, weshalb die Grönländer auch sofort damit an Land gehen, wenn
der Wind sich aufmacht. Ein kleines Segel läßt sich im Vordersteven
anbringen und bei günstigem Winde benutzen. Segeln ist übrigens eine
Kunst, auf die sich der Eskimo nicht versteht und für die er sich auch
nicht interessiert.
In einem solchen Boote wird die ganze irdische Habe der Familie
untergebracht, das Zelt, alles Hausgerät, Kinder, Hunde, Frauen u. s.
w. Es wird von mehreren bis zu zehn Ruderinnen gerudert und geht, wenn
ihrer so viele sind, mit guter Fahrt. Der Hausvater steuert gewöhnlich,
und die übrigen männlichen Mitglieder der Familie rudern in ihren
Kajaken hinterdrein.
In ihren Frauenbooten zogen die Grönländer den ganzen Sommer hindurch
von einem Fangplatz zum anderen und blieben einen oder zwei Monate in
den Buchten, in deren Nähe es Renntiere gab. Dort gingen sie auf die
Jagd und lebten herrlich und in Freuden.
Dazumal unternahmen sie auch häufig lange Reisen an der Westküste,
hinauf und hinab, wie es die heidnischen Ostgrönländer noch heute
an der Ostküste thun. Um dem Leser einen Begriff von der Ausdehnung
dieser Reisen zu geben, will ich erwähnen, daß Eskimofamilien aus
~Angmagsalik~ an der Ostküste (65½° nördl. Br.) mit Kind und Kegel
nach den westlich vom Kap ~Farvel~ liegenden Marktplätzen und
zurück fahren, also eine Strecke von 110 Meilen. Schnell reisen sie
freilich nicht; das eine der beiden Frauenboote, die wir 1888 bei Kap
~Bille~ an der Ostküste trafen und die südwärts wollten, kam erst
zwei Jahre darauf, im Jahre 1890, in ~Pamiagdluk~ westlich vom
Kap Farvel an, obgleich die Entfernung nur 40 Meilen beträgt und wir
sie meiner Ansicht nach mit unseren Booten in acht bis vierzehn Tagen
hätten zurücklegen können. Doch sobald die Grönländer an einen Platz
kommen, an dem sich viele Seehunde aufhalten, legen sie bei, schlagen
ein Lager auf, gehen auf den Seehundsfang und lassen sich's wohl sein.
Naht der Herbst oder der Winter, so suchen sie sich eine passende
Stelle zum Bau eines Winterhauses und setzen die Reise im Frühling oder
im Sommer, wenn das Eis ihnen das Weiterziehen gestattet, fort. Das
oben erwähnte Frauenboot hatte auf diese Weise drei Jahre auf der Reise
von Umivik nach Pamiagdluk zugebracht und wird wohl kaum weniger
Zeit zur Heimreise gebraucht haben. Das andere Frauenboot, das von Kap
Bille nach Süden ging, kam bis ~Nanusek~, wo überwintert wurde;
dort aber starb der Familienvater, die Hinterbliebenen kehrten um und
traten die lange Heimreise nach Angmagsalik an. Und zwar unverrichteter
Sache, da sie ihr Ziel, den nicht mehr als 15 Meilen entfernten
Handelsplatz, nicht erreichten.
[Illustration: Schlechtes Wetter.]
Das Reisen längs der Westküste ließ sich natürlich viel schneller und
leichter ausführen, weil dort das Treibeis nicht hindernd in den Weg
trat.
Durch diese Reisen entgingen sie der Gefahr, an den einzelnen Plätzen
gar zu abgeschieden zu leben. Sie trafen Leute und verkehrten mit
anderen Menschen, den ganzen Sommer über herrschte Leben und Verkehr
an den grönländischen Küsten, was auf manche Art vorteilhaft war. Das
Gemüt belebte sich neu, die Fanginteressen wurden angespornt, und die
Fanggeschicklichkeit entwickelte sich, abgesehen davon, daß der häufige
Wechsel des Jagdgebietes auch bedeutend mehr Wild einbrachte.
Das Sommerleben in den verhältnismäßig reinlichen, luftigen Zelten ist,
abgesehen von dem Vergnügen, das es, wie man sich leicht denken kann,
gewährt, viel gesunder als der Aufenthalt in den dumpfen, stinkenden
Erdhütten. Kein Wunder also, daß die schönsten Träume des Grönländers
mit dem Frauenboot und dem Zelt verknüpft waren.
Leider sind wir Europäer hier wieder die Ursache einer bedauernswerten
Veränderung. Hans Egede klagte freilich sehr darüber, wie schwer es
sei, den Grönländern ihr ständiges Umherziehen abzugewöhnen und sie
dahin zu bringen, sich an einem Orte dauernd anzubauen, damit er
ihnen in Ruhe das Christentum predigen könne. Er schlug sogar vor, man
solle sie durch Zucht und Disziplin anhalten, ein seßhafteres Leben
zu führen. Wenn dieser fromme Mann, der nur an das für Gottes Reich
Notwendige dachte, jetzt lebte, könnte er wohl zufrieden sein: die
christlichen Grönländer unserer Zeit begeben sich kaum mehr auf die
Reise. Bei der großen Armut, die wir über sie gebracht haben, werden
der Seehundsfänger, die imstande sind, sich hinreichend Felle zu Zelt
und Frauenboot -- und beide Teile sind zum Reisen ja notwendig -- zu
verschaffen, immer weniger. Dafür aber sehen sich jetzt ihrer immer
mehr gezwungen, das ganze Jahr hindurch in den ungesunden Winterhäusern
zu wohnen, in denen ihre Gesundheit leidet und die ein ganz
vorzüglicher Nährboden für Bakterien und alle möglichen ansteckenden
Krankheiten sind. Dazu kommt noch, daß die Männer ihr Fangrevier nicht
wechseln können, sondern jahraus jahrein dieselben Stellen aufsuchen
müssen. Hierdurch verringert sich die Ausbeute natürlich sehr, die Kost
wird entsprechend schlechter, und der unentbehrlichen Seehundsfelle
giebt es immer weniger. Ist erst das ganze grönländische Volk auf
dieses Niveau, diesen festsitzenden Zustand, der Egede wohl als Ideal
vorschwebte, herabgedrückt, dann wird es ihm wahrhaftig schwer werden,
sich wieder zu erheben, und es wird kaum noch zu retten sein. Und der
Niedergang hierin ist in den letzten Jahren geradezu besorgniserregend
gewesen.
[Illustration]
[Illustration]