Die punktierte Linie stellt den Bezug vor.]

Der Kajak pflegt zwischen Boden und Deck 12-15 +cm+ hoch zu sein,

vor dem Kajakringe ist er einige Centimeter höher, um das Einsteigen

zu erleichtern und den Schenkeln des Sitzenden Raum zu geben. Der

Kajakboden ist ziemlich flach und bildet zwei sehr stumpfe Winkel (von

ungefähr 140°) nach der Mitte zu. Nach vorne und hinten verschmälert

er sich proportionsmäßig und läuft an beiden Enden in eine Spitze

aus. Einen Kiel hat er nicht, dafür aber auf der Unterseite an

beiden Enden gewöhnlich einen Beschlag von Knochenschienen, meistens

aus Walfischrippen, der dazu dient, den Kajakbezug beim Landen vor

Beschädigung durch scharfe Eisstücke und spitze Steine zu schützen.

Beide Kajakspitzen sind gewöhnlich teils zum Schutz, teils zur

Verzierung mit einem Beinknopf versehen.

Oben auf dem Verdeck sind meist sechs Querriemen vor und drei bis fünf

hinter dem Kajakring angebracht. In diese Riemen werden alle zum Fange

nötigen Waffen und Geräte gesteckt, so daß sie sicher liegen und zur

Hand sind. In diese Riemen sind Knochenstücke eingedrückt, teils um sie

zu befestigen, teils auch, um sie etwas über das Verdeck zu erhöhen,

damit sich die Waffen schneller hineinstecken lassen, und schließlich

wohl auch, um den Kajak zu zieren. An einigen dieser Riemen wird die

erlegte Beute befestigt. Besteht sie aus Federwild, so werden die Vögel

mit dem Kopf unter den Riemen gesteckt. Ist es aber ein Seehund, Wal

oder Wels, so wird die an dem Tiere befestigte Bugsierleine durch einen

Riemen gezogen. Kleinere Fische werden überhaupt nicht festgemacht,

sondern bleiben entweder lose auf dem Verdeck liegen oder werden in den

hinteren Raum gestaut.

Ein Kajak ist so leicht, daß er mit allem Zubehör ohne Mühe oft mehrere

Meilen über Land auf dem Kopfe getragen werden kann.

Zum Rudern bedient man sich eines zweiblattigen Ruders, das in der

Mitte festgehalten und abwechselnd rechts und links eingetaucht wird,

wie die Ruder unserer spitzen Kähne. Dieses Ruder ist wahrscheinlich

aus dem einblattigen Kanoeruder der Indianer entstanden. Bei den

Eskimos an der Südwestküste von Alaska finden wir noch heute nur

letztere; erst nördlich von Yukonriver stößt man auf zweiblattige

Ruder, aber auch dort sind die einblattigen noch überwiegend. Noch

nördlicher und weiter östlich, längs der amerikanischen Küste, kommen

beide Arten vor, bis schließlich östlich von Mackenzie das zweiblattige

Ruder die Herrschaft behält.

[Illustration: Ruder.]

Die Aleuten scheinen merkwürdigerweise nur das zweiblattige Ruder zu

kennen[11], und soviel ich weiß, ist dies auch bei den asiatischen

Eskimos der Fall[12].

Bei schönem Wetter zieht der Kajakmann den sogenannten Halbpelz

(~Akuilisak~) an. Ein Kleidungsstück aus wasserdichtem, enthaartem

Fell, mit Sehnen zusammengenäht. In den unteren Rand ist eine

Zugschnur oder richtiger ein Zugriemen eingenäht, der so angezogen

werden kann, daß der Pelzrand gerade um den Kajakring paßt. Einige

Mühe kostet es, ihn über diesen Ring zu streifen. Aber dann ist

er auch so festzuschnüren, daß der Halbpelz den Kajak wasserdicht

verschließt. Der obere Rand reicht dem Ruderer bis unter die Arme und

hält sich hier durch Achselbänder oder Riemen, die über den Schultern

liegen und nach Belieben durch einen einfachen Verschlußmechanismus,

eine Knochenschnalle, verlängert oder verkürzt werden können. Die

Knochenschnalle ist bei aller Einfachheit so sinnreich, daß wir einen

so guten Verschluß mit all unseren Metallspangen und -Schnallen nicht

herstellen könnten.

[Illustration: Halbpelz.]

Ueber die Arme werden lose Fellärmel gezogen, die am Oberarm und am

Handgelenk festgebunden werden und den Arm beim Rudern trocken halten.

Wasserdichte, lederne Fausthandschuhe mit besonderen Daumen bedecken

die Hände.

Der Halbpelz genügt, um das Innere des Kajaks vor kleineren Wellen zu

schützen. Bei hohem Seegang aber muß man den Wasserpelz (~Tuilik~)

anziehen, der beinahe ebenso wie der Halbpelz zugeschnitten ist und

ebenfalls um den Kajakring schließt. Nur nach oben zu ist er länger

und mit Aermeln und einer Kapuze versehen. Er wird rund um das Gesicht

herum und an den Handgelenken zugeschnürt, und mit ihm kann der

Kajakruderer den größten Sturzseeen trotzen. Ja, er kann sogar kentern

und sich wieder aufrichten, ohne naß zu werden und ohne einen Tropfen

Wasser in den Kajak zu bekommen.

[Illustration: Wasserpelz.]

Man kann sich denken, daß es nicht leicht ist, in einem Fahrzeug, wie

dem Kajak, zu sitzen, ohne zu kentern, und daß dies mit einiger Uebung

erlernt sein will. Einer meiner Freunde wollte den Kajak, den ich aus

Grönland mitgebracht hatte, probieren und kenterte dabei viermal binnen

zwei Minuten; kaum hatten wir ihn wieder aufgerichtet, so sahen wir ihn

schon wieder Kopf stehn, den Boden des Kajaks nach oben.

Doch hat man erst die nötige Uebung, so kann man sich auch mit Hilfe

des zweiblattigen Ruders bei jedem Wetter wunderbar schnell durch das

Wasser bewegen, und der Kajak ist ohne Vergleich auf der ganzen Welt

das beste einsitzige Boot.

Man muß freilich seine Lehrzeit früh antreten, wenn man ein tüchtiger

Kajakruderer werden will. Die grönländischen Knaben üben sich vom

sechsten Jahre an im Boot ihres Vaters, und wenn sie zehn bis zwölf

Jahre alt sind, giebt der tüchtige grönländische Fänger jedem Sohn

einen eigenen Kajak. So war es wenigstens früher. Ja, Lars Dalager sagt

über diesen Punkt: »Wenn sie acht bis zehn Jahre alt sind, müssen sie

schon an solide Geschäfte gehen und in ihrem kleinen Kajak draußen auf

See arbeiten.«

Von dieser Zeit an geht der junge Grönländer beständig auf den Fang

aus. Anfangs beschäftigt er sich nur mit Fischerei, erst später erlernt

er den schwierigen Seehundsfang.

Sehr wichtig ist für den Kajakruderer die Fähigkeit, sich nach dem

Kentern selbst wieder aufzurichten. Dies geschieht, indem man mit

einer Hand das eine Ende des Ruders umspannt, mit der andern aber das

Ruder möglichst in der Mitte packt und es längs der einen Seite des

Kajaks nach oben hebt, wobei das freie Ende nach der Vorderseite des

Kajaks zeigen muß. Darauf führt man das Ruder hastig seitwärts[13] nach

außen, so nahe wie möglich an der Oberfläche des Wassers, und beugt den

Oberkörper tief auf das Verdeck herab. Ist man noch nicht ganz oben, so

ist noch ein Wricken mit dem Ruder nötig.

Ein tüchtiger Kajakmann kann das Ruder zum Aufrichten völlig

entbehren. Er hilft sich ebenso gut mit dem Wurfholz, ja sogar mit

einem Arme. Der Gipfel der Geschicklichkeit besteht darin, daß man

dabei nicht einmal die Hand flach hält, sondern sie ruhig ballt. Ich

sah die Eskimos oft zum Beweise, daß sie dies wirklich könnten, vor dem

Kentern einen Stein in die Hand nehmen und damit wieder emporkommen.

Ein Eskimo erzählte mir von der außerordentlichen Geschicklichkeit

eines gewissen Fängers in dieser Hinsicht. Er könne sich nach rechts

aufrichten -- nach links -- mit Ruder -- ohne Ruder -- mit Wurfholz

-- ohne Wurfholz -- mit ausgestreckter Hand -- mit geballter Faust,

ja, das einzige, womit er sich nicht aufrichten könne, sei -- die

Zunge. Und dabei streckte mein guter Eskimo seine eigene Zunge heraus

und schnitt abscheuliche Grimassen, um mir zu veranschaulichen,

welche ungeheure Anstrengung es kosten würde, sich mittelst eines so

unbequemen Werkzeuges in die Höhe zu arbeiten.

Früher mußte jeder einigermaßen tüchtige Kajakruderer auf der Westküste

sich in jeder Lage »aufrichten« können und konnte es auch. Seit aber

die europäische Zivilisation und damit der Verfall hier ihren Einzug

hielten, geht es auch in diesen Dingen den Krebsgang. Immerhin findet

man es noch an vielen Stellen, und ich kann aus eigener Anschauung

behaupten, daß in Kangek bei Godthaab die meisten Seehundsfänger es

konnten. Auf der Ostküste scheint, nach Kapitän Holms Aussage, diese

Geschicklichkeit noch allgemein zu sein, aber jedenfalls nicht so, wie

früher auf der Westküste. Das ist sehr wohl begreiflich, da es an der

Westküste wenig Eis und viel hohen Seegang giebt, während im Osten das

umgekehrte Verhältnis herrscht.

Ein Kajakmann, der sich in jeder Lage aufrichten lernte, kann jedem

Wetter trotzen. Kentert sein Kajak, so ist er gleich wieder oben.

Er spielt mit den Wellen und durchstreift sie wie ein Seevogel. Bei

schwerem Seegang legt er die Seite des Kajaks bei und das Ruder flach

aufs Deck, beugt sich vornüber und läßt sie über sich hinrollen.

Oder er wirft sich ihnen auch wohl seitwärts entgegen und richtet

sich wieder auf, wenn sie über ihn hingerollt sind. Das schwerste

Seemanöver, von dem ich hörte, sollen einige Fänger bei tobender See

ausführen, indem sie beim Stehen der Sturzwellen freiwillig kentern und

sich erst wieder aufrichten, wenn die Wellen über den Boden des Kajaks

hingegangen sind. Eine kühnere Art von Seetüchtigkeit ist schwerlich

denkbar.

Kann man sich nicht selber aufrichten, so ist, falls keine Hülfe in der

Nähe ist, mit dem Augenblicke des Kenterns alle Hoffnung auf Rettung

aus. Und man kentert so leicht. Eine Sturzsee genügt, und auch das

Festhaken der Leine beim Harpunieren eines Seehundes kann dazu führen.

Es geschieht aber auch ebenso oft bei stillem Wetter oder durch eine

einzige unvorsichtige Bewegung.

Heutzutage finden alljährlich viele Eskimos ihren Tod auf diese Weise.

Als Beispiel sei angeführt, daß im Jahre 1888 im dänischen Südgrönland

von 162 Todesfällen (worunter 90 Personen männlichen Geschlechtes)

24 oder etwa 15% (also mehr als ein Viertel der männlichen) durch

Ertrinken beim Kajakkentern verursacht wurden.

Im Jahre 1889 kamen auf 272 Todesfälle (worunter 152 Personen

männlichen Geschlechtes) wieder 24 oder ungefähr 9% Ertrunkene. Dies

bezieht sich auf eine Bevölkerung von 5614, von denen 2591 Männer sind.

[Illustration]

[Illustration]

Eskimoleben · 第 9 / 21 题