Und dann -- -- --

Da war ein breiter Graben. Aber über den waren sie jetzt hinweg.

Sie vergaßen Markburg mit allem, was daran hing, die Gesellschaft, die

um sie war, sein Amt, sogar ihr Kind. Sie durchlebten in diesen zarten

Frühlingswochen etwas, was sie noch nie erlebt hatten, so groß war es.

Ein sonderbarer Ballast war dabei, aber er machte es noch größer.

Christiane Dorreyter war aus Ludwigs Leben verschwunden. Sie war ihm

das Fremde geworden, das unsichere Feuer, die Versuchung. Hier war die

Ehrlichkeit, die innerste Verknüpfung, die reinste, beste Verbindung

-- hier war das Weib und nicht die Verirrung. Hier brannte das schönste

Feuer, und drüben war nur ein trüber Hauch -- hier war die Ehe und dort

die Sünde.

Hardi war schuld an dieser Verirrung, aber sie sühnte jetzt, gab ihm

alles, und er verstand sie und sich.

In jeder freien Zeit war er in Wiesental. Er hatte sich ein Pferd

angeschafft; fast an jedem Tag konnte man ihn hinüberreiten sehen.

Hardi dachte nicht mehr an ihren Verein, auch nicht an die Mutter, nicht

an den Basar, den die Damen veranstalteten. Einmal war eine von ihnen

dagewesen, hatte aber nichts ausgerichtet und die gute Cöldt recht

sonderbar gefunden.

Wenn Hardi auch nicht zur Leidenschaft fand, nie ein brausendes Wasser

wurde, weil die Dinge in ihrer Seele kein Gefäll bekamen, so gab sie sich

doch in Ludwig hinein und hatte keinen anderen Gedanken mehr. Es war kein

Zu-ihm-finden, keine späte Liebe, aber eine späte Ehe.

Etwas trug sie -- sie verstand es nicht ganz -- etwas schob sie, das hatte

Macht aus jener Wintermorgenstunde, als sie den Schnee über ihr warmes

Leben herfallen spürte, Schnee um Schnee. Sie fühlte sich getrieben und

dachte nicht zurück, höchstens wie an fremde Länder.

Sie freute sich über sein Glück. Denn er war jung geworden und lachte

viel.

* * * * *

Der Frühling flammte. Sein Schild war noch glühender, sein Ruf noch

lauter geworden.

Christiane sah ihren einsamen Garten in Blüte kommen. Sie hatte nicht

gedacht, daß der Garten der unglücklichen Sophie Reutter auch blühen

konnte. Als sie ihn im Vorjahre fand, hatte ihr nur dunkles Laubwerk

entgegengeduftet, steife, ernste Bäume. Jetzt zeigte es sich, daß

Kleineres versteckt gewesen war, das sich nun bunt heraustat und alle Feuer

spielen ließ: Goldregen und Dornsträucher, Quitten und weißer Flieder.

Und gleich neben dem Tempel standen zwei riesige Kastanienbäume, die

blühten über und über rot.

Der Garten war kein Klostergarten mehr. Bis in die Nacht hinein duftete

er, ja, die ganze Nacht hindurch. Durch die offenen Fenster kamen seine

Duftwellen, und von weiter her kamen andere, von den Wiesen, auf denen

die freie Blüte stand, vom Walde, in dem die wilden Kirschbäume wie

Frühlingsfackeln brannten.

Und der Himmel war stahlblau, und die Abende goldschwer veratmend, sich

immer mehr dehnend, kein Ende nehmend. Immer noch Abend, immer noch ein

Glühen, immer noch ein Rot hinter dem Walde!

Die Kinder brachten Christiane Sträuße aus ihrer Eltern Gärten. Sie

gaben auch der Haberkorn welche, aber nicht mehr, als die Höflichkeit es

erforderte, auch der Seifert und der Jong, sogar dem Mehlmännchen, aber am

meisten bekam sie der Doktor Bartelmes. Mit Blumen beladen ging er mittags

weg, er zeigte sie recht -- auch Christiane sah es. Die meisten waren von

Betty von Kramer, von der schönen Ersten mit dem ägyptisch geschnittenen

Gesicht.

Wenn er einmal gar zu viel hatte, so schenkte er den Damen davon, einmal

hatte er der Mehlmann einen großen Busch roter Tulpen verehrt (sie fragte

nachher wieder die anderen, ob man nichts dabei ›gefunden‹ hätte?) und

der Haberkorn einen Strauß Vergißmeinnicht, den die verdutzt anguckte,

wobei wieder das merkwürdige, unbestimmbare Männerlächeln um seinen Mund

zuckte.

Einmal kam er mit einem Busch weißer Narzissen auf Christiane zu, in

seinen Augen flirrte etwas -- sie fuhr hochmütig zurück: wollte er die

ihr etwa schenken?

Nein, er zeigte sie ihr nur und sagte: »Sehen Sie, die Mädel bringen

mir doch wenigstens nichts Geschmackloses mehr. Sie wissen, alles, was mir

nicht gefällt, lasse ich unbarmherzig liegen, und dem will sich doch keine

aussetzen! Die sind übrigens von Betty. Die sind schön.«

Ein leiser, aufreizender Hohn schien in seinen Worten mitzuklingen.

Gleich darauf wurde seine Miene wieder schmeichelnder, weicher, und

er fragte halblaut: »Kann ich Ihren Garten jetzt wieder einmal sehen,

Fräulein Doktor?«

Jäh sah sie ihm in die Augen.

Er erwiderte den Blick. Die Narzissen in seinen Händen sanken etwas.

Kühl gab sie ihm die Erlaubnis und ging davon. Oben in ihrem Zimmer trat

sie nicht ans Fenster -- sie wollte nicht sehen, wie er zwischen

ihren Bäumen herumschlich bis zum Griechentempel, über dem die rote

Kastanienblüte stand. Er kannte zu viel von ihr und würde noch mehr

erraten, wenn er jetzt durch ihren Garten ging.

Nun hörte sie seinen Schritt.

Sie stand von ihrem Platze auf, warf einen trüben Blick auf die ›eiserne

Wehr‹ und schritt leise zum Fenster -- -- sie mußte ihn doch noch --

sehen -- -- --

Und plötzlich dachte sie wieder: er ist mir ja ganz fremd. Ich kenne

ihn nicht. Nein, alles, was er tut und will, kenne ich nicht, weil es aus

anderem Gesichtspunkt und von einem ganz anderen, mir dunklen Leben her

geschieht -- -- --

Und doch fühlte sie die unheimliche, treibende Macht in sich.

Zu Cöldts kam sie jetzt nicht mehr. Sie wußte von der Mutter, daß Hardi

in Wiesental war und Ludwig oft hinüberritt. Oft hörte sie sein Pferd am

Hause vorbeitraben, hörte den Hufschlag und dachte dumpf: hier hält er

nicht mehr an.

Nein.

Jeder suchte das Seine.

Auch jetzt war sie nachmittags oft nicht mehr allein im Reutterschloß.

Doktor Bartelmes hatte sich die Erlaubnis erbeten, auf dem Harmonium in der

Aula zu üben. Nun hörte sie das oft. Es war nicht laut. Es drang nur wie

Summen durch die dicken Wände, drang zu ihr, und sie horchte danach, und

ihr Herz strebte davon los und kam nicht frei, sondern verwirrte sich noch

mehr daran. In einer fremden Sprache kann man dem viel sagen, der sie nicht

versteht: er hängt daran und rätselt daran, und ein wenig Rausch ist

dabei. --

An anderen Tagen war er wieder mit seinen Mädchen auf Wanderungen

unterwegs. Immer waren die Schönsten um ihn herum, besonders Betty von

Kramer.

Es waren schon Mütter zu Christiane gekommen und hatten gesagt, der Herr

sei wohl zu modern für Markburg. Die Mädel hätten ja keinen Sinn mehr

für etwas anderes, außer ihrem Doktor, eitler könnten sie nicht mehr

werden, als sie geworden seien, und Neid und Eifersucht wären an der

Tagesordnung.

Christiane merkte: ich kann es nicht mehr so lassen. Ich darf es nicht. Ich

lade Schuld auf mich.

Schattenhaft stieg das Bild der Schwester des Doktor Bartelmes vor ihr auf.

Da kam er zu ihr wegen des Johannisfestes.

»Johannisfest?« sprach sie tonlos.

»Ja,« meinte er unbefangen, »ich glaubte es Ihnen schon gesagt zu haben,

daß wir feiern wollen --«

»Nein.«

»Es soll wieder ein Fest nach echter Reutterschulart werden.«

»Nach Reutterschulart?« fragte sie.

»Ja. So sagt man doch jetzt in der Stadt.«

So sagte man in der Stadt?

»Also nach Ihrer Art?« sprach sie langsam.

»Ein Waldfest,« entgegnete er, ohne auf ihre Frage einzugehen, »ein

Feuer draußen am Hünengrab im Obrawald. Ein Reigen. Ein paar Lieder und

Tänze.«

»Und die anderen Kollegen?« fragte sie.

Er zuckte die Achseln. »Ich weiß darüber nicht Bescheid.« Ein scharfes

Licht war in den dunklen Augen.

Sie wußte: die anderen waren allmählich von ihm abgerückt. Sie billigten

seine Art nicht mehr. Ihre Begeisterung war abgekühlt. Jeder stöhnte,

wenn er in der Klasse des Doktor Bartelmes zu unterrichten hatte. Sogar die

Haberkorn.

Christiane sah vor sich hin.

»Ich möchte es nicht gern, Herr Doktor,« sagte sie.

Er sah sie groß an.

»_Sie_ möchten es nicht?« wiederholte er.

Er sagte gar nichts weiter.

Sie war gezwungen zu sprechen.

»Der Platz ist sehr entlegen. Sind Sie sich der Verantwortung bewußt,

Herr Doktor? Glauben Sie, daß es leicht sein wird, die vom Feuer, vom Tanz

und Gesang aufgeregte Schar wieder durch den dunklen Wald heimwärts zu

bringen?«

Er lachte. »Wenn es weiter nichts ist, Fräulein Doktor! _Ich_ bringe sie

schon heim. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf.«

»Die Eltern der Kinder sehen in diesen Wanderungen und Festen eine gewisse

-- Übertreibung,« sagte sie.

Er verzog den Mund.

»Markburg,« sagte er trocken. »Aber Sie gnädiges Fräulein -- Sie -- --

sind doch nicht so kleinbürgerlich!« Er lachte.

Das Feuer hinter dem Berge: Roman · 第 38 / 50 题