Ludwig sah sein Kind an, das eben vor ihm stand. Es trug auch das helle
Tanzkleid und den Kranz im Haar. Und doch wirkte es nicht elfenhaft wie die
anderen, sondern eher wie ein Waldschrat.
Hardi war schon müde. Das grade Dasitzen konnte sie nicht gut aushalten.
Und nun war es doch wohl endlich aus.
Sie befragte Frau Landesrat Colb deswegen. Die Damen rückten zusammen und
flüsterten wieder vom Verein. Sie wollten einen Frühlingsbasar halten.
»Das könnte aber erst sein, wenn ich zurückkomme,« sagte Hardi, »ich
wäre doch gern dabei. Und dann bin ich auch frisch.«
»Ach ja, gnädige Frau gehen ja nach Bad Wiesental -- so bald schon -- wie
hübsch.«
»Der Arzt hat es geraten. Im vorigen Jahr war ich um diese Zeit auch da.
Es war nett. Nur ein paar Familien und die schöne Gegend --«
»Ihr Herr Gemahl geht auch mit?«
»Er bringt mich nur hin. Nein, er hat ja keinen Urlaub. Und das Kind muß
doch auch in die Schule. Das Fräulein ist ja so zuverlässig --«
»Wie reizend,« sagte Frau Colb. »Da besuche ich Sie einmal, und wir
können dann wegen des Basars überlegen. Zu spät dürfte es nicht werden,
denn --«
»Dann ist es nicht mehr Frühling.« Hardi lachte sonderbar. »Ja, sicher,
sicher --«
Sie spähte nach Christiane aus. Neben der stand noch immer der große
dunkle Mensch.
Wie hatten die Herren vor ihnen vorhin gesagt?
»Der hat jetzt die Macht im Reutterschloß. _Sie_ hat -- umgesattelt.«
Ludwig hatte es doch auch gehört.
Sie faßte ihn am Arm.
»Komm, wir gehen.«
Sie gingen Arm in Arm aus dem Saale.
Keiner sprach.
* * * * *
Nun kam schon Bad Wiesental hinter den Bäumen herauf. Kein großes Bad,
aber sehr lieblich. Es gab Eisenquellen dort. Hardi war voriges Jahr sehr
frisch wiedergekommen.
Bäume, Büsche, Gärten, Wiesenflächen -- wie schön war alles. Ganz hell
alle Bäume und Sträucher, mit Blättchen fast nur erst wie befiedert --
aber viel Blüten. Lauter Blüten, weiße und rosige und da und dort auch
gelbgoldene, strähnig hängend. Ein wahrhaftiges Märchen.
Hardi dachte daran.
Sie hatte nicht viel Süßes im Leben gehabt. Aber sie hatte es auch nicht
gebraucht. Sie war ihrer Mutter Tochter.
Es hatte wohl noch mancher ihren Weg gekreuzt, besonders dort oben in der
Ostmark. Wenn sie unverheiratet gewesen wäre, noch die arme Dorreyter --
dann hätte sich keiner dieser Herren um sie gekümmert. Aber so neigten
sie sich ihr verhohlen spähend zu. Sie spürten ein Unglück an ihr und
suchten sie auf ihre Art zu trösten. Noch jetzt blitzte dann und wann auf
ihrem Wege ein solcher Glühfunken auf.
Sie kümmerte sich nicht darum.
Sie hätte zu Hause bleiben und ein altes Fräulein werden müssen; sie
hätte nichts vermißt.
Aber sie war's nicht geworden.
Jetzt hatten sie das Dorf erreicht. Die Häuser waren sanft an den Berg
gelehnt, der sie schützte. Gärten kränzten sich um sie. Einige schlichen
den Berg hinauf, so weit sie konnten. Ganz oben auf dem Gipfel waren
Kirschenplantagen, die standen wie weißes Gewölk.
Weiber liefen vorbei, schon barfüßig, schmunzelten hinauf und sprachen
von guter Ernte.
Wie konnte man an Ernte denken, an dicke, rote Kirschen, wenn das zarte
Gewölk da oben stand?
Mit einem leisen Gelächter sagte Hardi es ihrem Mann.
Der horchte verwundert hin, denn dergleichen war er an ihr nicht gewohnt.
Auch hatte sie während der Fahrt kein Wort geredet.
Er dachte sich nichts bei dem Frühlingstag. Er erfüllte nur seine
Pflicht, wenn er seine leidende Frau hierher brachte, wo sie gut aufgehoben
war und sich fern von ihm vorzüglich erholte.
Zu Hause lag ein Stoß Akten, an dem wollte er morgen, über Sonntag,
arbeiten.
Hardi hielt sich fast ungewohnt straff, und nun kamen sie an das Häuschen,
in dem das Quartier wieder bestellt und bereitet war.
Hardi lief in die Zimmer und guckte sich um: vor den vorderen Fenstern
standen weißblühende Dornbüsche, förmlich dick und trotzig taten sie
im Übermut. Sie wollten blühen. Und vor der Hinterstube blühte, schräg
ansteigend, der Berg.
Sie faßte den Mann am Arm.
»Sieh, Ludwig, wie schön --!«
»Du kannst es ja recht genießen,« sagte er.
Sie hatte die rote Gardine etwas zurückgeschoben und sah hinaus.
Plötzlich wandte sie sich um und blickte in sein fahles Gesicht.
Und auf einmal kam es wieder über sie: Ich hätte ja längst gehen
müssen.
Das war meine Sünde, daß ich nicht gegangen bin.
Was war ich denn bei ihm? Nicht einmal sein Haus habe ich ihm geführt.
Nicht einmal sein Kind habe ich ihm erzogen. Mit Spielereien habe ich mich
satt gemacht, mit fremder Not ein wenig getändelt, und sein Werk habe ich
ihm genommen.
Sünde war alles.
Ich habe es gespürt. Lange, lange schon.
Die Eisdecke unter mir hat schon immer gezittert.
Aber was nun -- was nun --?
Das andere Glück kann ich ihm nicht schaffen. Wenn ich sein Haus verließe
und mich frei machte, würde ich noch mehr von seiner Laufbahn gefährden,
als ich schon gefährdet habe, noch mehr wegreißen und nichts dafür
geben. Denn das Feuer, nach dem er noch immer geschaut hat und das ich ihm
gleichmütig und spöttisch ließ, ist ja längst für ihn erloschen.
Ich kann ihm nichts geben, wenn ich -- gehe.
Es umwirbelte sie. Wie durch einen Schleier sah sie die weißen Bäume auf
dem Berg. Wie eine feierliche Prozession stiegen sie höher und höher.
Weiß, alles weiß.
Die rote Gardine wehte.
Ludwig schritt noch einmal prüfend durch die beiden Zimmer. Er rief die
Wirtin und sprach mit ihr, um sicher zu gehen, daß für Hardi alles gut
besorgt werden würde.
Dann kam er zurück, gab ihr die Hand und warf dabei einen Blick auf die
alte Bauernuhr an der Wand.
»Ich muß zum Zug, Hardi. Hier scheint alles in Ordnung. Solltest du etwas
vermissen, so telephoniere sofort, hörst du? Aber voriges Jahr hat es dir
doch so gut gefallen.«
»Ja, es hat mir gut gefallen,« erwiderte sie, ohne den Blick aufzuheben.
»Ludwig,« sagte sie.
Er stutzte flüchtig.