Er verzog den Mund und sagte: »Wir wollen zu den Mühlen.«

Sie trabten schneller, der Staub war wie lange Fahnen hinter ihnen. Mitten

im Geklapper hörten sie Lerchenlaut. Sie trabten. In Christiane war der

Rhythmus der Leonorenballade, ihr Blut sauste. Sie sah nichts mehr. Sie

jagten.

Am Abend war ein Gast da.

Cöldts lebten sehr zurückgezogen, da Hardi sich gegen jeden Verkehr

gesträubt und die gutmütig und neugierig teilnahmsvollen Kollegenfrauen

beinahe brüskiert hatte. Sie hatte die Bilder ihrer Heimat um sich und

unterhielt sich mit ihnen und schrieb heimwehkranke Briefe an die Mutter.

»Kraneis ist ein guter Kenner der slawischen Literatur,« sagte Ludwig.

Der Doktor war sein Studienfreund und als Assistent an der damals noch

herzlich unfertigen Bibliothek tätig. Seine Stellung war auch unfertig.

Er erwog immer die Aussichten, die sich ihm in dem sich nun langsam

kultivierenden Posen eröffnen konnten, und schrieb zwischendurch

Bewerbungsschreiben an alle Orte, in denen man einen Bibliotheksleiter

suchte. So war sein Sinn auf jeden Fall zerspalten, und wenn er einmal

fanatisch begeistert über die Kultivierung des Ostlandes sprach und nicht

genug Opfer an deutschem Blut und deutscher Kraft erwarten konnte, wenn

er sich in slawische Verhältnisse nachfühlend hineingrub, die östliche

Seele ergründete, Polnisch lernte und Mikiewicz zitierte, so war er ein

paar Tage später ganz und gar westlich gesinnt und redete mit Ausdauer und

einem wahrhaft deutsch biederen Beamtentum von Elberfeld oder Mainz.

Christiane begann dieser Mensch zu interessieren und zu amüsieren. Sie

getraute sich aber Ludwig gegenüber nicht viel darüber zu sagen, weil sie

nicht wußte, wie weit dieses Freundschaftsverhältnis in die Tiefe ging.

Eines Tages suchte sie Bücher aus Ludwigs Bibliothek zusammen,

weil Kraneis kommen sollte, und brachte neben Mereschkowski einen --

Reiseführer durch Mainz, der ihr zufällig in die Hand geraten war. Ludwig

sah ihn betroffen an -- dann begriff er. Sie leise anblickend, sagte er mit

einem feinen Lächeln:

»Weißt du auch, Christiane, warum dieser Kraneis jetzt so unheimlich

westdeutsch wird? An Mainz knüpfen sich jetzt seine größten

Hoffnungen.«

Sie schaute ihn an. »Er will sich dort eine feste Zukunft gründen, denke

ich.«

»Und zwar recht fest. Bürgerlich fest. Haus und Herd.«

Jetzt stutzte sie. Dann hatte auch sie begriffen.

Als Kraneis dann erschien, bekam er den Führer durch Mainz nicht zu sehen.

Er sprach aber nur von dieser Stadt. Ein dortiger Freund hatte ihm unter

der Hand Nachricht gegeben, daß seine Sache sehr günstig stünde.

Christiane fragte nach diesem Freunde, und seine Miene wurde etwas

verlegen.

»Er ist in der Stadtverwaltung. Freilich nichts Besonderes. Hat sich

so durchdrücken müssen.« Er zögerte eine Sekunde. »Wir waren

Nachbarskinder in Neustadt.«

Christiane sah den jungen Mann an. Handwerkerssohn, dachte sie. Nicht, daß

sie ihn deshalb verachtet hätte, aber irgend etwas an ihm störte sie.

Vielleicht die Hände, die Bewegungen überhaupt. Oder die Sprache.

Wahrscheinlich die Sprache.

In Mainz hatte auch die Frau von Rhane einige Zeit gelebt, nach ihrem Glanz

als Witwe. Ihr Mann war bei einem Schlaganfall vom Pferd gestürzt und

gestorben. Die Witwe hatte Bittbrief auf Bittbrief um eine Gnadenpension

geschrieben. Dann war sie gestorben. Ohne Gnadenpension.

Irgend ein Gedanke zog in Christiane empor und hatte Farbe und Macht

aus der kurz verstrichenen Vergangenheit. Sie sah auf einmal wieder das

stickige Lehrerinnenzimmer in der Pension, hörte das Herantraben der

Beierlein und das nächtliche Schluchzen der Holsteinerin.

Warum nicht in Mainz leben, als Frau Stadtbibliothekar? Reiten kann man

doch nicht immer.

Sie war an dem Abend zerstreut. Hardi war ausnahmsweise dabei und wollte,

von diesen Dingen gänzlich unberührt, etwas über Mereschkowski wissen.

Die Übersetzung der Verse war von einem Kollegen Kraneis', einem Balten

besorgt worden.

Kraneis schien auch nicht bei der Sache. Was ging ihn dieser hoffnungslose

Russe an, was die fremde Flut, die mit dumpfem Brausen draußen dicht vor

den Toren stand und weithin über Steppen und Steppen reichte? Er war weit

weg, im goldenen Mainz.

Hardi zitterte. Das Fleckchen, auf dem ihr bißchen Leben verstört

hockte, erbebte. Sie begann plötzlich laut zu schluchzen. Kraneis

hielt erschrocken inne. Ludwig eilte zu ihr hin. Sie stieß ihn zurück.

Aufweinend lief sie aus dem Zimmer.

Christiane ging ihr nach. Hardi wollte ihr Morphium haben. Die Schwester

griff schon danach, aber auf einmal sank ihre Hand nieder, wie gedrückt.

Wie sollte das werden? Was für Kraft bekam Ludwigs Kind? Was für Willen,

was für Blut? Mit Giften wurde sein Organismus getränkt, noch ehe er ganz

entwickelt war.

»Du sollst nicht,« sagte sie mit eiserner Energie. »Du darfst nicht. Ich

gebe dir's nicht. Ich gebe dir's nicht.«

Sie setzte sich zu Hardi aufs Bett und hielt den Arm unter ihren Kopf,

leise redete sie ihr zu. Die junge Frau weinte.

»Ich gebe dir's nicht.«

Hardi schrie, sie bettelte.

»Nein, nein,« sagte Christiane. Sie machte sich frei. »Du sollst Kraft

haben! Du mußt!«

Scharf sah sie auf die Schwester hernieder. Hätte sie ihr nur von ihrem

Willen abgeben können, von ihrem starken, entschlossenen Blut!

»Du mußt Kraft haben aus dir allein. Du darfst dich nicht einlullen.

Durchhalten sollst du.«

Hardi wimmerte.

»Gib. Gib.«

Sie schluchzte.

Da kam Ludwig.

Christiane sagte ihm kurz Bescheid.

Er sah zu seiner Frau hin. Ohne Christiane anzublicken gab er ihr das

Morphium. Dann ging er zur Tür hinaus.

* * * * *

Am nächsten Tage sprach Christiane mit dem Arzt.

Der sah sie ernst an.

»Die gnädige Frau ist sehr krank.«

»Krank --«

»Sehr krank,« sagte er mit dem scharfen ›R‹ der altansässigen

Deutschen. »Sie fühlt vollkommen das Richtige. Ihr Organismus ist für

die Ehe nicht geschaffen, wenigstens war sie viel zu jung. Es wird einen

bösen Kampf geben.«

»Weiß mein Schwager -- --«

Der Arzt zuckte die Achseln.

Wie geschlagen blieb Christiane zurück. Die ganze schöne Einrichtung

der Wohnung, die Ludwig bezahlt hatte, schien ihr wie die Dekoration eines

Totenhauses. Die kleine Hardi hatte ihre Examenscheu und das bißchen

Frauenglanz mit dem Schwersten zu bezahlen. Ihr inneres und äußeres

Wehren war der wahrhaftige und unbewußte Ausdruck der ahnenden Kreatur.

Sie ging zur Schwester und begriff nicht. Alles in ihr lehnte sich dagegen

auf, in einem bißchen Wärme so dahinzuschwinden. Sie dachte wiederum an

die Frau von Rhane.

Es blieb ihr wohl übrig, Ludwig vorzubereiten. An dem Tage hatte sie grade

versprochen, ihn vom Amt abzuholen.

Das Regierungsgebäude lag mitten in der Altstadt an einem schmutzigen

Markt und dicht bei einer riesigen dunklen Kirche. Weiber mit groben

Tüchern um den Kopf kamen langsam und geduckt daher, Glocken läuteten.

Sie sah durch ein Portal in das flimmernde Dunkel hinein: dort hinten war

der Stern, an den sich das dumpf elende Volk hier hielt. Sie sann: konnte

das auch über einen kommen? Kam nach aller Jugend oder -- mitten in der

Jugend -- eine Stunde, in der man Hilfe brauchte -- solche Hilfe?

Da fiel ihr Hardi ein. Die hatte -- Morphium.

»Wollen wir noch tiefer in die Polackei?« fragte Ludwig, der ihr eben

durch die enge Gasse entgegenkam, »oder ins -- Freie?«

»Lieber ins Freie,« sprach sie hastig.

Sie waren auch dort in der Polackei. Rings um die Stadt zogen sich, dicht

an die Wälle gedrückt, zahllose polnische Kirchhöfe. Wild war

das Gesträuch drinnen gewachsen, wild lagen die Gräber, von den

Leichensteinen sahen fremde Worte und Zeichen. Alte Weiblein zogen herum

und schienen den Tod zu suchen, Kinder schlichen diebisch um die Blumen, da

und dort kam eine ganze Familie an, um ein Grab zu begießen. Der Faulbaum

duftete über den Zaun.

Es war keine Gegend, um von dem zu reden, was Christiane zu sagen hatte.

Aber -- wo war eine andere? Ihr kam es plötzlich vor, als müsse ganz

Posen Ludwig wie ein Grab erscheinen, in dem alles Seine versunken war.

Dabei fiel ihr auf, daß er selten mehr eine direkte Frage nach Hardi tat.

Man merkte ihm kaum mehr die Besorgnis des Ehemanns an, der seine Frau

in solcher Lage weiß. Kaum, daß er auf eine Erkundigung einging. War er

schon -- fertig? Was war alles vorgegangen?

Herrgott, dachte Christiane, wie gut könnte das sein. Warum muß gerade

hier die Tragödie beginnen?

Er sprach über die augenblickliche politische Lage. Des alten Herrn

Stellung war zweifellos erschüttert, selbst wenn dem frechen Blatt der

Mund gestopft wurde. Die Zeitung mußte es büßen und die Exzellenz auch.

Und dann -- kam der neue Kurs.

»Du bist hier glücklich?« fragte sie, die eben noch gegrübelt hatte.

»So lange ich Arbeit habe, ja.«

Wie sie dir paßt, dachte sie. Mit einem Schablonenwerk bist du nicht

zufrieden. Man läßt dir hier anscheinend Raum und wird dir vielleicht

noch mehr lassen. Sie war schon längst überzeugt, daß er zu den Junkern

gehörte, die noch Führer sein konnten, nicht nur Namensträger und

Konnexionennützer. Er stammte aus einer altpreußischen Familie, sein

Vater war als Intendanturrat in Danzig gestorben. Sie dachte: das hier

wird ihm eine gute Lehrzeit sein. Seine Waffen können sich nicht

besser schärfen, als hier im Kriege -- selbst wenn der neue Kurs doch

schließlich wieder im Sande verlaufen sollte. Selbst wenn er eine Weile

Zickzack mitmachen muß, wird doch sein Gewicht einmal so stark geworden

sein, daß er an irgend einer Stelle den Zickzack -- biegt.

Sie erhoffte Großes von ihm.

Beide waren sie von jenem weltfremden alten Blut, das das moderne

Protzentum, den Wettbewerb, die brutale Menschenausnützung, den

Kapitalismus verachtete. Ihm war es noch undenkbar, anders als vom Staate

Geld anzunehmen, jemand anderem als dem Staate überhaupt zu dienen. Er

gehörte zu jenem stillen, armen Junkertum, das heute wie ein schmaler,

alter, verrosteter Degen im Winkel liegt.

Auf einmal fiel ihr Hardi wieder ein, Hardi, seine Frau, die vielleicht

sterben mußte.

Sie stockte mitten im Satz.

»Was ist dir?« fragte er.

Drüben hinter dem blühenden Dorn, der schwer niederhing, stand ein

einsamer Mann an einem frischen Grab.

Sie zuckte.

Er folgte ihrem Blick.

»Wie häßlich ist das hier,« sagte sie nervös.

Wie kann ich in ihn eindringen, dachte sie plötzlich. Er muß selber

fühlen, was vorgehen wird. Ich kann ja doch gar nicht an ihre Ehe

heranreichen.

Sie kam sich in ihrer Absicht unzart vor.

Er wandte die Augen langsam vom Kirchhof weg und nahm das frühere Thema

wieder auf.

Warum konnte ich nichts sagen? fragte sich Christiane, als sie abends in

ihrer Stube saß. Ein Gedichtband aus Ludwigs Bibliothek war hingelegt.

Beim Blättern schlug ein Gedicht von Agnes Miegel auf. Es hieß »Heinrich

von Plauen. Lochstedt 1429«. Anfang und Schluß blieben ihr besonders im

Gedächtnis.

Grau und schlaff

Dehnt sich das Haff.

An der Straße von Bischoffshausen

Müssen noch Linden in Blüte stehn,

Ich spüre den Duft in wanderndem Wehn

Und höre heimlich ein Bienenbrausen,

Das leise Rauschen der brandenden See.

Nie rastendes Weh,

Immerwogendes Leid, dessen salzige Fluten

Bis zur Seele mir stiegen,

Nun lege auch du

Wie das Meer da draußen,

Dich endlich zur Ruh.

Mit diesem Sommer wirst du verbluten,

Herz, das nie gelernt zu entsagen.

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Ich will hinab nach dem Hofe sehn.

Daß ich so frei darf gehn

Ist mir noch immer wie ein Traum.

Früher merkte ich's kaum,

Wenn ich Stunden und Stunden im Sattel gesessen.

Ich glaube, ich habe das Reiten vergessen.

Meine Glieder sind steif, die Stiege ist steil.

Es dauert eine gute Weil,

Eh' die Hand den Riegel zurückgeschoben. -- -- --

Heiß und schwül war es droben.

Hier unten ist's kühl und abendstill.

Aus den Ställen kommt der Kühe Gebrüll.

Wie Gold ist die Luft,

Purpurn im Abendduft

Über dem flutenden Tief

Ragt die Feste.

Die immer leise rief,

Die See, schläft ein,

Der Abend allein ist das Beste.

Sie schauerte und träumte. Ihre Augen spähten in die Nacht über

den Wällen. Ihre Sinne suchten die Zukunft zu durchdringen und fanden

plötzlich nichts mehr, keine Hoffnung, keine Aussicht, nichts mehr, nichts

-- -- Der Abend allein, dachte sie -- -- --

Am nächsten Tage kamen Bücher für sie vom Doktor Kraneis. Nichts

Slawisches. Alle diese Bücher waren rein germanisch und kümmerten sich

nicht um östliche Konflikte. Kein Sturm schlug hinein, nur hier und da

eine zarte Welle Lyrik.

Er hat einen ganz guten Geschmack, überlegte Christiane und bedachte

dabei, daß seine Seele durch das ihr entgegenfahrende Glück wohl weicher

und konfliktloser gestimmt sei, als sonst. Man merkte, er verlangte nach

dem deutschen Herd und deutschen Süßigkeiten. Alle diese Bücher waren

eine Liebeserklärung.

Sie sprach zu keinem davon, wurde etwas stiller und ging jetzt mehr für

sich. Die Briefe der Mutter beantwortete sie in flach beruhigendem Tone,

denn der Arzt wollte sie jetzt durchaus nicht hier haben. Damals hatte sie

Hardi durch ihre Art noch aufgeregter gemacht.

Christiane traf Kraneis manchmal auf dem Wilhelmsplatz, in dessen Nähe die

Bibliothek lag, sie gingen wohl ein paar Straßen lang miteinander, und

sie spähte ihn verhohlen in Schärfe aus, fand nichts, das sie von ihm

wegschob, aber auch nichts, das sie zu ihm trieb. Ob Ludwig -- weiß?

dachte sie immer. Ob man ihm gesagt hat --?

Hardi wurde immer reizbarer, hinfälliger, hoffnungsloser, und immer mehr

nahm sie Morphium. Sie wußte jetzt aber von Kraneis' Absichten, und

ihr Blick schlug manchmal wie eine Flamme über die Schwester hin, voll

Geringschätzung und voll von verzweifelter Warnung.

Eines Tages fragte Kraneis, ob Christiane ihn nach dem Dom hinaus begleiten

wolle. Sie ging mit ihm. Es war in der Zeit der Fronleichnamsprozessionen.

Das holprige Pflaster der Straßen war mit geschnittenem Gras überstreut,

die schmutzigen Hauswände mit Teppichen und Kränzen verhängt, an jeder

Ecke war ein Altar. Am heiligen Nepomuk auf dem Markt flimmerten Kerzen,

vom Rathausturm herab bliesen Musikanten, Volk an Volk war in den Gassen,

bunt, voll Putz.

Vorsichtig drängten sich die beiden hindurch. Da waren die Bamberkas*)

mit den weit starrenden, steifen, kniekurzen Röcken, die sommersprossigen

kleinen Polinnen mit den Korallenkettchen um den Hals und den weiten

schwarzen Jacken, die stieräugigen, halbbetrunkenen Bauern und Knechte aus

der Umgegend. Dazwischen viele Kinder und so manche mit verbundenen

Augen oder blauen Brillen, mit geschwollenen, tränenden Lidern. Überall

Augenkranke.

*) Polonisierte Bambergerinnen.

Doktor Kraneis erzählte von einem Städtchen in der Umgegend, das er vor

wenigen Tagen besucht hatte. Den Hut hatten sie ihm vom Kopf geschlagen,

als die Prozession um die Marktecke kam. Und den ›Himmel‹, unter

dem der polnische Propst mit dem Allerheiligsten schritt, trugen der

Bürgermeister, der Kämmerer, ein Gutsbesitzer und ein junger Doktor. Der

war ein Deutscher.

»Nein! Nein,« stieß Kraneis hervor. Und dann sprach er mit heiserer,

feierlicher Stimme von dem goldenen Mainz.

Er hatte es.

Sie gingen rasch über die schmale, schmutzige Brücke, unter der das

lehmgelbe Warthewasser trieb. Heute zog kein Flößer, kein Schiffer. Der

Strom war leer. Aber weiter oben, wo die Ufer dämmerten, würden sie zum

Sonnenwendstag eine nächtliche Johannisfeier veranstalten, Schiffe und

Kähne würden sich zusammenrudeln, die rotweißen Fähnchen würden

wehen, die Buntfeuer lohen und das ›=Jeszcze Polska=‹ über die Wasser

klingen.

Ein paar junge Kleriker wanderten ihnen auf der Brücke entgegen, keinen

Blick auf sie verwendend. Jetzt wurden die Straßen ganz eng, grabentief

die Rinnsteine, hüttengleich die Häuser. Das Glockengeläut des Domes

schwoll ihnen entgegen, die zwei kurzen Türme stachen in die Luft,

ein paar Bäume grünten. An der Seite lag hinter hoher Mauer das

erzbischöfliche Palais, in dem damals noch der kluge Stablewski hauste.

Nach ein paar engen Gassen und düsteren Plätzen kam auf einmal freieres

Land, ein grüner Wall, ein Tor, Wachsoldaten. Endlich Felder, Gärten,

Land.

Christiane blieb stehen. Das war kein deutsches Land. Nicht mit der

kühnsten Phantasie konnte man sich vorstellen, daß das deutsches Land

sei: diese endlosen Felder. Hinter ihnen stand die finstere Silhouette des

Domes, ein ferner Goldschein schwamm am Himmel: fremdes Abendrot. Fremdes

Land -- fremdes Abendrot. Vor ihnen, aus dem stahlblauen Osten wälzte

es sich ihnen mit lautloser, zäher Wucht entgegen -- die Fremde, die

unendliche Ebene, die Steppe.

Man tat gut, wenn man floh.

Sie sagte es Kraneis, und er begann wieder bebend von Mainz.

Den Rhein würde sie nun also sehen. An seinem Ufer, über seine Brücken

würde sie mit diesem Manne gehen, Arm in Arm und mit dem Bewußtsein und

der Erinnerung enger Gemeinschaft. Sie blickte ihn an. Er sah doch nicht

schlecht aus. Die Figur war gut. Sein Dialekt ließ sich abgewöhnen, oder

vielleicht sprachen sie dort alle so.

Sie war dabei ›ja‹ zu sagen. Nicht feierlich, auf ein bestimmtes Wort,

sondern im Nachgeben, im Eingehen, indem sie zuließ, daß er sie immer

fester damit verflocht. Mainz -- da konnte sie das Grab der Frau von Rhane

suchen, vielleicht gab es auch noch das Haus, in dem sie gewohnt hatte.

Der neugebackene Bibliothekar streckte die Hand aus.

»Sehen Sie doch, wieviel Zwetschen dort angesetzt haben,« rief er selig,

in einen der erbärmlichen Bauerngärten deutend, »so viele --!«

Seine ganze Herkunft klang aus diesem Wort. Man sah auf einmal das

pfälzische Kleinbürgerhaus, aus dem er hervorgegangen war. Man fühlte

das Milieu, dem er entstiegen war -- es klebte ihm ja an! Wie er an den

Zäunen entlangging, mit der Schulterhaltung seiner Ahnen, die Lasten

getragen hatten, und immer noch nach den Zwetschen spähte, erkannte sie

jäh, wieviel an ihm lose saß, wieviel er im Augenblick nur übergetan

hatte, um ihr zu gefallen, wieviel Brücken er zu ihr hinüber gebaut hatte

-- die er dann sämtlich abreißen würde, wenn sie drüben bei ihm war --

in Mainz.

Sie erkannte auf einmal, daß er in allem, was er vielleicht noch

erreichte, in seinem ganzen Leben doch Kleinbürger bleiben würde, und

wußte auf einmal eisern und unumstößlich: nein, nein, nein.

Es waren nicht Hardis zitternde Warnungen -- -- die nicht. Nicht die Ehe

scheute sie, sondern die Ehe mit ihm. Sie würden sich nie verstehen.

Er betrachtete in glücklicher Jugenderinnerung noch immer die Pflaumen und

sah wahrscheinlich im Geiste selber welche in seinem Gärtchen am Rhein, in

dem er abends in der Laube womöglich in Hemdsärmeln saß.

Sie wußte immer sicherer: sie konnte, konnte nicht, und hörte mit kaltem,

arglistigem Herzen auf seine Worte.

Endlich schien er ihr verändertes Wesen zu erkennen und zu begreifen,

daß er sich etwas verdorben habe. Er fand es aber nicht, sondern suchte im

Gegenteil das ganze Bauerndörfchen nach dem Glück im Winkel ab und wurde

dabei immer ratloser, bis ihn schließlich der Trotz überkam. Er war doch

jetzt der Stadtbibliothekar von Mainz, ein wichtiger Herr, um den man sich

reißen würde -- was machte ihm die arme Lehrerin aus, die sich sperrte.

Wenn's ihr eben nicht paßte, na, dann nicht, dachte er zweifellos.

Sie las hellsichtig in ihm.

Bald nahmen sie kalten Abschied.

Als Christiane in die Wallstraße kam, traf sie Ludwig schon im Eßzimmer

ihrer wartend. Hardi schlief bereits.

Er sah sie in jäher, eigentümlicher Prüfung an.

»Der Abend allein ist das Beste,« sagte er dann langsam.

Sie zuckte zusammen.

Irgend eine Welle schlug von ihm zu ihr, sie spürte sie in jedem Nerv, im

Innersten erschüttert. Auf einmal sah sie die verflossene Stunde klarer

-- -- Kraneis -- o, Gott!

Ihr Herz schlug.

Sie saßen unter der verschleierten Lampe schweigend bei Tische, und

Christianens Blick huschte immer wieder verstohlen zu Ludwigs festen

Zügen. Ihre Gedanken wirrten hin und her, höhnten über Kraneis und

zitterten zu Ludwig und hingen sich an ihn und wurden zart, weich,

vergötternd. Verächtlich glitten sie zu Hardi hin, und alles Mitleid

wandte sich zu -- ihm.

Sie trennten sich bald.

Christiane fiel es nachher ein, daß sie Ludwig heute wohl am ehesten

hätte vorbereiten können. Aber sie konnte nicht mehr.

Mochte alles -- Schicksal seinen -- Gang gehen.

Sie saß noch lange verstört in ihrem Zimmer, dann ging sie zu Hardi

schlafen. Weit rückte sie von der Schwester ab, weit, ganz weit.

Sie hätte in dieser Nacht nicht denken mögen. Aber sie dachte viel.

* * * * *

Ganz unverhofft kam dann Hardis Stunde. Mitten im Juli, als alle Linden

blühten. Christiane war bei ihr und schickte zu Ludwig aufs Amt.

Die Wohnung war voll Aufruhr, und dazwischen klang das trostlose Wimmern

der Schwester, die keinen wilden Widerstand mehr aufbringen konnte. Sie war

in der ganzen Zeit schon hundertfach im voraus gestorben. Nur in den Augen

stand das ohnmächtige, haßvolle Widerstreben.

Der Mutter wurde telegraphiert.

Ludwig kam und kam nicht. War er beim Präsidenten? Hatte er irgend eine

Konferenz? Sie wartete. Sie schaute aus dem Fenster. Auf jeden Wagen hörte

sie. Immer noch kam er nicht.

Die Zeit verstrich. Die Lage wurde immer unheimlicher, und der Abend kam.

Das fremde Rot brannte über der Ebene hinter den Wällen.

Da endlich ein Schritt auf der Treppe -- Ludwig. »Ich konnte nicht eher,«

murmelte er mit abgewandten Augen auf dem Flur. »Die Exzellenz -- --«

Seine Miene war bedeckt. Jetzt schien er sich auf einmal zu besinnen -- er

hörte auch. Seine Stirne wurde weiß.

»Hardi,« sagte er, wie in sich suchend, verstört.

Er blickte zu Boden.

In der Sekunde erkannte Christiane, daß er von Hardis verzweifelter Lage

schon lange wußte.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Das Kind war tot, aber die junge Frau wurde gerettet.

Ludwig kam zu Christiane, die fiebernd, auf jeden Laut horchend, in ihrem

Zimmer saß. Der Sommermorgen dämmerte, der weite, unendliche Sommermorgen

des slawischen Landes. Lerchen sangen drüben. Fern drehten sich die

Flügel der Mühlen. Weite, gelbe Felder leuchteten.

Ludwig sagte es.

Sie schauten sich an.

Und jetzt, da die Wellen verebbten, die das Haus erfüllt hatten, jetzt, da

die Fluten der Unruhe, der ungeheuren Verwirrung und verstörten Erwartung

aus ihren Herzen strömten -- jetzt sahen sie erst, was sündig hoffend,

sündig begehrend, heimlich darunter gelebt hatte.

Beide sahen es in dieser Morgenstunde.

* * * * *

Zwei Tage später reiste Christiane ab.

Die Mutter war gekommen und wollte einstweilen bleiben. Mutter und Tochter

waren sich genug.

Ludwig brachte Christiane zur Bahn. Es war der Berliner Frühzug, der

von Alexandrowo kommt, russischen Staub an den Rädern trägt und

voll unruhigen Slawentums steckt. Juden, Polen, Russen, fast alles

Geschäftsleute. Dazwischen ein paar Uniformen, Offiziere aus den großen

östlichen Garnisonen, und einige Agrarier. Da und dort eine versprengte

Familie mit Kindern, hilflos und stumpf in ein neues Leben hineinfahrend.

Das Abteil, in das Christiane stieg, war wie alle anderen schon sehr

gefüllt. Ludwig stand draußen. Sie konnten sich ansehen. Dann und wann

rannte jemand dazwischen, der verschmutzte Schaffner, ein Kellner, der

Zeitungsmensch, Reisende, die noch aufgeregt nach leeren Abteilen spähten.

Dann schauten sie sich wieder an.

Immer unruhiger wurden die Menschen, immer schneller liefen sie. Vom

Anfang des Zuges her kam ein sonderbares Geräusch immer näher. Schlag auf

Schlag. Immer näher. Jetzt kam der Schaffner heran. Schlag auf Schlag.

Nun wurde ihre Türe gefaßt.

An dem Mann vorbei streckten sich ihre Hände einander entgegen. Fest

preßten sie sich, eisenfest. Stark sah Auge in Auge, alles bekennend,

rückhaltslos.

Der Schaffner war weitergegangen. Jetzt kam der Ruf, der Pfiff.

Ludwig faßte die Tür und drückte sie mit leiser Hand zu.

Dann verschwand der Bahnhof.

Christiane sah in die weiten Felder hinaus, in die ungeheure gelbe Ebene,

und ein wildes Verlangen faßte sie: hierbleiben, an seiner Seite um dieses

fremde Land, diese riesigen Weiten ringen, kämpfen; kämpfen -- mit ihm!

Sie hätte jeden Zoll des rasend wegfliegenden Bodens festhalten mögen --

diesen fremden, starken, feindlichen, geliebten Boden!

Bleiben, bleiben wollte sie! Über diese Ebene mit ihm sausen, Pferd an

Pferd, an diesen roten Abenden bei ihm sitzen, bleiben, bleiben wollte

sie -- -- --!

Dann sank sie zusammen. Über ihr im Netz zitterte ihr Lehrerinnenkoffer.

Dicht an sie heran drängte sich kleinbürgerliches, verschwitztes Volk

-- ach, zu dem gehörte sie ja! Vorbei der Junkertraum, fort die schmalen

Zügel, die sie in der Faust gehalten hatte, fort das urheimlich traute

Beisammensein!

Gelbe Felder, grüne Felder. Dann und wann eine kleine Station. Dann wieder

die unendliche Weite, die der Zug noch immer nicht durchmessen hatte und

die doch schon eine andere war. Weite an Weite, immer verschwindend und

sich von neuem aufschließend, Land an Land, Osten, noch immer Osten.

Die Frauen im Abteil hatten es sich bequem gemacht. Die junge Polin in der

Ecke hatte den Hut abgenommen, den Kragen geöffnet und nestelte eben am

Korsett. Die verängstigte Mutter mit den vier kleinen schwarzen Russen

holte Kissen und Decken aus dem Netz und breitete sie über die Polster.

Die Kinder kauerten, schliefen, tranken Milch, rannten, trieben es wie zu

Hause. Eine furchtbare Luft war in dem engen Raum.

Christiane bog sich vor: daß sie es nur nicht vergaß -- jetzt mußte

sie umsteigen. Ludwig hatte es ihr auf der Fahrt zum Bahnhof

auseinandergesetzt; die Verbindung war nicht gut. Sie fuhr nach Dresden.

Ein Ruck, ein sirrendes Verschwirren der Luft -- Christiane stieg aus, und

wie Fächeln streifte sie der reine Felderatem. Sie kam in einen anderen

Zug, und nun war es allmählich nicht mehr Osten. Sie fuhren durch

einen Zipfel märkischen Landes mit kleinen Fabrikstädten, kamen durchs

Wendische und dann nach Dobrilugk. Wieder mußte sie umsteigen, und der

neue Zug verschwand mit schnurrenden Rädern in der Ferne. Christiane aber

fuhr in einem anderen, in dem es nur noch die deutsche Sprache und ein

begrenztes Provinzlertum gab, nach Dresden hinein.

Sie war ruhiger geworden. Wie ein dumpfer Schleier lag es über ihr. Der

Osten verwischte sich, wurde zum Märchen, zu einem fremden Lied. Ihre

Existenz wurde ihr haarscharf deutlich.

Christiane mußte sich nun so bald als möglich eine neue Stelle suchen. Da

ihre Papiere von der Schweizer Pension her mit einer mißbilligenden Note

behaftet waren, würde es nicht ganz leicht sein.

Sie fuhr nach dem Lehrerinnenheim, einem alten Bau in enger Stadtgasse.

Erst wurde sie vom Portier, dann von der Oberin gemustert. Sie stand vor

ihr und sah dabei traumhaft fern eine weiße Landstraße und darüber hin

zwei sausende Pferde, hörte etwas von großer Überfüllung und wurde dann

in ein winziges Erdgeschoßzimmerchen geführt, es war billig, wie alles

dort. Aber wenigstens war sie allein darin. Ein hartes, uraltes Bett, ein

Liegestuhl, ein kleiner Tisch, ein Schrank. An der Wand die Hausordnung. Es

roch nach Fremde.

Dann ertönte eine Glocke. Sie fing unten im Erdgeschoß zu leben an und

stieg gleichsam die Treppen empor, jeden Winkel mit Klingen ausfüllend.

Auf einmal war nichts mehr als Glockenläuten im ganzen Haus, Türengehen

und Schreiten. Christiane ging nach oben. Auf den Gängen waren Türen und

an jeder ein Name. Hinter jeder wohnte der zitternde Rest eines Lebens.

Manchmal stach ein besonders schön gestickter Klingelzug hervor oder ein

zärtlich bemaltes Täschchen für die Besuchstafel.

Da waren die emeritierten Lehrerinnen. Etwas Eiliges war an ihnen, eine

große Spannung beherrschte sie. Flure und Treppen waren jetzt voll

gebeugter Frauen. Es gab gute Gesichter darunter, liebe Frauengesichter,

die fein zu Großmüttern gepaßt hätten, und scharfe, spitze, denen man

ein glückloses Altjungferntum ansah, gleichgültige Gesichter, die man

schon tausendmal gesehen hatte, und einige voll Rasse und geprägtem

Adelszug.

Der leise Strom glitt an Christiane vorbei wie das Leben selber. Nicht das

Leben, das im Tragischen oder Lichten vollkommen ausgleicht und Farbe

auf Farbe gewissenhaft setzt wie ein guter, braver Maler, sondern wie der

große Künstler, der im Überreichtum seines Schaffens seine Werke nicht

alle beenden kann, der oft nur Fragmente schafft, Proben, Übergänge und

dabei allerlei wegwirft, das eines Besseren wert gewesen wäre.

Sie waren alle den Bächlein gleich, die durch das Land rinnen, still,

schmal, da einen grünen Streif finden, dort eine Weile unter hängenden

Blüten treiben, aber spurlos im Größeren aufgehen ohne ein Mühlrad

gejagt oder ein Schifflein getragen zu haben.

Mit Spannung schauten sie auf ihren Platz und grüßten einander, die

Köpfe mit den schwarzen Spitzenhäubchen höflich neigend und nach der

Oberin schauend, vor der die Suppenschüssel stand. Die eine oder die

andere hatte aus Gesundheitsrücksichten ein Gläschen Wein neben ihrem

Gedeck, ein Tellerchen war daraufgelegt, damit der Duft nicht verflog.

Erst sprach die Oberin das Gebet, dann gingen die Teller ringsum, die

Köpfe neigten sich darüber, das Essen begann, nur da und dort von mildem

Gespräch unterbrochen.

Christiane horchte und verstand nicht viel. Da war eine von einer

früheren, längst verheirateten Schülerin besucht worden, dort hatte

eine einen Brief bekommen, dort huschte auch wohl ein kleiner Streit mit

geduckten Flügeln.

An Christianens Tisch ging es lebhafter zu. Sie saß auf der Jugendseite,

unter den Lehrerinnen, die sich gleich ihr nur vorübergehend im Heim

aufhielten, meist Ferienvolk. Viele Sprachen wirbelten über den Tisch. Die

Ungarin schwatzte von der Operette, die beiden Norwegerinnen redeten vom

grünen Gewölbe, die Engländerin fragte ihre Nachbarin mit zähen Blicken

nach allen Sehenswürdigkeiten aus. Eintrittskarten gingen von Hand zu

Hand, Pläne wurden gemacht, da hatte eine einen Kniff heraus, wie eine

Sache billiger zu bekommen war, und rief's triumphierend über den Tisch.

Eine unendliche Vergnügungsgier beherrschte die meisten. Das ganze Jahr

hatten sie für ihre Ferien gespart!

Christiane bemerkte dann noch andere darunter, die stiller waren und mehr

vor sich hinguckten, das waren solche, die keine Stelle hatten. Schöne,

stolze, frische Gesichter darunter, noch mit allen Jugendillusionen, mit

romantischen Erwartungen und heißer Fernsehnsucht, mürbe, schwache,

ausgemergelte Erscheinungen und solche mit großer Vortrefflichkeit im

ganzen Wesen, glattgescheitelten Haaren und dem Klemmer -- die richtigen

Lehrerinnen.

Christiane machte sich mit keiner bekannt.

Nach Tisch ging sie durch die Stadt. Die Straßen glühten, und doch waren

sie nicht schläfrig; man sah viel Fremde. Christiane entdeckte manches

Schöne, manche Rasseerscheinung, aber auch viel Talmi, viel lächerliches

Provinzlertum in Warenhäusern aufgeputzt, und die braven Dresdner selber,

diesen Typen nicht ungleich. Sie sah die Talmikultur in den Läden und an

den Bauten und begriff nicht, wie man die schöne Linie so mißhandeln,

zerbrechen, vergewaltigen konnte. Wieder schweiften ihre Gedanken nach

dem Osten zurück: dort war noch ein Boden, auf dem zu schaffen war, eine

königliche Fläche, die tragen und leuchten konnte.

Sie kam an die Elbufer. Die fernen Hügel schwammen in blauem Duft. Der

Strom strich sommerlich schwach, die Wagen und Bahnen polterten über die

weißen Brücken.

Christiane stieg in einen Dampfer und fuhr nach Pillnitz.

Das Boot war voll. Auch hier Fremde, einige rassig, elegant, voll

hochmütig überlegener Kultur, still sich zurückhaltend, daneben die

Familienrudel mit den unruhigen Kindern. Da und dort ein Künstlerkopf,

ein Künstlerschauen, aber überragend die Masse, der ewig plappernde

Durchschnitt. Der Dampfer fuhr unter den weißen Brücken mit den gelben

und roten Bahnen hindurch, und nun sah man die Villenvororte, die weißen

Häuschen an den Bergen, die Schlösser der großen Herren und der

Künstler, die Protzenbauten der Reichgewordenen und die Massenrestaurants.

An den Badeanstalten flatterten die Wimpel.

Hügel um Hügel glitt vorbei. Der Strom bekam ein wenig Weite und

Einsamkeit. Dann leuchtete das grüne Dach des Schlosses zu Pillnitz.

Christiane ging an ihm vorüber durch den Park in den Wald. Der Weg wurde

einsam. Sie ging lange, bis sie an eine Mühle kam, die jetzt Wirtschaft

war. Dort rastete sie. Es war still, ganz still.

Als sie wieder aus dem Walde an den Strom kam, sah sie, daß der Himmel

sich umzogen hatte. Von den fernen Bergzügen merkte man nichts mehr, ein

grauer Dunst kroch bergauf. Auf dem Dampfer sammelten sich schon die Leute.

Das Wasser war grau.

Im Abenddämmer tauchte die Silhouette Dresdens wieder auf. In dem Fenster

einer Kunsthandlung in der Prager Straße gewahrte Christiane plötzlich

die ›eiserne Wehr‹ von Angelo Jank. Sie starrte das Bild an. Dann ging

sie in den Laden und kaufte es.

So kam sie wieder in ihr Heim, wo sie es zusammengerollt in ihren Koffer

legte. Draußen dröhnte schon wieder die Glocke, wieder zogen sie

draußen nach dem Eßsaal. Der Abendtisch war leerer, nur die Alten und die

Stellesuchenden waren da, die Ausflüglerinnen fehlten.

Christiane ging nachher wieder in ihr Zimmer. Sie holte die ›eiserne

Wehr‹ aus dem Koffer und besah das dunkle Bild von neuem. Draußen

trommelte der Regen, die schmale Gasse war überspült. Tapp, tapp, tapp

-- die Leute rannten. Es wurde finster. Das Bild verschwamm, das Zimmer

verschwamm.

Der Abend allein -- -- dachte Christiane.

Sie warf sich plötzlich auf ihr Bett nieder und schluchzte.

Nach einer Weile wurde sie ruhiger und hob den Kopf.

Sie war wohl nicht die einzige hier im Hause, die so weinte.

* * * * *

Nach ein paar Tagen hatte sie eine Stelle bei einem Forstmeister dahinten

in Sachsen. Christiane war es lieber, in die Familie zu kommen, statt in

eine Pension, und sie erhoffte bei diesen Leuten etwas Kultur und auch ein

wenig Leben für sich allein.

So fuhr sie nach Silberfähre.

Der Tag war verregnet. Das Bergland senkte sich nach Westen zu in so

eigentümlicher Weise, daß es ihr vorkam, als ob der schwarze Zug mit

seiner Menschenladung waghalsig am Rande der Erde dahinführe. Dünner und

feiner wurde der Regen, noch ein Wirbel, ein flatterndes Ausfliegen der

Tropfen, dann sank der Schleier, und darüber zog ein roter Himmel glühend

auf, nahe, ganz nahe, nur eine lose, blaue Wolkenwand schwamm von unten

herauf schwer vor ihm, wie die dampfende Sehnsucht der Menschen.

Neben Christiane schob sich eine Hand vor: »Entschuldigen Sie, das Fenster

zittert echal so -- darf ich mal --«

Und die Scheibe wurde gerückt.

»So,« klang die Stimme weiter, »fahren Sie auch bis Chemnitz?«

»Ich fahre noch weiter.«

»I gor, i gor -- --«

-- -- Das Feuer stand noch drüben. Wie hundert goldene Fackeln lohte

es vor dem armen Land. Wie ein rosenrotes sicheres Geheimnis stand es am

anderen Ufer, von den dunklen bebenden Wünschen der Menschen zitternd

umdünstet. Wie ein offenes Tor stand es da und hundert und hundert

Schritte waren nur noch bis zu ihm.

Der Zug aber sprang jetzt wie ein Tier, das die Peitsche fühlt. Ein

Klirren ging durch ihn, ein Ruck traf Rad um Rad -- und Rad um Rad wandte

sich gehorsam.

-- -- Das Feuer war nicht mehr da.

Nur ein schmaler verblichener Schein stand fern, wie von einer Tür, die

zugeschlagen wird.

Berg um Berg war da, blau umhüllt, von Nebeln umgangen, die sich ihre

Nachtplätze suchten, Tal um Tal war da, von Schatten gefüllt, von

Häusern, aus denen die Wünsche wie Rauch aufstiegen, Wünsche, die keinen

Weg mehr hatten.

Das Feuer hinter dem Berge: Roman · 第 9 / 50 题