»Warum?« fragte Christiane herzlich, sich über sie neigend, »leidest du
an Schlaflosigkeit? Oder was ist dir eigentlich?«
»Was mir ist!« Hardi lachte nervös auf. »Siehst du denn nicht, was mir
ist -- haha -- --«
»Wie sprichst du nur,« sagte Christiane, »wenn das dein Mann hört --!«
»Das sage ich ihm immer.« Hardi warf sich herum. »Das sage ich ihm. Und
noch mehr: er ist schuld.«
Christiane blickte auf sie nieder.
Ihr Herz schlug, leise rann es an sie heran.
»Er hat dich doch lieb,« sprach sie.
Hardi starrte sie gläsern an. »Ja--aa lieb,« sagte sie. Dann deutete
sie ringsum. »Hier bleibst du. Mein Mann schläft hinten. Wir bleiben
zusammen.«
»Warum hast du ihn denn genommen?« fragte Christiane.
»Weil mir bange war. Weil die Schmöckler mich herausgejagt hatte. Was
blieb mir sonst übrig? Stundenlang haben wir überlegt, die Mutter und
ich. Es war ja wegen der Mathematik. Das war ja der Haken bei mir. Damit
wäre ich nicht durchgekommen ...«
»Das hättest du immerhin noch versuchen können. Deshalb --« Christiane
sah sie an, »deshalb -- -- -- Du mußt ihn doch -- -- du mußt ihn doch
lieb gehabt haben!«
»Ja--aa. Lieb -- ja. Aber nicht so. Nicht so.« Hardi zog die Schultern
ein. »Wenn ich gewußt hätte! -- -- Das hab ich nicht gewußt. Das
hat mir niemand gesagt. Sonst wäre ich lieber -- --« sie sah mit irren
Blicken um sich.
Christianens Backen brannten.
Vor den Fenstern war weites, flaches Land. Unten auf dem Wall ging ein
Infanterieposten.
»Du wirst dich noch daran gewöhnen,« sagte sie leise, »es war der
Übergang. Wenn du erst weiter bist --«
»Davor graut mir ja,« rief Hardi. »Deshalb schlaf ich schon nicht mehr.
Ich bin ja so schwach. Die Mutter hat Angst, ich komm nicht durch. Jetzt
tut ihr's leid.«
»Die Mutter hat dich mit ihren schwarzen Gedanken angesteckt.«
Hardi schauderte. »Damals hatte ich Angst vor dem Examen. Ach --
tausendmal lieber würd ich jetzt ins Examen gehen, als das durchmachen,
was mir nun bevorsteht!«
»Du bist hysterisch,« sagte Christiane scharf.
»Ich bin wie die Mutter. Der ist es auch so gegangen. Sie hat keine Kinder
haben wollen. Sie hat nie Frau sein wollen. Ich auch nicht.«
»Das hättest du wirklich vorher bedenken müssen. Aber ich glaube, du
lachst noch einmal darüber.«
»Jetzt lache ich nicht,« sagte Hardi. »Jetzt bin ich krank.«
Ludwig kam herein. Er und Christiane sahen sich an. Sie fühlte, daß seine
Hoffnung bei ihr stand.
* * * * *
Es war noch das alte Posen mit dem dumpfen Gassengedräng, den mächtigen
Wällen und den polnischen Dörfern dicht vor den Toren.
Es war urfremdes Land.
Fremd war das kleine, dunkle Volk, die vielen Kirchen und Kleriker, die
langen Leichenzüge und der geniale Schmutz. Von der Warthe her kroch der
Typhus, von den Dörfern her die Granulose.
Was deutsch war, saß lose obenauf, ging und kam und hatte wenig Freude an
der gewagten Existenz.
Nach dem internationalen Gewäsch in der Schweiz war Christianens Blick
für einfachere Konflikte offen. Sie hatte Freude an der ungeheuren
Spannung, die zu ihr herüberwehte.
Ludwig von Cöldts Chef gehörte noch zur alten Schule, die mit den Polen
tafelte. Um ihn herum aber raunte es. Eine deutsche Zeitung, die bisher
in politisch gleichgültigem Fahrwasser geplätschert war, hatte sich auf
einmal rätselhaft einer anderen Richtung verschrieben und schoß Pfeil auf
Pfeil auf den ziemlich wehrlosen alten Herrn. Im polnischen Lager summte
Unruhe auf, der heimliche Konflikt wurde bloß. Der Deutsche wehrte sich
plötzlich gegen seine geduldete Existenz in diesem Lande, das von seinen
Kräften fraß und stark wurde. Der Pole verteidigte seinen uralten Boden.
Der Kampf war da.
Den Anfang dieser Zeit erlebte Christiane Dorreyter in Posen.
Der Frühling wußte nicht viel zu zünden. Auf den Feldern hob sich ein
riesiges, eintöniges Grün empor, die wilden, niedrigen Glacisbäume
blühten. Die Warthe trieb gelbe Flut aus Rußland.
Christiane begriff, daß es schwer und seltsam war, hier zu leben. Sie kam
nicht zum Klaren, ob Cöldts Versetzung eine zufällige war. Jedenfalls
war er mit dem Mut der alten Kolonisten hergekommen, und sein Junkerblut
drängte zum Kampf.
In Christiane war noch etwas von der freiheitlichen Abendstunde in den
Bergen. Sie spürte den Osten wie einen fremden, starken Trank, mit dem sie
fertig zu werden versuchte.
Sie schalt über Hardis Gleichgültigkeit. Ludwig gegenüber war sie erst
unfrei, ihre Gedanken fielen ihn oft hinterrücks niedrig an. Dann wurde
sie ruhiger und fast etwas beschämt.
Seine Art machte sich geltend.
Er besorgte ihr ein Pferd, und in freien Stunden ritt sie mit ihm bald
junkerhaft durch die warmen, dampfenden Glaciswälder oder in die Felder
hinaus, über denen die Windmühlen gingen.
Anfangs dachte Christiane noch an ihre bisherige Existenz, dann versank
das.
Sie war aus einem Traum ins Wahre gekommen oder knüpfte an etwas an, das
früher gewesen war.
In diesem flachen, unendlichen Lande war sie schon einmal gewesen, die
Zügel in der Faust.
Über diese Straßen war sie schon einmal herrinnenhaft geritten, den
Gesellen neben sich.
Es war ein Traum, der aus dem unendlichen Frühling dieser slawischen
Unendlichkeit stieg. Es war doch Frühling.
Ludwig suchte sich auch literarisch zu informieren und brachte eine Menge
polnischer Literatur an; Krasinski und sogar Kraszewski, vor allem aber
Mikiewicz und Sienkiewicz.
Christiane las immer in einer gewissen Distanz, mit scharfem, jungem
Denken und mit dem überlegenen Gefühl ihres reinen Germanentums, das dem
slawischen Bruder das Leben und die Kultur im Herzensgrunde absprach.
Hardi beteiligte sich an diesen Erörterungen immer nur zeitweilig. Wenn
sie wieder an ihren Zustand dachte, sanken ihr die Flügel, und sie saß
wie eine Verurteilte.
Ludwig erzählte auf einem der Ritte von seinem Vorfahren, der mit Heinrich
von Plauen gezogen war. Darauf begann Christiane von der Frau von Rhane
zu sprechen, und er wurde aufmerksam und bat um die Blätter. Hardi hatte
nichts davon erzählt.
Christiane wußte: sie war äußerlich keine Rhane, ihr fehlte die blonde,
reinblütige Schönheit, wie sie im Grunde auch Hardi fehlte. Nur ihre
Hände waren rhanisch. Ihre Hände waren die der Frau von Rhane.
Traumhaft ritt sie durch die maiheißen Straßen, die Mühlen gingen.
Ihr Körper bog sich nach dem Rhythmus des Tieres, die Rhaneschen Hände
regierten es.
Ihr Blut war das der Frau von Rhane.
Traumhaft sah sie in die maiblaue Ferne. Glühend, wie ein fallender Stern
schoß es ihr durch die Seele. Wohin? Wohin? Zu wem?
»Ein Schicksal,« sprach Ludwig neben ihr.
Sie fuhr herum und sah ihn an.
»Unsere Mutter sagt: ›Schmutz‹.«