Heraus aus deinem Schneckenhause, du deutscher Gallert, Volk genannt!
Heraus aus deinen ohnmächtigen Zweideutigkeiten, du lederhäutiger Eunuch!
Was wollt Ihr mit Moral, mit dem Stolz auf Eure gesunde, rotbäckige,
lächelnde Vernunft? Wie weit kommt Ihr mit Eurem Achselzucken, Eurer
Prüderie und Eurer sittlichen Trägheit, die sich gern auf die großen
Fragen der Weltgeschichte streckt und sich damit brüstet, die kleinste
Pfeife der großen Orgel zu sein? Eure Grundsätze sind morsch geworden,
da Ihr sie in den Boden der Geschichte nicht mit brennenden Spitzen
eingepfählt habt. Zitternd müßt Ihr fühlen, daß Ihr bei dem ewigen
Sichhingeben, gleichviel ob an die Ordnung der Dinge, wie sie ist, oder
wie sie verändert werden soll, recht klein, zusammengeschrumpft,
unbedeutend und nichts als eine Zahl zu andern Tausenden geworden seid!
Ihr erschreckt, daß es noch Menschen gibt, welche den innern Prozeß der
Seele durchmachen; die mit blutigem Schweiße daran arbeiten, in den
Geheimnissen des Geistes ein Gebäude aufzubauen, und sich lieber unter
seinen Trümmern begraben, als daß sie die Welt so hinnähmen, wie sie auf
der Straße, in der Schule, in der Kirche, in der Konversation Euch
geboten wird! Seit dem Tode des jungen Jerusalem und dem Morde Sands ist
in Deutschland nichts Ergreifenderes geschehen, als der eigenhändige Tod
der Gattin des Dichters Heinrich Stieglitz. Wer das Genie Goethes besäße
und es schon aushalten könnte, daß man von Nachahmung sprechen würde,
könnte hier ein unsterbliches Seitenstück zum "Werther" geben. Denn es
sind ganz moderne Kulturzustände, welche sich hier durchkreuzen, und doch
ist der Grabeshügel, der aus ihnen hervorragt, wieder so sehr Original,
daß die Phantasie des Dichters nicht lebendiger befruchtet werden kann.
Ein Geistlicher hat an dem winterlichen Grabe dieses Weibes über ihr
Beginnen den Fluch ausgesprochen. Es war seines Amtes. Aber wir sind
nicht alle ordiniert und auf das Symbol geschworen, und doch hört man
rings von ungeheurer Verwirrung summen, von Nervenschwäche, von falscher
Lektüre und alles schlägt sich stolz an seine Brust, die etwas aushalten
kann, und kehrt pfiffig die Eingeweide seines Verstandes heraus, um zu
zeigen, wie gesund, ohne Verknotung, ohne allen Mangel sie sind: Und sie
zeigen lachend die Matrikel ihres Lebens, das sie in Gotha beim Geheimrat
Arnoldi versichert haben, und furchtsame, aber kühne Philosophen
behaupten den alten elenden Satz, daß Selbstmord die unzulänglichste
Feigheit verrate. Wenige nur ahnen es, daß hier eine ungeheure
Kulturtragödie aufgeführt ist, und die Heldin des Stückes bis auf den
letzten Moment für zurechnungsfähig erklärt werden muß vor dem Tribunal
einer Meinung, die die Wehen unsrer Zeit versteht. Es gilt hier überhaupt
nicht das Urteil, sondern die Erklärung.
Das erste Motiv des tragischen Aktes ist auch hier die Liebe; denn es war
ein Opfer, das das hehre Weib ihrem Manne brachte. Aber diese Liebe war
eine volle, gesättigte; eine Liebe, die sich an großen Tatsachen erwärmt,
und welche allein imstande ist, Männer zu beglücken. Es war nicht eine
allgemeine, durch das Band der Gewohnheit zusammengehaltene Neigung, die
bei den meisten Frauen sich zuletzt auf die Tatsache der Kinder wirft,
und von diesen aus den Mann mit einem matten aber treuen Feuer umfängt.
Es war noch weniger jene egoistische Liebe der Schönheit, die nur um
ihrer selbst willen sich hingibt, wo sie Anbetung findet. Sondern das
höchste Ideal der Liebe lag hier vor; eine objektive, fundierte,
angelegte Liebe; eine Liebe, die sich auf Tatsachen stützt, welche für
beide Teile des Bandes gemeinschaftlich waren, auf eine Weltansicht, auf
wechselseitige Zulänglichkeit und auf das Lebensprinzip des Wachstums und
des Erkenntnisses. Diese Liebe war erfüllt, sie hatte Staffage. Beide
Teile standen sich gleich und Eins durfte für das Andre nicht verantwort-
lich sein. Ideen vermittelten hier Kuß und Umarmung. Sinnlicher Platonismus
wartete hier; und ich glaube, die jungen Männer des Jahrhunderts werden
nicht eher glücklich sein, bis nicht die Liebe überall wieder diesen
idealen Charakter angenommen hat, den sie sogar vor vierzig Jahren schon
hatte.
Charlotte hatte vor dem Todesstoße in Rahels Briefen gelesen. Rahel würde
ihren Gemahl niemals haben so unglücklich machen können, denn sie wollte
keine Resultate, wie Charlotte; sie ergab sich nur dialektischen
Umtrieben, dem Genuß, die Dinge von einem ihr nicht angebornen Standpunkt
anzusehen: Rahel zog, wie Lessing, das Suchen der Wahrheit der Wahrheit
selbst vor. Charlotte kannte diese Resignation des Gedankens nicht: sie
war kein Zögling der Frivolität, wie Rahel, zu deren Füßen einst die
Mirabeaus und Catilinas des preußischen Staates und der Periode 1806
gesessen hatten. Rahel war Negation, Brillantfeuer, Skeptizismus und
immer Geist. Sie nahm keinen Gedanken auf, wie er ihr gegeben wurde;
sondern wühlte sich in ihn hinein und zerbröckelte ihn in eine Menge von
Gedankenspänen, welche immer die Form des Geistreichen und ein Drittel
von der Physiognomie der Wahrheit hatten. Rahel unterhandelte mit dem
Gedanken: sie war kein Weib der Tat: wie kann sie Selbstmord lehren!
Charlotte war Position, dichterisch, gläubig und immer Seele. Sie beugte
sich vor den Riesengedanken der Zeit und der Tatsache, und ihr Geist fing
erst da an, wo es galt, sie zu ordnen. Charlotte war System: und weil sie
nicht alles kombinieren konnte, was die Zeit brachte (können wir's?), so
blieb ihr nichts übrig, als ihr großer, starker, göttlicher Wille.
Charlotte konnte sterben auch ohne die Rahel. Wie aber und wodurch alles
bis auf diese Höhe kam, wird nur durch Heinrich Stieglitz einzusehen
sein; denn wir sagten schon, daß hier nichts ohne die Liebe war.
Heinrich Stieglitz, wie man ihn sieht im braunen Rock und Quäkerhut,
luftdurchschneidend, in stolzer und berechneter Haltung, ging aus den
Bildungselementen hervor, welche vorzugsweise die Berliner seit zehn
Jahren charakterisiert haben. Er liebte Hegel, Goethe, die Griechen, die
Philologie, die preußische Geschichte und die deutsche Freiheit,
russisches Naturleben, polnische Begeisterung, alles ineinander und
nebenbei mußte er auf der Königl. Bibliothek in Berlin mit Bedienten und
Dienstmädchen verkehren, welche für ihre Herrschaft die entlehnten Bücher
holten, über welche er das Register führte. Himmel, Erde und Hölle lagen
hier ziemlich nahe. Wo Einheit? Wo Ziel und Ende? Stieglitz dichtete; man
wollte nicht zugeben, daß er originell war. Es ist alles so öd und trist
in Deutschland: die Dinge sind alle Geschmackssache geworden, und da, wo
in der Restauration Geist, Leben oder meinetwegen auch nur das Aufsehen
war und die Tonangabe, fand Stieglitz schneidenden Widerspruch. So geriet
er, der mit Hafizen schwelgte und auf den asiatischen Gebirgsrücken
sattelte, in Gefechte mit Saphir! Seine Ideale wurden profaniert. Menzel
wies ihn kalt zurück, weil er keine Originalität antraf. Die
Julirevolution brach an und ergriff auch seine Muse, wie seine Meinung.
Da erschienen die "Lieder eines Deutschen", vom Tiersparti vergöttert,
und doch vom Repräsentanten des Tiersparti, von Menzel, wiederum nicht
anerkannt. Wo ein Ausweg? Stieglitz liebte die Goethesche Poesie und die
Freiheit und konnte keine Brücke finden. Er fühlte sich unheimlich in dem
Systeme des Staates, der ihn besoldete; denn die Fragen der Welt fanden
Eingang in sein empfängliches Herz. Aber auch hier wieder soll alles
Meinung, Wahrheit und die Prosa der Partei sein. Ist die Freiheit ohne
Schönheit? Kann man nicht mehr Dichter sein und Stolz der Nation, wie es
früher war, wo der alte Grenadier sang? Ach, der unglückliche Dichter
ging noch weiter in seiner Verzweiflung. Er saß im Schimmer der
nächtlichen Lampe, Ruhe auf der Straße, das weiße Papier, das
Leichenhemde der Unsterblichkeit, durstig nach Worten der Unsterblichkeit
vor ihm. Im Nebenzimmer schlug Charlotte zuweilen auf das Klavier an. Der
Dichter weinte. Denn war ihm eine andere Leiter zum Himmel im Augenblicke
sichtbar, als die, welche sich aus einem solchen zitternden Tone
aufbaute? Wo Wahrheit? Wo Licht, Leben, Freiheit? Wo alles, was man haben
muß, um ein großer Dichter zu sein? Wo der Haß eines Dante, rechter,
tiefer, ghibellinischer Haß; nicht jener Haß, den wir unglückliche Kinder
unsrer Zeit mit einer seltsamen Eiskruste unsrer von Natur weichen Herzen
affektieren? Wo die Blindheit eines Milton? Wo der Bette1stab Homers? Wo
die Situation eines Byron, geschaffen aus eignem Frevel und der
rikoschettierenden Rache des Himmels? Wo Wahrheit und ein großes,
stachelndes, unglückliches Leben? Ach, nichts als Lüge, als heitrer
Sonnenschein, reichliches Auskommen und der Bekanntschaft lästiger
Besuch. Der arme Heinrich liegt krank an der Miselsucht, wo ist des
Meyers Tochter, die sich für ihn opfre? Ich meine es treu mit diesen
Worten und fühle, welche tragische Wahrheit in ihm liegt. Sie drückt den
Schmerz unsrer poetischen Jugend aus, von der die altkluge öffentliche
Meinung verlangt, daß sie sich zusammenscharen solle und sich
aneinanderreihe, um das zu besingen, was die Weltgeschichte dichtet. So
fühl' ich es wenigstens: vielleicht dachte Stieglitz anders. Vielleicht
dachte er an seine Verse und abstrahierte vom Momente; vielleicht dachte
er an die Stellung in der Literaturgeschichte und an die Sonderbarkeit,
daß gerade Homer, Virgil, Ariost, Petrarca zu ihrer Zeit so viel gemacht
haben; vielleicht dachte er nur an die Persönlichkeit, wie sie zu allen
Zeiten unabhängig von den Zeiten, dichterisch sich ausgesprochen hat: er
fand, daß man eine großartige Staffage seines Schicksals haben müsse, um
originell zu sein in der Lyrik, erhaben im Drama, interessant im
Infanteristenausdruck, in der oratio pedestris; und lechzte nach einem
Ereignis, das sein Inneres revolutionieren sollte.
Töricht, wenn man Stieglitz den Vorwurf macht, daß er seine Gattin in
diesen Strudel hineinriß. Sie mußte wissen, was seine Stirn in Runzeln
zog, und mußte teilen, was an seinem Wesen nagte. Sie stand auf der Höhe,
sein Unglück zu begreifen. Sie fühlte wohl, daß dem Manne eine Staffage
seiner Begeisterung fehlte. Das gewöhnliche Geschwätz der Tanten, welche
ein Interdikt legen auf Annäherungen zwischen ihren Nichten und
sogenannten Schöngeistern, Kraftgenies und Demagogen, die Philisterei
großer und patriotischer Städte, welche ihren Töchtern nur angestellte
und offizielle Jünglinge zu lieben erlaubt und jedem Manne, der Bücher
macht, den Rat gibt, unbeweibt zu bleiben, der lieben Kinder, des Brotes
und auch der Poesie selbst wegen, welche ja besser gedeihe ohne
bürgerliche Rücksichten und Witwenkassen; diese ganze Misere kam nicht in
Charlottens Seele. Es ist ganz falsch, ihr lieben geschwätzigen
Robberspielerinnen und Ehefrauen aus der gemäßigten Zone, wenn ihr
glaubt, die närrische Doktorin Stieglitz, das beklagenswerte Wesen, habe
sich deshalb beendigt, um ihrem Manne Ruhe zu schaffen, aus dem Bereich
der vierwöchentlichen Wäsche zu bringen und ihm die Sorgen zu ersparen:
Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Daran dachte sie nicht, die
stolze Seele. Nicht Ruhe, sondern Verzweiflung gönnte sie ihrem Manne.
Sie gab sich als Opfer hin, nicht um ihn zu heilen, sondern in recht
tiefe Krankheit zu werfen. Sie wollte seiner Melancholie einen grellen,
blutroten, und ach! nur zu gewissen Grund geben. Sie wollte ihn von der
Lüge befreien und gab sich hin dem Tode, jung, liebreizend, mitten im
Winter gleichgültig gegen die Hoffnung des Frühlings, resigniert auf den
gewiß noch langen Faden der Parze, bereit, das fürchterliche Geheimnis
des Todes zu erproben, lange, lange vor dem Müssen, resigniert auf jede
Freude und Anmut, welche in der Zukunft noch für sie liegen konnte.
Die Tat ist geschehen. Das Grab ist still. Schnee bedeckt den Hügel. Die
Neugier ist befriedigt. Was soll man schließen? Ihr nichts: wir alle
nichts. Was soll Heinrich Stieglitz? Armer Überlebender! Du bist ein
unglücklicher Rest. Aber dein Unglück, das nun da ist, ist ohne Energie.
Dein Unglück überragt dich! Du bist ihm nicht gewachsen. Was wirst du
tun? Die ungeheure Tat besingen? Gewiß, ein Totenopfer steht dir an.
Dante hätte dieser Anregung nicht bedurft; Goethe gar nicht. Wil1st du
die Tatsache überwinden, sie aufnehmen in dein Blut und unterbringen in
den Zusammenhang deiner Gedanken, so mußt du so groß sein, wie dennoch
Dante und Goethe. Wirst du öffentlich von dem Opfer zehren, das im
Geheimen dir die Liebe gebracht hat? Ich beschwöre dich, bring' an das
Risiko deiner Verse nicht den gewaltigen Schmerz heran, den du
empfindest! In dem Ganzen liegt zu viel Demütigung, daß nicht das Ende
eine Komödie sein könnte. Wahrlich, Poesie ist nun hier nichts mehr; das
Motiv und die Staffage ist größer als das, was sich darauf bauen läßt. Es
ist nicht mehr die Welt, in der hier etwas Seltnes vorgegangen ist,
sondern ein enger Raum von vier Wänden, eine Bühne von drei Wänden; denn
es ist eine Tragödie. Aber noch ist die Tragödie nicht vol1ständig. Ein
Gedicht rundet sie nicht ab.