Cypressen für Charlotte Stieglitz (1835)

Heraus aus deinem Schneckenhause, du deutscher Gallert, Volk genannt!

Heraus aus deinen ohnmächtigen Zweideutigkeiten, du lederhäutiger Eunuch!

Was wollt Ihr mit Moral, mit dem Stolz auf Eure gesunde, rotbäckige,

lächelnde Vernunft? Wie weit kommt Ihr mit Eurem Achselzucken, Eurer

Prüderie und Eurer sittlichen Trägheit, die sich gern auf die großen

Fragen der Weltgeschichte streckt und sich damit brüstet, die kleinste

Pfeife der großen Orgel zu sein? Eure Grundsätze sind morsch geworden,

da Ihr sie in den Boden der Geschichte nicht mit brennenden Spitzen

eingepfählt habt. Zitternd müßt Ihr fühlen, daß Ihr bei dem ewigen

Sichhingeben, gleichviel ob an die Ordnung der Dinge, wie sie ist, oder

wie sie verändert werden soll, recht klein, zusammengeschrumpft,

unbedeutend und nichts als eine Zahl zu andern Tausenden geworden seid!

Ihr erschreckt, daß es noch Menschen gibt, welche den innern Prozeß der

Seele durchmachen; die mit blutigem Schweiße daran arbeiten, in den

Geheimnissen des Geistes ein Gebäude aufzubauen, und sich lieber unter

seinen Trümmern begraben, als daß sie die Welt so hinnähmen, wie sie auf

der Straße, in der Schule, in der Kirche, in der Konversation Euch

geboten wird! Seit dem Tode des jungen Jerusalem und dem Morde Sands ist

in Deutschland nichts Ergreifenderes geschehen, als der eigenhändige Tod

der Gattin des Dichters Heinrich Stieglitz. Wer das Genie Goethes besäße

und es schon aushalten könnte, daß man von Nachahmung sprechen würde,

könnte hier ein unsterbliches Seitenstück zum "Werther" geben. Denn es

sind ganz moderne Kulturzustände, welche sich hier durchkreuzen, und doch

ist der Grabeshügel, der aus ihnen hervorragt, wieder so sehr Original,

daß die Phantasie des Dichters nicht lebendiger befruchtet werden kann.

Ein Geistlicher hat an dem winterlichen Grabe dieses Weibes über ihr

Beginnen den Fluch ausgesprochen. Es war seines Amtes. Aber wir sind

nicht alle ordiniert und auf das Symbol geschworen, und doch hört man

rings von ungeheurer Verwirrung summen, von Nervenschwäche, von falscher

Lektüre und alles schlägt sich stolz an seine Brust, die etwas aushalten

kann, und kehrt pfiffig die Eingeweide seines Verstandes heraus, um zu

zeigen, wie gesund, ohne Verknotung, ohne allen Mangel sie sind: Und sie

zeigen lachend die Matrikel ihres Lebens, das sie in Gotha beim Geheimrat

Arnoldi versichert haben, und furchtsame, aber kühne Philosophen

behaupten den alten elenden Satz, daß Selbstmord die unzulänglichste

Feigheit verrate. Wenige nur ahnen es, daß hier eine ungeheure

Kulturtragödie aufgeführt ist, und die Heldin des Stückes bis auf den

letzten Moment für zurechnungsfähig erklärt werden muß vor dem Tribunal

einer Meinung, die die Wehen unsrer Zeit versteht. Es gilt hier überhaupt

nicht das Urteil, sondern die Erklärung.

Das erste Motiv des tragischen Aktes ist auch hier die Liebe; denn es war

ein Opfer, das das hehre Weib ihrem Manne brachte. Aber diese Liebe war

eine volle, gesättigte; eine Liebe, die sich an großen Tatsachen erwärmt,

und welche allein imstande ist, Männer zu beglücken. Es war nicht eine

allgemeine, durch das Band der Gewohnheit zusammengehaltene Neigung, die

bei den meisten Frauen sich zuletzt auf die Tatsache der Kinder wirft,

und von diesen aus den Mann mit einem matten aber treuen Feuer umfängt.

Es war noch weniger jene egoistische Liebe der Schönheit, die nur um

ihrer selbst willen sich hingibt, wo sie Anbetung findet. Sondern das

höchste Ideal der Liebe lag hier vor; eine objektive, fundierte,

angelegte Liebe; eine Liebe, die sich auf Tatsachen stützt, welche für

beide Teile des Bandes gemeinschaftlich waren, auf eine Weltansicht, auf

wechselseitige Zulänglichkeit und auf das Lebensprinzip des Wachstums und

des Erkenntnisses. Diese Liebe war erfüllt, sie hatte Staffage. Beide

Teile standen sich gleich und Eins durfte für das Andre nicht verantwort-

lich sein. Ideen vermittelten hier Kuß und Umarmung. Sinnlicher Platonismus

wartete hier; und ich glaube, die jungen Männer des Jahrhunderts werden

nicht eher glücklich sein, bis nicht die Liebe überall wieder diesen

idealen Charakter angenommen hat, den sie sogar vor vierzig Jahren schon

hatte.

Charlotte hatte vor dem Todesstoße in Rahels Briefen gelesen. Rahel würde

ihren Gemahl niemals haben so unglücklich machen können, denn sie wollte

keine Resultate, wie Charlotte; sie ergab sich nur dialektischen

Umtrieben, dem Genuß, die Dinge von einem ihr nicht angebornen Standpunkt

anzusehen: Rahel zog, wie Lessing, das Suchen der Wahrheit der Wahrheit

selbst vor. Charlotte kannte diese Resignation des Gedankens nicht: sie

war kein Zögling der Frivolität, wie Rahel, zu deren Füßen einst die

Mirabeaus und Catilinas des preußischen Staates und der Periode 1806

gesessen hatten. Rahel war Negation, Brillantfeuer, Skeptizismus und

immer Geist. Sie nahm keinen Gedanken auf, wie er ihr gegeben wurde;

sondern wühlte sich in ihn hinein und zerbröckelte ihn in eine Menge von

Gedankenspänen, welche immer die Form des Geistreichen und ein Drittel

von der Physiognomie der Wahrheit hatten. Rahel unterhandelte mit dem

Gedanken: sie war kein Weib der Tat: wie kann sie Selbstmord lehren!

Charlotte war Position, dichterisch, gläubig und immer Seele. Sie beugte

sich vor den Riesengedanken der Zeit und der Tatsache, und ihr Geist fing

erst da an, wo es galt, sie zu ordnen. Charlotte war System: und weil sie

nicht alles kombinieren konnte, was die Zeit brachte (können wir's?), so

blieb ihr nichts übrig, als ihr großer, starker, göttlicher Wille.

Charlotte konnte sterben auch ohne die Rahel. Wie aber und wodurch alles

bis auf diese Höhe kam, wird nur durch Heinrich Stieglitz einzusehen

sein; denn wir sagten schon, daß hier nichts ohne die Liebe war.

Heinrich Stieglitz, wie man ihn sieht im braunen Rock und Quäkerhut,

luftdurchschneidend, in stolzer und berechneter Haltung, ging aus den

Bildungselementen hervor, welche vorzugsweise die Berliner seit zehn

Jahren charakterisiert haben. Er liebte Hegel, Goethe, die Griechen, die

Philologie, die preußische Geschichte und die deutsche Freiheit,

russisches Naturleben, polnische Begeisterung, alles ineinander und

nebenbei mußte er auf der Königl. Bibliothek in Berlin mit Bedienten und

Dienstmädchen verkehren, welche für ihre Herrschaft die entlehnten Bücher

holten, über welche er das Register führte. Himmel, Erde und Hölle lagen

hier ziemlich nahe. Wo Einheit? Wo Ziel und Ende? Stieglitz dichtete; man

wollte nicht zugeben, daß er originell war. Es ist alles so öd und trist

in Deutschland: die Dinge sind alle Geschmackssache geworden, und da, wo

in der Restauration Geist, Leben oder meinetwegen auch nur das Aufsehen

war und die Tonangabe, fand Stieglitz schneidenden Widerspruch. So geriet

er, der mit Hafizen schwelgte und auf den asiatischen Gebirgsrücken

sattelte, in Gefechte mit Saphir! Seine Ideale wurden profaniert. Menzel

wies ihn kalt zurück, weil er keine Originalität antraf. Die

Julirevolution brach an und ergriff auch seine Muse, wie seine Meinung.

Da erschienen die "Lieder eines Deutschen", vom Tiersparti vergöttert,

und doch vom Repräsentanten des Tiersparti, von Menzel, wiederum nicht

anerkannt. Wo ein Ausweg? Stieglitz liebte die Goethesche Poesie und die

Freiheit und konnte keine Brücke finden. Er fühlte sich unheimlich in dem

Systeme des Staates, der ihn besoldete; denn die Fragen der Welt fanden

Eingang in sein empfängliches Herz. Aber auch hier wieder soll alles

Meinung, Wahrheit und die Prosa der Partei sein. Ist die Freiheit ohne

Schönheit? Kann man nicht mehr Dichter sein und Stolz der Nation, wie es

früher war, wo der alte Grenadier sang? Ach, der unglückliche Dichter

ging noch weiter in seiner Verzweiflung. Er saß im Schimmer der

nächtlichen Lampe, Ruhe auf der Straße, das weiße Papier, das

Leichenhemde der Unsterblichkeit, durstig nach Worten der Unsterblichkeit

vor ihm. Im Nebenzimmer schlug Charlotte zuweilen auf das Klavier an. Der

Dichter weinte. Denn war ihm eine andere Leiter zum Himmel im Augenblicke

sichtbar, als die, welche sich aus einem solchen zitternden Tone

aufbaute? Wo Wahrheit? Wo Licht, Leben, Freiheit? Wo alles, was man haben

muß, um ein großer Dichter zu sein? Wo der Haß eines Dante, rechter,

tiefer, ghibellinischer Haß; nicht jener Haß, den wir unglückliche Kinder

unsrer Zeit mit einer seltsamen Eiskruste unsrer von Natur weichen Herzen

affektieren? Wo die Blindheit eines Milton? Wo der Bette1stab Homers? Wo

die Situation eines Byron, geschaffen aus eignem Frevel und der

rikoschettierenden Rache des Himmels? Wo Wahrheit und ein großes,

stachelndes, unglückliches Leben? Ach, nichts als Lüge, als heitrer

Sonnenschein, reichliches Auskommen und der Bekanntschaft lästiger

Besuch. Der arme Heinrich liegt krank an der Miselsucht, wo ist des

Meyers Tochter, die sich für ihn opfre? Ich meine es treu mit diesen

Worten und fühle, welche tragische Wahrheit in ihm liegt. Sie drückt den

Schmerz unsrer poetischen Jugend aus, von der die altkluge öffentliche

Meinung verlangt, daß sie sich zusammenscharen solle und sich

aneinanderreihe, um das zu besingen, was die Weltgeschichte dichtet. So

fühl' ich es wenigstens: vielleicht dachte Stieglitz anders. Vielleicht

dachte er an seine Verse und abstrahierte vom Momente; vielleicht dachte

er an die Stellung in der Literaturgeschichte und an die Sonderbarkeit,

daß gerade Homer, Virgil, Ariost, Petrarca zu ihrer Zeit so viel gemacht

haben; vielleicht dachte er nur an die Persönlichkeit, wie sie zu allen

Zeiten unabhängig von den Zeiten, dichterisch sich ausgesprochen hat: er

fand, daß man eine großartige Staffage seines Schicksals haben müsse, um

originell zu sein in der Lyrik, erhaben im Drama, interessant im

Infanteristenausdruck, in der oratio pedestris; und lechzte nach einem

Ereignis, das sein Inneres revolutionieren sollte.

Töricht, wenn man Stieglitz den Vorwurf macht, daß er seine Gattin in

diesen Strudel hineinriß. Sie mußte wissen, was seine Stirn in Runzeln

zog, und mußte teilen, was an seinem Wesen nagte. Sie stand auf der Höhe,

sein Unglück zu begreifen. Sie fühlte wohl, daß dem Manne eine Staffage

seiner Begeisterung fehlte. Das gewöhnliche Geschwätz der Tanten, welche

ein Interdikt legen auf Annäherungen zwischen ihren Nichten und

sogenannten Schöngeistern, Kraftgenies und Demagogen, die Philisterei

großer und patriotischer Städte, welche ihren Töchtern nur angestellte

und offizielle Jünglinge zu lieben erlaubt und jedem Manne, der Bücher

macht, den Rat gibt, unbeweibt zu bleiben, der lieben Kinder, des Brotes

und auch der Poesie selbst wegen, welche ja besser gedeihe ohne

bürgerliche Rücksichten und Witwenkassen; diese ganze Misere kam nicht in

Charlottens Seele. Es ist ganz falsch, ihr lieben geschwätzigen

Robberspielerinnen und Ehefrauen aus der gemäßigten Zone, wenn ihr

glaubt, die närrische Doktorin Stieglitz, das beklagenswerte Wesen, habe

sich deshalb beendigt, um ihrem Manne Ruhe zu schaffen, aus dem Bereich

der vierwöchentlichen Wäsche zu bringen und ihm die Sorgen zu ersparen:

Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Daran dachte sie nicht, die

stolze Seele. Nicht Ruhe, sondern Verzweiflung gönnte sie ihrem Manne.

Sie gab sich als Opfer hin, nicht um ihn zu heilen, sondern in recht

tiefe Krankheit zu werfen. Sie wollte seiner Melancholie einen grellen,

blutroten, und ach! nur zu gewissen Grund geben. Sie wollte ihn von der

Lüge befreien und gab sich hin dem Tode, jung, liebreizend, mitten im

Winter gleichgültig gegen die Hoffnung des Frühlings, resigniert auf den

gewiß noch langen Faden der Parze, bereit, das fürchterliche Geheimnis

des Todes zu erproben, lange, lange vor dem Müssen, resigniert auf jede

Freude und Anmut, welche in der Zukunft noch für sie liegen konnte.

Die Tat ist geschehen. Das Grab ist still. Schnee bedeckt den Hügel. Die

Neugier ist befriedigt. Was soll man schließen? Ihr nichts: wir alle

nichts. Was soll Heinrich Stieglitz? Armer Überlebender! Du bist ein

unglücklicher Rest. Aber dein Unglück, das nun da ist, ist ohne Energie.

Dein Unglück überragt dich! Du bist ihm nicht gewachsen. Was wirst du

tun? Die ungeheure Tat besingen? Gewiß, ein Totenopfer steht dir an.

Dante hätte dieser Anregung nicht bedurft; Goethe gar nicht. Wil1st du

die Tatsache überwinden, sie aufnehmen in dein Blut und unterbringen in

den Zusammenhang deiner Gedanken, so mußt du so groß sein, wie dennoch

Dante und Goethe. Wirst du öffentlich von dem Opfer zehren, das im

Geheimen dir die Liebe gebracht hat? Ich beschwöre dich, bring' an das

Risiko deiner Verse nicht den gewaltigen Schmerz heran, den du

empfindest! In dem Ganzen liegt zu viel Demütigung, daß nicht das Ende

eine Komödie sein könnte. Wahrlich, Poesie ist nun hier nichts mehr; das

Motiv und die Staffage ist größer als das, was sich darauf bauen läßt. Es

ist nicht mehr die Welt, in der hier etwas Seltnes vorgegangen ist,

sondern ein enger Raum von vier Wänden, eine Bühne von drei Wänden; denn

es ist eine Tragödie. Aber noch ist die Tragödie nicht vol1ständig. Ein

Gedicht rundet sie nicht ab.

Berlin — Panorama einer Weltstadt · 第 41 / 48 题