Wer kennt nicht den Berliner Sonntagsverein, den Rival der
Mittwochsgesellschaft? Wenigstens ist es noch nicht vergessen, daß der
wirkliche Geheime Intendanzrat Saphir vor vier, fünf Jahren in Berlin
jenen ersten Verein gründete und ihn witzig nicht die sondern den
Sonntagsgesellschaft nannte, um jede Beziehung auf die Sontag in diesem
Namen zu unterdrücken und bei der Nachwelt der Vermutung zuvorzukommen,
als sei Willibald Alexis, der Enthusiast, jenes Vereins Stifter gewesen.
Saphir wußte diese Gesellschaft bald zu bevölkern. Die Zahl seiner
Schüler und Verehrer war beinahe ebenso groß als die seiner Feinde.
Saphir zeigte, daß der Witz nichts gelernt zu haben brauchte, daß die
Phantasie alle Lücken ausfülle und der Götterfunke auf keine
Schulzeugnisse sehe. Das war das Signal zu einer Autorensaat, die aus den
seinen Gegnern ausgeschlagenen Zähnen aufwuchs und sich mit Begeisterung
unter seine Fahne stellte.
Die Seidenwarenhändler in der Breiten Straße tobten, daß ihre
Ladendiener, statt die Waren richtig zu messen, Versfüße maßen, um
Scharaden, Logogriphe und Rätsel zu machen, die sie am folgenden Tage mit
klopfendem Herzen in Saphirs Blättern abgedruckt sahen. Die Kopisten auf
dem Stadtgerichte sollten Ehescheidungsdekrete, Verführungsgeschichten
und Schlägereien ins Reine schreiben und übten sich in der literarischen
Polemik, mit der sie dem Satir in der Behrenstraße immer willkommen
waren. Die Studiosen, die bei Savigny die Pandekten hörten, machten
humoristische Ausflüge und beschwerten das Felleisen der "Schnellpost"
und des "Couriers", dieser weltbekannten Institute ihres großen
Generalpostmeisters. Gar nicht zu erwähnen, daß für die Juden ein ewiges
Laubhüttenfest der Poesie angebrochen war, daß sie sich ihre satirischen
Adern öffnen ließen und unter dem Schutze ihres großen Messias alles
taten, wozu er selbst sie die Handgriffe lehrte. Damals blühte die
Sonntagsgesellschaft und trug herrliche Früchte, von denen sie zum Besten
der Überschwemmten vor Jahren einige Spenden bekannt machte. Später kam
die Gesellschaft unter den Vorsitz meines liebenswürdigen Freundes
Oettinger. Dann kam die Reihe an die Letzten, um die Ersten zu werden.
Diese sind auch noch heute der Stamm, sie haben sich von Saphir
emanzipiert und hören nicht gern, daß man sie an die Schule ihrer Talente
erinnert. Die beiden vorliegenden Bände ["Rosetten und Arabesken.
Novellen, poetische Gemälde und satirische Skizzen der jüngern
Serapionsbrüder. "] führen den Nebentitel "Spenden aus dem Archive des
Sonntagsvereins" und geben den Maßstab für das, was dieser war, ist und
sein könnte.
Zwanzig Köpfe haben hier ihre Phantasien, ihre Ideen, ihre Einfälle und
Ausfälle mitgeteilt. Jede Kunstform hat ihren Repräsentanten gefunden,
und man ist zweifelhaft, nach welchem Gesichtspunkte man die große Zahl
sondern soll. Darf ich nach den Vornamen gehen? Dann kämen z.B. Ludwig
Schneider und Ludwig Liber zusammen, die freilich auch zusammen gehören,
weil sie kürzlich mit zwei großen goldnen Verdienstmedaillen belohnt
worden sind, Ludwig Schneider (auch Both genannt), der das Glaubens-
bekenntnis eines Landwehrmanns geschrieben hat, und Lieber Ludwig, wollt'
ich sagen, Ludwig Liber, von dem "Herzensergießungen über die richtige
Mitte" ausgegangen sind. Doch, wie gesagt, das ist alles zu weitläufig
und ich begnüge mich nur anzuzeigen, daß diese beiden Bändchen eine
Musterkarte von Trivialitäten, geistlosen Gedankenspänen, kurz von
literarischen Berolinismen sind, einzelne Sachen von Heinrich Smidt, W.
Fischer und selbst Schneider ausgenommen. Und selbst der Mittlere sagt
in einem Neujahrsliede zum Jahre 1832:
Es schwand ein Jahr, und welch ein Jahr vorüber! Vergebens sucht Ihr es
im Buch der Zeit!
Wie billig, fragt man den Verfasser, wo es denn geblieben sei? Solcher
Ungereimtheiten findet man zu Dutzenden. Die "satirischen Kleinigkeiten"
von Wilhelm John erregen allerdings Gelächter, weil sie bewunderungs-
würdig fade sind. Man höre: "Die Erfahrung der letzten Zeit hat gelehrt,
daß Enthusiasten häufig Esel, aber Esel niemals Enthusiasten sind.
Hieraus könnte man schließen, der Enthusiasmus sei eine solche Eselei,
daß sich nur Enthusiasten, aber keine Esel dazu verstehen können." Wie
dumm! Ferner: "Die gröbsten Ausfälle werden gewöhnlich am meisten gegen
diejenigen gerichtet, welche die feinsten Einfälle haben." Ich hätte
Lust, das erste Glied dieses Satzes wahr zu machen, wenn unser John Bull
es nur mit dem zweiten könnte. Ferner: "Der Witz des Pöbels gleicht
mitunter dem rohen Metall, das nur der Politur bedarf, um zu glänzen."
Herr John, Sie werden doch nicht auf sich selbst sticheln? "Die Sucht,
originell zu sein, hat das Originelle an sich, daß sie Narren bildet."
Ach! Es ist genug.
Die Metamorphose von Herrn Smidt ist eine geistvolle Phantasie, die dem
Verfasser Ehre macht. Doch kommt von den Novellen keine über dies
Mittelmaß hinaus.