Indem ich an diese auch in der Form anspruchslosen kleinen Umrisse die
letzte Hand lege, kommt die Trauerkunde vom Tode Friedrich Wilhelms III.
Diese Botschaft mußte mich, da ich in Berlin den Volksglauben, der König
müsse in diesem Jahre sterben, allgemein verbreitet fand, doppelt
erschüttern. Die häusliche Zurückgezogenheit, in der der Verstorbene
lebte, hatte es unmöglich gemacht, seit Jahren über seinen
Gesundheitszustand etwas Gewisses zu erfahren: Zeigte er sich öffentlich,
so erschrak man zwar über die in letzter Zeit außerordentlich gealterten
Züge, aber die Haltung des Königs war von jeher so grad und ritterlich
gewesen, daß ihn diese auch in der letzten Zeit nicht verließ, und man an
eine noch ausgedehntere Lebensdauer glauben durfte. Umso betroffener
mußte man über den Volksglauben sein. Man machte geltend, daß in jedem
Jahrhundert das vierzigste Jahr den Preußen einen Thronwechsel oder
irgend ein wichtiges Ereignis bringe, man sprach von den nächtlichen
Umgängen der weißen Ahnfrau des Hohenzollerschen Hauses. Noch oft
erschien der König hinter dem roten Vorhange seiner Proszeniumloge im
Theater. Nur die ängstliche Einführung Schönleins in die innern Gemächer
des ab und zu als kränkelnd Gemeldeten verriet ein tiefer gewurzeltes
Leiden, dem der Monarch denn am ersten Pfingsttage wirklich erlegen ist.
Läßt sich eine ergreifendere Situation denken, als ein sterbender König
und ein neuer, der ihm folgt, in dem Augenblick, als der Donner des
Geschützes die Grundsteinlegung zu einem Denkmal Friedrichs des Großen
verkündete? Wie drängen sich hier in eine kurze Spanne Raum und Zeit,
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen! Wünsche und Hoffnungen
müssen lebendig werden, Besorgnisse sterben, andre können erwachen,
Gedanken aus den entgegengesetztesten Richtungen müssen sich
durchkreuzen. Wer hat den Schlüssel, um zu erraten, was der jetzt Tote
dachte, das Volk glaubte, der neue Herrscher ahnte? Wie kommt es, daß
gerade die Erinnerung an den Begründer der preußischen Monarchie in ihrer
Stellung zu Europa die letzte öffentliche Tatsache im Leben Friedrich
Wilhelms III. sein mußte? Ist dies eine Sühne der Vergangenheit oder ein
Fingerzeig für die Zukunft? Den Ratschluß des Weltgeistes umhüllen noch
tiefe Nebel und erst die Geschichtsschreibung ferner Zeiten wird die
Sonne sein, die sie erhellt.
Bei den Ägyptern sprach man über die toten Könige Gericht. Man wird in
öffentlichen langen Reden und in kurzen Inschriften viel Unwahres über
Friedrich Wilhelm III. sagen, man wird seinem Geiste das zuschreiben,
dessen sein Herz, man wird dem Herzen zuschreiben, dessen sein Verstand
sich rühmen durfte. Man wird in dem seine Demut finden, was vielleicht
sein Stolz war, und wird ihn vielleicht für das loben, wofür er sich
selbst getadelt hat. Könige sind wie die Phänomene der Luft. Sie werden
von Tausenden ihres Volkes für dasselbe verwünscht, wofür sie andern
Tausenden die Heißersehnten sind. Ein Gewitter raubt der Mutter ihr Kind,
das der Blitz erschlägt, und tränkt die dürstende Erde, die nach ihm
schmachtete.
Mag man nun mit Montaigne glauben, daß "herrschen" le plus aspre et
difficile métier ist, oder mit einem italienischen Sprichworte (von
Oxenstierna einst ironisch angewandt), daß zum Herrschen gerade das
wenigste Hirn gehört (der Leipziger Professor Adam Rechenberg hat es
übrigens schon 1676 in einem eignen Werke widerlegt), mag man auch von
dem, was über den Verstorbenen gesagt werden wird, abziehen, was der
rührende Moment oder persönliches Interesse überflüssig hinzufügt, so
viel wird selbst die Nachwelt nicht umstoßen können, daß der innige
Zusammenhang der Schicksale, die die preußische Monarchie trafen, mit der
Person Friedrich Wilhelms III. ein in der Erinnerung nie erlöschendes
Licht auf ihn geworfen hat. Eine freudenlose, umflorte Jugend machte ihn
schon früh für eine stillere Ergebung in das Unglück reif. Die Mäßigung,
die ihn in seinen Leidenschaften und Gefühlen beherrschte, lehrte ihn
auch, das spätere Glück ohne Überhebung ertragen. Er nahm die Gaben des
Geschicks mit einem Gefühl an, das ihn auf alles gefaßt machte, wenn es
nur nicht überraschend und ohne Voraussicht kam. Heftigere Aufregungen
vermeidend beängstigte ihn jede leidenschaftliche Anmutung und so erhielt
auch seine letzte Regierungsperiode jenen Charakter bescheidener
Selbstbeschränkung, den Preußen, ein innerlich so kraftvoller und nach
außen hin nicht ungedeckter Staat wohl aufgeben durfte, ohne für seine
Erhaltung besorgt zu sein. Friedrich Wilhelm III. war durch sein
Temperament vor übereilten Entschließungen geschützt und diese Tatsache
war vielleicht die glücklichste Erfahrung für das Wohl des Staates in
einer Zeit, wo der Zeitgeist so viel leidenschaftliche Faktoren in
Bewegung setzte und es Staatsmänner gab, die so gern neue Manifeste des
Herzogs von Braunschweig in die Welt gestreut hätten und dem Weltlauf mit
kecker Hand in die Zügel gefallen wären. Friedrich Wilhelm III. war nicht
so groß in dem, was er tat, als in dem, was er vermied.
Daß man sich in Preußen, da die Zeit des Zuwartens vielleicht vorüber ist
und den Horizont keine Kriegswolken trüben, nach positiven Schöpfungen
sehnt und das Feld für einen großartigem Anlauf zur Staatenlenkung nun
geöffnet sieht, beweist die ängstliche Spannung Preußens, Deutschlands,
Europas auf den Geist, in welchem Friedrich Wilhelm IV. regieren werde.
Der neue Regierungsantritt hat das vor andern Thronwechseln voraus, daß
wir hier nicht einen Jüngling auftreten sehen, dessen politische Ideen
noch von dem Unterricht seiner Lehrer befangen sind, sondern einen
gereiften Mann, der jahrelang den Zeitlauf und das Terrain der ihm nun
anvertrauten Regierung gründlich beobachten konnte. Das neue Herrscheramt
wird ihm wie ein bekanntes Buch sein, bei dessen Lektüre er sich Stellen
unterstrich und hier und dort Merkzeichen einlegte. Und daß es solcher
Stellen und Merkzeichen viele geben müsse, beweist der allgemein selbst
in Berlin verbreitete Glaube an ein neues, durchdachtes, längst
angelegtes und bald hervortretendes System.
Man erschöpft sich in Vermutungen über das politische Glaubensbekenntnis
des neuen Königs. Man nennt ihn aristokratisch; aber verdanken nicht
gerade einige talentvolle Bürgerliche ihre Berufung zum Ministerium der
Empfehlung des ehemaligen Kronprinzen? Verwechselt man nicht die
vornehmimponierende und doch gefällige Haltung des neuen Herrschers mit
Sympathien, die durch nichts bewiesen sind? Man nennt ihn einen Freund
der Richtungen, in welchen Steffens und ähnliche reaktionäre Geister
geschrieben haben. Aber wenn der ehemalige Kronprinz Steffens persönlich
kannte, so wird er bald gefunden haben, daß die naive Lebensunsicherheit
dieses geistvollen, aber unpraktischen Mischdenkers am wenigsten zu
seinen politischen Phantasmen und Träumereien Vertrauen einflößen kann.
Wie würde auch die große Vorliebe, die der ehemalige Kronprinz für seinen
ruhmgekrönten Ahn Friedrich II. empfinden soll, mit der Hinneigung zu
politischen Theorien stimmen, deren Vertreter, wie Haller, Leo, Steffens
und ihnen ähnliche, in Friedrich dem Großen nur einen gekrönten
Jakobiner sehen?
Man rühmt von jeher den Geist des neuen Herrschers. Man schreibt ihm
Verstandesschärfe und Witz zu. Er ist kein Freund des Gamaschendienstes
und hat mehr Sinn für das Zivile als Militärische. Er liebt den Umgang
mit Gelehrten und Künstlern, von denen viele sich seiner nähern
Bekanntschaft erfreuen. Wie harmlos er gewohnt ist, sich dem Talente
hinzugeben, bezeugt der gemütvolle, anspruchslose Brief, den er an
Chamisso schrieb. (Siehe Hitzigs "Leben Chamissos" Bd. 2, S. 93.) Der
ehemalige Kronprinz ist ein talentvoller Zeichner und daß ihm selbst der
schriftstellerische Ausdruck nicht fremd sein dürfte, beweist der
Umstand, daß man ihn oft zum Verfasser anonymer Flugschriften machen
wollte! Von sogenannten noblen Passionen, die man Großen eher nachzusehen
pflegt, als Kleinen, weiß man nichts. Seine Sittlichkeit wird gerühmt. Er
besucht die Kirchen anerkannt pietistischer Geistlicher; ob aus Neigung
für ihr theologisches System, oder aus Achtung vor ihrer oft
ausgezeichneten Rednergabe, weiß ich nicht. Jedenfalls würde eine
religiöse Stimmung dieser Art bei ihm nicht aus einem Minus, sondern
einem Plus der Bildung entstehen; d.h. es ist möglich, daß sie die
Frucht einer entweder gemütlichen oder philosophischen Abneigung gegen
einseitige Verstandesreligiosität wäre. Es ist kein Zweifel, daß der neue
Herrscher historische Tatsachen den Abstraktionen vorzieht, aber es ist
wahr, daß ihm die Hegelsche Philosophie nicht unbekannt geblieben, so
wird ihm das Progressive in der Geschichte nichts Befremdendes und der
Einfluß des Verstandes auf die Gestaltung der neuen Zeit nichts
Feindseliges sein. Friedrich Wilhelm IV. wird keinen Schritt ins
Ungewisse tun. Ein Ziel hat er gewiß im Auge, wenn auch die Zeit erst
lehren muß, wo es liegt. Für gedankenlos halte man keine seiner
Unternehmungen. Ratgeber wird er hören, ihnen aber nicht immer folgen.
Reue wird ihm, trotz seines christlichen Sinnes, für öffentliche Schritte
fremd sein. Er wird vielleicht bei einem Unternehmen seine Richtung
ändern, nie aber einen Schritt wieder zurücktun. Es lodert viel Feuer in
ihm und sein Geist wird oft in den schönen Fall kommen, heftigere
Regungen des Gemüts zu zügeln. Der göttlichste Triumph, den uns der
Himmel schenkte, Beherrscher unserer Leidenschaften zu sein, kann ihn oft
beglücken. So urteilt die Sage und urteilt vielleicht falsch. Man kann
darnach den Versuch machen, ein Porträt zu zeichnen und muß sich zuletzt
doch eingestehen, daß der--Versuch eine Pfuscherei ist.
Es haben sich, von Herrn Varnhagen von Ense ausgebrütet, so viel kleine
Gentze jetzt aus dem Ei gepickt, daß ich wohl begierig wäre, was einer
von ihnen, dem Beispiel des ehemaligen Kriegsrats Gentz folgend (der eine
Adresse an Friedrich Wilhelm III. bei seiner Thronbesteigung herausgab),
dem neuen Herrscher ans Herz legen würde. Mit guten Lehren aus dem
frommen Telemach, der ad usum delphini geschrieben ward, würde es wohl
ebensowenig getan sein, wie mit dem Macchiavell. Ein Fürst soll keinem
Schmeichler trauen, sagt Mentor alle Augenblicke; bändige eine
Regierungsgewalt durch die andre, sagt der Florentiner; aber wir leben
nicht in Versailles und nicht in Florenz. O der guten Lehren, die man
Königen gegeben hat! Sie werden fast alle lächerlich, wenn man sie auf
bestimmte Fälle anwendet, oder sie setzen an Fürsten dasjenige als
lobenswert voraus, was sich an einem zivilisierten Menschen des 19.
Jahrhunderts wahrhaftig von selbst versteht. Weit schwieriger sind
Ratschläge, die einen schwebenden Status quo betreffen. Was würde wohl
mit der katholischen Frage, was mit der kommerziellen Stellung Preußens
zu Rußland; was mit dem Wunsch nach einer Verfassung zu beginnen sein?
Dem neuen Herrscher raten wollen? Er hat seit einer langen Reihe von
Jahren den Geschäftsgang in der Regierung seines Vaters beobachtet: Er
wird sich längst auf seinen eignen Antritt des Regimentes vorbereitet
haben. Wer die Entwürfe kennte, die schon alle im Pulte harren! Es ist
leicht möglich, daß Friedrich Wilhelm IV. für Europa einige
Überraschungen im Sinne hat.
Man spricht jetzt soviel über Friedrich II. Was ist es, das an ihm so
außerordentlich gerade jetzt in die Augen spränge? Will man einen
schlesischen Krieg? Will man eine straffgezogene Regierungssouveränität?
Nein. Es ist das Persönliche, das an Friedrich II. gerade jetzt so
bewundert wird. Preuß und andere haben so herrliche Züge von der freien,
unabhängigen, entschlossenen Denkungsart dieses Königs mitgeteilt. Man
hat in Friedrichs Schriften Ansichten gefunden, die jetzt würden für
staatsgefährlich erklärt werden. Es ist kein Zweifel, daß man mit dieser
Vergötterung Friedrichs des Großen einen Wunsch für seine Nachfolger
aussprechen will; denn das Lob der Vergangenheit ist immer eine Polemik
gegen die Gegenwart.
Was könnte wohl ein heutiger Monarch an Friedrich dem Großen lernen?
Vieles für die Personen, weniger für die Sachen. Nicht alles würde jetzt
so am besten geschlichtet, wie es Friedrich II. geschlichtet haben würde.
Wohl aber würde man für die Mittel und für die Ratgeber lernen können.
Theoretiker am Staatsruder würde er mit Recht für Schwindler erklären und
das Nächste würde ihm lieber als das Entfernte sein. Was Friedrich über
die Religion dachte, war nicht gut für die Schule, besser schon für die
Kirche, vortrefflich für die Wissenschaft. Der Voltairesche Verstand, der
ihn beseelte, war schlecht für den Aufbau des Neuen, aber gut zum
Niederreißen des Veralteten. Man darf diesen endlichen, witzelnden
Verstand nie zum Feldzugsplan erheben, kann ihn aber gut als Waffe
benutzen. Das klare, unbestochene, vorurteilsfreie Wesen ist an Friedrich
II. bewundrungswürdig. Man fühlt, wenn man seine Antworten und
Resolutionen liest, daß man für jedes Leiden bei seinem Gemüt wohl eben
keinen Trost, bei seinem Verstande aber Abhülfe würde gefunden haben.
Seine Phantasie und sein Geschäftseifer machten ihm das Verständnis jedes
ihm vorgelegten Falles sogleich klar und man hatte nicht nötig, wenn man
einen Minister verklagte, zu fürchten, daß man an eben diesen Minister
würde verwiesen werden.
Die Erwartungen auf Friedrich Wilhelm IV. sind gespannt. Die erste Zeit
seiner Regierung gebührt der Trauer. In dem dunklen melancholischen Grün
des Fichtenhains, der die sterblichen Überreste seines Vaters und seiner
Mutter beschattet, wird man ihn noch zu oft sehen, als daß man aus seinem
Auge etwas andres erraten könnte, als Tränen. Er wird nicht damit
beginnen, Schöpfungen seines Vaters umzustürzen, er wird niemanden, der
des Seligen Vertrauen besaß, aus seiner Nähe entfernen. Aber die
Aufforderung zu Taten wird nicht ausbleiben. Die Besetzung der bekannten
erledigten Ministerstelle dürfte vielleicht das erste Symptom des
Kommenden sein. Klio spitzt ihren Griffel, sinnend lehnt sie den Arm auf
das neue Blatt im Buche der Geschichte und lauscht mit lächelndernster,
mit bangfroher Erwartung.