Wäre Repräsentation das alleinige Element des Liberalismus, so könnte
Preußen in einer frühern oder spätern Zukunft noch der Stimmführer
desselben werden. Aber es ist nicht so. Wir kämpfen nicht um Formen,
sondern um den Geist, der sie beleben soll. Wir dürfen nur die Initiative
der liberalen Ideen stellen und da, wo sie ins Leben eingeführt werden
sollen, wachen, daß sich ihre ursprüngliche Reinheit erhalte; daß sich
nicht Eigennutz, sondern nur das wohlverstandene Interesse in sie mische,
nicht die Willkür sich zu ihrem Ausleger aufwerfe, sondern daß das Gesetz
es sei, das entscheidet. Oder können wir uns mit dem Schwerte bewaffnen
und Konzessionen ertrotzen? Die Geschichte weiß nur von Schwertern in der
Hand des Eroberers oder des Richters. Die Völker demonstrieren nur mit
dem Worte und wenn sie das Schwert ergreifen, so strafen sie. Sie
ertrotzen kein Gesetz, sondern strafen nur das übertretene. Werden die
Forderungen des Liberalismus dann befriedigt sein, wenn Preußen eine
längst versprochene Verfassung erhält? Nein, dann beginnen sie erst.
Jetzt stehen wir noch ruhig versammelt um die langgestreckten Grenzen
dieses Landes und sehen zu, wie der blankgerüstete Krieger seiner Ruhe
pflegt, bald rechts, bald links sich wirft, ohne aufzustehen. Den ersten
Ton, den wir in seinen Schild hineinriefen, hat das Echo noch nicht
zurückgetragen. Fürchtend oder hoffend warten wir die Antwort ab, die der
preußische Staat auf die Frage des Zeitgeistes geben muß. Weil noch
nichts entschieden ist, so finden wir überall Gesinnungen gegen Preußen,
keine Meinungen. Man verehrt es oder haßt es, fühlt Sympathie oder
Antipathie, aber die Gründe für das eine gegen das andre kann man nicht
angeben. Wer für seinen Glauben an diesen Staat einen Beweis führen
wollte, blieb noch immer in der Mitte stecken: Denn wo er alle seine
Gründe gesichert glaubte, da waren sie ihm alle entflohen. Man steht vor
dem preußischen Namen entweder mit gefalteten Händen oder mit dem
Ausdrucke eines moralischen Unbehagens, aber niemand spricht, jeder Mund
ist geschlossen. Erst der Geist, der sich in der preußischen Verfassung
offenbaren wird, kann den Widerspruch wecken, und wenn nicht alle Zeichen
trügen, so wird dieser Widerspruch der lebhafteste werden, da er im
Interesse der innersten Prinzipien des Liberalismus geltend gemacht
werden muß. Die nachfolgenden Bemerkungen sollen diese Besorgnis
rechtfertigen.
Welches Bedürfnis hat den Wunsch nach Verfassungen veranlaßt? Unstreitig
das Bedürfnis eines gesicherten Rechtszustandes. Welches Recht ist unsrer
Zeit angemessen? Die Tradition? Das alte Herkommen? Übereinkünfte über
das, was man sich gegenseitig leisten und so für Recht ansehen wolle?
Oder ein Recht, das auch das Ziel der alten Handvesten und Verträge
gewesen sein mag, das sich aber in der Feuerprobe der Zeit bewährt hat
und auf die ewigen Gesetze der Vernunft begründet ist? Die Völker haben
diese Frage längst entschieden, ihre Fürsten sind noch andrer Meinung:
Entweder wollen sie das, was rechtens ist, nach den Befehlen ihres
Kabinetts feststellen, oder sie erklären sich bereitwillig zur
Umgestaltung der alten Regierungsform (es gibt eine revolutionierende
Reaktion), holen aber die neue nicht aus dem freien Raume der großartigen
Geschichte unsrer Zeit, sondern aus dem Staube der Archive, aus
verwitterten Pergamentblättern, aus den Heften moderner Doktrinäre.
Machen wir die Anwendung auf Preußen. Wenn wir das gegenwärtig dort
herrschende Regime despotisch nennen, so ist es uns natürlich nur um
einen Namen zu tun. Wir meinen jenen humanen Despotismus, der sich von
Friedrichs II. Regierungsverfahren herschreibt. Die Menschen bilden sich
ein, jeder ihrer Schritte sei ein Beispiel von Billigkeit und
Gerechtigkeit, wenn sie andern das zukommen lassen, was sie ihnen zu
bedürfen scheinen. Aber wir bedürfen immer mehr, als wir zu bedürfen
scheinen. Und umgekehrt, soll man uns Recht widerfahren lassen, wenn wir
nicht eingestehen, daß uns Unrecht geschehen sei? Wer darf uns heilen
wollen, wenn wir behaupten, gesund zu sein? Das ist das Grundübel der
sogenannten humanen, weisen Regierungen, daß sie vor unaufhörlichem
Wohltun das rechte Bedürfnis gar nicht aufkommen lassen. Sie wissen schon
alles im voraus, haben mit ihren guten Handlungen alle Hände voll zu tun
und sind so eilig, daß sie nur dazu Atem finden, um sich zu loben. Daher
das Vielregieren, die Beamtenherrschaft, die desto unerträglicher ist, je
gefälliger sie sein will. Diese väterliche, ja mütterliche Sorgfalt ist
bekanntlich die Art der preußischen Regierung. Da piepsen die Kleinen
unter den Flügeln der ängstlich wachenden Henne so zärtlich und sind so
voll Rührung und Dankbarkeit für all das Gute, was ihnen ohne Verdienst
und Würdigkeit erwiesen wird, daß man hier ordentlich von politischen
Tränen sprechen kann. Aber dies Vertrauen soll gestört werden. Der König
hat selbst den Grundsatz anerkannt, daß der Krieg der Vater aller Dinge
sei und die Zusammensetzung von "allgemeinen Reichsständen" in einem
höchsten Dekrete versprochen. Daß ein solches Versprechen dem Lande wird
gehalten werden, ist unbezweifelt, nur soll die gegenwärtige Zeit dazu so
ungeschickt sein. Man zögert, man weist die Bitten der Provinzia1stände
um endliche Gewährung zurück; man will nicht, daß es den Anschein habe,
als gäbe Furcht dem Drohenden, was Liebe dem Hoffenden schenken wird. Von
dem dereinstigen Thronfolger ist allgemein die Ansicht verbreitet, er
werde dem väterlichen Versprechen nicht treu bleiben, sondern sich ihm
durch irgendeinen Gewaltstreich entziehen. Welche Annahme! Der Wille
seines Vaters wird ihm heilig sein, durch seine Befolgung wird er ihn zu
ehren wissen. Noch mehr! Sein erster Regierungsakt dürfte die Verfassung
werden, aber damit zugleich ein Fehdehandschuh, dem ganzen zivilisierten
Europa hingeworfen.
Die Doktrin unterscheidet zwei Ansichten über den Staat. Nach einer ist
er ein Kunstwerk, nach der andern ein Naturprodukt. Näher bezeichnet sich
dieser Gegensatz als politischer Mechanismus und Organismus. Es ist eine
durchaus falsche Konsequenz, wenn man jenen zu einem notwendigen Eigentum
des Liberalismus, diesen zu dem der entgegengesetzten Ansicht machen
will. Die europäischen Staaten bieten Beispiele für die eine Ansicht so
gut, wie für die andere. England, Frankreich, Spanien, selbst Rußland
haben sich auf dem naturgemäßesten Wege entwickelt. Ihre politischen
Institutionen sind nicht nur auf den Geist ihres Volkes berechnet,
sondern auch durch diesen hervorgerufen. Deutschland bietet größtenteils
das Gegenteil dar. Hier, wo man sich so sehr gewöhnt hat, immer auf die
Eigentümlichkeit der Bewohner zu zeigen, wo man gern von Geistern der
Vergangenheit spricht, die in die Gegenwart hineinragen, und noch immer
nicht müde wird, Analogien zwischen sonst und jetzt aus unserm Gemüte,
unsrer Geschichte zu suchen, hier ist gerade im Politischen ein toter
Mechanismus aufgekommen. Wir haben ein Württemberg ohne Württemberger,
ein Baden ohne Badener, ein Weimar ohne Weimarer, ein Hannover ohne
Hannoveraner aus dem einfachen Grunde, weil wir umgekehrt wohl Deutsche,
aber kein Deutschland haben. Preußen ist am meisten von der Geschichte
ironisiert worden: Es repräsentiert den Zufall, das, was ist und auch
nicht ist. Hegel kann den Anfang seines Systems statt in das abstrakte
Sein auch in Preußen setzen, das Ende hat er auch wirklich darein
gesetzt. Ja, diese Ironie wird durch die preußischen Doktrinäre in
lebendiger Anschauung erhalten. Sie reden nach Preußen von keinem Staate
lieber als von England, aus demselben Grunde, warum sie Nordamerika am
meisten hassen. Dort sehen sie die Menschen gleichsam wie Naturerzeugnisse
sich gestalten. (In der Tat haben die Sachsen die Sage, sie wären auf den
Bäumen gewachsen.) Dort entwickelt sich ein Keim aus dem andern: Da ist
nichts Fremdartiges, nichts Neues in den alten Gang hineingetragen:
Selbst die Reformation hat da englisiert werden müssen. Wer bewundert
nicht diesen Vorzug der englischen Geschichte? Wer hat es nicht beklagt,
daß Deutschland, das Mutterland, nicht diesen selben Weg der Entwicklung
einschlagen konnte? Und doch--in Preußen ist jetzt Ähnliches entdeckt.
Die Doktrinäre klagen hier Friedrich II. an, daß er in die Regierung
seines Landes ein System gebracht habe, das die Verwandtschaft mit der
einseitigen Aufklärung seiner Zeit nicht verleugnen könne; daß er den
Adel des Verdienstes höher stellte, als den der Geburt; daß er ein
Gesetzbuch gegründet habe, was mit den Lehren eines Haller und Bonald in
zu grellem Widerspruche liege. Preußen sei berufen, die historischen
Interessen zu vertreten. Es gäbe keinen Fortschritt, als einen durch
frühere Zustände bedingten. Nicht in dem Willen der leicht erregten
Masse, noch weniger in den Deklamationen der heutigen Wortführer und
Tageshelden liege das Gesetz der Vernunft, sondern wir seien die
Leibeigenen der Vernunft, seien ihr untertan. Weil sich nun diese
Vernunft in dem offenbart, was die Geschichte bringt, so müßten wir uns
auch andächtig vor der Macht des Positiven beugen. Das sind die
Zauberformeln, mit denen man in Preußen die Jugend alt macht und das Alte
("Alles Hohe und Edle der Vergangenheit!" ein bekannter auf Marienburg
ausgebrachter Toast) wieder verjüngt. Auf solche sogenannte historische
Bedingungen wird die Verfassung des Landes begründet sein.
Der Grundcharakter des germanischen Staatslebens ist die Repräsentation.
Bei unsern Vorfahren wurde keine Gewalt anerkannt, die nicht ein
förmlicher Vertrag als Recht festgestellt hatte. Was der eine dem andern
zu leisten schuldete, war die Folge einer gegenseitigen Übereinkunft. Die
Zeit der Reformation machte diesem Verhältnisse ein Ende. Die Einführung
des römischen Rechts, die mit dem erwachenden wissenschaftlichen Streben
zusammenhing, zerstörte im Volke sein ursprüngliches Rechtsbewußtsein.
Das Recht wurde Sache der Gelehrsamkeit, und diese konnte nur unter dem
Schutze vermögender Fürsten gedeihen. Die religiöse Anregung band die
Gemüter nur noch insofern an die Ereignisse im weltlichen Gebiete, als
sie jener förderlich oder hinderlich waren. Fürsten und Bürger hatten
dasselbe Interesse, sich gegen die Anmaßungen des Adels sicher zu
stellen. Daraus bildete sich endlich der Begriff der fürstlichen
Souveränität. Aus fürstlichen Bedienten wurden Beamte des Staats. An die
Stelle der Landtage traten Verwaltungen. Aus Rezessen und Abschieden
wurden Kabinettsbefehle. Gegen diese moderne Ausbildung der Souveränität
reagiert unsre Zeit in zwiefacher Weise, als Revolution und Restauration.
Beide kehren sich gegen das Bestehende, beide berufen sich auf die
Geschichte, beide auf die Lehre. Aber die eine spricht von einer
Vertretung der Intelligenz, die andere von der der Interessen. Jene hat
eine Macht gewonnen, die öffentliche Meinung; diese wird in Preußens
nächster Zukunft mit Entschiedenheit auftreten; auch sie hat eine Macht,
die Gewalt. Haben wir aber Grund, zu fürchten? Ist es nicht der alte
Kampf der Demokratie und Aristokratie?
Es wird erlaubt sein, sich die Wege anzusehen, die die Verfasser der
preußischen Konstitution einschlagen mögen. Die gegenwärtigen
Provinzia1stände müssen die Grundlage derselben bilden. Man rühmt die
Liberalität dieses Instituts und preist die Gleichstellung der drei
Stände, des Adel-, Bürger- und Bauern-, d.h. freien Grundbesitzerstandes.
Woher aber das entschiedene Übergewicht der Aristokratie in den
Versammlungen? Welche Forderungen hat sie an die Regierungen gerichtet!
Verjährte Rechte nimmt sie in Anspruch, Domstifte und deren Pfründen,
unverhältnismäßigen Erlaß der Steuern u. dgl. Spricht man in diesem Sinne
von einer Beachtung historischer Bedingungen bei den künftigen
Reichsständen, so kann man nur wünschen, diese nie ins Leben treten zu
sehen. Der Bauernstand ist ungebildet und gibt daher seine Rechte den
adeligen Grundbesitzern. Auch die Städter können an Bildung z.B. mit den
Bürgern süddeutscher Städte nicht wetteifern und die sie zum Landtage
schicken, sind meist städtische Beamte, von der Regierung bestätigt, also
mittelbar Regierungsbeamte. Wollten sie auch eine Opposition bilden, so
sind sie gegen den Adel in der Minorität und der Regierung gegenüber zu
schwach, wie die Landstände am Rhein und in Westfalen bewiesen haben.
Die mittelalterlichen Stände haben ihre Freiheiten und Privilegien
vertreten. Solche besitzen die preußischen nicht oder sollen sie ihnen
noch erteilt werden? Sollen die Zünfte wieder eingeführt werden? Wollen
die preußischen Könige wieder Schutzbriefe ausstellen und Urkunden auf
ewige Zeiten? Auch ihre Beutel haben die alten Stände vertreten. Aber
unsere Zeit verlangt eine Vertretung des Nationalvermögens, nicht des
zufälligen Gutes, das der einzelne Stand besitzt. Eine Wiederherstellung
jenes alten Zustandes wäre ein vol1ständiger Umsturz des herrschenden
Finanzsystems, das ohne eignes Verderben nicht aufgeopfert werden kann.
Es ist wahr, daß die Fürsten in den Besitz der meisten Steuern nur durch
ein Unrecht gekommen sind. Denn wenn ihnen die Stände bei dringenden
Gelegenheiten statt Geld die Erlaubnis gaben, auf fünf oder zehn Jahre
Schlacht- oder Mahl- oder Tranksteuer zu erheben, so war diese Erlaubnis
immer nur momentan, und erst der später ausgebildete Begriff der
Souveränität nahm nach göttlichem Rechte von dem ewigen Besitz, was ihm
menschliches nur auf eine bestimmte Zeit zugesagt hatte. Aber jetzt ist
den Ständen mit der Zurückgabe ihres alten Rechts sehr wenig mehr
gedient, weil sie wohl wissen, daß jene verhaßten Abgaben ihnen weniger
bereitwillig würden gegeben werden, als der Regierung. Ehemals zahlten
auch die Ritter nichts. Soll nun jetzt ein moderner Raubadel, der ohne
offnen Angriff auf eine feine Weise plündert, wieder organisiert werden?
Soll die Litanei des armen Landvolkes wieder sein, der liebe Herrgott
möge es behüten vor den Köckeritz und Lüderitz und vor den Kracht und
Itzenplitz? Auch die Prälaten fanden sich auf den Landtagen ein, aber nur
um Geld zu verzehren, keines zu geben. Die Geistlichkeit ist jetzt kein
Stand mehr, obschon man in Preußen Bischöfe und Erzbischöfe nach
englischem Muster angeordnet findet. Die Geistlichkeit vertrat früher die
Rechte ihrer Präbenden, solche hat sie aber nicht mehr: Sie vertrat das
Interesse der Kirche, und wenn irgendwo durch die Bemühungen der
Regierung die Meinung, daß die Kirche in dem Staat aufgehe, verbreitet
ist, so ist es in Preußen. Die Bauern wurden gar nicht vertreten, jetzt
sind sie es aber als freie Grundbesitzer. Soll ihnen ihr Recht wieder
genommen werden? Sollen Ritter, Städte und Geistliche die heilige
Dreizahl bilden? Die preußischen Bauernaufstände gegen den Adel und
Herzog Albrecht werden die Gesetzgeber vorsichtiger machen. Überall mag
man nach historischen Anfängen einer den gegenwärtigen Zeitforderungen
nur einigermaßen genügenden Repräsentation forschen, im Preußischen
finden sich solche am wenigsten. Die brandenburgischen Markgrafen und
pommerschen Herzöge sind eigentlich nur zu den Städten ihrer Territorien
in ständischen Beziehungen gewesen und zwar in einer Art, die jetzt nicht
mehr denkbar ist. Sie waren die ärmsten Fürsten und die schwächsten
zugleich. Nackt und bloß, mußten die Städte sie bekleiden, hungernd, von
ihnen gesättigt werden. Die märkischen Städte waren Republiken mit
vol1ständigem Gemeinwesen. Da sie ihren Ursprung auf Kolonisation
zurückführten, sich selbst konstituierten und Gesetze gaben, so waren es
nicht einmal Privilegien, die ihnen die Fürsten garantierten, sondern was
sie ihnen gaben war Dank und Entschädigung für den Schutz, den ihnen die
Markgrafen, ursprünglich eine militärische Behörde, angedeihen ließen.
Noch anders war die Lage Preußens. Ein fast ganz unabhängiger Städtebund,
blühend durch Handel und Gewerbe, stand hier dem deutschen Ordenskapitel
zur Seite, noch öfter gegenüber. Hier machte der Landadel mit den
mächtigen Städten Danzig, Thorn, Elbing, Kulm, Königsberg gemeinschaftliche
Sache, und die deutschen Ritter, die als Herren des Landes gelten wollten,
verloren ihr Ansehen und ihre Macht immer mehr und zuletzt auch gegen
Polen ihre und des Landes Selbständigkeit. Alle diese Verhältnisse hat
die Zeit anders gestaltet. Sie wieder herzustellen, ist unmöglich. Jede
Annäherung an sie ist eine Halbheit, weil ein Zustand damals den andern
bedingte. Endlich fehlen auch in den neu erworbenen Teilen der preußischen
Monarchie in Sitte und Leben überall die Anklänge der Vergangenheit. Die
Rheinprovinzen und Westfalen sind nicht nur in neuerer Zeit einem ewigen
Wechsel von gesellschaftlichen und rechtlichen Formen unterworfen gewesen,
sondern selbst in jener Zeit, die man neu beleben will, waren gerade diese
Gegenden ein Schauplatz der unsäglichsten Verwirrungen, in denen sich
nichts Altes rein und ursprünglich erhalten konnte. Man denke an die
Stürme, die jene Gegenden am Niederrhein, die Länder Jülich, Cleve, Berg
erschüttert haben! Neben den politischen Umwälzungen, die sich hier ohne
Aufhören folgten, haben auch die kirchlichen und reformatorischen Zwistig-
keiten diese Länder so zerrissen, daß an eine Wiedergeburt hier nur durch
Animpfung einer neuen Bildung zu denken ist.
Vielleicht sind aber die historischen Bedingungen in einem andern Sinne
verstanden worden. Man wird keine Landschaft errichten, sondern wiederum
nach englischem Vorbilde ein Parlament mit zwei Kammern und dazu eine
dreifache Initiative. Die zweite Kammer würde dann die materiellen,
vielleicht auch intelligenten Kräfte vertreten, die erste aber das Ewige,
das Unveränderliche, das Unvergeßliche oder was weiß ich. Man denkt an
eine preußische Pairie mit dem Rechte der Erblichkeit. Ich erschrecke vor
den Männern, die in ihr sitzen werden, vor den Urteilen, die sie fällen
wird. Welche Theorien werden hier zum Vorscheine kommen! Während in der
zweiten Kammer die Aristokratie des Geldes herrscht, prangt in der ersten
die Aristokratie der Geburt im Vereine mit der der Doktrin. Wenn dann
einmal, etwa bei einer Verhandlung über die Erblichkeit, Friedrich der
Große in die Sitzung träte und anhörte, wie z.B. die neuliche Erklärung
der "Staatszeitung", nicht jedem sei es gegeben, die Majestät des
Königtums zu begreifen, interpretiert wird, könnte er noch glauben, in
der Hauptstadt eines von ihm gegründeten Staates zu sein?
Wir gehören nicht zu jenen Toren, die die ehrwürdigen Trümmer früherer
Zeiten zum Gegenstand ihres salzlosen Spottes machen. Wir bewundern die
Vergangenheit, aber wir lassen sie in ihren Gräbern, da auch unsre Zeit
einen so schönen Frühling von neuen Ideen und Hoffnungen keimen läßt. O
wir fürchten den Kampf mit jenen vornehmen Meinungen nicht, die sich in
Preußen so gern mit Purpurmantel, Krone und Szepter bekleiden! Unsre Zeit
zittert vor keinem Gedanken mehr. Schon viele Rätsel hat sie gelöst und
auch jene nordischen Mysterien werden ihr nicht verborgen bleiben. Das
ist aber das Herrliche dieser Zeit, daß, wer die Ansicht widerlegt, auch
die Macht überwunden hat, die sie verteidigen wollte. Wenn ein Ödipus
kommt, stürzt sich die Sphinx in den Abgrund.