Cholera in Berlin (1831)

... Im gegenwärtigen Augenblick beschäftigt uns am meisten die seit dem

ersten d. M. hier wirklich angekommene Cholera: Auf der Frankfurter

Journalière erwartet und auf die Kontumazanstalt verwiesen, hat sie einen

anderen Weg genommen, durch den Finowkanal. Die näheren Umstände des

ersten Cholerafalles sind in der Tat tragikomisch, der Schluß fast

balladenartig. An die Möglichkeit, daß die Cholera nach Charlottenburg

(eine halbe Meile von Berlin) käme, hatte man nicht gedacht, der Hof

hatte sich im dortigen Schlosse absperren wollen und eine Anzahl

Proviantwagen war schon dahin abgegangen. Da erscholl plötzlich von

dorther die Kunde von einem an der Cholera gestorbenen Schiffer.

Polizeibeamte und die wachslinnenen, steifen Harnischmänner, die zur

Wartung der Cholerakranken eigens errichtete Garde, eilen hinaus und in

dem stolzen Bewußtsein, im Kampfe die ersten zu sein, tun sie sich ein

wenig zu Gute. Der Tote wird eingesargt, und des Nachts sollen ihn die

Wärter auf einem Kahne vom Schiffe abholen; doch am andern Morgen erfuhr

man, daß bis auf einen ans Ufer getriebenen Mann alle untergegangen, und

die Fischer bei Spandau einen Sarg im Netze gefangen hatten. Da nun

dieser mit der Spree in Berührung gekommen ist, will man weder Fische

noch Krebse essen. Jene Proviantwagen sind auch wieder zurückgekehrt, und

soviel man weiß, wird sich der König auf die Pfaueninsel bei Potsdam

begeben.

Der erste Erkrankungsfall in Berlin selbst war der eines Schiffers,

gerade in der Mitte der Stadt. Bis jetzt sollen 29 erkrankt und 21

gestorben sein. Man klagt über die Mutlosigkeit und Unbeholfenheit der

hiesigen Ärzte: Wir hatten gehofft, erfahrene Männer aus den infizierten

Gegenden hieher gezogen zu sehen; doch ist von einer solchen Sorgfalt

noch nichts bekannt geworden. Die öffentliche Stimmung ist bis jetzt noch

so ziemlich gemäßigt, doch sind Vergnügungsörter gegenwärtig weniger

besucht, und das Raffen nach Präservativen, Leibbinden, Harzpflastern ist

allgemein; Dienstboten werden entlassen, manche Nahrungszweige stocken

gänzlich. Es lassen sich die Folgen des kommenden Elends noch nicht

berechnen.

Berlin — Panorama einer Weltstadt · 第 6 / 48 题