Aber sie konnte lange warten. Einstweilen würde sie sich schon mit
ihrem Alten begnügen müssen.
11
So ging auch dieser Sommer zu Ende, und Franz Felder war fast froh
darüber. Viele neue Ehren hatte er ihm gebracht, keine neuen, keine
reinen Freuden mehr.
Alles war anders geworden gegen den vorigen. Ein kurzes Jahr, und
welche Veränderungen!--
Getrennt von seinen alten Freunden, fremd und unheimisch unter den
neuen; nicht mehr dumpf in den engen Bezirk eines abgeschlossenen
Lebens gebannt, sondern beunruhigt durch Einblicke in die
Lebensführung anderer Kreise, erworben auf weiten und
abwechslungsreichen Reisen beim Streifen weiterer Fernen; neben
unerhörten, nicht endenwollenden Siegen eine lächerliche, zwecklose,
einzig selbstverschuldete Niederlage--hatte er Gefühle von
Bitterkeit, Groll und wiederum gesättigter Rache kennen gelernt, die
der schlichten, frohen Unbekümmertheit seiner Jugend bisher völlig
fremd gewesen waren.
Er hatte die höchste Höhe erreicht. Keine bewundernden Augen folgten
seinem Aufstieg mehr.
Er stand oben, ganz allein, wie er es gewollt. Nun ging es in
schwindelnder Höhe von Grat zu Grat, und wer ihm nachsah bei seiner
hastigen Wanderung von Sieg zu Sieg, ohne Ausruhen, ohne Freude mehr,
der konnte sich eines bangen Gefühles für ihn nicht erwehren.
Eines Tages würde er fallen in den Abgrund der Vergessenheit.
Felder selbst wußte es. Aber wie der tollkühne Wagehals, der in
atemloser Hast von Gipfel zu Gipfel eilt und keinen Blick rückwärts
mehr in die Tiefe zu tun wagt, weil er fürchtet, der Schwindel könne
ihn ergreifen und niederreißen, so wollte auch er nicht mehr daran
denken, woher er gekommen war, und nicht wissen, wohin er ging.
Statt in ruhiger Wahl sich die schönsten der Früchte von dem Baume zu
pflücken und sie zu genießen, rüttelte er in unersättlicher Begierde
an ihm und ließ sie zur Erde fallen, ohne sich kaum noch die Mühe zu
geben, sie zu zählen.
Die stille Wut des Gehetzten überfiel ihn zuweilen, von dem man das
Unmögliche verlangt und der doch über seine eigene Kraft nicht hinaus
kann.
Und doch war er es ganz allein, der sich unaufhörlich antrieb mit den
quälenden Zurufen seines Innern: "Weiter!--weiter!--Immer weiter!--
Nur kein Stillstehen! "...
Er schwamm nicht mehr, wie bisher.
Er hatte keine Achtung mehr vor seiner eigenen Kunst, weil sie ihm
nicht mehr die höchste Freude war.
Wie er angefangen, in seinen Gegnern seine Feinde zu sehen, so sah er
einen Feind jetzt auch in seinem Wasser.
Nie tummelte er sich mehr in ihm, wie als Knabe im kindlichen Spiel;
nie rang er mehr mit ihm, um die Kraft des Jünglings in ehrenvollem
Kampfe mit dem Gegner zu messen.
Das Wasser war sein _Feind_ geworden. Er kämpfte mit ihm auf Tod und
Leben--um sein Leben!
Und er behandelte es, wie einen Feind. Er grüßte es nicht mehr mit
frohem, leuchtendem Blick, wenn er seine glitzernde Fläche sah. Er
koste es nicht mehr mit warmer Hand und hielt keine vertrauliche,
heimliche Zwiesprache mehr mit ihm.
Hastig kam er, griff beim Sprunge mit den Händen in die Flut, als
wolle er sie würgend bei der Gurgel packen, schlug und mißhandelte
sie, wenn sie ihn nicht schnell genug zum Ziele trug, und das Wasser
schien es zu fühlen.
Er bildete sich ein, es setze ihm seit einiger Zeit einen geheimen
Widerstand entgegen, als trüge es ihn nicht mehr so leicht wie bisher
zu seinen Zielen, und rasend vor Wut mißhandelte er es mit den
Fäusten, um es seinem Willen gefügig zu machen.
Und das Wasser murrte und grollte und schrie unter diesen ungewohnten
grausamen und rohen Schlägen, und bäumte sich auf, und ließ ihn doch
immer noch gewähren, weil es ihn vor allen so lange geliebt hatte und
immer noch liebte.
Aber Felder hörte die heimliche Warnung der vertrauten Stimme schon
nicht mehr.