Es kam alles anders, wie er es sich dachte.--

Der Morgen brachte die erste Enttäuschung.

Sie waren hinausgefahren nach dem Glashaus am Lehrter Bahnhof, er und

zwei seiner Sportsfreunde, hatten mit der Karte des Bildhauers

unbeanstandet Eintritt erhalten und drängten mit der festlich

gekleideten Menge--allem, was Berlin an geistigem Leben besaß--der

großen Eingangshalle zu. Sie fanden dort leicht, was sie suchten.

Denn um den "Springer" herum stand bereits ein dichter Haufen von

Menschen, alle ergriffen von der Schönheit und Kraft des Werkes, und

in der ersten Stunde bereits seinen Ruhm mit ihrer einstimmigen

Bewunderung besiegelnd.

Und es war ein herrliches Werk, das hier, fast in der Mitte der

großen Halle, in dem leuchtenden Weiß seines Marmors vor dem

sattgrünen Hintergrunde hoher Blattpflanzen stand:

Erst zum Sprunge sich anschickend, noch nicht ganz zu ihm bereit,

erhob sich die jugendliche Gestalt des "Springers" in vollendet

ebenmäßiger Schönheit leicht auf den Zehen empor, streckte wie

flehend die schlanken Arme in die Höhe, um dem Körper Schwung zu

verleihen, und hielt die Augen fest und entschlossen in die Ferne

gerichtet--gewiß des Gelingens, sicher des nahen Sieges... Über der

ganzen Gestalt aber lag zugleich bei aller Kraft eine solche Anmut,

eine solche Frische, daß man den kühlen Duft dieses vielleicht eben

erst dem Wasser entstiegenen Körpers zu spüren glaubte, der sich nun

zu neuem und schwierigerem Sprunge anschickte, und den das Trikot nur

wie ein dünner Schleier umschloß, hinter dessen zartem Gewebe jeder

Muskel, ja die Adern erkennbar hervorzutreten schienen; und obwohl

zum Teil mit diesem Schleier bekleidet, erschien auf den ersten Blick

der ganze Körper wie nackt, bis man die unsäglich feine Arbeit des

Meisters gewährte, für den die leichte Hülle kein Hindernis gewesen

war, das nackte Leben in seiner Wärme zu bilden.

--"Klassisch schön und doch von modernem Geiste beseelt"--"raffiniert

schlicht"--"einfach antik"--"wo kann er das Modell herhaben?"--"ein

Meisterwerk, ganz ohne Zweifel"--das waren die Ausdrücke, die mit

vielen anderen Namen und Vergleichen, von denen er nichts verstand,

Felders Ohren umschwirrten, als er sich mit seinen Begleitern näher

herangedrängt und nun fast vor der Statue stand. Er fühlte sich sehr

unbehaglich. Alles war ihm hier fremd. Selbst dieses Werk, sein

anderes Ich, das er doch so genau kannte, erschien ihm nicht mehr

dasselbe. War er das?--So trat er doch nicht auf das Brett, wenn er

sprang?

Er allein unter all den Anwesenden vielleicht stand der Schönheit des

eigenen Körpers verständnislos gegenüber, er und seine Freunde. Sie,

so sehr an den täglichen Anblick nackter Gestalten gewöhnt, hatten

nie über deren Schönheit und Häßlichkeit nachgedacht, und von der

Kunst, die hier zu ihnen redete, verstanden sie nichts. Felder selbst

war zum ersten Male in einer Kunstausstellung, und der Blick auf die

vielen anderen Marmorwerke in dieser hohen Halle, in die lange Flucht

der Säle, von deren Wänden herab die Farben unzähliger Gemälde

leuchteten, machte ihn wirr und beraubte ihn.

Zudem ärgerte er sich zu sehr, als daß er sich ruhig irgendeiner

Betrachtung hätte hingeben können. Er hatte sich diesen Morgen ganz

anders gedacht. Wie, das wußte er wohl selbst nicht, aber etwa so:

daß er mit dem Künstler vor der Statue stehen würde, aller Augen auf

sich gerichtet, als auf das Modell usw.... So aber geschah nichts

dergleichen. Kein Mensch kümmerte sich um ihn, man drückte und stieß

ihn von allen Seiten, und wenn ihn zufällig jemand ansah, so hatte er

das Bewußtsein, mit diesem Blicke gefragt zu werden: Was wollen Sie

denn hier?

Wie hätte aber auch irgend jemand in dem modisch gekleideten jungen

Mann mit dem hohen Hemdkragen und dem steifen Hut, der aussah wie ein

Kommis von Hertzog oder Wertheim, das Urbild dieses Hellenenjünglings

erkennen sollen, dessen Schönheit die Gedanken der Beschauer weit

zurückführte in die seligen Zeiten göttergleicher Menschen?

Unmutig forderte Felder seine Freunde zum Weitergehen auf; er wollte

versuchen, den Bildhauer und Dr. König zu finden. Die beiden anderen

waren gern bereit: der eine hatte Durst nach einem Frühschoppen, und

der andere fand auch, daß er eine solche Stellung bei einem Springer

noch nie gesehen habe.

Da--während sie sich hinausstießen--fühlte Felder plötzlich, wie er

angesehen wurde. Der starke Duft eines seltsamen Parfüms, den er

irgendwo und irgendwann schon einmal gespürt hatte, umwehte ihn, und

aufschauend, erblickte er dicht vor sich jene Dame aus dem Café, die

ihn den ganzen Abend so auffallend angesehen hatte und nun ihren

Blick mit demselben festen Ausdruck forschenden Interesses auf seinem

Gesicht ruhen ließ; wie an jenem Abend. Wieder war der alte Herr mit

ihr, und wieder trug sie ein Kleid von heller Seide und einen

auffallend großen Rembrandthut mit schwarzer Feder. Felder hatte kaum

Zeit, sich nach ihr umzusehen; im nächsten Augenblick schon war sie

weiter gegangen, und viele Menschen hatten sich zwischen sie und ihn

geschoben. Er hätte zurückkehren müssen, um sie wiederzufinden.

Er dachte noch an sie im Weitergehen, als er am Ausgang auf den

Bildhauer traf, der ebenfalls in einer dichten Menschenmenge stand.

Er machte sich sofort los und kam auf Felder zu, als er ihn sah, und

man ging durch den Garten in langem Zuge nach der Osteria. Dort wurde

nun Felder genug und von allen Seiten angesehen, als die Künstler

erfuhren, wer er war, aber er wurde nie das Gefühl los, daß alle

diese fremden Menschen in ihm nur das Modell sahen, und keine Ahnung

davon hatten, wer er eigentlich war... Nach Dr. König sah er sich

vergebens um; er war wohl noch in den Sälen oder überhaupt noch nicht

gekommen. Der Bildhauer, äußerlich borstig und wortkarg wie immer,

war doch durch seinen großen Erfolg erregt und mußte sich immer von

neuem frei machen, um ein paar Worte mit Felder zu sprechen. Dieser

wollte gerne wissen, ob sein Name auch im Katalog stünde. Nein, dort

stand nur "der Springer", meinte der Künstler lächelnd, anders ginge

es nicht, aber er wolle schon dafür sorgen, daß es in möglichst

vielen Zeitungen zu lesen sei, wer ihm Modell gestanden--darauf könne

sich Felder verlassen... "Und am Nachmittage komme ich zu _Ihrem_

Siege!"--sagte er noch, als Felder sich mit seinem Freunde

verabschiedete und, innerlich recht mißmutig, ging.--Dieser

Nachmittag!

Wieder einmal erglänzte die weite Halle der Wasserfreunde in dem

festlichen Schmuck der Fahnen und Fähnchen; wieder füllten ihre

Galerien bis auf den letzten Platz die dichten Reihen einer bunten

Zuschauermenge; wieder bot sie das bis in die Einzelheiten immer sich

gleichende, unveränderte Bild eines "Schwimmfestes"...

Und in eintöniger Gleichförmigkeit verlief Nummer um Nummer des

wiederum viel zu lang ausgesponnenen Programms. Das ganze Interesse

der engeren Kreise konzentrierte sich heute nicht auf die

Schwimmkonkurrenz--Felders Sieg war ganz sicher--sondern auf dessen

Beteiligung am Springen. Längst hatte sich über die Grenzen des S.-C.

B. 1879 hinaus herumgesprochen, wie gänzlich aussichtslos und

vermessen sie war, und überall, in allen Ecken, lauerte das süßeste

und reinste der menschlichen Gefühle, die Schadenfreude, auf seine

Gelegenheit.

Nur Felder sah und hörte nichts von allem. Still und ernst wie immer

stand er unter seinen Leuten, und seine Augen blickten so ruhig und

siegesgewiß wie immer.

Heute, heute war sein großer Tag, und kein Zweifel durfte in ihm

aufkommen; kein Zweifel der anderen das eigene, felsenfeste Vertrauen

stören. Er fühlte nur instinktiv die Feindseligkeit um sich herum an

der Art, wie man ihn allein ließ oder ihn dies oder jenes fragte. Was

kümmerten sie ihn?--Nach einer Stunde würde er sie besiegt haben, und

selbst die Widerstrebendsten lagen bezwungen zu seinen Füßen!...

Als er daher seinen Namen hörte und auf das Sprungbrett trat, um den

ersten der für den Mehrmeisterkampf vorgeschriebenen Sprünge zu tun,

hob er seinen Kopfhöher als je, sah zu der hohen Wölbung der schönen

Halle empor, und in seinen Augen lag (für niemand erkennbar) das alte

Leuchten, tiefer und siegesgewisser, als je zuvor.

Dann sprang er, und er sprang nicht schlecht. Ein Murmeln nur

begleitete sein Aussteigen aus dem Wasser--Erstaunen bei jenen unter

den Sportsgenossen, die ihn zum ersten Male springen sahen, halber

Beifall bei denen, die den Sprung an seinen eigenen Leistungen, die

sie seit einigen Wochen kannten, verglichen. Noch hatte die

Schadenfreude keinen Grund, sich zu äußern und wagte sich noch nicht

hervor. Weder besonders gut, aber ebenfalls nicht schlecht waren auch

die nächsten Sprünge. Jeder Kenner sah indessen, daß sie einfach nur

besser aussahen, als sie in Wirklichkeit waren, und daß Felder jede

Hoffnung auf einen Sieg hätte begraben müssen, wäre es auf dieses

Springen angekommen. So aber erledigte er nicht nur den zweiten Teil

des Mehrkampfs, das Schwimmen mit einer Bahnlänge von 150 Metern, in

seiner alten glänzenden Weise, so daß er hier die Höchstzahl der

überhaupt erreichbaren Punkte erlangte, sondern er stellte sich auch

im dritten Teile, dem Tauchen, ebenbürtig an die Seite seiner drei

Gegner, indem er, wie sie, alle zwanzig Teller hervorholte, und zwar

in einer Zeit, die sich nur unwesentlich von der ihren unterschied.

Keiner der Konkurrenten war vor Ablauf von 32 Sekunden aus dem Wasser

gestiegen, Felder 45 unter ihm geblieben. Die Teller hatten bei ihm

weit auseinander gelegen.

Der Mehrkampfpreis wurde daher trotz der im Springen erreichten

geringen Punktzahl--nicht vergleichbar mit der der anderen--von ihm

gewonnen. Seinem Verein fiel ein Ehrenpreis zu, ihm selbst ein

Andenken, und das eine der gesetzten Ziele war somit von ihm

erreicht: in seinen Lorbeerkranz ein neues Blatt geflochten. Der

Meister im Schwimmen nannte die erste Mehrkampfmeisterschaft sein!--

Aber das stille und erwartungsvolle Lächeln, das von den Gesichtern

so manches Kenners unter den Anwesenden nicht wich, zeigte, daß es

noch nicht aller Tage Abend war. Vor allem das Lächeln Grafenbergers.

Denn das Ereignis des Tages, das Hauptspringen, sollte erst noch

kommen. Und wenn Grafenberger so lächelte, dann hatte er seinen Grund

dazu.

Heute mehr als je. Denn dieses Hauptspringen, das als dritte

Konkurrenz nach der eben beendeten folgen sollte, hatte eine ganze,

vielbesprochene Geschichte in den letzten Wochen gezeitigt. Als

Felder brüsk und ungestüm seine plötzliche Meldung zu diesem

Hauptspringen im Klub äußerte, und als nach endlosen privaten und

internen Debatten die Furcht vor seiner Drohung die Schale zu seinen

Gunsten neigen ließ, da erklärte Grafenberger ebenso brüsk und mit

weit größerer Berechtigung natürlich: wenn sein Klub denn so

unverhofft einen so großen Springer in seinem bisherigen

Meisterschwimmer "entdeckt" habe und ihm denselben vorziehen wollte,

so möge er das doch tun, und da selbstverständlich jeder Klub nur

einen Konkurrenten zu den Kämpfen entsenden könne, so sei es doch das

beste und einfachste, wenn er, Grafenberger, aus- und in einen

anderen Verein eintrete. Dann könne er ja mit Leichtigkeit beweisen,

wie lächerlich eine solche Bevorzugung sei. So sehr traf jedes seiner

Worte den Nagel auf den Kopf, daß nur übrig blieb, dem Empörten

klarzumachen, wie es sich ja nur darum handele, Felder ad absurdum zu

führen, wie er, dem an dieser Beteiligung gar nichts gelegen sein

könne, ja gerade durch Felders unvermeidliche Niederlage nur seinen,

Grafenbergers, Ruhm als den des ersten Springers im S.-C. B. 1879

befestigen würde; und so sehr sah dieser selbst auch den Grund aller

Einwendungen ein, daß die Sache in aller Ruhe verlaufen wäre, wenn

nicht--wie immer bei solchen Gelegenheiten--so viel bisher

Unausgesprochenes zutage getreten wäre, was dann endlich doch

Grafenbergers Austritt zur unvermeidlichen Folge hatte. Er, eine weit

weniger ernste und vornehme Natur als Felder, hatte einen Ton

angeschlagen, den der Klub unter keinen Umständen dulden durfte, und

so war er gegangen von dort, wo niemand gegen seinen Willen gehalten

wurde.

Mit Jubel sofort in einen anderen, ebenfalls altangesehenen Verein,

in die "Privat-Schwimmgesellschaft von 1885", aufgenommen, noch in

letzter Stunde von ihm zu heute gemeldet, erwartete der berühmte

Springer nun im Kreise seiner neuen Klubgenossen das Hauptspringen

mit innerlichster Freude; und schärfer und klarer als er hatte keiner

Felders kümmerliche Sprünge beim Mehrkampf betrachtet und gewertet.

Vergebens suchte er dem Blick seines früheren Genossen zu begegnen,

mit dem er so manche Jahre Schulter an Schulter um die Ehre des Klubs

gekämpft, und dem er--wie oft nicht in denselben Stunden desselben

Tages--gemeinsam mit ihm zu den höchsten verholfen.

Felder sah ihn nicht. Nicht sein Lächeln; nicht die boshafte

Erwartung um sich her; nicht die ängstliche Sorge seiner wahren

Freunde, Nagels und anderer. Er sah überhaupt nichts mehr von allem,

was um ihn hervorging. Er fühlte nur die große Erwartung um sich

herum, und als Koepke, der äußerlich Aufgeregteste wieder unter

allen, ihm mit irgendeiner unnützen Frage zu nahe kam, wies er ihn

mit einem barschen Wort zur Ruhe.

Als das Hauptspringen endlich begann, trat die atemlose Spannung der

Stille ein, die allen Entscheidungen von Bedeutung vorausgeht, und

teilte sich unwillkürlich auch dem Gleichgültigen unter den

Zuschauern mit. Fünf Springer aus den ersten Berliner Klubs, unter

ihnen drei mit bekannten Namen, waren gemeldet. Wie sie ausgelost

waren, kamen sie an die Reihe. Felder hatte die vierte Nummer und die

weiße Kappe erhalten.

Er sah seine Vorgänger auf das Brett treten, er hörte die Stimme des

Starters, der Namen und Art des Sprunges verkündete, er sah die

Sprünge, er hörte das Wasser klatschen und rauschen, das Murmeln und

den Beifall der Zuschauer; er trat selbst hinter das Brett, sah vor

sich hin, vernahm die gleichmäßige ruhige und klare Stimme des

Starters neben sich, die rief: "Hechtsprung mit Anlegen der Arme und

Anlauf, ein Meter. Herr Franz Felder...", lief, sprang, tauchte unter

und wieder auf, ging hinaus und hinauf zu dem hohen Brett, stellte

sich auf seine äußerste Kante, hob den ganzen Körper auf den

Fußspitzen in die Höhe, sah gradeaus, hörte wieder die Stimme,

diesmal unter sich: "Doppelsalto, rücklings, sechs Meter,

derselbe...", sprang ab, drehte sich in der Luft um sich selbst,

fühlte den Anprall des Wassers wie glühendes Feuer, kam in die Hohe

und stieg hinaus--aber worauf er lauschte, die alten, ihm so

vertrauten Laute des Beifalls vernahm er nicht.

Stumm und ohne zu wissen, wie er gesprungen, mischte er sich unter

seine Freunde.

Nach den zwei vorgeschriebenen Pflichtsprüngen kamen die zwei

Pfostensprünge an die Reihe, die, an demselben Tage aus den

Schwierigkeitsgraden fünf und sechs ausgelost und jedem Bewerber vor

einer Stunde mitgeteilt worden waren.

Auf Felder waren gefallen:

Als erster ein Seitlingssprung mit 1/4-Drehung um die Längsachse

vorwärts, mit Hochheben beider Arme, bei einer Bretthöhe von drei

Metern: nicht allzuschwer gut auszuführen, und als zweiter ein

Schlußsprung mit ganzer Drehung um die Breitenachse, schwierig bei

genauer Durchführung und der Sechsmeter-Höhe des Brettes. Den ersten

machte er gut; daß ihm der zweite nicht so gelingen würde, wie er

mußte, war ihm seit einer Stunde bereits ganz klar, und er sprang ihn

infolgedessen völlig schlecht, so daß das Publikum zu lachen begann,

während es dieselben beiden Sprünge der anderen des öfteren mit

Beifall begleitete.

Felder sah und hörte noch immer nichts um sich her. Auch dieses

Lachen nicht. Nur ein Zwischenfall erregte die allgemeine und damit

auch seine Aufmerksamkeit. Als der Nachspringer Felders seine Sprünge

ausführte, erscholl von allen Seiten her, wahrscheinlich mit infolge

des vorhergegangenen, so augenscheinlich verunglückten Sprunges,

lauter Beifall. Die Pause zwischen den Sprüngen dauerte etwas länger

als sonst, und bevor der nächste, letzte Springer an die Reihe kam,

trat der Starter vorn auf das Sprungbrett und sprach mit erhobener

Stimme zu den Zuschauern gewendet: "Die Herren Schiedsrichter lassen

die verehrlichen Anwesenden, Damen und Herren, bitten, bei den

Sprüngen jedes Zeichen des Beifalls und des Mißfallens im Interesse

der Springer selbst zu unterlassen, und den Herren Richtern in keiner

Weise in ihrem Urteil vorzugreifen..."

Ein Zwischenfall solcher Art war eine Seltenheit und wurde daher

gebührend bemerkt. Einstweilen aber schwieg der ganze Raum, und der

dritte Teil des Hauptspringens, die beiden Kürspringe, begannen unter

allgemeiner Stille. Die "Kürspringe", vom Springer nach freier Wahl

"gekürt", bei denen er an keine Schwierigkeitsgrade und keine Art der

Ausführung gebunden ist, und somit nur die Kraft und Fähigkeit, die

er sich selbst zutraut, entscheidet, sind gewöhnlich lange vorher

eingeübte und in vollendeter Sicherheit ausgeführte Sprünge, die das

Können des Springers in hellstem Lichte zeigen. Da die Zuschauer

ihrem Beifall keinen Ausdruck mehr geben konnten, verliefen die

Sprünge der drei ersten Springer unter dem achtungsvollen Schweigen

des Publikums, bis Felder an die Reihe kam. Statt daß dieser--wie es

nach der ganzen Art und der Kürze der Zeit seines Trainings

eigentlich selbstverständlich gewesen wäre--sich zwei der weniger

komplizierten Sprünge ausgesucht, sie in guter Ausführung gezeigt und

damit wenigstens in ihnen die höchste Wertungszahl erreicht hätte,

erlaubte es ihm sein Ehrgeiz nicht, sein neuerworbenes, noch so

unsicheres Können anders, als in Sprüngen ersten Ranges zu zeigen,

und unter dem Kopfschütteln seiner Freunde, die indessen auf jede

Einmischung verzichteten, hatte er zwei Sprünge gewählt, die ihm hier

und da--wenigstens zur Zufriedenheit Koepkes--gelungen waren und die

er in seiner grenzenlosen Verblendung auch heute vor den Augen aller

ausführen zu dürfen glaubte. Kein anderer Klub hätte einem Mitgliede

jemals etwas Ähnliches erlaubt. Aber der seine war eben

übereingekommen, ihn gewähren zu lassen, und so kam, was

unausbleiblich kommen mußte, und wozu es keines Propheten bedurfte,

es vorherzusagen.

Gereizt, erregt und wie im Fieber verlor Felder bei diesen letzten

Sprüngen jede Ruhe und jede Besinnung. Er sprang, wie er geschwommen

hatte in den Augenblicken höchster Anstrengung, und vergaß

vollkommen, daß, was dort noch zum Siege führen kann, hier, wo es

einzig im gegebenen Moment auf Selbstbeherrschung und Ruhe ankommt,

unrettbar zur Niederlage werden muß.

Er sprang, wie er schwamm: wie er zweimal, dreimal--es war schon

lange her--geschwommen hatte, um den enteilenden Sieg noch zu

ergreifen--: mit dem Mut der Verzweiflung. Aber was er bot, das waren

schon keine regelrechten Sprünge mehr, das hatte überhaupt keine

Ähnlichkeit mehr mit den Aufgaben, die er selbst gewählt und sich

vorgeschrieben, das waren krampfhafte Verzerrungen des Körpers, ein

unschönes Sich-Überschlagen in der Luft ohne jede Haltung der Arme

mehr, die um sich griffen, wie um sich zu halten, und endlich ein

wüstes Aufklatschen auf die Oberfläche des Wassers...

Und während die Richter auf jede Wertung mit dem Niederlegen ihrer

Bleistifte überhaupt verzichteten, während sich auf den Gesichtern

der Umstehenden erst starres Erstaunen ob solcher, nie gesehener

Leistungen malte, das allmählich in offene Fröhlichkeit überging,

während Felders Freunde überlegten, ob sie ihn nicht lieber an dem

letzten der Sprünge hindern und der Blamage ein Ende machen sollten,

begann das Publikum, gereizt durch das Verbot des Beifalls, zu

lachen. Es lachte erst leise, dann ganz laut beim zweiten Sprunge,

und als Felder aus dem Wasser kam, da lachten selbst die Sportsleute

um ihn her, ja die eigenen Genossen, so komisch war der Kontrast

zwischen seiner siegesbewußten Miene und seinen kläglichen Leistungen

gewesen...

Felder hörte das Lachen, jetzt hörte und sah er es, und er wurde

totenblaß. Einen Augenblick schien es, als wolle er sich auf den

ersten besten der Nächststehenden stürzen, dann überzog eine dunkle

Röte sein Gesicht, und wortlos verließ er die Reihen, die sich noch

nicht beruhigen wollten, bis das nächste Rennen die Aufmerksamkeit

von dem beendeten abzog.

Eine furchtbare Wut kochte in Felder, als er allein in einer Ecke des

kleineren Damenschwimmbades, das heute als Auskleideraum für die

Beteiligten galt, saß. Man hatte es gewagt und ihn ausgelacht--ihn,

Franz Felder, den Meister Europas, ihn, ihn!--

Er ging auf und ab, auf und ab, aber er wurde nicht ruhiger. Er wurde

das Lachen aus seinen Ohren nicht los. Er würde es nie vergessen

können, das wußte er. Kein Beifall würde es jemals mehr ganz

übertönen können.

Alles, was er tun konnte, war, die erlittene Wunde so unter neuen

Lorbeeren zu verbergen, daß niemand sie mehr gewahren konnte.

Das aber wenigstens wollte er, und als er--nach einer halben Stunde--

geholt wurde und er zum letzten Male an diesem Tage an den Start

ging, nicht zum Springen mehr, sondern zum Hauptschwimmen über die

250 Meter, da waren die Nebel von seinen Augen gefallen, und mit

seinem alten, klaren Blick sah er alles um sich her, die Freunde und

die Feinde, und jetzt war er es, der lächelte.

Jetzt durfte er es allein, und wer es etwa noch wagen sollte außer

ihm, dem würde er das Lachen von den Lippen vertreiben!

Nicht wie sonst, ruhig, stet und überlegen seine Bahn

durchschneidend, nichts als das Ziel im Auge, nicht fair und vornehm,

wie man es an ihm gewöhnt war selbst in den schwierigsten Kämpfen,

sondern auf seine Gegner achtend, sie herankommen und voraufgehen

lassend, sie durch die eigene Ungleichmäßigkeit störend, um sie dann

zuletzt rücksichtslos, fast brutal zu schlagen, so schwamm er dieses

Rennen, und als er den Jubel über seine Waghalsigkeit und

Überlegenheit in seinen Ohren erklingen hörte, war er wieder ganz er

selbst. Nie vorher hatte er so geschwommen, und erwußte es. Er wußte

auch, daß er mit diesem Siege keinen Beifall unter seinen Freunden

finden würde. Aber das war es gerade, was er wollte. Sie hatten ihn

ausgelacht, das verzieh er ihnen nicht. Jetzt war ihm auch an ihrem

Beifall nichts mehr gelegen.

Wie er zum letztenmal für heute sich so die Leiter emporschwang, bis

zu der sich die erste Reihe der Zuschauer hinzog, da, wo die besten

Plätze nahe dem Start waren, die man durch Auflegen von Leinentüchern

gegen das Aufspritzen des Wassers zu schützen versucht hatte, war es

ihm wieder, als stiege der Duft eines seltsamen Parfüms, den er schon

einmal gespürt, zu ihm auf, und als er sich zur Seite wandte, sah er,

daß der erste dieser Plätze, die er beim Hinaussteigen fast streifte,

von der Dame besetzt war, die er an jenem Abend im Café und heute

morgen erst wieder gesehen hatte. Für eine Sekunde begegneten sich

ihre Blicke: sie hielt ihr Kleid mit der Hand zusammen, damit es

nicht naß werden sollte, und lächelte leise, wie heimlich mit ihm

triumphierend über seinen Sieg. Ein neuer Ausdruck schien in ihrem

Blicke zu liegen, etwa wie: wir kennen uns doch, nicht wahr?--Felder

war ganz verwirrt und wandte sich ab.

Als er angekleidet wieder in die Halle trat, galt sein erster Blick

dem Platze, wo sie gesessen. Aber er war leer, und die ihn

innegehabt, war nirgends mehr zu finden.--Was bedeutete das nun

wieder?--Wie kam sie hierher?--Und warum?--Warum nur?--Es war

seltsam, sehr seltsam.

Doch er hatte nicht lange Zeit, an den Vorfall zu denken. Zuviel

wogte noch in ihm, und immer von neuem kehrten seine Gedanken zu dem

unverhofften Verlauf des Tages zurück.

Erst der Morgen. Dann der Nachmittag. Und der Bildhauer und Dr. König

fielen ihm ein, die beide nicht gekommen oder schon wieder

fortgegangen waren, da sie ihm doch nicht Glück wünschen konnten.

Eines wie das andere--alles war umsonst gewesen!

Umsonst die zähe, eiserne Mühe langer Monate; umsonst die inneren,

bitteren Kämpfe und alles heiße Ringen; umsonst alle Kraft und Zeit,

die er an diese Sache gesetzt!

Deutlich hatte er heute die Grenze seiner Kraft erkannt, über die er

sich in unbegreiflicher Verblendung so sehr täuschen konnte.

Zum ersten und zum letzten Male in seinem Leben hatte er heute

öffentlich gesprungen. Nie würde er von jetzt an wieder einen Fuß auf

das Sprungbrett setzen. Sein Traum war zu Ende.--Er war ganz erwacht,

und er war sich ganz klar.

Aber nicht, daß er mit seinem Plan gescheitert war, sondern, daß er

sich lächerlich gemacht hatte--das war es, was Felder mit immer

tiefer sich einbohrender, innerlicher Wut gegen sich selbst und gegen

die andern erfüllte. Er war ausgelacht worden. Er--Franz Felder!--Und

er haßte sie alle, die es gewagt hatten!--

Aber er durfte jetzt nur noch den einzigen Gedanken haben, nicht zu

zeigen, wie sehr er sich ärgerte. Das beste war jetzt zu tun, als

habe er selbst das Ganze als einen im Grunde nur scherzhaft gemeinten

Versuch betrachtet, um zu beweisen, daß es möglich sei, in ganz

kurzer Zeit fast sämtliche möglichen Sprünge zu erlernen, auch ohne

jahrelange Übung.

Daher ging er nicht fort, wie er es am liebsten getan, sondern blieb

den ganzen Abend und die halbe Nacht unter seinen Kameraden, war so

lustig, wie es ihm überhaupt möglich war, nahm seinen ersten und auf

immer einzigen Mehrkampfpreis ebenso überlegen lächelnd und

gleichgültig entgegen, wie die Schwimmeisterschaft für Berlin für

dieses vierte Jahr, und brachte es sogar fertig, die Witze, die über

ihn als Springer gemacht wurden, anzuhören, ja, auf sie einzugehen.

Aber in ihm war etwas gebrochen an diesem Tage des großen

Enttäuschungen.

Er hatte geglaubt, daß ihm, der so vieles erreicht, nun alles möglich

sein müsse, woran er die Hand legte. Er hatte sich überzeugt, daß er

sich schmählich getaucht--daß es nur ein Gebiet gab, auf dem er

Meister war, und daß er nichts anderes zu tun hatte, als möglichst

lange Meister auf ihm zu bleiben: ob es ihm nun gefiel oder nicht!

Alles andere war ihm verschlossen.

Und eine Ahnung dämmerte ihm auf, wie eng der Kreis seiner Welt war.

Es gab andere, weitere Gebiete, von denen er nichts verstand, von

denen er nicht einmal wußte. Ewig unerreichbar für ihn.

Wohin nun aber sollte er mit dieser ungestillten Sehnsucht seiner

Wünsche, dieser begehrlichen Kraft, die nicht zufrieden war, wie ein

Zirkuspferd im Kreise herum zu trotten?--Wohin mit ihr?!--

Es war nur erst eine Ahnung, die ihm gekommen war mit dem heutigen

Tage. Aber schon begann sie ihn zu beunruhigen.

8

Alles ging wieder seinen alten Gang.

Äußerlich veränderte sich zunächst nichts im Leben des Vereins.

Die Springerei Felders betrachtete man als eine Laune, einen

verrückten Einfall, wert höchstens noch eines schlechten Witzes,

hätte man nicht seine unbeschreibliche Aufregung und plötzlich

hervorbrechende Wut gesehen, wenn jemand ihn gelegentlich zu machen

versuchte. So rührte man nicht mehr daran.

Innerlich aber war zwischen Franz Felder und seinem Klub ein Riß

entstanden, den keine Aussprache heilte und der sich fast täglich

mehr verschärfte.

Entstanden war er durch Felders eigenmächtige Handlungsweise. Wann

war es je dagewesen, daß das Mitglied eines Klubs auf eigene Faust zu

trainieren begann und daraus sogar vor seinen eigenen Klubbrüdern ein

Geheimnis machte?--Wenn man das wollte, brauchte man keinem Klub

anzugehören. Wäre es nicht Felder und zudem die Idee nicht gar so

absurd gewesen, so würde man ja der Sache noch auf andere Weise näher

getreten sein. So aber... Außerdem würde er wohl jetzt eingesehen

haben, was er davon gehabt hatte!...

Man sprach mit ihm nicht mehr darüber, aber Felder fühlte wohl,

wieviel an Unmut und Mißtrauen gegen ihn zurückgeblieben war.

Schlimmer aber war, daß er in den Zeitungen, die in diesen Wochen so

laut den Ruhm des Künstlers, der nach ihm seinen "Springer" gebildet,

verkündeten, als der "Meisterspringer von Europa" bezeichnet wurde.

Es war Felders ehrgeiziger Wunsch gewesen, daß sein Name genannt

werden sollte; und der Bildhauer, von Dankbarkeit gegen seinen

selbstlosen und treuen Helfer getrieben, hatte alles getan, was in

seinen Kräften stand, um ihn zu erfüllen. Daß dabei der Irrtum

unterlaufen war, war zwar nicht seine Schuld, da er wohl wußte, daß

Felder nur Schwimmer war, und da er ja selbst seinem verunglückten

Debüt als Springer beigewohnt hatte; aber immerhin entschuldbar bei

den Kunstschreibern, die wenig von solchen Unterschieden wußten und

sich beim Beschauen der Statue wohl gedacht haben mochten, daß der,

der als Springer dargestellt worden war, auch als solcher sich seinen

Meisternamen erworben haben müßte.

Wer Felder kannte, wußte, daß ihm am wenigsten an diesem Irrtum

irgendwelche Schuld beizumessen war. Er hätte sich lieber die Hand

abhauen lassen, als einen Erfolg für sich in Anspruch zu nehmen, den

er nicht voll verdient zu haben sich bewußt war.

Er war außer sich über das Versehen. Er ließ sich von dem Künstler--

noch einmal führ er zu diesem Zweck den langen Weg nach Wilmersdorf

hinaus und betrat das staubige, nüchterne Atelier wieder, in dem

bereits an einem neuen, großen Werk gearbeitet wurde--eine

schriftliche Erklärung geben, daß er sich ihm nie gegenüber als etwas

anderes ausgegeben habe, als was er wirklich war, und nahm zudem das

Versprechen mit sich, daß alles getan werden würde, um den

bedauerlichen Irrtum wieder gutzumachen. Das Papier stellte er zur

Verfügung des Klubs und dieser betrachtete natürlich die

Angelegenheit als seine eigene. Aber was half das alles! Felder hätte

keine Feinde haben müssen, so zahlreich wie seine Erfolge, als daß

das Versehen nicht gegen ihn ausgenützt worden wäre; und wenn man ihn

auch nicht öffentlich als den Urheber desselben bezeichnete, so gab

es doch genug Stimmen in den feindlichen Lagern, die der Behauptung

nicht widersprachen, daß er geduldet habe, was er so gerne als

Wirklichkeit gesehen hätte...

Für die immerwährenden Streitigkeiten und Eifersüchteleien zwischen

den Klubs war die ganze Sache Öl ins Feuer, und sie entbrannten zu

Beginn dieses Sommers öffentlich und heimlich heißer als je. Felder,

der so stolz darauf gewesen war, daß seine Person nie den Anlaß zu

irgend solchen gehässigen und die Sache schädigenden Fehden gegeben,

erlebte, daß sie und sein Name in sie hineingerissen wurden und fürs

erste überhaupt von ihnen nicht mehr zu trennen waren.

Immer wieder kehrte der Gedanke zurück, der an jenem Abend, als er,

äußerlich ruhig und lächelnd, aber innerlich aufs tiefste erbittert

über seine Niederlage, unter seinen Genossen saß und sich zum ersten

Male unter ihnen wieder fremd fühlte, zuerst in ihm aufgetaucht war:

der Gedanke des Austritts. Ein Austritt aus dem einen und der

Übergang in einen anderen Verein war nichts Außergewöhnliches. Es kam

alle Tage vor, daß Träger bekannter Namen aus irgendwelchen, oft ganz

geringfügigen Ursachen ihren angestammten Klub verließen und in einen

anderen übergingen, gewöhnlich eine Anzahl anderer Mitglieder mit

sich ziehend und nicht selten eine Spaltung herbeiführend, die die

Gründung eines neuen Vereins zur Folge hatte. Eine ganze Reihe der

wie Pilze aus der Erde schießenden Klubs war auf diese Weise

entstanden und hatte das Eingehen anderer, älterer, verursacht. Ja,

es geschah, daß manche die Gründung solcher neuen Vereins geradezu

als Sport betrachteten, und es war vorgekommen, daß Träger von Namen,

die zu den allerersten in der Schwimmerwelt zählten, im Laufe weniger

Jahre drei, vier Vereinen angehörten und sie ganz nach ihrem Belieben

wechselten.

Aber Felder konnte sich doch noch nicht mit dem Gedanken eines

Austritts vertraut machen. Es erschien ihm noch immer als etwas

Undenkbares, daß er den S.-C. B. 1879 verlassen sollte, mit dem er

verwachsen war mit jeder Faser, dem er die glücklichen Jahre seiner

Entwicklung verdankte, und den er durch seine Siege wieder zum ersten

und meistgenannten unter allen gemacht hatte.

Noch liebte er ihn und alles, was mit ihm zusammenhing. Noch konnte

er nicht von ihm lassen... Er wehrte sich gegen seine Gedanken.

Aber dann kam ein Tag, der gewissermaßen die Entscheidung über ihn

hinwegnahm.

Felder reiste nach Hamburg, um zum zweiten Male die Elbmeisterschaft

sich zu eigen zu machen.

Ein älteres Mitglied, ein Kaufmann, der gerade in Hamburg Geschäfte

hatte, schloß sich ihm an, und Felder konnte es nicht hindern, daß

während der Fahrt die Rede auf die Vorgänge und allen Klatsch und

Tratsch der letzten Zeit kam. So erführ er die Äußerung Nagels bei

Beratung seiner Meldung zum Springen: "daß er ihm eine Niederlage

wünsche, eine gründliche Niederlage"... Das Wort traf ihn wie ein

Schlag. Er ließ es sich zweimal wiederholen, ehe er es glaubte. Dann

wurde er ganz still.

Er sprach kaum ein Wort mehr an diesem Tage: nicht während der Fahrt,

nicht während der Begrüßung in Hamburg, nicht während des Festes...

Man glaubte dort, er müsse krank sein; aber man sah ihn schwimmen,

mit einer solchen verbissenen Wut und Kraft, daß die bloße Vermutung

lächerlich schien. Sofort nach seinem Siege--und was für ein Sieg war

es wieder!--ging er allein zum Bahnhof, ohne sich von einem Menschen

zu verabschieden, und fuhr mit dem Schnellzug nach Berlin zurück.

Er ging sofort in das Restaurant des Klublokals, wo er gewiß war,

seine Leute zu treffen. Er fand einige von ihnen beim Billard. Auch

Nagel. Er wartete, bis die Partie zu Ende war, ohne auf irgendwelche

Fragen Antwort zu geben.

Dann gingen er und sein alter Schwimmwart in das noch leere

Klubzimmer, und hier, in dem Räume, der die Spuren jeder Etappe in

Felders Laufbahn in irgendeinem Preisstück, von dem einfachsten bis

zu dem kostbarsten, aufwies, hier erfolgte die Auseinandersetzung

zwischen den alten Freunden.

Felder war maßlos erregt; Nagel blieb ruhig wie immer. Und nichts

reizte den anderen so sehr, wie diese kühle Ruhe.

--Ist es wahr, daß du mir eine Niederlage, eine _Niederlage_

gewünscht hast?--begann Felder, und die Antwort, die er bekam,

brachte ihn außer sich:

--Ich habe sie dir nicht gewünscht; aber ich habe gesagt, eine

gründliche Niederlage sei das einzige, was dich noch zur Besinnung

bringen könne...

--Er sei also nicht bei Besinnung?

--Er sei seit einem halben Jahre so völlig von Ehrgeiz und Ruhmsucht

verblendet, das er jede Direktive verloren habe und nach dem

Unmöglichen strebe.

Und nun sprach Nagel ruhig und lange, und wenn manches auch wahr war,

was er sagte, so war anderes doch auch einseitig und unverständig,

und alles war hart und scharf und unfreundlich. Felder hörte es bis

zum letzten Worte an.

Er möge sich doch nicht einbilden, setzte Nagel auseinander, daß man

die Wandlung in seinem Wesen nicht schon seit langem und mit immer

größerem Mißfallen beobachtet habe. Daß er der Entwicklung in dem

Ausbau des Klubs nie das nötige Interesse entgegengebracht habe,

darüber war man sich ja schon lange klar gewesen. Wann habe er sich

wohl jemals um den inneren Fortschritt des Vereins gekümmert?--Habe

er zum Beispiel jemals der Jugendabteilung in ihrer Ausbildung

geholfen?--Sei er auch nur ein einziges Mal einem der Jüngeren mit

Rat und Hilfe zu Seite gestanden?--Sei er nicht immer nur mit

Widerstreben an die Beteiligung bei dem Wasserpolo gegangen, und nur

dann, wenn es unumgänglich nötig gewesen war?--Habe er nicht noch

letzthin seine Beteiligung am Staffettenschwimmen aus reinem Hochmut

einfach abgelehnt?--Immer habe er nur an sich gedacht, schon als

kleiner Junge, immer nur an sich, und alles andere sei ihm schnuppe

gewesen. Auch mit den Kämpfen des Vereins um seine Existenz innerhalb

der Bewegung (damit meinte Nagel die Streitigkeiten mit anderen

Vereinen) habe er sich nie befaßt, sondern sei immer gleichgültig

und mürrisch nebenher gegangen, und wenn er sich in letzter Zeit

beteiligt habe, so sei es nur geschehen, um seine Person auch hier

in den Vordergrund zu drängen. Denn im Vordergrunde müsse er jetzt

natürlich überall stehen. Nicht zufrieden mit seinen unvergleichlichen

Erfolgen in Deutschland und im Auslande als Schwimmer, habe er dann

endlich sogar seine Hände nach den Lorbeeren anderer gestreckt und

sie an sich zu reißen versucht. Das sei ihm zwar nun nicht gelungen,

und darüber freue er sich, er, Nagel, der ihn immer gewarnt habe,

seinem Ehrgeiz allzusehr nachzugeben...

Denn wohin könne ihn dieser jetzt noch führen?--Höchstens noch zur

Spezialität, zum Berufsschwimmer. Dann aber sei es mit seiner

Entwickelung zu Ende, dann sei er kein Sportschwimmer mehr, sondern

nur noch eine Abnormität. Ein Professional, der seine Kunst für Geld

zeige. Aber es sei nie der Zweck des Klubs gewesen, dem anzugehören

sie beide die Ehre hatten, solche hors-concours-Größen heranzuzüchten;

sein Ziel und einziger Zweck sei die gedeihliche Pflege des

Schwimmsportes, und nichts anderes...

So redete Nagel, und er sprach noch in seiner weitschweifigen und

langsamen Art, als die anderen von ihrem Billard aus dem Nebenzimmer

und immer mehr Mitglieder, ältere und jüngere, hereinkamen, sich um

den Tisch setzten und gespannt zuhörten.

Leider war Brüning nicht unter ihnen, Brüning, der einzige, der mit

seiner Gemütlichkeit, Erfahrung und seiner Lebenskenntnis, mit seiner

Zuneigung für Felder und seiner allgemeinen Beliebtheit im Klub die

Sache noch hätte ins rechte Geleise bringen können. Er war nicht in

Berlin, sondern wieder einmal auf einer seiner plötzlichen Reisen.

Felder saß stumm und blaß da. Jedes der Worte Nagels ließ den Groll

und die Bitterkeit in seinem Herzen höher und höher steigen. Das war

ja alles falsch und unrecht, was er da vorbrachte, und jeden der

Vorwürfe wies er im Innern von sich, sowie er fiel. Er hätte sich

nicht um das Gedeihen des Klubs gekümmert, er, der nur für ihn, nur

in ihm all diese Jahre gelebt hatte?--Zwar mit der Jugendabteilung

hatte er sich wenig befaßt, das war richtig; aber er verstand nun

einmal nicht, Anordnungen zu geben und zu lehren. Er war doch nicht

der Schwimmwart. Aber war es nicht weit wichtiger gewesen, daß er

selbst in unermüdlichem Eifer sich ausgebildet hatte?--Wie hätte er

es denn sonst zum ersten Schwimmer der Welt bringen können? Wie hätte

er sich dankbarer erweisen können, als dadurch, daß er alle Erfolge

mit seinem Verein teilte und dessen halbvergessenen Namen wieder zu

Ehren brachte?--Er habe sich früher nicht an den Debatten beteiligt.

--Auch das sei wahr, aber diese kleinlichen Streitigkeiten ekelten

ihn nun einmal an. Dafür habe er geschwommen, geschwommen, siegreich

geschwommen!... War das nicht mehr wert, als alle Worte?--

So wies er innerlich jeden der Vorwürfe, einen nach dem anderen,

zurück, und nur auf den letzten: den des Ehrgeizes nach einem fremden

Ziele, fand er nicht die richtige Antwort, so daß er, als Nagel

endlich geendet und er blaß und verwirrt aufstand, um zu antworten,

fast alles vergessen hatte, was er, der Schwerfällige, dem

Redegewandten entgegnen wollte.

Er brach los, aber was er vorbrachte, waren nur unzusammenhängende

Worte und halbe Sätze. Er hatte nie verstanden, sich auszudrücken--

und auch in dieser Stunde, wo sein Herz so voll war, gingen seine

Augen nur unruhig von einem der bekannten Gesichter zum anderen, als

suchten sie bei ihnen Hilfe gegen diese unerhörten Beleidigungen und

Anklagen, bis sie auf der Statuette des Springers hafteten, die dicht

vor ihm auf dem Tische stand und die er in seiner Erregung erst jetzt

sah. Sie war heute gekommen, während er nach Hamburg gefahren war.

Der Bildhauer hatte seiner Dankbarkeit und Erkenntlichkeit für Felder

einen Ausdruck geben wollen, und da dieser so oft und mit solcher

Liebe von seinem Klub gesprochen, hatte er gedacht, ihm eine Freude

zu machen, wenn er diesem eine kleine Nachbildung seines inzwischen

so berühmt gewordenen Werkes für das Vereinszimmer stiftete... Nun

stand das wertvolle Geschenk auf dem Tische vor Felder.

Als dieser begriff, was es war, stockte er von neuem, und abermals

wallte ein mächtiger Groll in ihm auf. Immer und immer wiederholte er

ohne Zusammenhang das Wort von der Niederlage, und fast sinnlos vor

Zorn schrie er endlich, als er in keinem der Gesichter um sich her

auch nur eine Spur von Verständnis für seine Gefühle fand, über den

ganzen Tisch hinweg:

--Ja, Niederlagen wünscht ihr mir, aber meine Preise nehmt ihr gern!

Das hätte er nicht sagen dürfen, und er merkte es sofort an der

Stille, die diesen Worten folgte. Dann unterbrach sie eine scharfe,

höhnische Stimme vom Tischende her, die eines alten Gegners:

--Sogar von dem Meisterspringer...

Vor Felders Augen wurde es dunkel. Er wußte nicht mehr, was er tat.

Er griff nach der Statuette, zog sie so heftig zu sich heran, daß ein

Arm abbrach, faßte sie und schleuderte sie zu Boden, wo sie in

tausend Splitter zerbrach.

Ohne sich umzusehen, ging er hinaus. Niemand hielt ihn, niemand ging

ihm nach.

Als er im Torwege des Hauses an der Straße stand, fühlte er

plötzlich, daß seine Augen naß waren. Er sah nichts mehr und fuhr mit

dem Handrücken über sie hin. Dann merkte er, daß es Tränen waren. Er

wunderte sich.

Es war das erste und einzige Mal in seinem Leben, daß er weinte.

Dann lachte er laut auf, trotzig und verächtlich.

9

Koepke mußte den Brief aufsetzen, in dem Felder seinen Austritt

anmeldete. Kein Entwurf genügte dem im Innersten Gekränkten. Sogar

der übliche "Schwimmergruß" am Ende mußte fortbleiben und wurde durch

das steife "Hochachtend" ersetzt. Endlich entschied er sich für die

kürzeste Fassung. Trotzdem dauerten Vorbereitungen und Ausführung der

Abschrift fast eine Stunde.--Daß Koepke zugleich mit ihm austrat, war

ebenso selbstverständlich, wie nebensächlich.

Es war kaum bekannt geworden, daß Felder den S.-C. B. 1879 verlassen

wollte, als sich bereits mehrere der ersten Berliner Schwimmvereine

um seine Mitgliedschaft bewarben. Alle wären stolz darauf gewesen,

den Meisterschwimmer ihr eigen zu nennen. Aber Felder hatte bereits

entschieden, und es war mehr ein Zufall, als Absicht, der ihn den

Klub "Hecht" wählen ließ. Er traf eines Abends mit mehreren der ihm

gut bekannten Mitglieder zusammen, ein Wort gab das andere, und

Felder war sein Mitglied, ehe er sich dessen versah. Es war kein

besonders hervorragender, aber geachteter und strebsamer Verein, der

sich natürlich mit dem S.-C. B. 1879 in keiner Beziehung messen

konnte, aber doch auch nicht zu jenen kleinen Klubs gehörte, die

lediglich aus Vereinssimpelei entstanden waren und das Schwimmen nur

so nebenbei betrieben. Er setzte sich in seiner Herrenabteilung meist

aus kleinen Gewerbetreibenden und Beamten, in seinen jüngeren Leuten

aus deren Angehörigen und Bekannten zusammen und bildete

gewissermaßen eine große Familie.

Für Felder war die Art und Weise entscheidend, mit der man ihm

entgegenkam. Man betrachtete seinen Eintritt als hohe Ehre und nahm

die Gelegenheit sofort wahr, den Tag als Fest zu feiern, wie man

überhaupt in geselligen Zusammenkünften groß war.

Felder gebot von der ersten Stunde an unumschränkt in allem, was er

wollte und wünschte. Das war nun zwar niemals mehr, als Beteiligung

an jeder irgendwie bedeutsamen Schwimmkonkurrenz. Denn jetzt, wo er

sich endgültig auf dieses, sein Gebiet, beschränkte, war seine

Eifersucht, unumschränkt auf ihm zu herrschen, größer als je. Keiner

widersprach seinen Wünschen. Dafür erwartete man Wunderdinge von ihm,

als Geringstes einen ganz neuen Aufschwung des Klubs.

Der Anfang war vielverheißend. Man leerte die Kasse willig, um Felder

auf möglichst viele auswärtige Feste senden zu können, und freute

sich kindlich an den eroberten Preisen, mit denen man das noch recht

kahle Klubzimmer schmückte. So siegte er im Laufe der Sommermonate

nacheinander: im Schwimmen um die "Havelmeisterschaft", bei dem neben

ihm nur noch einer startete; in Magdeburg im Schwimmen um die

"Elbmeisterschaft", die er nun schon zweimal sein nannte; in dem

großen "Müggelseeschwimmen", einem heißen Kampfe; in Hannover, wo er

allein an den Start ging, und daneben in mehreren lokalen

Veranstaltungen der Berliner Klubs. Er unterlag eigentlich nur ein

einziges Mal, als er auf dem Gastschwimmen des "Triton" sich von dem

Favorit dieses Klubs im Brustschwimmen zu dessen eigenem Erstaunen

schlagen ließ.

Aber die Kämpfe dieses Jahres standen unter keinem günstigen Zeichen

und nicht auf der Höhe derer der Vorjahre. Die Europameisterschaft

wurde nicht in England ausgefochten, sondern in Wien. Als Felder im

August dort hinreiste, fand er weder von England, noch von Italien

Konkurrenten vor. England hatte, wie gewöhnlich, keine entsandt, und

der italienische Meister, mit dem er nun schon zweimal so erfolgreich

gerungen und der Stein und Bein geschworen, ihn beim dritten Male

unterzukriegen, war nicht erschienen. Er sei krank, hieß es...

Deutschland hatte überhaupt keinen geschickt außer ihm. Es

konnte nichts Besseres tun. Aber die Freude an der diesjährigen

Europameisterschaft war Felder getrübt. Er wäre nur zufrieden

gewesen, wenn er sie gegen die ersten Meister der Welt auch diesmal

hätte verteidigen können, vor allem gegen jenen australischen

Schwimmer, von dessen phänomenalen Leistungen die internationalen

Sportblätter so viel sprachen, dessen Rekord über die 1000-Meter-

Strecke den seinen um zwei Minuten übertraf und dessen Porträt

deshalb in der letzten Nummer des "Sport im Bilde" neben das seine

gestellt war. Aber der war nicht gekommen und auch nicht erwartet

worden... Er messe sich nur in Australien und England, hieß es.

Als Sieger kehrte er zurück, mit Jubel empfangen. Als Sieger ging er

auch aus dem diesjährigen großen Verbandsschwimmen in Charlottenburg

hervor, wo er einen doppelten Triumph davontrug. Denn hier führte er

zum ersten Male die neuen schwarz-gelben Farben gegen die blauweißen

ins Feld. Der S.-C. B. 1879 wagte es und hatte zum Schwimmen über

dreihundert Meter--wie früher ihn--ein Mitglied gemeldet. Felder

lachte, als er es hörte.--Gegen ihn!--Man wollte ihn ersetzen?--Man

sollte sich täuschen. Er wollte ihnen zeigen, was sie an ihm verloren

hatten. Und es machte ihm ein grausames Vergnügen, den früheren

Klubgenossen, mit dem er so manches Mal zusammen im Spiel geübt

hatte, noch neben sich liegen zu lassen, als die anderen drei

Konkurrenten schon längst hinter ihnen geblieben waren, ihm zu

erlauben, bis auf Körperlänge ans Ziel zu kommen, schon die Rufe zu

hören, die früher ihm gegolten, und ihn dann unter dem tosenden

Beifall der Schwarz-Gelben und aller Zuschauer um diese eine

Körperlänge zu schlagen, indem er mit seinem gefürchteten und

berühmten Anschlag ans Ziel ging...

An diesem Abend, als er neben diesem 300-Meter-Siege auch noch den

neu gestifteten "Kaiserpreis" für den "Hecht" erwarb und seine neuen

Genossen nicht genug tun konnten, ihm ihre Freude und Dankbarkeit zu

beweisen, während der S.-C. B. 1879 in corpore das Lokal der

Preisverteilung verließ, genoß er ganz das Gefühl der Genugtuung

gesättigter Rache.

Aber in nächster Zeit, in den langen Tagen und Wochen zwischen den

großen Festen, sonst stets so ausgefüllt durch ruhige Arbeit und

frohen Verkehr mit lieben Freunden, fühlte er mehr als je, was er in

diesem Sommer verloren. Keinen der beiden Schläge--die ersten, die er

in seinem Leben empfangen,--vermochte er zu verwinden: weder die

Niederlage im Springen, noch den Verlust seines Klubs. Der eine hatte

ihn noch trotziger und eifersüchtiger gemacht, obwohl sie ihn tief

verletzt; aber an dem anderen litt er. Es war eine Wunde, die sich

nicht schließen wollte.

Denn unter seinen neuen Genossen fühlte er sich fremd. Wie als Knabe

schon, war er auch jetzt noch nicht imstande, sich schnell an neue

Menschen anzuschließen und im Verkehr sich leicht zu geben. Das wurde

natürlich auf der anderen Seite ebenfalls empfunden und manche

Versuche vertraulicher Annäherung hörten von selbst auf.

Felder war nicht mehr zufrieden und glücklich. Noch standen seine

Siege ganz auf der Höhe derer vom Vorjahre. Er schwamm noch ebenso

tadellos, sein Stil war unanfechtbar, wie seine Siege, aber sie

machten nicht mehr dasselbe Aufsehen wie bisher. Man hatte sich an

sie gewöhnt und erwartete nichts anderes von ihm. Er selbst legte

ihnen nicht den Wert mehr bei, wie früher.--Manche sagten, eine

gewisse Gier und Rücksichtslosigkeit habe sich seiner bemächtigt, die

ihm früher nicht eigen gewesen sei.

Vielleicht täuschten sie sich, weil er nicht mehr so ruhig war, wie

sonst, nicht mehr mit derselben frohen Unbekümmertheit und Heiterkeit

an den Start ging. Aber in einem hatten sie recht: Felder war

wirklich ein anderer geworden. Er war nicht mehr zufrieden, nicht

mehr glücklich.

Außerdem beschlich ihn jetzt zuweilen ein ganz neues Gefühl, das er

nie vorher gekannt hatte: er fühlte sich einsam.

10

Es war nichts Besonderes, daß sich im Briefkasten des Klubs Sendungen

für Felder befanden. Glückwünsche, Einladungen zur Beteiligung an

Schwimmfesten, Anliegen aller Art, um Photographien, Lebenslauf und

Autograph kamen alle Woche, und es war nicht das erstemal, daß sich

unter all diesen geschäftlichen Dingen, die sämtlich von Koepke mit

rührender Sorgfalt und komischer Wichtigtuerei erledigt wurden, so

daß Felder nur seinen Namen unter die Antworten zu setzen brauchte--

es war nicht das erstemal, daß sich unter den Eingängen Schreiben von

zarter Hand befanden, auf die der Empfänger zwar nie reagierte und

die er meistens dem Gelächter seiner Freunde preisgab, Briefe, die

ihn aber doch dazu veranlaßt hatten, seine Korrespondenz erst selbst

durchzusehen, ehe er sie seinem getreuen Sekretär auslieferte. Eines

Abends wurde ihm nur ein Brief gegeben, und kaum hatte ihn Felder in

der Hand, als er wußte, von wem er kam. Er spürte einen schwachen,

unvergessenen Duft und schob ihn hastig in die Tasche. Sobald er

allein war, öffnete er ihn. Erst schien er ihm in einer fremden

Sprache geschrieben zu sein, so fremd und seltsam kamen ihm die

schlanken, eckigen Buchstaben vor. Dann entzifferte er ihn nach und

nach. Keine Anrede, keine Unterschrift. Was er las, waren nur diese

Zeilen:

"--Ich bitte Sie, mich zu besuchen. Ich weiß, Sie werden kommen.

Jeden Freitag abend um 8 Uhr wird man sie an der Ecke der Charlotten-

und Taubenstraße, der südwestlichen Ecke des Gendarmenmarkts, dort,

wo die Litfaßsäule steht, erwarten, um Sie zu mir zu führen. Ich

weiß, Sie werden kommen!..."

Felder war ganz verblüfft. Er nahm das Kuvert in die Hand: der Brief

war an ihn. Er trug die Adresse des S.-C. B. 1879 und war durch

dessen Schriftführer, wie schon so mancher andere, einfach an den

"Hecht" weitergesandt worden. Es war kein Zweifel möglich.

Und plötzlich, während er noch das Papier in der Hand hielt und nicht

wußte, was erdenken sollte, stieg von ihm wieder der starke, seltsame

Duft eines bestimmten Parfüms auf und mit ihm die hohe, schlanke

Gestalt in grauer Seide mit dem kühnen und festen Blick.

Das war sie, die ihn damals im Café so unverwandt angeblickt, die er

in der Kunstausstellung zum zweiten und an dem Nachmittag desselben

Tages--er biß die Zähne zusammen, wenn er an diesen Tag dachte--zum

dritten Male gesehen hatte, und dann nie wieder...

Sie mußte es sein, die dies schrieb. Es konnte niemand anders sein.

Der Brief war von ihr.

Aber was fiel dieser Person denn ein?--Das war ja der reine Wahnsinn,

einem so zu schreiben: ohne Anrede, ohne Namen und in diesem Ton!

Aber sie irrte sich, diese "Dame". Er war keiner von denen... Sie

konnte lange warten. Er zerknitterte das rauhe, englische Papier in

einen unförmlichen Klumpen und warf ihn fort. Dann bückte er sich,

las die Zeilen noch einmal und zerriß den Brief in lauter kleine

Stücke, die er fallen ließ.

Der Schwimmer · 第 19 / 41 题