1
Auch dieser Sommer war vorbei, und wieder war es zu kalt geworden, um
im Freien zu baden. Die offenen Sommeranstalten schlössen sich. Franz
Felder hatte seine Stelle aufgeben müssen, da im Geschäft nicht mehr
genug zu tun war, und suchte nun, nach einem gerührten Abschied von
Cäsar, dem treuen Gefährten so vieler schöner, heller Sommertage,
eine neue Stelle für den Winter. Einstweilen nahm er mit, was er
kriegen konnte.
So oft er konnte, ging er nun wieder in das große Volksbad, dessen
hohe, warme Halle sich das ganze Jahr über nur an den zweiten
Feiertagen schloß und immerweniger besucht wurde, je kälter es
draußen wurde.
Es war ja nicht dasselbe, sagte Franz zu sich, wie das Baden im
Freien. Aber es war doch wenigstens ein Wasser, in dem man schwimmen
konnte.
Als er sich eines Abends so mit seinen Kameraden im Bassin tummelte
und sie gerade in einer kleinen Race auf 50 Meter spielend geschlagen
hatte, kam ein Herr auf ihn zu, den er schon oft gesehen, und fragte
ihn, ob er denn nicht Lust habe, in einen Schwimmverein einzutreten.
Es war nicht das erstemal in letzter Zeit, daß an den Jungen diese
Frage gestellt wurde, und schon wollte er sagen, daß er einstweilen
noch etwas warten wolle, als er hörte, was der Herr weiter sagte:
--Sie müssen wissen, wir nehmen nicht jeden in unsere
Jugendabteilung, sondern nur Kräfte, von denen wir uns etwas für
unseren Verein versprechen.
Und plötzlich schoß es Franz durch den Kopf: der Herr gehörte ja zum
"Schwimmklub Berlin von 1879"--dem ältesten und angesehensten
Schwimmverein Berlins, dem so viele Meisterschaftsschwimmer
entstammten, der die großen Feste gab, und in den einzutreten
überhaupt eine Unmöglichkeit schien ... und noch etwas außer Atem und
ganz hochrot fragte er fast ungläubig:
--Schwimmklub Berlin von 1879?--
Der Herr lächelte.
--Jawohl. Sie wissen vielleicht, unsere Beiträge sind um etwas höher,
als in den anderen Vereinen, aber wir sind nicht rigoros in dieser
Beziehung, und der gute Wille zählt hier mit, wenn es einmal nicht so
geht. Übrigens haben Sie so viele andere Vorteile bei uns, besonders
wenn Sie viel baden, daß sich das schon machen lassen wird...
Als er sah, daß Franz noch immer nicht antwortete, lächelte er wieder
und machte eine Bewegung:
--Ich will Sie übrigens nicht überreden... Sie können sich die Sache
ja überlegen--
Aber da sagte Franz hastig, als könne ihm das unerwartete Glück
wieder entgehen:
--Nein, nein, ich will schon gern--
Der Herr zog sein Notizbuch hervor:
--Also, der Name...
--Franz Felder--
--Adresse?
--Berlin O, Münchebergerstraße 102, und etwas zögernder: --Hof--im
Keller--
Der andere schrieb alles auf. Dann reichte er ihm die Hand:
--Unsere Übungsstunden für die Jugendabteilung kennen Sie wohl?--
Jeden Dienstag und Freitag abends acht Uhr.
Franz nahm die dargebotene Hand, machte eine tiefe und respektvolle
Verbeugung, wie er sie vor seinem Pfarrer und seinem Rektor gemacht
hatte, sah, wie der Herr wegging, und fühlte zugleich einen
freundschaftlichen Rippenstoß in der Seite:
--Du, wat hat denn der von dir jewollt?
Er sah seine Freunde um sich und sagte nur von oben herab:
--Ich bin aufgefordert worden, dem "Schwimmklub Berlin 1879"
beizutreten, und ließ sie stehen.
Nun, da er es ausgesprochen hatte, glaubte er es selbst, und eine
unbändige Freude ergriff ihn.
O, er wollte Ehre einlegen!--Und die siebzig Pfennige Monatsbeitrag
wollte er schon aufbringen und so pünktlich zahlen, daß man ihm
deshalb nie einen Vorwurf machen sollte, wenn er auch einstweilen
noch nicht wußte, wie sie aufzutreiben waren.
Im Geiste sah er sich schon in dem blaugesäumten Trikot und der
Badehose, die in Blau die gestickten Anfangsbuchstaben und die Zahl
1879 trug, und er machte vom Sprungbrett einen Freudensprung, aber so
ungeschickt in seiner Aufregung, daß nur eine gewandte Wendung im
letzten Moment ihn davor bewahrte, flach aufzuschlagen.
Daran, daß es ihm nie als ein besonderes Vergnügen erschienen war,
einem Verein anzugehören, daß er den Zwang der Stunde, das Schwimmen-
Müssen um bestimmte Längen, dabei unter schärfster Aufsicht und
steter Kritik, daran, daß ihn das ganze Klubleben, soweit er es
kannte, mit einem Wort: das "offizielle Schwimmen" nie angezogen
hatte, an all dies dachte er nun nicht mehr. Sein Ehrgeiz war
angestachelt. Man hatte ihn bemerkt und so ausgezeichnet, ihn zur
Mitgliedschaft an dem ersten und ältesten Schwimmverein Berlins
aufzufordern.
Er gehörte von heute ab dem "Schwimmklub Berlin 1879" an, und allen,
die es hören wollten, und sehr vielen, die es nicht hören wollten,
erzählte er die ihm selbstunglaublich erscheinende Tatsache, tief
entrüstet über die Gleichgültigkeit, mit der sie allgemein
aufgenommen wurde.
2
Es gab kein jugendliches Mitglied des Vereins, das pünktlicher zu den
Übungsabenden gekommen wäre, keines, daß sich williger und begeisterter
jeder Anordnung an diesen Abenden gefügt hätte, als Franz Felder.
Man merkte es bald, und er erwarb sich manche Bekanntschaft im Klub
dadurch auch von solchen, die der Einführung von Mitgliedern,
und noch so verheißungsvollen, aus, wie sie es nannten, "anderen
Verkehrskreisen", fremd, ja feindlich gegenüberstanden. Bei fast
allen von ihnen erwarb sich der neue Ankömmling Achtung und Sympathie,
einmal wegen des leidenschaftlichen, fast komisch-weihevollen Ernstes,
mit der er die Sache betrieb, und dann wegen der Bescheidenheit und
Ehrlichkeit seines Wesens, das sich nie vordrängte. Man setzte bald
große Hoffnungen auf ihn und ließ ihn nicht aus den Augen.
Das nächste große Ereignis, das sein Eintritt in den Klub zur Folge
hafte, war eine Lehrstelle in einer großen mechanischen Werkstätte,
die ihm durch einen seiner neuen Sportfreunde dort verschafft wurde.
Er sollte gleich von Anfang an einen Wochenlohn erhalten und erhielt
die Zusicherung sorgfältiger und vollständiger Ausbildung. Da
unterdessen auch seine Brüder in besseren Stellungen waren und die
Einsegnung eines jüngeren bevorstand, trat er die Stelle an. Er blieb
bei seinen Eltern wohnen und der größte Teil seines wöchentlichen
Verdienstes wanderte nach wie vor in ihre Hände. Was er für sich
behielt, brauchte er dazu, um am Sonntag auf den Ausflügen mit seinen
Klubgenossen ein Glas Bier zu trinken, und für die ersten paar Mark,
die er erübrigte, schaffte er sich ein tadelloses Trikot an, eine
Sportmütze und das Klubabzeichen, ein kleines Schild, das auf dem
Rockaufschlag getragen wurde.
Er ging nun völlig auf im dem Leben des Vereins. Die Vergnügungen des
Klubs waren seine Erholungen, seine Arbeit die seine. Die
Sportkameraden waren seine Freunde, mit denen er alles teilte. Die
Arbeit des Tages in der Fabrik tat er, weil sie getan werden mußte,
und er tat sie gut und fleißig. Seine Familie sah er nur, wenn es
unbedingt nötig war, bei den unerläßlichen Geburtstags- und anderen
Feiern; mit den paar Freunden seiner Kinderzeit verkehrte er fast gar
nicht mehr.
Seine Dankbarkeit gegen seinen Klub wuchs allmählich ins Ungemessene.
Er konnte sie einstweilen nur durch völlige Hingabe beweisen. Aber
immer wieder schwur er sich selbst zu: seinem Klub Ehre zu machen in
jeder Beziehung, Ehre um jeden Preis. Er sollte keinen Unwürdigen in
ihm aufgenommen haben.
Er wußte, daß er über eine Kraft verfügte, die ihn vielleicht einmal
zu Siegen führen konnte, wenn er sie stählte und übte. Nicht für sich
wollte er diese Siege erringen, daran dachte er nicht. Doch er
träumte bereits im stillen davon, um den alten Namen des Vereins neue
Lorbeeren zu schlingen, die er selbst in heißem Kampfe erfechten
würde.
Er schwamm nicht mehr nur ausschließlich zu seinem Vergnügen, er
schwamm um ein Ziel, und begeisterter schwenkte keiner die
Sportmütze, lauter schrie keiner mit, wenn das "Gut Naß!--Hurra!
Hurra! Hurra!" erscholl, als Franz.
3
Seine Fortschritte waren rapide und setzten selbst seine neuen Lehrer
in Erstaunen. Bei all seinen Fähigkeiten und all seiner
unvergleichlichen Liebe zur Sache war es doch ein rohes Material, das
hier in Ausbildung genommen wurde.
Dieses jüngste Mitglied der Jugend-Abteilung--zu der die jungen Leute
meist aus der Knabenabteilung mit ihrem vierzehnten Jahr kamen und in
der sie etwa bis zu ihrem siebzehnten blieben--war bei seinem
Eintritt ein guter Schwimmer gewesen, aber sonst auch nichts. Stil
und Form bekam sein Schwimmen erst jetzt unter der steten und
strengen Bewachung an den Übungsabenden. Aber wie bald wurde die Form
schön und sein Stil sicher!--Nach ein paar Wochen schon war Felder
der anerkannt beste Schwimmer seiner Abteilung.
Auf dem internen Wettschwimmen des Klubs, das alljährlich im Winter
in der Schwimmhalle des Volksbades stattfand und auf dem mit Ausnahme
eines Gastschwimmens befreundeter Klubs nur Klubmitglieder schwammen,
holte sich Franz seinen ersten Preis: den im Junioren-Schwimmen über
50 Meter. Es war ein kleiner, einfacher Lorbeerkranz mit bedruckter
Schleife, den er nach Hause trug.
Es war nicht das erstemal, daß er ein Schwimmfest sah, denn er war in
letzter Zeit oft zu solchen mitgenommen und hatte mit tiefer, innerer
Erregung den Wettkämpfen zugesehen, an denen er sich noch nicht
beteiligen durfte. Nun schwamm er zum ersten Male mit. Er wußte, daß
er siegen würde, denn er kannte ja alle seine Gegner und hatte jeden
einzelnen bei den Übungen wieder und wieder geschlagen. Dennoch war
er aufgeregt und freute sich, als es vorbei war.
Befangen, wie damals, als ihm der Rektor das Rettungszeichen an die
Brust heftete, nahm er seinen ersten, kleinen Siegerpreis in Empfang.
Aber im Grunde war er doch mächtig stolz, als er den Kranz zu Hause
in dem gemeinschaftlichen Schlafzimmer über dem schmalen Bett
aufhing, in dem er mit einem jüngeren Bruder den festen, traumlosen
Schlaf der gesunden Jugend schlief, und bei Strafe unermeßlicher
Schläge verbot er der ganzen Gesellschaft, auch nur ein Blatt zu
berühren.
Der Kranz wurde erst angestaunt, blieb hängen und wurde dann über
höheren und reicheren Ehrungen vergessen, verdorrte und verstaubte,
und war doch der erste Lorbeer der diese junge Stirn berührt hatte.
4
Wieder folgte für Franz Felder auf seinen ersten kleinen Sieg ein
Jahr ernsten Strebens. Es galt jetzt nicht mehr, sich mit seinen
Klubgenossen zumessen, sondern seine Kräfte an weitere, außenliegende
Ziele zu wagen.
Er war sehr in die Höhe geschossen, und die Schlankheit seines
Körpers verriet nicht, wie groß die Kraft war, die in ihm lag. Aus
dem stämmigen, dicken jungen mit den behaglichen, etwas
schwerfälligen Gliedern wurde schnell ein sehniger, junger Mann. Nur
das Gesicht blieb noch ganz dasselbe: die blauen, treuherzigen Augen,
die vollen, roten Lippen und Wangen und die eigenwillige Stirn, über
die das schwarze Haar jetzt immer in einem Büschen niederfiel, so daß
es alle Augenblicke zurückgestrichen werden mußte, waren dieselben--
das unschuldige, vertrauensvolle Gesicht eines Kindes, das noch vom
Leben nichts erlebt hatte. Und derselbe blieb auch der Blick dieser
Augen. Es war der gedankenlose, etwas träumerische Blick eines
Menschen, in dessen Gehirn mit hartnäckiger Zähigkeit immer und immer
wieder nur eine Idee wiederkehrt--eine Idee, die in der Zukunft lebt,
einer Zukunft voll großer Erfüllung verschwiegener, noch
unausgesprochener, nicht einmal erkannter Wünsche.--
Fehlers Zeit war jetzt völlig eingeteilt. Kam er von der Arbeit des
Tages, so war am Abend immer etwas los: entweder es fanden
Übungsstunden statt, oder Sitzungen, oder es galt Vorbereitungen für
irgendein Fest zu treffen--immer nahm ihn sein Klub in Beschlag. Auch
die Sonntage gehörten nach wie vor ausschließlich dem Verkehr mit den
Sportgenossen--der Besuch fremder Schwimmfeste, anderer sportlicher
Veranstaltungen, geselliger Vereinigungen zu: Musik und Tanz, im
Sommer Ausflüge in die Umgegend, Kahnpartien und vor allem die langen
Bäder (überall da, wo Wasser war) füllten sie aus und waren seine
Freude und seine Erholung. Franz Felder blieb still, wie er es schon
als Kind gewesen war, und beteiligte sich höchstens an den Gesprächen
über schwimmsportliche Fragen. Sie waren auch die einzigen, die ihn
interessierten. Für keinen anderen Sport hatte er das geringste
Interesse; in keinem anderen dachte er auch nur daran, sich zu
versuchen. Er kannte nur einen einzigen, neben dem alle anderen
verblaßten und gleichgültig erschienen.
Es dauerte ziemlich lange, bis er sich heimisch in dem neuen Kreise
fühlte. Wenn er auch nie Gefallen an den rüden und lauten
Belustigungen seiner früheren Schulkameraden und Altersgenossen
gehabt hatte, so waren ihm doch die Verkehrsart und der Ton seiner
neuen Bekannten zu fremd, als daß er sich hätte so leicht in sie
finden können. Aber diese neuen Freunde hatten ihn wirklich gern und
taten ihr Bestes, indem sie ihn überallhin mitnahmen und jetzt ganz
als den Ihrigen betrachteten. Langsam trat so eine Wandlung nach der
anderen in ihm ein. Auch in seinem Äußeren. Er war nicht mehr der
arme Junge in geflickten Kleidern und dem offenen Hemde, sondern ein
sauber, oft mit ziemlich geschmackloser Eleganz gekleideter junger
Mann, dessen regelmäßige, wenn auch einstweilen nur geringe Einnahmen
ihm erlaubten, etwas auf sich zu halten.
Vermochte er auch nie eine gewisse Schwerfälligkeit und Langsamkeit
zu überwinden, so beeinflußte ihn doch in allem der gute Ton seines
Klubs zum Guten. Er lernte sich in Lebensformen fugen, die ihm bisher
unbekannt geblieben waren und die ihn zwanglos das eine tun und das
andere lassen ließen--Dinge, an die er bisher überhaupt nicht gedacht
hatte. Jene unausbleiblichen Streitigkeiten des Sportlebens mit Ernst
und Freundlichkeit zu schlichten, auch laute Fröhlichkeit nie in
Rohheit und Zank ausarten zu lassen, und vor allem das Prinzip der
Schwimmkunst als eines edlen, den Menschen durch und durch
erfrischenden und veredelnden Sports, hoch zu halten--das war von
jeher die Aufgabe dieses Vereins mit dem einfachen Namen und der
stolzen Vergangenheit gewesen, der mehr als irgendein anderer dazu
beigetragen hatte, das Interesse für eine Sache zu wecken, die
überhaupt bis vor kurzem noch als keine Kunst, sondern fast allgemein
nur als Mittel zu der zeitweiligen, notwendigen Reinigung des Körpers
betrachtet wurde.
War--vielleicht nicht zum wenigsten infolge der strengen Befolgung
dieses Prinzips, das mehr im allgemeinen für die Sache des Schwimmens
zu wirken versuchte, als auf Züchtung großer Erfolge und mit ihnen
verbundener Namen ausging--der "Schwimmklub Berlin 1879" in den
letzten Jahren etwas in den Hintergrund getreten und an
Mitgliederzahl und äußerer Bedeutung von dem einen oder anderen
neueren Verein übertroffen, so war er doch durchaus nicht gewillt,
auf seinen alten Ruf, erstklassige Schwimmer und Springer
hinauszusenden, zu verzichten und stets bereit, neue Lorbeeren zu den
alten zu fügen. Die nächsten Jahre sollten auch nach außen hin wieder
zeigen, daß der Klub in keiner Weise zurückgeblieben war--dahin
gingen die Wünsche der Mitglieder einstimmig. Sie sollten beweisen,
daß man nicht schlief, wenn man auch nicht immer mitschrie.
Man setzte, wie gesagt, große, noch unausgesprochene Hoffnungen auf
Franz Felder. Wenn irgendeiner, so war er es, der den Klub zu
außergewöhnlichen Erfolgen zu führen versprach. Derselbe Herr, der
zuerst stillschweigend auf den kräftigen Jungen aufmerksam gemacht
hatte, der sich mit so erstaunlicher Sicherheit und so unbändiger
Wonne im Wasser herumwälzte, war und blieb sein treuer Berater. Er
wachte mit fast ängstlicher Sorgfalt über seinem Zögling. Bernhard
Nagel, von Beruf Chemiker, war seit zwei Jahren wieder Schwimmwart
des "S.-C. B. 1879". Selbst in früheren Jahren ein berühmter
Schwimmer, lange Zeit der unangefochtene Inhaber so mancher
Meisterschaft, ein ausgezeichneter Turner auch heute noch und von
jeher ein allbeliebtes Klubmitglied, hatte sich--gerade zur rechten
Zeit, auf seiner Höhe--von jeder aktiven Tätigkeit zurückgezogen und
sein Name erschien schon lange nicht mehr öffentlich in den
Programmen der Schwimmfeste.
Damit aber war sein Interesse an seinem Klub um nichts vermindert.
Seine Kraft gehörte jetzt mehr als je den Fortschritten der Sache,
und seine Tätigkeit erstreckte sich vor allem auf die Ausbildung der
Jugendabteilung. Wie sein scharfes Auge gleich in dem unbekümmerten,
wasserfrohen Knaben den geborenen Schwimmer erkannt hatte, so nahm er
sich nun seiner von der ersten Stunde hilfreich an. Er war ein
strenger Lehrmeister, der scharf aufpaßte und so leicht nichts
durchgehen ließ. Bei Felder hatte er indessen eigentlich mehr zu
zügeln, als anzuspornen, denn dessen hauptsächlichster Fehler bestand
darin, daß er immer gleich zu heftig ins Zeug ging, Um dann am Schluß
eines Rennens den Anstrengungen, denen sein Körper noch nicht
gewachsen war, und somit erfahreneren und geübteren Schwimmern
gegenüber zu unterliegen. Aber das gab sich von Woche zu Woche, und
Franz lernte allmählich mit seiner Kraft haushalten. Er vergalt das
Interesse seines Schwimmwarts mit unbegrenzter Dankbarkeit. Nicht
nur, daß er diesem Manne den Eintritt in den Klub und damit in ein
für ihn ganz neues Leben, sowie die Stellung verdankte, die ihn der
Not um sein tägliches Brot enthob--er fühlte ganz gut, daß jener
Hoffnungen auf ihn setzte; und immer wieder schwur er sich im stillen
zu, ihm seine Dankbarkeit eines Tages auch durch Taten zu zeigen.
Daher hörte er auf jedes Wort des Tadels und der Ermutigung, wie auf
ein Gebot, und das eine konnte ihn ebenso beseligen, wie ihn das
andere niederzudrücken vermochte.
Bei der Unzugänglichkeit seines Wesens und seiner Schweigsamkeit, die
selten das erste Wort fand, um sich auszudrücken, schloß er sich nur
schwer und langsam an seine anderen Kameraden an und ließ sie lieber
zu sich kommen, als daß er sich ihnen von selbst genähert hätte. So
kam es, daß er zwar mit den meisten in gutem und freundlichem
Einvernehmen stand, aber doch keine näheren Freundschaften schloß.
Unter den Jugendmitgliedern, seinen Altersgenossen, hatte er manchen
Gegner--schon jetzt, wo es noch keine besonderen Erfolge zu beneiden
gab. Davon merkte Franz nun zwar noch nichts. Seine glückliche
Unbekümmertheit, seine reine Freude an der Sache überhörte oder
verstand die unausbleiblichen Bemerkungen nicht, die schon gemacht
wurden, als er noch gar nicht öffentlich geschwommen hatte. Er konnte
sich nicht denken, daß sie ihm galten. Was war überhaupt die Person!
--Wenn nur der Klub siegte!--
Dagegen fielen ihm zwei Freundschaften zu, um die er sich in keiner
Weise bemühte. Als er in den Klub trat, fand er unter den vielen
fremden Gesichtern ein bekanntes--das eines Altersgenossen, der eine
Zeitlang in demselben Hause wie Franz gewohnt und mit ihm in dieser
Zeit auch oft gesprochen hatte. Koepke war seitdem Kaufmann geworden,
fast schon mit seiner Lehrzeit in einem großen Manufakturwarenmagazin
zu Ende und sah bereits seiner Anstellung als wohlbestallter Kommis
mit Selbstgefühl entgegen. Wie er in den Schwimmklub Berlin 1897
gekommen war, das war vielen der Jüngeren ein Rätsel, denn er schwamm
wie ein Klotz und befand sich allem Anschein nach auf dem Lande weit
wohler als im Wasser. Aber die älteren Mitglieder des Klubs wußten,
daß sie ihn eines Verwandten wegen aufnehmen mußten, der vor Jahren
dem Verein große Dienste geleistet und seinen Eintritt dringend
gewünscht hatte. Man hatte ihn sogar nicht einmal ungern aufgenommen.
Es gab in jedem Schwimmverein Mitglieder, die--wenn sie es auch
ausübend zu nichts brachten--sich doch ganz gut gebrauchen ließen, um
in der "Verwaltung" tätig zu sein, wo es immer genug zu rechnen und
zu schreiben gab, und die sich sehr wohl fühlten, wenn sie von ihrem
Schreibzeug aus die Interessen des Klubs mit Leidenschaft wahrnehmen
durften und nicht ins Wasser brauchten. Koepke war dazu die rechte
Person. Voll Diensteifer stürzte er sich auf jede ihm zugeschanzte
Arbeit. Seine Leidenschaft für das Wasser aus der Ferne war zudem
über jeden Zweifel erhaben, und atemloser verfolgte kein Zuschauer
die Wettkämpfer, feierlicher notierte keiner die Zahlen in das
Programm, als er.
Als er Franz zum ersten Male im Klub sah, kam er ihm gleich entgegen
und begrüßte ihn als alten Bekannten aus der Jugendzeit. Er war ein
gutmütiger und in keiner Weise überheblicher Mensch. Daß sein
Spielkamerad in seinen einfachen Arbeitskleidern vor ihm, dem
geschniegelten Kommis, stand, merkte er ebensowenig, wie er es ihn
früher irgendwie hatte fühlen lassen, daß seine Eltern im ersten
Stock des Vorderhauses und die Franz Felders im Hof wohnten. Der
letztere--immer in dieser Beziehung zum Mißtrauen geneigt--merkte es
gleich wieder. Man schüttelte sich die Hand. Als Franz aber seinen
ersten kleinen Sieg erfochten, besaß er einen ergebenen und ihn schon
sehr bewundernden Freund an dem "zweiten Schriftführer" des Vereins.
Bei einem anderen Klubgenossen bedurfte es für ihn nicht erst dieses
Sieges, um in ihm einen ausgesprochenen Gönner zu haben.
Der dicke Brüning war der letzte Inhaber der
Hauptschwimmeisterschaften im Klub gewesen und sein fabelhafter Stoß
hatte die Gewässer der halben Welt durchfurcht. Nach seinem Rücktritt
war in dem Siegeslauf des Klubs die große Pause eingetreten, die
heute noch währte. Übrigens waren in diesen Jahren auch sonst keine
Siege im Schwimmsport zu verzeichnen, denen die Brünings aus früherer
Zeit nicht mindestens ebenbürtig gewesen wären. Darüber freute er
sich noch heute.
Einer reichen Charlottenburger Familie entstammend und im Besitz
eigenen Vermögens konnte er es sich leisten, seine Jugend dem
Vergnügen eines Sports zu widmen, und nachdem er erst in Deutschland
überall gesiegt, war er auch außerhalb jahrelang zu allen großen
Festen auf seine eigenen Kosten gereist, um überall sich und den
Farben seines Klubs Ehre auf Ehre zu erobern und dem Namen des "S.-C.
B. 1879" eine internationale Berühmtheit zu verschaffen. Das konnte
und wollte ihm sein Klub nie vergessen, und allein sein Name
bedeutete heute in ihm noch eine Tat--einen Sieg, so frisch, als wäre
er erst gestern erfochten.
Jetzt war der Meister dick geworden und schwamm nur noch "zu seinem
eigenen Vergnügen", wie er sagte. Wenn er ins Wasser ging, sah ihm
noch jeder nach. Aber nur bei der älteren Generation lebte noch die
Erinnerung an jenen furchtbaren Schwimmer, der mit der phänomenalen
Kraft und Wucht seiner Leistungen einfach alles andere totgeschlagen
hatte. Brüning selbst hatte ohne großes Bedauern seinen Erfolgen
Lebewohl gesagt, sich dem Sportleben im allgemeinen zugewandt und
ließ jetzt rennen. Übrigens verstand er nichts von Pferden.
Zuweilen noch, aber doch nur selten, erschien er an einem Übungsabend
oder auf einer Veranstaltung seines alten Klubs. Wenn er kam, erhob
sich ein allgemeines Hurra, denn er war allgemein beliebt, weil er
ein nobler Kerl war: immerlustig und aufgelegt, immer bereit zu
helfen mit Geld und Rat und riesig freigebig, wenn es galt, die Zeche
zu bezahlen. Bei den Jüngeren hieß er nur der "Sektonkel", aber die
Älteren hielten große Stücke auf sein erprobtes und unbeeinflußbares
Urteil.
Als er eines Abends in der Schwimmhalle neben dem Schwimmwart Nagel
stand, machte ihn dieser auf das neue Mitglied aufmerksam, das gerade
stillvergnügt für sich hundert Meter schwamm. Brüning kniff die Augen
etwas zusammen, wie es ihm eigen war, wenn er das tat, was er
nachdenken nannte, sagte aber noch nichts. Als Franz aus dem Wasser
kam, musterte er ihn, wie er seine Pferde prüfte. Das Resultat war
sehr zufriedenstellend. Er gratulierte Nagel zu seiner Akquisition,
schüttelte Franz kameradschaftlich die Hand, und dieser hatte sich
von dem Tage an seiner ausgesprochenen Protektion zu erfreuen. Mit
der Zeit erklärte ihn Brüning unter vier Augen als den einzigen im
ganzen Klub, der vielleicht eines Tages sein ebenbürtiger Nachfolger
werden könne, "wenn er hielt, was er versprach".
Das Interesse Nagels vergalt Franz mit unauslöschlicher Dankbarkeit;
die Freundschaft Koepkes ließ er sich gefallen; an das Wohlwollen
Brünings aber glaubte er lange Zeit nicht. Als er dann sah, wie
stetig und warm es war, freute er sich sehr; und er blieb immer einer
der wenigen, die die Freigebigkeit des Sektonkels nie mißbrauchten.
5
Die Kunst des Schwimmens ist eine junge Kunst. Man kann von ihr als
solcher erst im vorigen Jahrhundert sprechen, und recht eigentlich
erst in seiner letzten Hälfte.
Das Schwimmen als körperliche Übung ist von jeher geübt, wenn es auch
nie wieder zu der allgemeinen Notwendigkeit wurde, die es in jenen
Tagen des Altertums war, von deren Schönheitsfreude noch heute die
gigantischen Thermentrümmer der Alten in beredsamem Schweigen zeugen.
In Deutschland kam sie erst wieder in Aufnahme, als an der Spree
durch die Initiative eines preußischen Generals die große Anstalt
entstand, die noch heute seinen Namen trägt. Bedeutet der Name von
Pfuel so ein Wiedererwachen langverlernter Übung, so kann von einer
Kunst des Schwimmens doch noch kaum geredet werden, als sich in den
sechziger Jahren die ersten Hallenschwimmbäder in Deutschland öffnen,
sondern mit Recht erst dann, als sich die ersten Schwimmer
zusammentun, um ihre Kräfte unter- und gegeneinander zu messen.
Erst spärlich und fast unbeachtet--einer der ersten unter ihnen der
"S.-C. B. 1879"--wachsen und vermehren die Schwimmvereine sich nur
langsam, kämpfen wohl schon zu Beginn der achtziger Jahre ihre
Meisterschaften aus, gelangen aber erst um die Hälfte dieses
Jahrzehnts zu allgemeinen Wettschwimmbestimmungen, auf die hin sie
sich einigen. Aber von da an geht es schneller. Mit den
Winterschwimmbädern in vielen Städten entstehen überall auch
Schwimmvereine, die sich erst unter sich und dann in dem großen
Verbande zusammenschließen, dessen Ziel es ist, alle Vereine und
Unterverbände zu einer gemeinsamen Bestrebung für die neue Sache zu
vereinigen.
Ein Jahrzehnt später, und auch die Kunst des Wasserspringens hat ihre
Wertungsform gefunden.
Man hat gesiegt. Das jüngste Stiefkind des Sports hat sich Beachtung
und Achtung errungen. Weit mehr gebunden, als irgendein anderer Sport
an bestimmte Bedingungen, hat er sich kühnlich neben jeden anderen
gestellt; und eines hat er vor jedem voraus: er feierte seine Feste
Sommer und Winter. Im Sommer unter blauem Himmel, in jedem Wasser,
dessen Ausdehnung es erlaubt; im Winter unter den hohen Wölbungen von
Eisen und Glas.
Natürlich bleibt der Sommer die Hauptsaison und die größten und
wichtigsten Feste fallen in seine Zeit. Doch kam es auch vor, daß die
wichtigsten internen Veranstaltungen einzelner oder vereinigter Klubs
in den Winter fielen, da der Sommer zu viel von auswärtigen
Interessen in Anspruch genommen wird.
Jetzt gibt es nicht mehr nur vereinzelte Vereine in einzelnen
Städten. Wie die Pilze wachsen die Klubs aus der Erde--ihre Namen mit
Vorliebe den alten Wassergöttern und allem möglichen Wassergetier
entlehnend--, vereinigen und--bekämpfen sich untereinander, erbittert
und leidenschaftlich; jetzt drängen sich die kleinen und großen Feste
Sonntag auf Sonntag, und kaum einer im Jahre ist frei von einem
solchen Feste in einer Stadt wie Berlin.
Es ist die Zeit des reichsten Wachstums und damit der stürmischsten
Gärung, der der alte "S.-C. B. 1879" fast allein ruhig zusehen kann,
da beides bereits hinter ihm liegt; und es ist die Zeit, als Franz
Felder in ihm in unablässigem Training um seine ersten Siege ringt.--
Der Verlauf der Schwimmfeste ist im allgemeinen ein ziemlich
gleicher, und sie unterscheiden sich wesentlich nur durch ihre
Ausdehnung. Von den kleinen, internen Veranstaltungen der Klubs unter
sich an den Sonntagnachmittagsstunden angefangen erstrecken sie sich
bei den großen nationalen und internationalen Meetings oft über zwei
Tage. Auf dreierlei Art wird auf allen gekämpft: im Schwimmen, im
Springen und im Tauchen.
Geschwommen wird um kürzere oder längere Strecken, und zwar ist
entweder der Stil freigestellt oder als Brust-, Seiten- und
Rückenschwimmen vorgeschrieben. Geschwommen werden kann in
stromfreiem Wasser, Seen und künstlichen Bassins, oder auch in
Flüssen mit zu überwindendem Strömungswiderstand.
Die Zahl der Sprünge ist naturgemäß eine begrenzte. Die Sprungtabelle
des Deutschen Schwimmverbandes von 1891 weist deren fünfunddreißig
auf, die nach den Punkten 0-5 und dem Schwierigkeitsgrade 1-6
gewertet werden. Von dem einfachen Abfallen und dem Abrenner, den
einfachen und schwierigeren Kopfsprüngen steigen sie langsam auf zu
den Hecht- und Schlußsprüngen in ihren verschiedenen Drehungen des
Körpers. Aber es herrscht eine große Mannigfaltigkeit unter ihnen.
Die Höhe des Sprungbrettes wechselt von einem zu drei und sechs
Metern. Viele Sprünge können ebensowohl aus dem Stand, wie mit Anlauf
gemacht werden; und bei vielen tritt hinzu, daß sie sowohl vor-, als
auch seit- oder auch rückwärts ausgeführt werden können. Daher ist
das Amt eines Preisrichters für das Springen kein leichtes und
erfordert langgeübte und intime Kenntnis der einzelnen Sprünge und
ihrer Werte. Auf den Festen gibt es ebensowohl Konkurrenzen für
Pflicht-, wie für Kürsprünge.
Das Tauchen ist einfach. Man taucht entweder in die Tiefe nach
Tellern (Sieger ist, wer in der kürzesten Zeit die größte Anzahl
hervorholt), oder in die Länge: das Hechttauchen--man schwimmt unter
dem Wasser, und die dort in gerader Richtung erreichte Meterzahl gibt
den Ausschlag.
Auf jedem Feste findet auch ein Mehrkampf statt, der meist sehr
interessant verläuft: gekämpft wird in allen drei Arten, und Sieger
bleibt, wer durchschnittlich in allen die höchste Punktzahl erreicht.
Die Preise werden entweder Eigentum des Siegers oder gehen in den
Besitz seines Klubs über. Sie bestehen bei den großen Meisterschaften
oft in wertvollen Gegenständen, die die Veranstalter oder auch die
Stadt stiften; oder in Medaillen, Ehren-Urkunden und dem einfachen
Lorbeer mit den farbigen Schleifen, die in goldenen Lettern von dem
heißerrungenen Ruhme erzählen--unvergeßliche Andenken!--Es gibt
Preise, die dem Sieger sofort zufallen; aber es gibt auch
Wanderpreise, die erst nach mehrmaligem schwererstrittenen Sieg
erringbar sind und mehrere Jahre hintereinander ausgefochten werden
müssen, ehe sie in den Besitz des Siegers übergehen oder Klubeigentum
werden.
Was sonst die Feste noch zeigen, dient mehr zu ihrer äußerlichen
Bereicherung und Ausschmückung. Das Schwimmen "älterer Herren", die
die Zeit der höchsten Ausbildung ihrer Stärke bereits hinter sich,
wie die einleitenden Schwimmen der Knaben und Junioren, die sie noch
nicht erreicht haben, diese Trost- und Ermunterungs-Schwimmen können
bei weitem nicht das Interesse erwecken, das die jungen Leute vor
oder nach ihrem zwanzigsten Jahre in der höchsten Leistungsfähigkeit
ihrer Kraft bieten, und deren Namen daher mit Recht in der Mitte
aller Programme stehen. Groteske und lustige Wasserpantomimen sollen
so manchen geduldigen Zuschauer, der wenig oder nichts von den für
Nichtkenner oft eintönigen Kämpfen versteht, entschädigen, und
einlautes, lebhaftes Wasser-Polo, in dem Klub gegen Klub sich mißt,
fehlt heute auf keinem als Abschluß.
Die Preisverteilung findet am Abend des Festes statt. Musik und Tanz
"halten die Teilnehmer noch lange zusammen", wie es stets am Ende
aller Berichte heißt.
--Gut Naß!--Hurra! Hurra! Hurra!
6
Auf der Meldeliste des "Schwimmklub Berlin 1879" für das diesjährige
große Wettschwimmen des Berliner Schwimmerbundes stand zum ersten
Male der Name Franz Felder. Der Inhaber dieses Namens war gemeldet
für das Schwimmen um die Meisterschaft der Stadt Berlin. Es war
Brünings gewichtiges Wort gewesen, das, für das Junge Mitglied in die
Wagschale gelegt, sie in der langen Beratung endlich zu Felders
Gunsten sinken ließ.
Franz vergaß es ihm nie. Er war erst fast bestürzt, als er von der
Entscheidung hörte, trotzdem sie kaum anders hätte ausfallen können,
wollte der Klub sich überhaupt beteiligen. Dann ergriff ihn einfach
ein Freudentaumel. Sein Klub sandte _ihn_ hinaus auf das große
Schwimmfest des Winters, auf ihm um eine Meisterschaft, um die
Meisterschaft der Stadt Berlin über die kurze Strecke von 100 Metern
zu ringen!--Er sollte sich auf dem jährlichen Wettschwimmen des
großen Berliner Schwimmerbundes mit ersten Schwimmern--unter ihnen
alten Siegern--im Kampf um die silberne Medaille messen!!
Es war nur die Meisterschaft um eine Stadt, nicht die um ein Land
oder gar um einen Erdteil, aber es war immerhin die Meisterschaft um
die Hauptstadt, in der wie in keiner anderen der ganzen Welt der
Sport des Schwimmens grünte und blühte, die überallhin die besten und
gefürchtetsten Kräfte stellte, wo es galt, erste Erfolge zu erzielen.
Eine Meisterschaft im Berliner Schwimmerbunde, der den größten Teil
der Berliner Schwimmvereine umfaßte, der im Allgemeinen Deutschen
Schwimmverbande die erste Stelle einnahm, war ein großer Sieg--ein
Sieg ersten Ranges, vielumstritten und heißbegehrt...
Und _sein_ Klub sandte ihn, den jungen, unbekannten Franz Felder,
hinaus, diese Meisterschaft zu erkämpfen!--Sein Klub, der vor vielen
Jahren zuerst die Initiative zur Gründung eben dieses Schwimmerbundes
gegeben hatte, sein Klub, der älteste und angesehenste Berlins, mit
dessen schlichtem und doch so berühmtem Namen die so vieler erster
Schwimmer der Welt unauslöschlich verbunden waren, der nicht nur für
sich und seine Mitglieder, sondern für die ganze Sache des Schwimmens
von jeher ein unnachahmliches Beispiel gewesen war--der "S.-C. B.
1879" entsandte _ihn_ zum diesjährigen Wettbewerb!
Wenn er sein junges Mitglied in dieser Weise allen anderen vorzog, so
wußte er, was er tat. Dann war es ohne Zweifel sein bester Schwimmer.
Aber was mehr war, als diese äußere Anerkennung seiner Kraft, war die
innere: der Klub hätte nie ein Mitglied hinausgesandt, von dessen
innerlicher Zusammengehörigkeit mit den Bestrebungen und Zielen des
Klubs--und das waren in der Sache unbedingt die höchsten--er nicht
überzeugt gewesen wäre. Er hatte sich jahrelang von den Festen
zurückhalten können, stolz auf alte Erfolge und unbekümmert um neue,
als die alten Kräfte, die sich zurückziehen mußten, nicht sogleich
durch neue von gleicher Stärke ersetzt werden konnten; und er würde
sich Zeit genommen haben, im nötigen Falle nochmals jahrelang
zuwarten, denn nicht um künstliche Züchtung einzelner Größen und die
Erlangung lauter Triumphe, sondern um die allgemeine Hebung der Sache
war es ihm stets in erster Linie zu tun gewesen. Entschloß man sich
daher heute zu neuer aktiver Beteiligung, so mußte man des Sieges
ziemlich gewiß sein--und nicht nur dieses einen Sieges, sondern eines
neuen Ruhmesblattes in dem alten Kranze...
Felder war sich über all dies durchaus nicht klar. Er fühlte nur, wie
sehr man ihn auszeichnete, nicht nur als Schwimmer, sondern auch als
Menschen, indem man seinen Namen als Vertreter seines Klubs zum
ersten Male öffentlich nannte; er wußte, man vertraute ihm die Ehre
des Klubs an, nicht nur einen neuen Erfolg. Weiter sah er noch nicht.
So ging sein ganzer Ehrgeiz einstweilen dahin, diesen Sieg, auf den
es ankam, für seinen Klub zu erfechten. Er fühlte, er _mußte_ ihn
erringen!
Er war sehr stolz und sehr glücklich. Aber er hatte Angst, richtige
Angst--zum erstenmal in seinem Leben. Er wußte bisher nicht, was
Angst war. Nie hatte er sie empfunden. Aber nun ergriff sie ihn. Es
war das Kanonenfieber des Soldaten, der zum ersten Male in die
Schlacht geht.
Denn wenn er unterlag?--Wenn er nur einen zweiten, dritten oder
überhaupt keinen Preis erhielt?--Er kannte seine Gegner wohl. Fast
alle hatte er wiederholt auf den Schwimmfesten gesehen und bewundert.
Aber mit keinem hatte er sich bisher je gemessen.--Außer dem seinen
stand nur noch ein neuer Name unter den Meldungen. Und er war der
Jüngste von allen!--
Wohl schlug er schon die Ältesten seines Klubs über die kurze
Strecke. Aber sein Klub hatte, so lange er in ihm war, keine
Meisterschaften mehr aufzuweisen. Was wollte es also sagen, daß er,
Franz Felder, sein bester Schwimmer war?--Nicht allzu viel.
Nagel, der seine innere Aufregung sah, redete ihm wiederholt
ernstlich zu. Er war besorgt um seinen Zögling--nicht, weil er
fürchtete, daß er unterliegen könne, sondern weil er sah, in welcher
verzehrenden Unruhe er umherging und übte. Er warnte ihn, allzu viel
Wert auf dies Rennen zu legen. Was war es denn, wenn er auch
unterlag?--Was heute Niederlage war, konnte morgen zum Siege werden,
und umgekehrt. Er hatte das mitangesehen, viele Male, und es an sich
selbst erlebt; und auch Franz würde das erleben. Das war nicht das
erste und letzte Schwimmen, gewiß nicht--und immer wiederholte der
gute und erfahrene Freund:
--Schwimm so gut, wie du kannst. Kümmere dich um nichts, als um dein
Ziel. Mehr kannst du nicht tun, als was deine Kraft dir erlaubt, zu
tun. Damit sei zufrieden...
Felder hörte zum ersten Male seinem Freund nur halb zu.
Sein Klub hatte _ihn_ hinausgesandt. In seinen Händen lag seine Ehre.
Er durfte ihm keine Schande machen; er mußte siegen--er _mußte!_--
7
So kam der Sonntag des Festes heran. Franz hatte in der letzten Woche
nach der Arbeit des Tages noch allabendlich trainiert. Gestern war er
früh zu Bett gegangen, aber er hatte wenig schlafen können.
Am liebsten hätte er am Morgen noch einmal die Strecke geschwommen--
nur einmal ... aber das wurde ihm natürlich nicht erlaubt. So verging
der Vormittag in untätiger Ungeduld. Er aß mäßig und trank fast
nichts.
Man hatte in dem Restaurant des Klublokals in der Lindenstraße
gegessen und spielte nun gemütlich im Sitzungszimmer einen Kaffeeskat
an verschiedenen Tischen. Franz, der keine Karte anrührte, sah wie
gewöhnlich zu, aber es wurde ihm diesmal nicht leicht, ruhig zu
bleiben. Er ging von Tisch zu Tisch, bis ihn eine plötzliche
Müdigkeit überfiel und er vor sich hindruselte.
--Leg' dich doch hin, wir wollen dich schon wecken, wenn es Zeit ist!
rief Brüning ihm zu und Franz rollte sich hinter dem großen Tisch auf
dem alten, knarrenden Sofa zusammen, auf dem sonst bei den
feierlichen Beratungen der Vorsitzende saß. Nach zwei Minuten schlief
er wie ein Toter.
Allmählich leerten sich die Tische; man ging zum Fest. Der, an dem
Nagel und Brüning saßen, spielte ruhig weiter.
Um halb vier warf Brüning die Karten zusammen und zog seine goldene
Uhr:
Massenhaft Zeit noch!--Aber wollen doch lieber gehen...
Er und Nagel standen vor dem Sofa, auf dem Franz noch immer schlief.
Er lag da wie ein Kind, und sein Atem ging still und friedlich durch
die etwas geöffneten Lippen. Sicherlich träumte er jetzt von keiner
Niederlage.
Brüning betrachtete ihn mit fast zärtlichem Lächeln.
--Wie ein junger Gott, was?--Und noch das reine Kind!--Aber wecken
wir unseren jungen Sieger!
--Er ist es noch nicht, sagte Nagel und rührte den Schlafenden bei
der Schulter.
Franz führ in die Höhe, und sein erster Griff war nach der Uhr.
--Aber wir versäumen das Schwimmen, rief er außer sich, als er sah,
daß sie bereits über halb vier zeigte.
Die anderen lachten ihn aus, packten ihn in eine Droschke und fuhren
mit ihm zum Fest.--
Die enorme Halle des großen Schwimmbassins der Wasserfreunde war
festlich geschmückt. Der weite Raum mit den hohen, gotischen
Wölbungen war bis in den letzten Winkel durch die großen,
elektrischen Bogenlampen erleuchtet, denn durch die bunten
Fensterdrang nur noch das trübe Licht eines frühdunklen Wintertages.
Die sonst so kahle Halle war nicht wiederzuerkennen. An der Rückwand
hingen von der Decke bis zur Galerie die langen Fahnen der
veranstaltenden Vereine herab und verhüllten die weiße Fläche der
Mauern mit ihren bunten Farben. An den Langseiten zogen sich von
Pfeiler zu Pfeiler in langen Reihen hunderte von winzigen, auf Seile
gezogenen Fähnchen in buntem Farbengemisch, und hoch von der Wölbung
der Decke hernieder schwebte regungslos über der Mitte des Bassins
die mächtige weiße Fahne des "S.-C. B. 1879" mit dem blauen Rande und
dem blauen Namenszuge in der linken Ecke. An der Eingangsseite bei
dem großen, sechs Meter hohen Sprungbrett spielte--hinter grünem
Blattwerk verborgen--die Musik.
Die Seiten des Bassins und die breiten Galerien waren dicht mit
Zuschauern besetzt, die sich gespannt vornüber beugten, um besser die
Wasserfläche unter sich überschauen zu können, in der die Wettkämpfe
stattfanden. Die engen Reihen boten ein buntes Bild: jung und alt--
alles saß hier durcheinander, und unter die dunklen Röcke der Herren
mischten sich die festlichen Toiletten der Damen und gruppenweise die
weißen, buntgeränderten Mützen der zahllosen Sportgenossen. Alle
Schwimmvereine Berlins waren vertreten und scharten sich ihrer
Zusammengehörigkeit nach hier und dort zusammen.
In den Pausen und zu Beginn jedes neuen Rennens waren alle Augen auf
die Eingangswand gerichtet. Dort saß unter der Galerie an einem mit
Papieren bedeckten Tische der Ausschuß des Festes: die Preis- und
Zielrichter, die beiden Schiedsrichter und in ihrer Nähe einige
hervorragende Gäste, Vertreter der Stadt Berlin und einiger Behörden.
Hier befanden sich auch die reservierten Plätze für die Vorstände der
Vereine, denn hier nahmen die Rennen ihren Anfang.
Als Felder und seine Begleiter ankamen, mußten sie sich an der
Aufgangstreppe, wo an der Kasse die üblichen fünfzig Pfennig als
Entree erhoben und von Sportkameraden die Programme verkauft und die
Besucher empfangen wurden, bereits durch dichte Menschenmassen
arbeiten und hatten Mühe, sich durchzudrängen, um zu den
Auskleideräumen zu gelangen.
Es war gerade eine Pause, und die Wölbung hallte wider von dem
erregten Sprechen und Lachen der vielen Menschen. Es war bereits
erstickend heiß. Über der noch vom letzten Rennen her leise bewegten
Wasserfläche zogen sich leichte, weiße Streifen, und die ganze Halle
dampfte von dem Dunst des Wassers und der Menschen.
Die Uhr wies über die vierte Stunde hinaus. Man näherte sich den
großen Wettkämpfen. Längst war die stereotype Eröffnungsrede des
Vorsitzenden des Berliner Schwimmerbundes, eines redegewandten und
liebenswürdigen Herrn, in seiner bekannten eleganten Weise gehalten
und der Eröffnungsreigen geschwommen. Bereits war das Schwimmen der
Knaben und Junioren, der Kleinen bis zum vierzehnten und der Knaben
bis zum siebzehnten Lebensjahre vorbei, und künftige Meister hatten
den ersten Anhauch ihrer Erfolge auf der heißen Stirn gespürt.--Auch
die älteren Herren, die über dreißig, hatten geschwommen und
vielleicht zum letzten Male die Hand nach dem Siegeskranze gestreckt.
Endlich war bereits ein interessanter Mehrkampf ausgefochten worden,
über dessen unerwartetes Resultat noch hin und her geredet wurde.
Nun kam ein Brustschwimmen und ein großes Tellertauchen mit
unzähligen Konkurrenzen an die Reihe. Es konnte also noch lange
dauern, bevor die Meisterschaft Berlins ausgefochten werden sollte--
für alle Kenner der Clou des Tages.
Felder wollte sich ausziehen, aber Nagel riet ihm ab. Wozu?--Man
hatte noch lange Zeit. Man gesellte sich also noch zu den
Klubgenossen, die eine ausgezeichnete Ecke am Anfang der Galerie
erobert hatten und besetzt hielten. Hier war man unter sich, unter
lauter Bekannten und Freunden, denn auch die Damen, die heute
mitgekommen waren, waren von so vielen geselligen Veranstaltungen des
Vereins her alte Bekannte. Es war wie eine große Familie, diese Ecke.
Koepke empfing Franz mit der gewohnten Lebhaftigkeit. Er war so
erregt, als solle er selbst um den Preis schwimmen. Er war natürlich
wieder voll von Neuigkeiten, von denen kein Mensch etwas wußte.
Georgy vom S.-C. "Spree" sollte nicht mitschwimmen infolge eines
Zerwürfnisses mit seinem Klub. Aber Wenzel war da; und Hoffmann, der
gefürchtete vom "Triton", auch. Hatte Franz ihn schon gesehen?--Dort
unten stand er, der lange mit der Hakennase und den mächtig vielen
Bändern über der Brust.--Und Riesecker war da, der heute zum ersten
Male seit zwei Jahren wieder mitschwamm. Aber es würde ihm wohl
nichts helfen...
Felder hörte kaum auf das Geschwätz. Er hatte seinem Freunde das
Programm aus der Hand genommen, und instinktiv suchte er seinen
eigenen Namen. Er brauchte in dem kleinen Heft nicht lange zu
blättern. Da stand es:
_IX. Schwimmen um die Meisterschaft der Stadt Berlin_
Offen für alle Mitglieder. Bahnlänge 100 Meter gleich 4 Längen.