Erster Teil

1

Wann er schwimmen gelernt hatte?--Man hätte ihn ebensogut fragen

können, wie und wann er gehen gelernt habe.

Er wußte nicht mehr, wann er das erstemal ins Wasser gegangen war;

aber seine ersten Kindheitserinnerungen waren mit dem Wasser

verknüpft, das sein Element war und in dem er lag, wie er auf der

Erde ging.

Er war ein geborener Schwimmer.

2

Er hieß Franz Felder und war der Sohn sehr braver und sehr armer

Eltern in Berlin O, der fünfte unter achten. Alle waren es stämmige

Kerle mit dunklen Haaren und klaren Augen, und beide Eltern hatten

vollauf zu tun, die hungrigen Mäuler vom Morgen bis zum Abend zu

stopfen, von denen mindestens eines immer nach einer Stulle

aufgesperrt war. Sie taten es redlich und gern, und zu hungern

brauchte keines. Aber damit war auch der Kreis ihrer elterlichen

Pflichten geschlossen, und sobald wie nur möglich blieben die Kinder

einander und sich selbst überlassen und mußten sich mit durchs Leben

helfen, so gut oder so schlecht, wie es eben ging.

Der Älteste lernte eben aus, als der kleine Franz geboren wurde, und

nach diesem kamen dann noch drei, die--wie er vordem den

vorhergegangenen älteren--so nun seiner Obhut mit anvertraut wurden,

sobald er selbst auf den Füßen stehen konnte. Ohne viel Worte und

ohne jede Zärtlichkeit herrschte immer ein gutes Zusammenhalten

zwischen den Brüdern. Es äußerte sich hauptsächlich ebensowohl in

derben Prügeleien, wie in solidarischem Durchhelfen bei allen kleinen

und großen Fährlichkeiten ihrer im ganzen und großen recht

mühseligen, aber nicht unglücklichen Jugend.

3

Er hatte das Schwimmen nie "gelernt"; wenigstens konnte er schwimmen,

solange er zurückzudenken vermochte, und das war etwa bis in sein

viertes Jahr. Damals fiel er auf einer Landpartie, deren Höhepunkt

eine Kahnfahrt bildete, ins Wasser--die Frauen kreischten und die

Männer fluchten, während er herausgeholt wurde; aber ihm machte die

Sache Spaß, und er lachte seelenvergnügt, so daß jemand sagte: "Der

fällt uns gleich zu seinem eigenen Vergnügen nochmal hinein..."--was

die entsetzte Mutter veranlaßte, ihren Franz für diesen Tag

wenigstens nicht mehr von der Seite zu lassen.

Aber das war eine jener Erinnerungen, die nur deshalb so stark in uns

zu liegen scheinen, weil wiederholte Erzählungen anderer sie stürzen

und halten.

In Wirklichkeit sah sich Franz Felder in seinen Gedanken

zuerst als kleinen Jungen von fünf Jahren lange, lange, warme

Sommernachmittagsstunden am Ufer der Spree bei Treptow. Seine Eltern

wohnten damals in zwei kleinen, heißen Zimmern in einem Hinterhause

der Fruchtstraße, aber der Vater hatte es zum großen Jubel der ganzen

Familie fertig gebracht, für den Sommer auf einem der Felder am

Treptower Bahnhof eine der vielen "Lauben" zu mieten, und man hatte

nun ein winziges Stückchen Erde, auf dem man einige Kohlköpfe ziehen

und zu dem man hinauspilgern konnte in dem stolzen Gefühl eigenen

Besitztums.

Der Vater und der eine oder andere der älteren Brüder, die schon

arbeiteten, kamen erst des Abends; aber die Mutter, welche kränkelte,

verbrachte oft mit den Jüngsten ganze Tage auf dem reizlosen Fleck,

wo sie wenigstens in freier Luft war.

Sooft er nur konnte, rückte Franz aus. Erst klagte und schalt die

Mutter, dann ließ sie ihn laufen, da es doch nichts half, ihn

zurückhalten zu wollen.

Eine besondere Anziehungskraft hatte für ihn ein großer Holzplatz an

der Spree. Seit er einmal, dort umherschlendernd, für den

Zimmermeister eine Weiße geholt hatte, stand ihm der Zutritt gegen

Leistung gelegentlicher gleicher und ähnlicher kleiner Dienste offen,

und nichts hinderte ihn, zwischen den Balken und Stämmen

herumzuklettern, soviel er wollte.

So wurde der Holzplatz seine Heimat für diesen Sommer. Aus Spänen

kleine Kähne zu bauen, sie mit einem Knopf oder irgend etwas anderem

zu "befrachten", sie dem großen Wasser anzuvertrauen und zu sehen,

wie es sie hintrieb und verschlang, wurde er nie müde; oder Gräben

und Buchten zu bilden und das Wasser hineinzuleiten und

herumzupantschen und zu mantschen, bis der Feierabend allen seinen

Spielen für diesen Tag ein Ende machte.

Ein besonderes Fest war es jedesmal, wenn er in einem wirklichen

großen Boote, das von der anderen Seite herübergekommen war und

anlegte, ein Stück mitgenommen wurde oder etwa gar selbst eine

Pätschel führen durfte.

Aber am meisten von allem lockte ihn das Wasser selbst; und sechsmal

an heißen Sommertagen mindestens warf er Hemde und Hose in den Sand

und tauchte sich in die braune, träge, lauwarme Flut. Er schwamm

schon wie ein Fisch. Er ging auf den Grund und holte Steine aus dem

Schlamm herauf. Er glitt unter den Flößen durch und verschwand hier,

um dort in die Höhe zu kommen.--Und er lernte seinen ersten Sprung,

den einfachen Kopfsprung. Erst von dem Rand des Floßes, dann von dem

des Nachens, endlich von dem des großen Spreekahnes plumpste er--den

Kopf voran und mit ausgespreizten Beinen--wie ein Frosch ins Wasser.

Ach, und wie war es schön, den nassen Körper in das heiße Sägemehl zu

werfen, sich auf Bauch und Rücken darin herumzuwälzen und dann den

weißen Pelz mit einem Sprunge wieder abzuwaschen!... Und stundenlang

in der Sonne zu liegen und die Kähne und Dampfer mit festlich

geputzten und fröhlichen Menschen auf der Spree vorüberziehen zu

sehen, während die roten Wände der Fabriken und die weißen der Villen

im Glanz des Sommertages aus dem Grün der Ufer hervorleuchteten und

der blaue Himmel sich über alles spannte, die Ringbahnzüge über die

nahe Eisenbahnbrücke donnerten und unter ihr die Dampfer pfiffen und

läuteten...

Es war ein großer Sommer für den kleinen Kerl, der von den Arbeitern

auf dem Platz, die sich nur selten und nur bei übergroßer Hitze ins

Wasser wagten, wie ein kleines Wundertier angestaunt und ihre "Otter"

genannt wurde, wenn er plötzlich zu aller Ergötzen im Wasser lag und

seine ersten, kleinen Kunststücke zeigte.

Im Herbst dieses Sommers war er braun wie ein Neger, gesund und immer

hungrig wie ein Haifisch, und er begann bereits, sich etwas

einzubilden auf seine frühe Kunstfertigkeit...

4

Mit sechs Jahren kam er, wie jeder andere Berliner Junge, in die

Volksschule um bis zu seinem vierzehnten Jahre, dem der Einsegnung,

in ihr zu bleiben. In diesen Jahren lernte er schreiben, rechnen und

lesen und einige allgemeine, elementare Kenntnisse, das heißt, Franz

Felder lernte auch hiervon nur das allernotwendigste. Seine Schrift

behielt immer die klobigen Formen der Ungewandtheit, und man sah ihr

an, wie mühsam es ihm wurde, die Feder zu führen; sein Rechnen ging

gerade so weit, um zur Zusammenzählung seiner kleinen Ausgaben und

Einnahmen zu dienen; und sein Lesen--ach, der arme Franz Felder hat

in seinem kurzen Leben wenig mehr gelesen, als hier und da den

"Lokalanzeiger" und eine Annonce an der Litfaßsäule, denn es ist ihm

ewig unverständlich geblieben, wozu Bücher überhaupt anders

existierten als um den Überfluß an Zeit zu beseitigen.

Er brachte sich mühsam durch die acht Klassen bis zur ersten hinauf.

Zweimal blieb er sitzen, und dreimal half ihm sein "gutes Betragen"

durch. Auch die guten Schüler konnten es nicht weiter bringen, denn

bis zum vierzehnten Jahre mußten sie alle miteinander in der Schule

bleiben. Dann begann für sie alle das Leben--die Arbeit.

Franz war durchaus kein guter, aber auch grade kein schlechter

Schüler. Es gab noch viel Dümmere als ihn. Er begriff das wenige, was

er zu begreifen hatte, schwer und manches gar nicht; aber was er

einmal in sich aufgenommen hatte, war auch sein geworden.

Im allgemeinen war ihm die Schule höchst gleichgültig; er ging hin,

weil es nun einmal sein mußte.

5

Aber nicht allein durch die Schule, sondern auch durch die

Notwendigkeit frühen Verdienens wurde seine Zeit in Anspruch

genommen, und desto mehr, je älter er wurde.

Zwar folgten auf jenen ersten Sommer frohen Umhertummelns und

sorglosen Genießens noch einige andere gleich und ähnlich schöne,

aber immer öfter hieß es: "Du mußt dies und das tun und holen"--und

ein jeder solcher Befehle vernichtete einen Wunsch. Es kam auf jeden

Groschen an, der verdient werden mußte, und zudem verlangten die

jüngeren Brüder Beaufsichtigung und Fürsorge von den älteren, wie er

sie selbst von den Voraufgegangenen genossen.

Dennoch gab es immer noch viele Stunden ungetrübter Seligkeit für den

Knaben, wenn er hinaus konnte ins Freie zum Baden.

Es waren die Stunden, für die er lebte, an die er stets und ständig

am Tage dachte und von denen er des Nachts träumte--seine größte

Freude und sein durch kein anderes übertroffenes Vergnügen.

Im Sommer mußte einmal am Tage wenigstens gebadet werden; das war

Selbstverständlich, und der Tag verloren, an dem es nicht sein

konnte. Aber nicht etwa baden, was die anderen so nannten: aus den

Kleidern ins Wasser und wieder hinein--sondern hinein und hinaus und

in die Sonne, und wieder und wieder ins Wasser, und am liebsten so

den ganzen Nachmittag. Und schwimmen und springen und tauchen und im

Wasser wühlen wie ein Seehund--das nannte _er_ baden. Als er noch ein

kleiner Kerl war, gab es überall an der Spree Gelegenheit,

splitternackt ins Wasser zu springen, wenn man nur aufpaßte, daß kein

Schutzmann in der Nahe war. Aber als er älter wurde, ging es doch

nicht mehr so gut außerhalb der Badeanstalt und ohne Badehose.

Vor dem Schlesischen Tor war ein großes Stück Spree am Ufer durch

einen hohen Zaun abgetrennt. Auf seiner Innenseite zog sich ein Gang

an allen Seiten hin, und es liefen Bänke an ihm entlang, über denen

Nägel zum Aufhängen der Kleider eingeschlagen waren. Außerdem gab es

noch ein wackeliges Sprungbett auf einer Art Turm, von dem man "bei

Strafe" hinunterspringen mußte, wenn man ihn betreten hatte, und im

Wasser lag ein Kreuz aus Balken zur Belustigung der Badenden.

Das war die große Schwimm- und Badeanstalt "Osten", die größte

Berlins. Die Balken und Bretter waren schwarz und morsch vor Alter

und die Nägel verrostet, und nie wurde ein neuer eingeschlagen, denn

das hätte ja Kosten und Mühe verursacht. Alles war verwahrlost, aber

Raum gab es hier in Fülle, und an allen heißen Sommertagen waren die

Gänge vom Morgen bis zum Abend dicht besetzt mit vielen Hunderten von

nackten, schwitzenden Körpern, und der Lärm in und außer dem Wasser

nahm kein Ende, ob am Nachmittag die barfüßige Jugend des Ostens oder

am Abend die schwarze Arbeiterschaft nach ihrem Tagewerk anrückte.

Das Bad kostete einen Groschen, und den ganzen Sommer konnte man hier

für einen Taler baden. Was aber Franz Felder vor allem reizte, das

war, daß man hier nie oder doch nur ganz selten hinausgeschmissen

wurde, auch wenn man die formell vorgeschriebene Badezeit von einer

Stunde längst überschritten hatte. Bei der ungeheuren Menge von

Badenden war es den Bademeistern ganz unmöglich, irgendeine Kontrolle

auszuüben, und es war ihnen auch ganz gleichgültig, mochten sich die

Körper in und außer dem Wasser stoßen und drängen und die Kleider

über- und die Stiefel durcheinander geworfen werden--solange man sich

nur nicht prügelte oder einer am Ertrinken war und herausgeholt

werden mußte, rührte sich keiner vom Flecke.

Franz beschloß, hierher die Stätte seiner sommerlichen Tätigkeit zu

verlegen und daher mußte er den Taler haben. Das war sehr viel Geld

auf einmal, aber unmöglich schien es ihm nicht, ihn für sich

zusammenzubringen, ohne daß die Mutter es merkte; denn die hätte

natürlich gesagt, einmal in der Woche zu baden sei genug--(soviel

verstand die davon!)--und hätte ihm das Geld abgenommen. Im März fing

er an zu sparen: Sechser für Sechser und Groschen für Groschen, und

er hatte ein wundervolles Versteck auf dem Dachboden des Hauses in

einem alten Strumpf und in einer Ecke, wo nie jemand hinkam, da kein

anderer im ganzen Hause so geschmeidig war, sich bis dahin durch

Bretter, Balken und Gerumpel durchzuwinden. Aber im Mai wurde der

Vater krank, und eines Abends kroch Franz voll Edelmut, aber nicht

ohne Bitterkeit hin zu seinem Schatz und trug ihn in die Apotheke.

Jetzt mußte er von neuem anfangen, und er tat es: er trug des Morgens

Frühstück aus, bevor er zur Schule ging, und lauerte am Nachmittag

auf die Reisenden am Schlesischen Bahnhof, denen er hier und da ein

Stück Gepäck trug, und als im Juni nach einem kalten Frühling der

herrliche, geliebte Sommer und seine Sonne kam, lag er im Wasser und

schwamm, daß es eine Art hatte. Diese Sommernachmittage waren noch

sein--in diesen und in den nächsten Jahren--solange er auf der Schule

war. Er ließ sie sich nicht verkürzen. Nach dem Essen rückte er aus

und kam am Abend wieder, mochten sie daheim sagen, was sie wollten.

Zwischen diesen vier schwarzen, häßlichen Bretterwänden, die alles,

nur nicht den Himmel versperrten, verbrachte er die langen Stunden

ungezählter Nachmittage. Hier war die Welt, in der er lebte. Hier

lernte er seine ersten, kunstgerechten Sprünge, und hier bildete er

seinen kleinen Körper in unausgesetzter Übung zu der Kraft aus, die

ihn später zu den Leistungen seiner Siege befähigen sollte.

Solange er noch nicht eingesegnet war, brachte er es fertig, sich für

jeden Sommer seinen Taler zusammenzusparen, und diese Sommer

vergingen ihm fast wie ein einziger, langer, warmer Sonnentag, den

er--durchschwamm.--

Aber auch die Winter dieser Jahre seiner frühen Kindheit waren nicht

ohne alle Freuden. Die Stadt Berlin hatte nach langem Zögern im Osten

ein großes, rotes Gebäude errichtet: eine Volksbadeanstalt mit

musterhafter Einrichtung, die neben den mancherlei Arten von Wannen-

und Brausebädern als Mittelpunkt auch eine große Schwimmhalle

umfaßte, die Sommer wie Winter geöffnet war und das Schwimmen zu

jeder Jahreszeit ermöglichte.

Es war die zweite städtische Anstalt dieser Art. Bisher hatten sich

in Berlin nur zwei oder drei andere Privat-Anstalten mit

Schwimmbassins mühsam zu halten vermocht, da die wenigsten Menschen

überhaupt von der Möglichkeit, "im Winter zu schwimmen", eine

Vorstellung hatten und die Existenz solcher Schwimmhallen ihnen daher

einfach unbekannt und unverständlich war.

Für Franz Felder waren diese privaten Anstalten deshalb nicht in

Betracht gekommen, einmal weil sie viel zu entfernt lagen, und dann,

weil das Baden in ihnen viel zu teuer war. So war die neue Anstalt

der Stadt wie für ihn gebaut, und wenn er auch im Sommer an dem

schmucken Gebäude mit Verachtung vorbei und in den großen Kasten an

der Spree lief, so wandte sich ihm doch seine ganze Aufmerksamkeit

zu, als der "Osten" sich hinter ihm als dem letzten Badenden bis zum

nächsten Sommer schloß und der alte Bademeister, als er ihn endlich

endgültig hinausschmiß, halb brummend, halb lachend gemeint hatte:

"Na, weeßte, du hast ooch mehr an uns als wir an dir verdient!"...

Franz brachte es fertig, Eintritt auch in das neue Ziel seiner

Wünsche zu erlangen. Es war allerdings nicht an ein Abonnement für

den ganzen Winter zu denken--eine unerschwingliche Summe, die er

weder zusammengebracht hätte, noch gewagt haben würde, selbst für

diesen Zweck zu verwenden, auch wenn er im Winter die Zeit gehabt

hätte zu täglichem Baden; schon die einzelnen Bäder waren für ihn

teuer. Aber sie waren doch zuweilen erschwingbar, und außerdem wurden

von der Gemeindeschule aus die jüngeren Schüler ein- oder zweimal

wöchentlich vom Lehrer hierher geführt, und bei dieser Gelegenheit

überkam Franz eine Ahnung von dem Zweck und Nutzen der Schule. Diese

Freibäder versöhnten ihn mit mancher anderen langweiligen und

lästigen Stunde.

Das einzige, was ihm diese Freibäder im Winter zu verkümmern

vermochte, war die Kürze der vorgeschriebenen Zeit, in der die Kinder

im Wasser verweilen durften, und ob auch der Lehrer, selbst ein

großer Schwimmer und gütiger Freund seiner Kleinen, bei Franz ein

Auge zudrückte, wenn dieser selbst durch die Schnelligkeit, mit der

er sich in seine Kleider warf, ein paar Augenblicke längeren

Verweilens in dem geliebten Naß zu ergattern vermochte, so war es

Franz doch immer, als sei er kaum einmal untergetaucht, und er hatte

im Grunde seines Herzens für diese Art von Schwimmerei immer nur das

eine Wort tiefer Verachtung: "Det is ja jarnischt!"--Und trotzdem

hätte er selbst diese in seinen Augen so flüchtigen Augenblicke nicht

missen können und wollen, denn immer seltener wurden die Male, in

denen er allein diese wunderbare, warme Halle, die ihm der Inbegriff

aller Weite und Schönheit war, besuchen und mit dem Aufgebot aller

Schliche so lange als irgend möglich in ihr verweilen konnte; und

immer seltener und begehrter zu Hause wurden die Groschen, die er

sich durch kleine Beschäftigungen, wie das Brotaustragen am frühen,

kalten Morgen vor der Schule und den Verkauf von kleinen Straßenwaren

in den Weihnachtstagen, durch stetes Aufpassen auf jede andere

mögliche Gelegenheit zuverdienen wußte.

Früh wurde sein junges Leben mühsam und ernst. Aber unglücklich war

er nicht, denn er konnte ja schwimmen, Sommer wie Winter schwimmen.

Unglücklich wäre er nur geworden, wenn man ihm dies sein einziges

Vergnügen ganz genommen hätte. Aber daran dachte keiner, denn keiner

verstand, wie es ein so großes Vergnügen sein konnte.

So erreichte Franz Felder sein vierzehntes Lebensjahr.

6

Bisher hatte er von seinem Schwimmen nichts gehabt als sein

Vergnügen. "Brotlose Künste!" sagte sein Vater eines Tages, als Franz

wieder einmal sein Fortbleiben an einem ganzen Nachmittag und einem

halben Abend mit nichts anderem zu entschuldigen wußte, und dieser

konnte sich nur mit dem Gedanken über diesen Ausspruch trösten, daß

sein Vater eben auch nichts vom Schwimmen verstehe. Er bedauerte ihn

deshalb tief, denn für ihn gab es nur zwei Arten von Menschen:

solche, die schwimmen, und solche, die nicht schwimmen konnten. Die

letzteren waren für ihn eine untergeordnete Klasse von Menschen,

jedes Mitleids würdig.

Nun aber--er stand in seinem dreizehnten Lebensjahre--brachte ihm

seine Fähigkeit den ersten Erfolg in den Augen der Menschen, und

einen schönen.--

Es war an einem Sonntagnachmittag, und Franz lag im Grase an der

Spree nahe der Kirche in Stralau, die ihren grauen Turm aus alten

Linden und Ulmen heraus neugierig in den wolkenlosen Himmel streckte.

Franz war ganz allein. Seinen Freunden, die ihn zu einer Wasserpartie

nach Sadowa überreden wollten, hatte er einen Korb gegeben--einmal,

weil ein paar mitmachten, die ihm nicht paßten, da sie ihm zu rüdig

waren; und sodann, weil er nur drei Sechser in der Tasche hatte, über

die bereits anderweitig für morgen verfügt war. Zudem war er ganz

gern allein, und die Pätschelei machte ihm nur dann Vergnügen, wenn

sie mit einem regelrechten Bade verbunden war.

Franz also lag in dichtem Grase, sog an ausgerupften Halmen und ließ

in augenblicklicher Ermangelung eines Besseren einen um den anderen

seiner nackten Füße ins Wasser hängen. Erst harte es ihm Spaß

gemacht, nach den Sommergärten von Treptow, die alle schwarz von

Menschen waren, und auf die Spree, wo sich Unmengen von kleinen

Boten, Kähnen und Seglern herumtrieben, hinauszuschauen, und er hatte

sich vorgenommen, einmal aufzupassen, wie lange es wohl dauern würde,

bis eine dieser meist von den ungeübtesten Händen gelenkten Schalen

in den Kurs eines der schwerfälligen Dampfer kam, die einer nach dem

andern menschenüberladen und unter ohrbetäubenden Geklingel spreeauf-

und abwärts an ihm vorbeiführen. Denn alle Sonntage kamen hier einer

oder mehrere Unfälle vor, und das Gottvertrauen, mit dem der

Handlungsgehilfe aus NO und der Friseur aus SW, denen doch sonst vor

jeder Berührung mit dem Wasser inner- und äußerlich graute, die Boote

mit ihren Schönen beluden und direkt auf die Dampfer losfuhren, hatte

etwas Rührendes. Aber, wie es immer ist: wenn wir auf ein Ereignis

warten, kommt es nicht, und so wurde auch Franz bald müde, auf die

Wasserfläche hinauszublinzeln, und er sah zur Abwechselung hinauf in

den Himmel, indem er sich auf den Rücken warf.

Ob es wohl ein Wasser gab, das so tief und so blau war, wie dieser

Himmel dort oben? Was mußte das für eine Lust sein, darin zu baden!--

Er dachte an einen seiner Lehrer, der einmal von einem Märchen

erzählt hatte. In dem kam ein Bergsee vor, der sollte "so tief wie

das Meer und so blau wie der Himmel" sein. Aber Franz konnte sich

keine rechte Vorstellung von einem Bergsee machen, und außerdem war

es ja ein Märchen, das der Lehrer erzählte. Die Spree war immer

dunkelbraun und schmutzig, und auch in dem Volksbad konnte man nicht

auf den Grund sehen, auch dann nicht, wenn das Bassin gereinigt und

mit frischem Wasser gefüllt war. Aber es mußte doch wunderschön sein,

einmal in einem so ganz klaren, durchsichtigen Wasser zu baden...

Und da empfand Franz auch schon mit heftigem Unbehagen, daß er heute

noch gar nicht im Wasser gewesen war. Wenn er es wagte? Aber das wäre

doch wohl eine zu große Frechheit gewesen, am Sonntag, hier vor allen

Leuten--wenn ihn da ein Schutzmann erwischte, würde es schöne Senge

absetzen, und nicht die allein. Nein, er mußte schon warten, bis es

dunkel geworden war, und dann auf dem Heimweg noch schnell einmal

irgendwo hineinspringen. Weshalb waren doch nur alle Badeanstalten am

Sonntagnachmittag geschlossen--das war doch zu dumm!--Wo alle anderen

Vergnugungslokale geöffnet waren, blieben die, wo es das allergrößte

gab, zu!--

Und wenn er nun doch jetzt sein Bad nähme!--Er getraute es sich,

seine Kleider abzuwerfen, so lautlos ins Wasser zu schlupfen, unter

ihm hin eine Strecke zu schwimmen, einmal aufzutauchen, um Atem zu

schöpfen, und dann ebenso lautlos wieder zurückzuschwimmen, daß kein

Mensch ihn bemerken sollte. Aber eine bodenlose Frechheit wäre es

doch gewesen und wenn wirklich ein Schutzmann in der Nähe war--und

immer war ein solcher Kerl irgendwo in der Nähe!--und die Kinder ein

Geschrei erheben würden...

War da schon einer?--Schrieen die Kinder oder wer schrie so?--Franz

sprang in die Höhe. Hatte er es nicht gleich gesagt?--Na ja, gleich

der ganze Kahn um und alles ins Wasser!--Und ein Geschrei und Gerufe

und ein Laufen--jetzt aber raus aus dem Hemde und ins Wasser!--Er

fuhr durch das Wasser wie nie in kurzen, kräftigen Stößen. Er wollte

schon auf den Kahn zu, als er--noch ein Stück von ihm entfernt--etwas

auf dem Wasser kämpfen und untersinken sah: einen Jungen, ein paar

Jahre jünger nur, als er selbst. Er erreichte ihn noch gerade und

packte ihn beim Arm. Aber der klammerte sich auch gleich an ihm fest,

und Franz hatte Mühe wieder loszukommen. Denn so ging das ja nicht.

Er schrie ihm zu, ganz ruhig zu sein, er bringe ihn schon ans Land.

Aber der andere war schon wieder mit dem Kopfe unter Wasser und hörte

nichts mehr.

Da ließ ihn Franz einen Augenblick ganz los, griff ihn dann fest

unter dem Arm und brachte nun den sich nicht mehr Sträubenden.--denn

der hatte einstweilen genug Wasser geschluckt--langsam, aber in

sicheren und kräftigen Stößen ans Land.

Dort streckten sich schon hundert Hände aus--nicht nach dem Retter,

um den kümmerte sich keiner--sondern nach dem andern, und Franz war

froh, daß man ihn in Ruhe ließ. Er suchte nach seinen Kleidern. Alles

lag noch da, aber seine Jacke fehlte. Er suchte und suchte, ohne sie

finden zu können. Erst wollte er Skandal machen. Doch dann hätten

sich alle die Menschen, die sich dort um den Geretteten bemühten oder

ihn neugierig umstanden, nach ihm gewandt und ihn ausgefragt. Fragen

aber war ihm ein Greuel. Und es nützte ja doch nischt!--der seine

Jacke mitgenommen hatte, der Halunke, war jetzt doch schon über alle

Berge!

Er machte besser, daß er fort kam, denn er glaubte, einen Lehrer am

Ufer erkannt zu haben. Nur keine Quatscherei! Er sah noch gerade, daß

der Junge wieder aufrecht stand, den er herausgeholt; dann rannte er,

was er konnte. Und als wirklich der Lehrer sich nach ihm umsah, war

Franz längst verschwunden.

Er trottete in Hemdsärmeln nach Hause. Sein Bad hatte er ja nun

gehabt. Aber als er mit gesenktem Kopf an den Scharen der

sonntäglichen Spaziergänger die lange Straße längs der Spree nach

Hause trabte, mußte er einmal doch die aufsteigenden Tränen

hinunterschlucken, als er daran dachte, daß er nun ohne Jacke nach

Hause kam, und an den Skandal, den es absetzen würde. Denn sagen, wie

es wirklich gewesen war, das konnte er doch nicht.

7

Er hatte die ganze Sache längst vergessen, und auch der Lärm um die

Jacke zu Hause war verhallt, als ihm eines Tages in der Schule die

Eröffnung wurde, daß ihm "für seine mutige Tat" die Rettungsmedaille

verliehen werden und daß er sie am Tage der Entlassung aus der Schule

in öffentlicher Feierlichkeit erhalten sollte.

Er wußte zuerst nicht, was er dazu sagen sollte, und hoffte die Sache

damit zu erledigen, daß er nicht daran glaubte. Das war auch nur

wieder so eine Quatscherei--wegen so was! Aber er irrte sich. Die

Medaille war ihm wirklich zuerkannt, und zwar auf Betreiben desselben

Lehrers an seiner Schule, der zufällig an jenem Sonntag in der Nähe

gewesen war und vergebens nach seinem Schüler gesucht hatte, nachdem

er durch seine praktischen Anordnungen den Geretteten wieder soweit

gebracht, daß er Luft schnappen konnte.

Franz machte diese Feier kein Vergnügen. Es war ihm unangenehm, so

vorgerufen und von allen Augen angestaunt zu werden, als habe er Gott

weiß was getan, und er hätte sich am liebsten in die Erde, oder noch

weit lieber: ins Wasser verkrochen. Aber das ging nun einmal nicht.

Der Rektor hielt eine Rede, von der er wenig verstand, da er nicht

zuhörte. Dann mußte Franz vortreten vor die andern Schüler und die

Herren in schwarzen Röcken hin, und er fühlte, daß er rot wurde, als

ihm die kleine, braune Bronze-Medaille an die Brust gesteckt wurde.

Aber trotz aller Unbehaglichkeit durchdrang ihn doch in diesem

Augenblicke ein Gefühl großer Gehobenheit, etwa ähnlich dem, das er

empfand, wenn er ganz allein draußen in seinem Elemente schwamm und

fühlte, wie er es beherrschte. Und dies Gefühl mußte sich in seinen

Augen widerspiegeln, mit denen er jetzt aufschaute zu dem sonst so

gefürchteten Rektor. Denn als dieser den Ausdruck stummer

Begeisterung in den blauen, ehrlichen Augen des Knaben sah, ihm so

ungewohnt bei seinen kühlen, früh lebensklugen Berliner Kindern,

legte er noch einmal seine Hand auf den kurzgeschorenen Kopf vor ihm,

und sich etwas niederbeugend, fügte er seinen Worten noch hinzu:--Du

wirst gewiß einmal ein sehr tüchtiger Schwimmer werden...

Da aber antwortete Franz mit einer seiner sonstigen Schwerfälligkeit

ganz fremden Plötzlichkeit und Schlagfertigkeit--und wieder stand das

seltsame Leuchten in seinen Augen--:

--Der bin ich schon!

Der Rektor lächelte.

--Aber ja. Sonst hättest du dir das da nicht verdient. Ich meinte

auch nur, daß du dich noch weiter ausbilden kannst; das willst du

doch gewiß?

Franz war wieder der alte, und er antwortete mit seiner eben zu der

Einsegnung eingelernten Verbeugung, die das einzige war, was ihm von

der ganzen Geschichte "dieser heiligen Handlung" geblieben war:

--Jawohl, Herr Rektor!

Die Feierlichkeit war zu Ende und keiner froher darüber, als Franz,

der sofort nach der Volksbadeanstalt stürzte und sie gerade noch

lange genug offen fand, um im Wasser für eine halbe Stunde zu

vergessen, was auf der Erde um ihn vorging.

Acht Tage vorher war er eingesegnet worden, und so waren die beiden

größten äußeren Ereignisse seiner bisherigen kindlichen Jugend

zusammengefallen.

Die Einsegnung selbst hafte ihn ganz kalt gelassen und er hatte mit

dem besten Willen nicht die üblichen Tränen hervorquetschen können,

die bei dieser Gelegenheit erwartet wurden. Aber die Verleihung der

Medaille hatte ihn doch etwas innerlich erregt, da die andern so viel

Wesens davon machten und ihn anstaunten, wo er ging und stand. Den

tiefsten Eindruck machte es ihm, daß sein Name in den Zeitungen

stand, und als an einem Abend dieser Woche der Onkel Sattlermeister

aus der kleinen Markusstraße in dem elterlichen Keller erschien

und mit dröhnender Stimme bei verschiedenen Weißen die Notiz im

"Lokal-Anzeiger" über seinen Neffen vorlas, da war dieser fast so

glücklich, wie einige Tage später, als derselbe Onkel ihn "zur

Einsegnung" mit einer silbernen Taschenuhr beschenkte.

Jetzt war er von der Schule endgültig frei, die er im letzten Jahre

geradezu gehaßt hatte. Er war nun darauf angewiesen, auf eigenen

Füßen zu stehen, Geld zu verdienen, um seinen Eltern ein Kostgeld zu

zahlen, mit einem Wort: sich durchs Leben zu schlagen, so gut es

ging.

Für einen bestimmten Beruf, konnte er sich noch nicht entscheiden.

Die besseren Berufsarten, die der Mechaniker, Ingenieure usw., bei

denen ein Lehrgeld in der Höhe von mehreren hundert Mark zu bezahlen

war, waren überhaupt ausgeschlossen, da sein Vater nie in der Lage

gewesen wäre, auch nur hundert Mark auf einmal für einen seiner Söhne

aufzutreiben. Aber auch die Lehrstellen, bei denen ein Lehrgeld nicht

gefordert wurde, die nur die drei- oder vierjährige Verpflichtung

unentgeltlicher Kraft verlangten oder nach einiger Zeit und sogar von

Anfang an ein kleines, von Jahr zu Jahr um etwas höher werdendes

Gehalt bewilligten, waren ihm versagt, denn jetzt wo er vierzehn

Jahre alt geworden war, erklärten die Eltern, ihn nur bei sich

behalten zu können, wenn er wöchentlich seinen Beitrag für Wohnung

und Essen beisteuerte.

Alle seine Brüder hatten das getan, bevor sie sich selbständig

gemacht, das heißt geheiratet hatten oder in die Fremde gegangen

waren, und Franz wäre der letzte unter ihnen gewesen, der nicht

eingesehen hätte, wie berechtigt die Forderung war. Die Familie

Felder hatte immer zusammengehalten und gesucht, sich das Leben

gegenseitig zu erleichtern; daß es so schwer war, nahmen alle als

eine unabänderliche Notwendigkeit, und Franz machte keine Ausnahme,

wenn er nicht darüber nachdachte, warum es eigentlich für sie alle so

schwer war...

Er ging ohne Zaudern daran, sich Arbeit zu suchen. Er schreckte vor

keiner zurück. Im Winter war er Laufbursche und Austräger in

verschiedenen Geschäften, hatte dann eine Stelle als Bote in einem

großen Zigaretten-Importgeschäft, zu dem er in einer auffallenden

Uniform und in einer Mütze mit Aufschrift gehen mußte; und im

darauffolgenden Sommer zog er für eine Papeteriewarenhandlung mit

einem Karren und einem Hunde, meist allein, zuweilen aber auch mit

einem zweiten Jungen, vom Morgen bis zum Abend in der ganzen Umgegend

von Berlin herum um Waren abzuliefern. So brachte er es fertig,

während dieses ganzen Jahres nie weniger als zehn Mark die Woche zu

verdienen, und meistens noch etwas mehr, bis zu dreizehn und selbst

vierzehn, die Trinkgelder eingerechnet.

8

Alles, was er an Geld und Zeit erübrigen konnte, gehörte bis auf die

letzte Minute und den letzten Pfennig seiner ersten Liebe: dem

Wasser!--

Immer brachte er es fertig, auf seinen Geschäftsgängen--und mußte er

sich noch so sehr vorher und nachher beeilen--so viel an Zeit zu

erübrigen, daß er in das zunächst gelegene Schwimmbad eilen konnte

auf ein kurzes, oder, wenn es irgend anging, auf ein langes Bad. Im

Sommer fast täglich: da befand er sich meist in den Vororten von

Berlin, und statt der wenigen Winter-Schwimmbäder der Stadt fand er

überall ein Sommerbad. Und mochte er in Reinickendorf oder Steglitz,

am Plötzensee oder in Rixdorf sein--im Sommer wenigstens durfte kein

Tag vergehen, an dem er nicht in die Fluten tauchen konnte, die sein

Element waren. Er verzichtete auf die Mittagsruhe unter einem Baum

auf dem Felde; er überredete seinen Kameraden, mit dem Wagen eine

halbe Stunde auf ihn zu warten, und versuchte es auf alle Weise--

selbst durch Bestechung mit einem Sechser oder mit einem Glas Bier;

er stellte den Wagen bei Bekannten, die er überall machte, für eine

Stunde unter, nur um auf sein Vergnügen nicht verzichten zu müssen.

Sonst so schwerfällig, wurde er schlau in der Anwendung der Mittel,

die ihn zu seinem Ziele führen konnten: seinem täglichen Bade.

Übrigens fand er im Sommer meist Zeit. Bei diesen weiten, tagelangen

Fahrten konnte sein Fortbleiben vom Geschäft aus nur selten so genau

kontrolliert werden, wie im Winter; wenn er abends, und mochte es

auch schon spät sein, mit dem leeren Wagen nach Hause kam und nur

alle Bestellungen abgeliefert waren, war der Chef zufrieden, um so

mehr, als Franz sehr zuverlässig und ehrlich war, so daß ihm oft

große Summen zur Einkassierung anvertraut wurden.

Auch die paar Groschen für das Bad fand er immer. Sie waren seine

einzige Ausgabe. Er hatte sonst kein Bedürfnis und verzichtete lieber

auf sein Glas Bier, als auf sein Bad. Er konnte hungern und dursten--

und oft genug tat er beides--: aber sein Vergnügen ließ er sich nicht

nehmen. Auch war es ja ein so billiges Vergnügen. Da er sich immer

noch in vielen Fällen auf ein Kinderbillet durchschmuggelte, so

kostete ihm sein Hallenbad nicht mehr als zwanzig, sein Sommerbad

meist aber nur zehn Pfennig. Das konnte er sich schon leisten. Nur

sprach er nicht mehr so viel von seinem Vergnügen. Die Mutter hätte

selbst über die kleine Ausgabe geklagt, und seine Freunde verstanden

seine Leidenschaft doch nicht so, wie er sie fühlte. So umgab er sie

mit der ganzen Heimlichkeit einer wirklich ersten Liebe und stahl

sich zu seinem einzigen und größten Vergnügen wie zu einem

Stelldichein.

Seine kleine Badehose, die zusammengerollt nicht großer war als seine

Faust, trug er mit sich, wo er ging und stand. Und mehr als sie, den

Groschen und eine Stunde Zeit, brauchte er ja nicht!...

Es war eine harte und freudlose Kindheit, die dem Knaben beschieden

war. Aber eine große Freude, die schon jetzt etwas von der alles in

ihm beherrschenden, verzehrenden Leidenschaft späterer Jahre an sich

hatte, übergoldete ihre graue Nüchternheit, ließ ihn Müdigkeit und

Entbehrungen vergessen, und diese Freude war es, in der er seine

ganze Jugend auslebte und auskostete in ihrer ersten Kraft und in

ihrem ersten unendlichen Genießen.

9

Ihm war das Schwimmen noch keine Kunst. Er ahnte noch nicht einmal,

daß es als eine solche betrachtet werden konnte. Wohl wußte er von

der sportlichen Ausbildung der Schwimmer, aber diese reizte ihn

nicht. Sie war ihm fremd.

Wie als kleiner Kerl von fünf Jahren, so tummelte er sich auch jetzt

noch im Wasser, nur daß er mit seiner zunehmenden Kraft gelernt

hatte, es jetzt völlig zu beherrschen.

Als nochmals ein Sommer zu Ende ging, da gab es für den jungen

Burschen kein Wasser in der ganzen näheren Umgebung von Berlin, wenn

es nur eben so groß war, daß man in ihm baden konnte, in dem er nicht

geschwommen hätte. Berlin war eine große Stadt mit vielen Straßen und

unzähligen Häusern, aber ihre Bedeutung bestand doch nur darin, daß

um sie herum die Teiche und Seen lagen und daß sie der dunkle Fluß

durchzog...

Er schwamm nur zu seinem Vergnügen und nur zu eigener Lust. Sein

einziger Wunsch war, den ganzen Tag im Wasser zu liegen, und er war

glücklich über die langen Sonntagnachmittage, an denen er es konnte.

Mit seinen kurzen, stämmigen Beinen seinen festen Armen, an denen

sich die Muskeln auszubilden begannen, beherrschte er das Wasser mit

vollkommener Sicherheit. Es war sein Freund, zu dem er unbedingtes

Vertrauen hatte--sein bester, sein einziger Freund. An seiner Brust

vergaß er alle Mühseligkeiten seines jungen Lebens, und wenn er bei

ihm sein durfte, war er glücklich.

Und das Wasser vergalt ihm seine Liebe. Es war wie ein Aufschrei der

Freude seiner Wellen, wenn es ihn umfing, und es trug ihn sicher und

freundlich, wie er nur wollte. Sie spielten, sie rangen miteinander,

wie Knaben es tun, um ihre Kraft zu messen, aber sie vertrugen sich

immer.

Ach, und wie der Knabe es liebte!

Wie andere Kinder den weißen Sand, mit dem sie spielen, durch die

Hände gleiten lassen, so nahm er oft, auf dem Rücken liegend, das

flüssige, rätselhafte Element, um es zu fassen, in die Hände und es

zwischen den Fingern zerrinnen zu sehen in flüchtigen Blasen.

Wie andere Kinder zu ihrer Mutter gehen mit ihren Klagen und

Wünschen, so kam er zu ihm, um sich trösten zu lassen.

Sein ganzer, kleiner Körper zitterte vor Aufregung, wenn er das

Wasser sah, und er suchte den köstlichen Augenblick zu verlängern, in

dem er hinein durfte.

Lag er dann im Wasser, so rollte er sich zunächst förmlich über die

Fläche hin, überschlug sich vor Wonne und kugelte sich zusammen, ging

unter und kam wieder hervor, streckte die Glieder in unendlichem

Wohlbehagen und glitt auf der Oberfläche hin, wie eine Schlange, bis

er zu schwimmen begann.

Dann schwamm er, ruhig, langsam und lautlos, fast andächtig; oder in

voller Kraft auf ein Ziel los, daß das Wasser rauschte.

Er schwamm, und er wurde nie müde.

Er tauchte, und seine kleine Brust weitete sich mühelos.

Er schwamm und schwamm, wo und wann er konnte.--Es war ein heißer

Sommer, ein langer Sommer, ein arbeitsvoller Sommer.

Aber es war doch ein Sommer voll Freude.

Viel noch sollte Franz Felder in seinem Leben schwimmen. So sorglos,

so unbekümmert vielleicht nie mehr.

Der Schwimmer · 第 6 / 41 题