Er tastete nach seiner Brust und hauchte: „Sterben!“

„Nein, Heini, du wirst nicht sterben! Wir werden leben und glücklich

sein. Heini, die Sonne muß kommen!“

Er hörte diese Worte nicht mehr, eine neue Ohnmacht umfing ihn.

Und die Sonne kam wirklich. So rasch und furchtbar das Gewitter

dahergekommen war, so schnell war es auch wieder verrauscht.

Als Marie den See entlang zur Hütte eilte, zeigte sich schon wieder

blauer Himmel und die sinkende Sonne hüllte Wald und Felsen in

blendendes Gold.

Und ein breiter Strahl dieser leuchtenden Pracht fiel auch durch das

kleine Fenster auf das Lager, auf dem Heinrich Binder sich zum Sterben

streckte. Noch einmal war er erwacht und wie ein glückliches Lächeln

glitt es über sein blasses Antlitz, als er die beiden Frauen, die er

so sehr geliebt, an seinem Lager sah. Jede von ihnen hatte eine seiner

Hände gefaßt und das letzte, was Heinrich Binder sah, war wie ein süßes

Bild aus der Jugend. Vom Abendglanz verklärt, leuchtete das Antlitz

der beiden Frauen wie im Schimmer blühender Jugend, ein Strom reinster

Liebe flutete aus ihren Augen und auf diesem Strom schwamm Heinrichs

Seele hinüber ins Friedensland der Ewigkeit, neuem Frühlinge, neuem

Werden nach den ewigen Gesetzen der Liebe entgegen.

Und während an dem Lager des Entschlafenen die Frauen schluchzten,

begannen draußen im Hochwald die Amseln, die seit Wochen geschwiegen

hatten, zu singen, die Berge zündeten ihre purpurnen Riesenfackeln

an und als sie verglommen, das Schluchzen der Frauen und die süßen

Flöten der Amseln verstummt waren, da kam die Nacht und breitete

ihren sterngestickten Königsmantel über den Einzigen auf der weiten

Welt, der in heiliger Liebestat die Einsamkeit überwand, welche die

Notwendigkeit allen großen Seelen auferlegt.

In deiner Liebe, Heinrich Binder, bist du unsterblich, denn das Ewige

ist Liebe, sich selbst zum Opfer bringende Liebe!

[Illustration]

Der Einzige auf der weiten Welt: Ein Menschenleben · 第 33 / 54 题