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Ich sehe immer nur ein endloses Trümmerfeld – wie öde der Weg, der
nirgends hinführt – das war mein Leben.
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Wie Erinnerungen unzähliger Existenzen steigt es in mir auf. In ihnen
allen war er, war ich. Wir wissen es nur nicht mehr. In ihnen allen
haben wir uns gesucht, ich fühl es dunkel. Aber fanden wir uns je
dauernd? Oder war es immer nur wie staunendes Erkennen und rasches
Auseinandermüssen?
Müde bin ich, müde wie von unzähligen Existenzen. Möchte tief schlafen.
Aber traumlos, von nichts mehr wissen.
Ach, daß zwischen dem Gehendürfen und Wiederkehrenmüssen doch eine
lange Zeit tiefer Ruhe läge!
Wie langsam doch die Stunden schleichen in den langen, qualvollen
Nächten. Das fortwährende Grübeln, ob es nicht zu verhindern gewesen
wäre, wenn ich dort geblieben wäre.
Jetzt weiß ich, warum wir fort sollten: ich sollte gerettet werden,
denn ihm ahnte wohl schon damals vieles.
Aber was sollen Welt und Leben ohne Dich? Und wenn Du es tausendmal
nicht willst – Du ziehst mich Dir doch nach. Unsichtbare, unzerreißbare
Fäden ketten uns aneinander seit Uranfangszeiten. Und ich folge Dir,
weiß schon oft kaum, ob ich noch hier bin. Das ist der einzige Trost.
Seitdem ich von Dir getrennt bin, lebe ich ja nur scheinbar hier,
eigentlich ganz wo anders. Bei Dir. In jener Stadt wo wir während
Deines Lebens zusammen waren und in noch ferneren weiteren Landen.
Überall, wo Du hier auf Erden geweilt, haben Dich meine Gedanken
begleitet, auf allen Reisen waren sie mit Dir – ich habe durch die
Sehnsucht so ganz bei Dir gelebt, daß ich Orte kenne, in denen ich
nie gewesen. Endlose Ebenen habe ich mit Dir durchzogen, wilde
Felsenpässe habe ich neben Dir überschritten, steile Berge sind wir
zusammen emporgeklommen, im Dunkel sagenhafter Tempel habe ich mit Dir
gestanden, mit Dir uraltem Weisheitsspruch gelauscht. – Das war mein
eigentliches Leben, dort bei Dir war stets mein wahres Ich.
Nun bist Du noch viel weiter fortgezogen zu allerfernsten Stätten.
Aber auch dahin folg ich Dir. Ich muß Dir durch alle Zeiten schon so
gefolgt sein, seit es Leben und Willen gab. Und geht Dein Weg durch die
Weltenräume, zu anderen Erden, Monden und Sonnen, durch tiefe Nacht und
weiß glühende Helle – ich folge Dir – ich kann nicht anders!
* * * * *
Mich dünkt, als läg ich hier seit vielen Wochen. Und es sollen doch
nur wenige Tage sein. Raum und Zeit verschwimmen für mich. Die Minuten
enthalten so endloses Leid, so verzehrende Sehnsucht, daß ich sie
mühsam wie Ewigkeiten durchlebe. Vergangenes scheint so nahe, daß ich
mit der Hand danach greife ... aber die Hand selbst verschwimmt ... das
Fußende des Bettes schiebt sich in unendliche Weiten ... ich sehe den
eigenen Leib nicht mehr ... er ist zur ganzen Welt geworden ... und
schmerzt ... schmerzt vom ganzen Weltenweh.
Ich kann die Feder kaum halten ... alles verwirrt sich ... und alles
schmerzt ... immer ärger. Kälte ... Finsternis. Ich kämpfe gegen das
Dunkel ... das Grauen. Ich will, will, will – bei klarem Bewußtsein
sterben. Keine Angst – keine Verzerrungen ... der Abgrund ... das
Entsetzen!... aber doch ... Freude!... Freude!... zu Dir.
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Warum haben sie mich noch einmal geweckt? Warum die Qual noch
verlängert? Ist es denn noch nicht genug? Ich schlief schon ... hielt
Deine Hand ... es schien ... vollbracht ... und nun?... ich finde Dich
nicht mehr ... wo ... wo war es doch?... warten ... immer wieder warten
... und dann?... nichts?...
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Nachwort.
Meine Schwester, die die vorstehenden Briefe geschrieben, unser Freund,
der sie empfangen sollte, ruhen nun beide. Sie hier am Strande des
Atlantischen Ozeans, er in der fernen chinesischen Erde.
Als wir im Mai 1900 von Berlin zurückgekehrt waren, wo mein seit
Jahren rettungslos geisteskranker Schwager gestorben war, hatte ich
gehofft, daß das Leben meiner Schwester nun vielleicht doch noch nach
dem schweren, drückenden Tag einen versöhnenden Abend bringen könne.
Es schien mir, als lebe sie auf, sich selbst dessen kaum bewußt. Aber
während der entsetzlichen Wochen, in denen die ganze Welt über das
Schicksal der in Peking Eingeschlossenen in qualvoller Ungewißheit
bangte, verzehrte sie sich in Angst um unsern Freund; und als dann die
Nachricht seines Todes eintraf, nachdem wir schon alles für gerettet
und gewonnen gehalten hatten, erlosch ihr Leben nach wenigen Tagen.
Ich bin dann später nach China gereist. In Peking wurden mir die
Briefe meiner Schwester ausgehändigt. Unser Freund hat sie nicht mehr
erhalten. Er hatte sich seine ganze Korrespondenz nach Schanghai
adressieren lassen; denn seiner ursprünglichen Absicht nach wollte er
nach seiner weiten Forschungsreise dorthin kommen, um von diesem Hafen
aus dann die Heimreise anzutreten. Unterwegs aber änderte er seine
Route und beschloß, nach Peking zurückzukehren, wo er unmittelbar
vor Beginn der Gesandtschafts-Belagerung eintraf. Er erwartete dort
all seine Briefe zu finden, die er sich unterwegs telegraphisch von
Schanghai nach Peking bestellt hatte; aber der Bote, den er mit diesem
Telegramm vom Innern Chinas aus nach der nächsten viele Tagereisen
entfernten Telegraphenstation gesandt hatte, muß wohl in den schon
damals herrschenden Unruhen sein Ziel nicht erreicht haben. Sicher ist,
daß sein Telegramm nie in Schanghai angekommen ist und in Peking keine
Briefschaften für ihn lagen. Er meldete sich gleich als Freiwilliger
und ward in der Verteidigung des Suwangfu verwandt, wo die dreitausend
geflüchteten chinesischen Christen ein Unterkommen gefunden hatten.
Seine Kenntnis des Chinesischen und der Einfluß, den er immer auf die
Eingeborenen zu gewinnen wußte, ließen ihn dort besonders nützlich
erscheinen. Viel ist mir von seiner Ruhe und völligen Unerschrockenheit
erzählt worden aus jenen Wochen, in denen die Menschen Gelegenheit
fanden, ihren Wert zu zeigen.
Er ist ein Opfer der letzten Stunde geworden.
Am 13. August, als die Belagerten schon bestimmte Nachricht von
dem Herannahen der Entsatztruppen unter den Generalen Gaselee und
Fukushima hatten, machten die Chinesen noch einen besonders starken
Angriff, als hofften sie, doch noch Herr der kleinen Schar zu werden,
die ihnen während sieben Wochen widerstanden hatte. Von früh bis spät
pfiffen die Kugeln und kamen wie Hagel über die Barrikaden geflogen.
Am heftigsten soll der Angriff gegen das Suwangfu gewesen sein. Am
Nachmittag ward dort einer der Chinesen verwundet, die Oberst Shiba
zu einer Wachttruppe ausgebildet hatte. Unser Freund sprang vor, um
den Verwundeten aus dem Bereich der Kugeln zu tragen, aber im selben
Augenblick stürzte er selbst tödlich getroffen nieder.
Am Abend begrub man ihn.
Am nächsten Tage rückten die Entsatztruppen ein.
Monate verstrichen dann, bis ich nach Peking kam. Alles dort mahnte
mich an ihn und an sie, obschon es doch ein ganz anderes Peking
war, das ich wiederfand, und das alte, in dem die Beiden gelebt,
für immer verschwunden ist. In der verwüsteten Stadt bin ich lang
herumgeirrt und habe in all der Zerstörung nach Erinnerungen und
Bildern aus der Vergangenheit gesucht. Aber wo einst die verwitterte
Steinschildkröte stand und die Wistaria blühte, lag ein einziger
Schutt- und Trümmerhaufen, kaum daß man den Platz unseres Häuschens
noch bestimmen konnte. Wie eine ungeheure Last senkte sich die Trauer
um unwiderruflich Verlorenes auf mich herab.
Keine Spur von ihm oder ihr.
Als sei es alles nie gewesen.
Abends saß ich dann lange sinnend vor den ausgebreiteten Briefen meiner
Schwester. Zuerst dachte ich daran, sie zu verbrennen. Etwas Rauch,
der zum Kamin hinaufsteigt und sich im Raum verliert, ein paar wehe
Gedanken bei einigen Zurückbleibenden, die selbst auch bald dahin
sein werden – und dann ist eines Menschen Spur verwischt. Aber ich
vermochte es nicht. Das Letzte, was von jenen Beiden geblieben, sind
diese Briefe, und als ich in ihnen blätterte, empfand ich so recht,
wie sehr sie das wahre Leben meiner Schwester enthalten und ein Stück
von ihr sind, die mir so lieb gewesen. Während ich dann weiter las,
fühlte ich, wie Zeiten, die entschwunden sind, noch einmal vor mir
vorüberzogen; ich fühlte auch, wie sie, die von mir gegangen ist,
wieder vor mir erstand und mit ihr die Erinnerung an die Wanderjahre,
die wir beide zusammen verlebt haben.
Ich vermochte nicht die Briefe zu vernichten. Es wäre mir gewesen, als
würde damit das Leben meiner Schwester noch einmal grausam zerstört.
Ich habe lange gezaudert. Doch schließlich entschloß ich mich, zur
Erinnerung an jene Beiden diese Briefe, die ihn nicht erreichten,
herauszugeben. Vielleicht bringen sie dem einen oder dem andern, der
die Beiden im alten Peking einst gekannt hat, einen Gruß. Vielleicht
erreichen sie auch andere, einsame Menschen, die noch auf der großen
Lebensfahrt begriffen sind und gern einen Augenblick am Wege rasten, um
auf die Stimmen derer, die vor ihnen gegangen sind, zu lauschen, wie
sie leise aus der Vergangenheit klingen.
_New York_ 1902.
Druck von _G. Bernstein_ in Berlin.
Anmerkungen zur Transkription.
Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils
zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.