Ach, daß ich doch bei ihm unter der Erde ruhte! –

* * * * *

Ich sehe immer nur ein endloses Trümmerfeld – wie öde der Weg, der

nirgends hinführt – das war mein Leben.

* * * * *

Wie Erinnerungen unzähliger Existenzen steigt es in mir auf. In ihnen

allen war er, war ich. Wir wissen es nur nicht mehr. In ihnen allen

haben wir uns gesucht, ich fühl es dunkel. Aber fanden wir uns je

dauernd? Oder war es immer nur wie staunendes Erkennen und rasches

Auseinandermüssen?

Müde bin ich, müde wie von unzähligen Existenzen. Möchte tief schlafen.

Aber traumlos, von nichts mehr wissen.

Ach, daß zwischen dem Gehendürfen und Wiederkehrenmüssen doch eine

lange Zeit tiefer Ruhe läge!

Wie langsam doch die Stunden schleichen in den langen, qualvollen

Nächten. Das fortwährende Grübeln, ob es nicht zu verhindern gewesen

wäre, wenn ich dort geblieben wäre.

Jetzt weiß ich, warum wir fort sollten: ich sollte gerettet werden,

denn ihm ahnte wohl schon damals vieles.

Aber was sollen Welt und Leben ohne Dich? Und wenn Du es tausendmal

nicht willst – Du ziehst mich Dir doch nach. Unsichtbare, unzerreißbare

Fäden ketten uns aneinander seit Uranfangszeiten. Und ich folge Dir,

weiß schon oft kaum, ob ich noch hier bin. Das ist der einzige Trost.

Seitdem ich von Dir getrennt bin, lebe ich ja nur scheinbar hier,

eigentlich ganz wo anders. Bei Dir. In jener Stadt wo wir während

Deines Lebens zusammen waren und in noch ferneren weiteren Landen.

Überall, wo Du hier auf Erden geweilt, haben Dich meine Gedanken

begleitet, auf allen Reisen waren sie mit Dir – ich habe durch die

Sehnsucht so ganz bei Dir gelebt, daß ich Orte kenne, in denen ich

nie gewesen. Endlose Ebenen habe ich mit Dir durchzogen, wilde

Felsenpässe habe ich neben Dir überschritten, steile Berge sind wir

zusammen emporgeklommen, im Dunkel sagenhafter Tempel habe ich mit Dir

gestanden, mit Dir uraltem Weisheitsspruch gelauscht. – Das war mein

eigentliches Leben, dort bei Dir war stets mein wahres Ich.

Nun bist Du noch viel weiter fortgezogen zu allerfernsten Stätten.

Aber auch dahin folg ich Dir. Ich muß Dir durch alle Zeiten schon so

gefolgt sein, seit es Leben und Willen gab. Und geht Dein Weg durch die

Weltenräume, zu anderen Erden, Monden und Sonnen, durch tiefe Nacht und

weiß glühende Helle – ich folge Dir – ich kann nicht anders!

* * * * *

Mich dünkt, als läg ich hier seit vielen Wochen. Und es sollen doch

nur wenige Tage sein. Raum und Zeit verschwimmen für mich. Die Minuten

enthalten so endloses Leid, so verzehrende Sehnsucht, daß ich sie

mühsam wie Ewigkeiten durchlebe. Vergangenes scheint so nahe, daß ich

mit der Hand danach greife ... aber die Hand selbst verschwimmt ... das

Fußende des Bettes schiebt sich in unendliche Weiten ... ich sehe den

eigenen Leib nicht mehr ... er ist zur ganzen Welt geworden ... und

schmerzt ... schmerzt vom ganzen Weltenweh.

Ich kann die Feder kaum halten ... alles verwirrt sich ... und alles

schmerzt ... immer ärger. Kälte ... Finsternis. Ich kämpfe gegen das

Dunkel ... das Grauen. Ich will, will, will – bei klarem Bewußtsein

sterben. Keine Angst – keine Verzerrungen ... der Abgrund ... das

Entsetzen!... aber doch ... Freude!... Freude!... zu Dir.

* * * * *

Warum haben sie mich noch einmal geweckt? Warum die Qual noch

verlängert? Ist es denn noch nicht genug? Ich schlief schon ... hielt

Deine Hand ... es schien ... vollbracht ... und nun?... ich finde Dich

nicht mehr ... wo ... wo war es doch?... warten ... immer wieder warten

... und dann?... nichts?...

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Nachwort.

Meine Schwester, die die vorstehenden Briefe geschrieben, unser Freund,

der sie empfangen sollte, ruhen nun beide. Sie hier am Strande des

Atlantischen Ozeans, er in der fernen chinesischen Erde.

Als wir im Mai 1900 von Berlin zurückgekehrt waren, wo mein seit

Jahren rettungslos geisteskranker Schwager gestorben war, hatte ich

gehofft, daß das Leben meiner Schwester nun vielleicht doch noch nach

dem schweren, drückenden Tag einen versöhnenden Abend bringen könne.

Es schien mir, als lebe sie auf, sich selbst dessen kaum bewußt. Aber

während der entsetzlichen Wochen, in denen die ganze Welt über das

Schicksal der in Peking Eingeschlossenen in qualvoller Ungewißheit

bangte, verzehrte sie sich in Angst um unsern Freund; und als dann die

Nachricht seines Todes eintraf, nachdem wir schon alles für gerettet

und gewonnen gehalten hatten, erlosch ihr Leben nach wenigen Tagen.

Ich bin dann später nach China gereist. In Peking wurden mir die

Briefe meiner Schwester ausgehändigt. Unser Freund hat sie nicht mehr

erhalten. Er hatte sich seine ganze Korrespondenz nach Schanghai

adressieren lassen; denn seiner ursprünglichen Absicht nach wollte er

nach seiner weiten Forschungsreise dorthin kommen, um von diesem Hafen

aus dann die Heimreise anzutreten. Unterwegs aber änderte er seine

Route und beschloß, nach Peking zurückzukehren, wo er unmittelbar

vor Beginn der Gesandtschafts-Belagerung eintraf. Er erwartete dort

all seine Briefe zu finden, die er sich unterwegs telegraphisch von

Schanghai nach Peking bestellt hatte; aber der Bote, den er mit diesem

Telegramm vom Innern Chinas aus nach der nächsten viele Tagereisen

entfernten Telegraphenstation gesandt hatte, muß wohl in den schon

damals herrschenden Unruhen sein Ziel nicht erreicht haben. Sicher ist,

daß sein Telegramm nie in Schanghai angekommen ist und in Peking keine

Briefschaften für ihn lagen. Er meldete sich gleich als Freiwilliger

und ward in der Verteidigung des Suwangfu verwandt, wo die dreitausend

geflüchteten chinesischen Christen ein Unterkommen gefunden hatten.

Seine Kenntnis des Chinesischen und der Einfluß, den er immer auf die

Eingeborenen zu gewinnen wußte, ließen ihn dort besonders nützlich

erscheinen. Viel ist mir von seiner Ruhe und völligen Unerschrockenheit

erzählt worden aus jenen Wochen, in denen die Menschen Gelegenheit

fanden, ihren Wert zu zeigen.

Er ist ein Opfer der letzten Stunde geworden.

Am 13. August, als die Belagerten schon bestimmte Nachricht von

dem Herannahen der Entsatztruppen unter den Generalen Gaselee und

Fukushima hatten, machten die Chinesen noch einen besonders starken

Angriff, als hofften sie, doch noch Herr der kleinen Schar zu werden,

die ihnen während sieben Wochen widerstanden hatte. Von früh bis spät

pfiffen die Kugeln und kamen wie Hagel über die Barrikaden geflogen.

Am heftigsten soll der Angriff gegen das Suwangfu gewesen sein. Am

Nachmittag ward dort einer der Chinesen verwundet, die Oberst Shiba

zu einer Wachttruppe ausgebildet hatte. Unser Freund sprang vor, um

den Verwundeten aus dem Bereich der Kugeln zu tragen, aber im selben

Augenblick stürzte er selbst tödlich getroffen nieder.

Am Abend begrub man ihn.

Am nächsten Tage rückten die Entsatztruppen ein.

Monate verstrichen dann, bis ich nach Peking kam. Alles dort mahnte

mich an ihn und an sie, obschon es doch ein ganz anderes Peking

war, das ich wiederfand, und das alte, in dem die Beiden gelebt,

für immer verschwunden ist. In der verwüsteten Stadt bin ich lang

herumgeirrt und habe in all der Zerstörung nach Erinnerungen und

Bildern aus der Vergangenheit gesucht. Aber wo einst die verwitterte

Steinschildkröte stand und die Wistaria blühte, lag ein einziger

Schutt- und Trümmerhaufen, kaum daß man den Platz unseres Häuschens

noch bestimmen konnte. Wie eine ungeheure Last senkte sich die Trauer

um unwiderruflich Verlorenes auf mich herab.

Keine Spur von ihm oder ihr.

Als sei es alles nie gewesen.

Abends saß ich dann lange sinnend vor den ausgebreiteten Briefen meiner

Schwester. Zuerst dachte ich daran, sie zu verbrennen. Etwas Rauch,

der zum Kamin hinaufsteigt und sich im Raum verliert, ein paar wehe

Gedanken bei einigen Zurückbleibenden, die selbst auch bald dahin

sein werden – und dann ist eines Menschen Spur verwischt. Aber ich

vermochte es nicht. Das Letzte, was von jenen Beiden geblieben, sind

diese Briefe, und als ich in ihnen blätterte, empfand ich so recht,

wie sehr sie das wahre Leben meiner Schwester enthalten und ein Stück

von ihr sind, die mir so lieb gewesen. Während ich dann weiter las,

fühlte ich, wie Zeiten, die entschwunden sind, noch einmal vor mir

vorüberzogen; ich fühlte auch, wie sie, die von mir gegangen ist,

wieder vor mir erstand und mit ihr die Erinnerung an die Wanderjahre,

die wir beide zusammen verlebt haben.

Ich vermochte nicht die Briefe zu vernichten. Es wäre mir gewesen, als

würde damit das Leben meiner Schwester noch einmal grausam zerstört.

Ich habe lange gezaudert. Doch schließlich entschloß ich mich, zur

Erinnerung an jene Beiden diese Briefe, die ihn nicht erreichten,

herauszugeben. Vielleicht bringen sie dem einen oder dem andern, der

die Beiden im alten Peking einst gekannt hat, einen Gruß. Vielleicht

erreichen sie auch andere, einsame Menschen, die noch auf der großen

Lebensfahrt begriffen sind und gern einen Augenblick am Wege rasten, um

auf die Stimmen derer, die vor ihnen gegangen sind, zu lauschen, wie

sie leise aus der Vergangenheit klingen.

_New York_ 1902.

Druck von _G. Bernstein_ in Berlin.

Anmerkungen zur Transkription.

Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils

zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.

Briefe, die ihn nicht erreichten · 第 13 / 19 题