I. $Verfahren von Liebig$[162].

§. 228.

Dasselbe gründet sich auf die von $Chevreul$ und von $Döbereiner$

gemachten Beobachtungen, dass Gallussäure und Pyrogallussäure in

alkalischen Lösungen ein mächtiges Bestreben haben, Sauerstoff zu

absorbiren.

[162] Ann. der Chem. und Pharm. 77. 107.

1. Man füllt eine 30 C.C. fassende, in 1/5 oder 1/10 C.C. getheilte starke

Messröhre zu 2/3 mit der zu untersuchenden Luft. Der übrige Theil der

Röhre ist mit Quecksilber gefüllt und durch solches gesperrt. Letzteres

befindet sich in einem hohen oben erweiterten Cylinder.

[Illustration: Fig. 105.]

2. Man misst das abgeschlossene Luftvolum (§. 11). -- Soll in demselben

die Kohlensäure bestimmt werden, was nur dann mit hinlänglicher

Genauigkeit geschehen kann, wenn die Quantität derselben einige Procente

beträgt, so trocknet man zunächst die Luft durch eine eingebrachte

Chlorcalciumkugel (§. 177. 12.) und misst dann wieder. Soll die

Kohlensäure nicht bestimmt werden, so bleibt diese Operation weg.

-- Man bringt nun mit Hülfe einer Pipette mit aufwärts gekrümmter

Spitze (Fig. 105) 1/40 bis 1/50 des Volums der Luft Kalilauge von 1,4

specif. Gewicht (1 Thl. trockenes Kalihydrat auf 2 Thle. Wasser) in die

Messröhre, vertheilt durch rasches Auf- und Niederbewegen derselben die

Kalilauge über die ganze innere Fläche der Röhre (§. 152) und liest,

wenn keine Raumverminderung mehr erfolgt, die Volumabnahme ab. War die

Luft vorher durch Chlorcalcium getrocknet, so giebt das verschwundene

Luftvolumen genau die Kohlensäuremenge in der Luft an, im anderen Falle

deswegen nicht, weil die starke Kalilauge Wasserdampf absorbirt.

3. Nachdem die Kohlensäure bestimmt ist, bringt man in dieselbe

Röhre, vermittelst einer zweiten ähnlichen Pipette, eine Auflösung

von Pyrogallussäure, welche 1 Grm. Pyrogallussäure in 5-6 C.C. Wasser

enthält[163], und zwar die Hälfte von dem Volum der Kalilauge. Man

verfährt wie vorher bei der Bestimmung der Kohlensäure, d. h. man sucht

durch Schütteln die gemengten Flüssigkeiten auf der inneren Oberfläche

der Messröhre zu verbreiten, und misst sodann, wenn keine Absorption

mehr wahrgenommen wird, die Menge des zurückgebliebenen Stickstoffes.

[163] Die Pyrogallussäure erhält man nach $Stenhouse$ (Ann. der Chem.

und Pharm. 45. 1.) am einfachsten durch Sublimation (am besten

bei 185°) aus dem trockenen wässerigen Extract der Galläpfel

ganz nach der Weise, wie man Benzoësäure aus Benzoë darstellt.

Die Ausbeute beträgt über 10 Proc. des angewandten Extracts.

-- Braungefärbte krystallisirte Pyrogallussäure stellt man auf

bequeme Weise dar durch trockene Destillation von sogenannten

chinesischen Galläpfeln in kleinen Retorten, welche etwa

150-180 Grm. in groben Stücken fassen. Durch Eindampfen der so

gewonnenen concentrirten Pyrogallussäurelösung im Wasserbade

erhält man nahe an 15 Proc. ($Liebig$).

4. Anstatt der Pyrogallussäure kann man sich mit demselben Erfolge

der gewöhnlichen Gallussäure bedienen; ihre Anwendung hat die einzige

Unbequemlichkeit, dass die Absorption des Sauerstoffs längere Zeit,

mindestens 1-1/2 bis 2 Stunden erfordert, während bei Pyrogallussäure

wenige Minuten genügen. Die Gallussäure wendet man in der Form einer

kalt gesättigten Lösung von gallussaurem Kali an, welche genau neutral

sein muss oder auch einen geringen Ueberschuss an Säure enthalten kann.

Ihre Eigenschaft, Sauerstoff aufzusaugen, wird erst wirksam bei einem

Ueberschuss an Alkali. -- Wenn die Gallussäure mit der Kalilauge in

der Messröhre sich gemischt hat, so färbt sich die Flüssigkeit bei

Berührung mit der sauerstoffhaltigen Luft dunkelroth; dünne Schichten

derselben nehmen eine beinahe blutrothe Farbe an, welche nach einiger

Zeit in Braun übergeht. An der Entstehung dieser blutrothen Färbung in

der beim Schütteln die Wände der Röhre benetzenden Flüssigkeit kann

man sehr deutlich den Gang der Absorption verfolgen; die Operation ist

beendigt, wenn diese Färbung sich nicht mehr zeigt. 1 Grm. Gallussäure,

in starker Kalilauge gelöst, absorbirt nach $Chevreul$'s Versuchen

290 C.C. Sauerstoffgas.

5. Durch die Mischung der Pyrogallussäure- oder Gallussäurelösung mit

der Kalilauge wird diese verdünnt, und es entsteht ein Fehler durch die

Verminderung ihrer Tension; aber derselbe ist so klein, dass er ohne

bestimmbaren Einfluss auf das Resultat ist. Derselbe lässt sich übrigens

leicht beseitigen, wenn man nach der Absorption des Sauerstoffgases ein

dem Wassergehalt der Pyrogallussäurelösung entsprechendes Stückchen

festes Kalihydrat in die Röhre bringt.

6. Eine kaum zu beseitigende Ungenauigkeit geht ferner bei dem

beschriebenen Verfahren daraus hervor, dass, wegen der Adhäsion der

Flüssigkeiten an den Wänden der Messröhre, die Gasvolumina nicht absolut

genau abgelesen werden können. Bei vergleichenden Analysen lässt sich

der Einfluss dieser Fehlerquelle ziemlich vollständig beseitigen, wenn

man nahezu gleiche Luftvolumina der Analyse unterwirft.

7. Die Uebereinstimmung und Genauigkeit der Resultate der beschriebenen

Methode ist trotz der genannten kleinen Fehlerquellen in hohem Grade

befriedigend. Bei elf Analysen, welche $Liebig$ angeführt hat, sind

-- bei Anwendung von Pyrogallussäure -- die grössten Differenzen

im Sauerstoffgehalt 20,75-21,03, bei Anwendung von Gallussäure

20,52-21,35. Die grösseren Differenzen bei Anwendung der letzteren

rühren hauptsächlich daher, dass bei der längeren Dauer des Versuchs

Temperatur und Luftdruck sich bemerklich geändert hatten; denn die

angeführten Zahlen drücken das Resultat aus wie es gefunden wurde, ohne

alle Correctionen.

Anleitung zur quantitativen chemischen Analyse · 第 630 / 749 题