Eine genaue Methode, Chlor und Brom in der Art von einander zu trennen,
dass beide ihrem Gewichte nach bestimmt werden könnten, kennt man nicht
(die vorgeschlagenen entsprechen dem Zwecke nur mangelhaft); man pflegt
daher das Brom stets auf eine mehr indirecte Art zu bestimmen.
a. Man fällt mit salpetersaurem Silberoxyd, wäscht den Niederschlag aus,
trocknet, schmelzt und wägt ihn. Man bringt alsdann einen aliquoten
Theil des Chlor-Bromsilbers, den man am zweckmässigsten durch Ausgiessen
der wieder geschmolzenen Masse aus dem Tiegel loslöst, in eine gewogene
Kugelröhre, schmelzt in der Kugel, lässt erkalten und wägt. Man kennt
durch diese letzte Gewichtsbestimmung nunmehr sowohl die Quantität
des in der Kugelröhre befindlichen Chlor-Bromsilbers, als auch das
Totalgewicht der gefüllten Röhre. Es ist nothwendig, die Wägungen
so genau als irgend möglich zu machen. Man leitet jetzt durch die
Kugelröhre einen langsamen Strom trockenes, reines Chlorgas, erhitzt
den Inhalt der Kugel zum Schmelzen und schwenkt die geschmolzene Masse
von Zeit zu Zeit ein wenig in der Kugel herum. Nach Verlauf von etwa
20 Minuten nimmt man die Kugelröhre ab, lässt sie erkalten, hält sie
schief, dass das Chlorgas durch Luft verdrängt werde, und wägt, erhitzt
dann nochmals 10 Minuten in Chlorgas und wägt wieder. Stimmen die beiden
letzten Wägungen überein, so ist der Versuch beendigt; zeigt sich noch
eine Gewichtsveränderung, so muss man die Operation ein drittes Mal
wiederholen. Die Gewichtsabnahme, multiplicirt mit 4,223, ist gleich
dem durch Chlor zersetzten Bromsilber. Art und Erklärung der Berechnung
siehe unten (§. 168).
Diese Methode giebt sehr genaue Resultate, sofern die Menge des Broms
ziemlich gross ist, dagegen höchst unzuverlässige, wenn Spuren von
Brom neben Massen von Chlormetallen bestimmt werden sollen, z. B. in
Salzsoolen. -- Um nun das Verfahren für solche Fälle brauchbar zu
machen, muss man danach trachten, eine Silberverbindung zu erhalten,
welche alles Brom, aber nur einen kleinen Theil des Chlors enthält.
Dieser Zweck lässt sich auf mehrfache Weise erreichen.
[Greek: a]. Nach $Fehling$. Man versetzt unter gutem Umschütteln die
Lösung $kalt$ mit einer zur völligen Ausfällung ganz unzureichenden
Menge Silberlösung. Man erhält so einen Niederschlag, der alles Brom
enthält, vorausgesetzt, dass eine dem vorhandenen Brom einigermaassen
entsprechende Menge Silberniederschlag erzeugt wurde.
$Fehling$ giebt folgende Normen:
Bei 0,001 Bromgehalt fällt man mit 1/5-1/6 der zur vollständigen
Fällung nöthigen Silberlösung, -- bei 0,0001 Brom mit 1/10, bei 0,00002
mit 1/30, -- bei 0,00001 mit 1/60.
Der Niederschlag von Chlor-Bromsilber ist $sehr gut$ auszuwaschen, ehe
man ihn trocknet, glüht und wägt. Die Behandlung mit Chlor geschieht wie
oben angegeben. -- Die Menge des Chlors findet man, indem man eine neue
abgewogene Portion mit Silberlösung ganz ausfällt und von dem gewogenen
Niederschlage das gefundene Bromsilber abzieht.
[Greek: b]. $Marchand$[68] hat die $Fehling$'sche Methode etwas
modificirt. Er reducirt das durch fractionirte Fällung erhaltene
Chlor-Bromsilber mit Zink, zersetzt die Auflösung des Chlor- und
Bromzinks durch kohlensaures Natron, verdampft zur Trockne, zieht den
Rückstand mit absolutem Alkohol aus (wobei sich alles Bromnatrium mit
nur wenig Chlornatrium löst), verdampft die Lösung zur Trockne, nimmt
den Rückstand mit Wasser auf, fällt nun wiederum mit Silberlösung und
unterwirft einen Theil des so erhaltenen Niederschlags, nachdem derselbe
gewogen worden ist, der Behandlung mit Chlor.
[68] Journ. f. prakt. Chem. 47. 363.
b. Man bestimmt in einer Portion Chlor + Brom (durch Fällung mit
Silberlösung) gewichts- oder maassanalytisch, in einer zweiten den
Gehalt an Brom colorimetrisch (§. 113. I. b.) oder volumetrisch
(§. 113. I. c.) und berechnet das Chlor aus der Differenz. Diese Methode
empfiehlt sich zu rascher Untersuchung von Mutterlaugen.