5. $Die Maassanalyse.$

Aus dem Früheren ergiebt sich, dass die quantitative Bestimmung eines

Körpers nach dem gewöhnlichen Verfahren, wonach er durch Abdampfung oder

Fällung in eine wägbare Form übergeführt wird, immerhin eine ziemlich

langwierige Arbeit ist, indem das Verdampfen, Absitzen, Filtriren,

Auswaschen, Trocknen, Glühen, Wägen sämmtlich Operationen sind, welche

ziemlich viel Zeit in Anspruch nehmen.

Man wendet daher in neuerer Zeit, namentlich bei Gehaltsbestimmungen für

technische Zwecke, häufig Verfahrungsweisen mit bestem Erfolge an, bei

denen alle oder fast alle diese Operationen vermieden werden, und die

daher in weit kürzerer Zeit ausgeführt werden können.

Das Princip dieser Methoden wird uns am besten durch einige Beispiele

klar.

Gesetzt, man hat sich eine Kochsalzlösung bereitet, welche in 100

Theilen 0,7307 Theile Chlornatrium enthält, so ist man im Stande,

mit Hülfe derselben genau 1,3496 Grm. Silber aus seiner Lösung in

Salpetersäure niederzuschlagen, denn das Aeq. des Chlornatriums ist

730,7, das des Silbers 1349,6. -- Wägt man nun 1,3496 einer Legirung ab,

welche aus Silber und Kupfer besteht und deren Silbergehalt unbekannt

ist, löst vorsichtig in Salpetersäure und tröpfelt von der obigen

Chlornatriumlösung genau so lange zu, bis alles Silber ausgefällt

ist, bis also ein weiterer Tropfen keinen Niederschlag mehr bewirkt,

so erfährt man die Menge des Silbers einfach dadurch, dass man die

Quantität der verbrauchten Chlornatriumlösung bestimmt. Hätte man z. B.

80 Theile gebraucht, so wäre der Silbergehalt der Legirung gleich 80

Proc.; denn da 100 Theile Chlornatriumlösung 1,3496 reines Silber, d. h.

100 procentiges ausfällen, so entspricht je ein Theil Chlornatriumlösung

einem Procent Silber.

Jod und Schwefelwasserstoff können bekanntlich nicht neben einander

bestehen, sie zerlegen sich sofort in S und Jodwasserstoff (J + SH = JH

+ S). Jodwasserstoff ist ohne Wirkung auf Stärkekleister, während die

kleinste Spur freien Jods denselben blau färbt.

Bereitet man sich nun eine alkoholische Lösung, welche in 100 Theilen

7,463 Jod enthält, so kann man mit einer solchen genau 1 Grm.

Schwefelwasserstoff zersetzen, denn

212,5 : 1586 = 1 : 7,463.

Denken wir uns jetzt eine Flüssigkeit von unbekanntem

Schwefelwasserstoffgehalt; wir versetzen dieselbe mit ein wenig

Stärkekleister und tröpfeln von der beschriebenen Jodlösung zu, so wird

anfangs keine bleibende Färbung eintreten, so lange nämlich Jod und

Schwefelwasserstoff sich noch gegenseitig zersetzen, plötzlich aber wird

die Flüssigkeit blau werden von gebildetem Jodamylum. Wir wissen jetzt,

dass aller Schwefelwasserstoff zersetzt ist, und finden dessen Menge

leicht aus der Quantität der verbrauchten Jodlösung; denn da 100 Theile

1,00 Grm. Schwefelwasserstoff entsprechen, so entsprechen 50, welche

beispielsweise verbraucht sein sollen, 0,50 Schwefelwasserstoff.

Das Wesen dieser Verfahrungsweisen besteht also darin, dass man irgend

eine chemische Zersetzung vornimmt, deren Beendigung sich auf eine

augenfällige Art erkennen lässt, -- dass man diese Zersetzung ausführt

mit Hülfe einer Flüssigkeit, deren Wirkungswerth aufs Genaueste bekannt

ist und zwar so, dass man die Menge der verbrauchten mit Genauigkeit

bestimmen kann.

Ob man diese Quantitätsbestimmung durch Wägen oder Messen ausführt,

ist dabei an und für sich ganz gleichgültig. Da man sie aber der

Zeitersparniss und Bequemlichkeit halber meistens durch Abmessen

bestimmt, so fasst man die Gesammtheit dieser Methoden in der Regel

unter dem Namen $Maassanalysen$ zusammen.

Die Ausführung derselben im Einzelnen wird unten besprochen werden; hier

will ich nur kurz hervorheben, von welchen Umständen die Genauigkeit der

sogenannten Maassanalysen abhängt. Es sind dies folgende Punkte:

a) Die Zersetzung, auf deren Vollführung die Analyse beruht, muss

sich stets gleich bleiben; es muss somit z. B. ein sich bildender

Niederschlag genau dieselbe Zusammensetzung haben, ob er sich

nun anfangs, bei noch vorhandenem Vorwalten einer Substanz, oder

zuletzt bildet, wo dies nicht mehr stattfindet.

b) Die Beendigung der Zersetzung muss sich auf eine recht empfindliche,

augenfällige und zweifellose Art zu erkennen geben.

c) Die zersetzende Flüssigkeit muss sich aufs Genaueste bereiten

lassen, sei es nun, dass man eine abgewogene Menge einer Substanz

von genau bekannter Beschaffenheit und Zusammensetzung in einem

bestimmten Volumen Flüssigkeit löst, -- sei es, dass man anfangs

eine Lösung von nur annähernd bekannter Zusammensetzung herstellt,

ihren Gehalt durch Versuche ermittelt und sie alsdann auf die

gewünschte Verdünnung bringt. -- Hält sich die einmal hergestellte

Probeflüssigkeit unverändert, so ist dies ein grosser Vorzug

derselben; denn sonst ist man bei jeder Analyse genöthigt, ihren

Gehalt durch einen besonderen Versuch aufs Neue zu bestimmen.

d) Die Quantitätsbestimmung muss eine möglichst scharfe sein. Um in

dieser Richtung das Mögliche zu leisten, stellt man sich bei

genauen Maassanalysen ausser der eigentlichen Probeflüssigkeit noch

eine zehnmal verdünntere dar, indem man 1 Thl. der ersten mit 9

Thln. Wasser, Weingeist oder dergl. mischt. Man vollbringt nun mit

einer aufs Genaueste abgemessenen Menge der concentrirteren Lösung

die Zersetzung nur beinahe und beendigt sie mit der verdünnteren.

Man vermeidet so leicht nicht allein ein Zusetzen in zu grossem

Ueberschuss, sondern gewinnt auch in Hinsicht auf genaues Messen.

e) Die Zersetzung muss so stattfinden und geleitet werden, dass von

dem wirkenden oder gegenwirkenden Agens nichts verloren geht.

* * * * *

$Zweiter Abschnitt.$

$Die Reagentien.$

§. 38.

Hinsichtlich dessen, was von den Reagentien im Allgemeinen zu sagen

ist, verweise ich auf das in meiner "Anleitung zur qualitativen

Analyse" dem gleichnamigen Abschnitte Vorausgeschickte. Hier sollen nur

die zur Gewichtsbestimmung oder Trennung der Körper hauptsächlich in

Anwendung kommenden chemischen Substanzen mit Angabe ihrer Darstellung

und Prüfung, sowie mit Hervorhebung der wichtigsten Zwecke, zu denen

sie dienen, aufgeführt werden. -- Da die meisten derselben auch bei

der qualitativen Analyse in Anwendung kommen und demnach in Bezug auf

die angeführten Punkte bereits abgehandelt sind, so genügt es bei

sehr vielen derselben, nur die Namen zu nennen. -- Wir behalten die

bei der qualitativen Analyse aufgestellte Eintheilung der Reagentien

zur Erleichterung der Uebersicht auch hier bei, wenngleich die

Mangelhaftigkeit dieser wie jeder anderen Eintheilung der Reagentien

leicht in die Augen fällt. -- Solche Reagentien, welche -- wie z. B. die

bei Maassanalysen nöthigen Probeflüssigkeiten -- bloss zu einem ganz

speciellen Zwecke dienen, werden auch in Bezug auf ihre Bereitung und

Prüfung erst da besprochen, wo von ihrer Anwendung die Rede ist.

Anleitung zur quantitativen chemischen Analyse · 第 71 / 749 题