Aus dem Früheren ergiebt sich, dass die quantitative Bestimmung eines
Körpers nach dem gewöhnlichen Verfahren, wonach er durch Abdampfung oder
Fällung in eine wägbare Form übergeführt wird, immerhin eine ziemlich
langwierige Arbeit ist, indem das Verdampfen, Absitzen, Filtriren,
Auswaschen, Trocknen, Glühen, Wägen sämmtlich Operationen sind, welche
ziemlich viel Zeit in Anspruch nehmen.
Man wendet daher in neuerer Zeit, namentlich bei Gehaltsbestimmungen für
technische Zwecke, häufig Verfahrungsweisen mit bestem Erfolge an, bei
denen alle oder fast alle diese Operationen vermieden werden, und die
daher in weit kürzerer Zeit ausgeführt werden können.
Das Princip dieser Methoden wird uns am besten durch einige Beispiele
klar.
Gesetzt, man hat sich eine Kochsalzlösung bereitet, welche in 100
Theilen 0,7307 Theile Chlornatrium enthält, so ist man im Stande,
mit Hülfe derselben genau 1,3496 Grm. Silber aus seiner Lösung in
Salpetersäure niederzuschlagen, denn das Aeq. des Chlornatriums ist
730,7, das des Silbers 1349,6. -- Wägt man nun 1,3496 einer Legirung ab,
welche aus Silber und Kupfer besteht und deren Silbergehalt unbekannt
ist, löst vorsichtig in Salpetersäure und tröpfelt von der obigen
Chlornatriumlösung genau so lange zu, bis alles Silber ausgefällt
ist, bis also ein weiterer Tropfen keinen Niederschlag mehr bewirkt,
so erfährt man die Menge des Silbers einfach dadurch, dass man die
Quantität der verbrauchten Chlornatriumlösung bestimmt. Hätte man z. B.
80 Theile gebraucht, so wäre der Silbergehalt der Legirung gleich 80
Proc.; denn da 100 Theile Chlornatriumlösung 1,3496 reines Silber, d. h.
100 procentiges ausfällen, so entspricht je ein Theil Chlornatriumlösung
einem Procent Silber.
Jod und Schwefelwasserstoff können bekanntlich nicht neben einander
bestehen, sie zerlegen sich sofort in S und Jodwasserstoff (J + SH = JH
+ S). Jodwasserstoff ist ohne Wirkung auf Stärkekleister, während die
kleinste Spur freien Jods denselben blau färbt.
Bereitet man sich nun eine alkoholische Lösung, welche in 100 Theilen
7,463 Jod enthält, so kann man mit einer solchen genau 1 Grm.
Schwefelwasserstoff zersetzen, denn
212,5 : 1586 = 1 : 7,463.
Denken wir uns jetzt eine Flüssigkeit von unbekanntem
Schwefelwasserstoffgehalt; wir versetzen dieselbe mit ein wenig
Stärkekleister und tröpfeln von der beschriebenen Jodlösung zu, so wird
anfangs keine bleibende Färbung eintreten, so lange nämlich Jod und
Schwefelwasserstoff sich noch gegenseitig zersetzen, plötzlich aber wird
die Flüssigkeit blau werden von gebildetem Jodamylum. Wir wissen jetzt,
dass aller Schwefelwasserstoff zersetzt ist, und finden dessen Menge
leicht aus der Quantität der verbrauchten Jodlösung; denn da 100 Theile
1,00 Grm. Schwefelwasserstoff entsprechen, so entsprechen 50, welche
beispielsweise verbraucht sein sollen, 0,50 Schwefelwasserstoff.
Das Wesen dieser Verfahrungsweisen besteht also darin, dass man irgend
eine chemische Zersetzung vornimmt, deren Beendigung sich auf eine
augenfällige Art erkennen lässt, -- dass man diese Zersetzung ausführt
mit Hülfe einer Flüssigkeit, deren Wirkungswerth aufs Genaueste bekannt
ist und zwar so, dass man die Menge der verbrauchten mit Genauigkeit
bestimmen kann.
Ob man diese Quantitätsbestimmung durch Wägen oder Messen ausführt,
ist dabei an und für sich ganz gleichgültig. Da man sie aber der
Zeitersparniss und Bequemlichkeit halber meistens durch Abmessen
bestimmt, so fasst man die Gesammtheit dieser Methoden in der Regel
unter dem Namen $Maassanalysen$ zusammen.
Die Ausführung derselben im Einzelnen wird unten besprochen werden; hier
will ich nur kurz hervorheben, von welchen Umständen die Genauigkeit der
sogenannten Maassanalysen abhängt. Es sind dies folgende Punkte:
a) Die Zersetzung, auf deren Vollführung die Analyse beruht, muss
sich stets gleich bleiben; es muss somit z. B. ein sich bildender
Niederschlag genau dieselbe Zusammensetzung haben, ob er sich
nun anfangs, bei noch vorhandenem Vorwalten einer Substanz, oder
zuletzt bildet, wo dies nicht mehr stattfindet.
b) Die Beendigung der Zersetzung muss sich auf eine recht empfindliche,
augenfällige und zweifellose Art zu erkennen geben.
c) Die zersetzende Flüssigkeit muss sich aufs Genaueste bereiten
lassen, sei es nun, dass man eine abgewogene Menge einer Substanz
von genau bekannter Beschaffenheit und Zusammensetzung in einem
bestimmten Volumen Flüssigkeit löst, -- sei es, dass man anfangs
eine Lösung von nur annähernd bekannter Zusammensetzung herstellt,
ihren Gehalt durch Versuche ermittelt und sie alsdann auf die
gewünschte Verdünnung bringt. -- Hält sich die einmal hergestellte
Probeflüssigkeit unverändert, so ist dies ein grosser Vorzug
derselben; denn sonst ist man bei jeder Analyse genöthigt, ihren
Gehalt durch einen besonderen Versuch aufs Neue zu bestimmen.
d) Die Quantitätsbestimmung muss eine möglichst scharfe sein. Um in
dieser Richtung das Mögliche zu leisten, stellt man sich bei
genauen Maassanalysen ausser der eigentlichen Probeflüssigkeit noch
eine zehnmal verdünntere dar, indem man 1 Thl. der ersten mit 9
Thln. Wasser, Weingeist oder dergl. mischt. Man vollbringt nun mit
einer aufs Genaueste abgemessenen Menge der concentrirteren Lösung
die Zersetzung nur beinahe und beendigt sie mit der verdünnteren.
Man vermeidet so leicht nicht allein ein Zusetzen in zu grossem
Ueberschuss, sondern gewinnt auch in Hinsicht auf genaues Messen.
e) Die Zersetzung muss so stattfinden und geleitet werden, dass von
dem wirkenden oder gegenwirkenden Agens nichts verloren geht.
* * * * *
$Zweiter Abschnitt.$
$Die Reagentien.$
§. 38.
Hinsichtlich dessen, was von den Reagentien im Allgemeinen zu sagen
ist, verweise ich auf das in meiner "Anleitung zur qualitativen
Analyse" dem gleichnamigen Abschnitte Vorausgeschickte. Hier sollen nur
die zur Gewichtsbestimmung oder Trennung der Körper hauptsächlich in
Anwendung kommenden chemischen Substanzen mit Angabe ihrer Darstellung
und Prüfung, sowie mit Hervorhebung der wichtigsten Zwecke, zu denen
sie dienen, aufgeführt werden. -- Da die meisten derselben auch bei
der qualitativen Analyse in Anwendung kommen und demnach in Bezug auf
die angeführten Punkte bereits abgehandelt sind, so genügt es bei
sehr vielen derselben, nur die Namen zu nennen. -- Wir behalten die
bei der qualitativen Analyse aufgestellte Eintheilung der Reagentien
zur Erleichterung der Uebersicht auch hier bei, wenngleich die
Mangelhaftigkeit dieser wie jeder anderen Eintheilung der Reagentien
leicht in die Augen fällt. -- Solche Reagentien, welche -- wie z. B. die
bei Maassanalysen nöthigen Probeflüssigkeiten -- bloss zu einem ganz
speciellen Zwecke dienen, werden auch in Bezug auf ihre Bereitung und
Prüfung erst da besprochen, wo von ihrer Anwendung die Rede ist.