1. $Die Gewichtsbestimmung.$

Die genaue Ausführung dieser Operation wird durch den Besitz einer

guten Wage und richtiger Gewichte bedingt. Bevor wir daher das bei dem

Wägen selbst zu Bemerkende in Betracht ziehen, müssen wir vor Allem die

Apparate dazu näher ins Auge fassen.

a. $Die Wage.$

Wenngleich die Theorie der Wage in das Gebiet der Physik und daher eine

ausführliche Auseinandersetzung derselben nicht hierher gehört, so

dürfte doch eine Hervorhebung dessen, was man vor Allem im Gedächtnisse

haben muss, sowohl wenn man eine Wage auf ihre Brauchbarkeit zu

analytischen Zwecken prüfen, als auch wenn man beim Wägen sich vor

Fehlern sicher stellen will, nicht am unrechten Orte sein. Die Erfahrung

spricht dafür, dass nicht alle jungen Chemiker davon die nöthige völlig

klare Anschauung haben.

Die Brauchbarkeit und Güte einer Wage ist von zwei Punkten abhängig,

nämlich erstens von ihrer $Richtigkeit$ und zweitens von ihrer

$Empfindlichkeit$.

§. 4.

Die $Richtigkeit$ einer Wage ist durch folgende Umstände bedingt:

[Greek: a]. $Die Drehungsaxe der Wage muss über ihrem Schwerpunkte

liegen.$ -- Dieser Umstand bedingt weniger die Richtigkeit einer Wage,

als vielmehr die Thatsache, dass man mit einer Wage überhaupt wägen

kann. Denn fiele der Schwerpunkt der Wage in die Drehungsaxe, wäre also

die Schwere des ganzen Systems gleichförmig um dieselbe vertheilt,

so würde ja die Wage bei gleicher Belastung beider Schalen in jeder

Stellung verharren, die sie bekäme; es wäre ja alsdann kein Grund

vorhanden, warum der Wagbalken horizontale Lage annehmen sollte, die

Wage würde nicht schwingen, das Wägen wäre somit unmöglich. -- Fiele

aber der Schwerpunkt gar über die Drehungsaxe, so wäre es kaum möglich,

den Wagbalken horizontal zu stellen, das heisst, er würde in dieser

Lage nur so lange beharren, als sich der Schwerpunkt ganz senkrecht

über der Axe befände. Jede Belastung auf der einen Seite, jeder Hauch

oder Anstoss, der dieses Balanciren störte, würde zur Folge haben, dass

der Wagbalken auf die eine Seite fiele, ohne in seine ursprüngliche

Stellung zurückzukehren. -- Fällt aber der Schwerpunkt unter die

Drehungsaxe, so muss der Wagbalken bei gleicher Belastung der Schalen

horizontale Lage annehmen. Die Wage stellt ja alsdann ein Pendel dar,

dessen Länge gleich der Länge der Linie ist, welche den Schwerpunkt mit

dem Stützpunkt verbindet, und dessen Richtungslinie mit dem Wagbalken

in jeder Stellung desselben rechte Winkel bildet. Wie nun eine an einem

Faden aufgehängte Kugel, wenn sie einen Anstoss erhält, nach vollendeten

Schwingungen stets wieder senkrecht unter den Aufhängepunkt zu stehen

kommt, so muss auch eine Wage, welche einmal in's Gleichgewicht gesetzt

ist, wenn sie einen Anstoss bekommt, immer wieder in die ursprüngliche

Gleichgewichtsstellung zurückkehren, das heisst, ihr Schwerpunkt

muss senkrecht unter den Stützpunkt fallen, ihr Balken folglich die

wagerechte Stellung einnehmen.

Um aber die Kraft richtig zu beurtheilen, mit der dies geschieht,

darf man nicht vergessen, dass sie kein einfaches, sondern ein

zusammengesetztes Pendel ist, d. h. ein solches, bei dem sich nicht ein,

sondern viele materielle Punkte um den Drehpunkt bewegen. Die träge zu

bewegende Masse ist also gleich der Summe derselben, die bewegende Kraft

aber gleich der Differenz, um welche die unter der Drehungsaxe liegenden

mehr betragen, als die darüber befindlichen.

[Greek: b]. $Die Aufhängepunkte der Wagschalen müssen mit der mittleren

Drehungsaxe in einer Ebene liegen$; denn fallen sie über dieselbe,

so wird bei zunehmender Belastung der Schalen der Schwerpunkt des

ganzen Systems, welcher ursprünglich unter der Drehungsaxe liegt,

fortwährend in die Höhe rücken, er wird sich dem Stützpunkte fortwährend

nähern; denn das Gewicht, welches auf die Schalen drückt, vereinigt

sich ja in den relativ hochgelegenen Aufhängepunkten derselben. Bei

einem gewissen Maass der Belastung wird sonach die Wage plötzlich zu

schwingen aufhören, nämlich dann, wenn der Schwerpunkt bis in den

Stützpunkt hinaufgerückt ist; bei noch grösserer Belastung wird der

Schwerpunkt über den Stützpunkt fallen, die Wage wird überschnappen.

-- Sind hingegen die Aufhängepunkte der Schalen tiefer gelegen als

der Stützpunkt, so wird der Schwerpunkt des Systems bei zunehmender

Belastung der Schalen fortwährend tiefer rücken, die Pendellinie wird

somit verlängert, es wird grössere Kraft erfordert, das längere Pendel

nunmehr zu gleichem Ausschlag zu bringen, die Wage wird bei wachsender

Belastung mehr und mehr unempfindlich und träge. -- Liegen aber alle

drei Schneiden in einer Ebene, so hat zunehmende Belastung zwar eine

fortwährende Näherung des Schwerpunktes zum Stützpunkt zur Folge,

niemals aber kann er ihn ganz erreichen, niemals wird die Wage ganz zu

schwingen aufhören, ebensowenig wird ihre Empfindlichkeit abnehmen, sie

wird im Gegentheile gesteigert, eine Steigerung, welche jedoch durch

andere Umstände compensirt wird. --

[Greek: c]. $Der Wagbalken muss eine solche Festigkeit und Starrheit

haben, dass er bei dem Maximum des Gewichts, womit die Wage

hinsichtlich ihrer ganzen Construction überhaupt belastet werden

darf, durchaus keine merkliche Biegung erleidet$, -- denn biegt sich

der Balken, so kommen die Endschneiden ja tiefer zu liegen, als die

Mittelschneide, die Wage wird also bei zunehmender Belastung fortwährend

träger werden, wie wir soeben gesehen haben. Durch zweckmässige

Construction des Balkens muss diesem Uebelstande daher vorgebeugt

sein. Die geeignetste Form desselben ist die eines gleichschenkeligen,

stumpfwinkeligen Dreiecks, oder einer Raute.

[Greek: d]. $Die Arme der Wage müssen gleichlang$, d. h. $die

Aufhängepunkte der Schalen müssen gleichweit vom mittleren Stützpunkte

entfernt sein$, -- denn ist die Entfernung eine ungleiche, so wirkt ja,

wenn man beide Schalen mit zwei gleichen Gewichten belastet, das eine an

einem längeren Hebelarm, folglich wird die Wage alsdann nicht einstehen,

sondern nach der Seite des längeren Arms ausschlagen.

§. 5.

Die $Empfindlichkeit$ einer Wage hängt vorzüglich von drei Umständen ab.

[Greek: a]. $Die Reibung der Schneiden auf ihren Pfannen muss möglichst

gering sein$, -- was sowohl durch die Form beider, als auch durch

das Material, aus dem sie gemacht sind, bedingt ist. Die Schneiden

müssen von gutem Stahl, die Pfannen können aus demselben gearbeitet

sein; besser ist es aber, wenn wenigstens die mittlere Schneide auf

Steinunterlagen und zwar völlig ebenen liegt. Um es sich klar zu machen,

warum auch die Endschneiden so wenig wie möglich Reibung haben dürfen,

braucht man sich nur zu erinnern, was vorgehen würde, wenn die Schalen

an starren Stäben in unbeweglichen Punkten befestigt wären. Eine Wage

könnte dann unmöglich empfindlich sein; denn legte man auf die eine

Seite ein Gewicht, so würde dies zwar Veranlassung sein, dass sich die

belastete Schale senkte, dass man also einen Ausschlag erhielte; diese

Veranlassung würde aber alsobald dadurch compensirt werden, dass sich

die belastete Schale, da sie mit dem Balken fortwährend einen rechten

Winkel zu machen gezwungen ist, nach innen, die entgegengesetzte aber

nach aussen richtete, wodurch begreiflicherweise die Wage in der Art

ungleicharmig würde, dass das aufgelegte Gewicht am kürzeren Arm wirkte.

-- Je grösser nun die Reibung an den Endschneiden ist, um so mehr nähert

sich die Wage dem beschriebenen Zustande, um so unempfindlicher muss sie

folglich werden.

[Greek: b]. $Der Schwerpunkt der Wage muss dem Stützpunkte möglichst

nahe liegen.$ -- Je näher er demselben liegt, um so kürzer wird ja das

Pendel. Wie nun eine an einem kleinen Faden aufgehängte Kugel durch

gleichen Anstoss in einem weit grösseren Winkel von ihrer senkrechten

Lage entfernt wird, als eine an einem langen Faden befindliche, so muss

ja auch eine Wage durch ein gleiches Uebergewicht auf einer Seite um

so mehr aus ihrer Gleichgewichtsstellung entfernt werden, je kürzer

die Linie, an der das Pendel schwingt, je kleiner der Abstand des

Schwerpunktes vom Stützpunkt. -- Wir haben oben gesehen, dass bei einer

Wage, deren mittlerer Stützpunkt mit den Aufhängepunkten der Schalen

in einer Ebene liegt, durch Belastung der Schalen der Schwerpunkt

fortwährend hinaufrückt; eine gute Wage wird also durch Belastung

einerseits empfindlicher, andererseits durch Zunahme der zu bewegenden

Masse und vermehrte Reibung ungefähr in demselben Grade minder

empfindlich, d. h. ihre Empfindlichkeit wechselt nicht mit der Belastung.

[Greek: c]. $Der Wagbalken muss möglichst leicht sein.$ -- In wiefern

dies auf die Empfindlichkeit der Wage influirt, geht aus den eben

angestellten Betrachtungen hervor. Wir haben gesehen, dass eine Wage bei

zunehmender Belastung einerseits empfindlicher werden muss, wenn ihre

Empfindlichkeit im Ganzen nicht abnehmen soll, und dass dieses dadurch

geschieht, dass sich der Schwerpunkt mit zunehmender Belastung dem

Stützpunkt fortwährend nähert. Je grösser nun das Gewicht des Wagbalkens

an und für sich, um so weniger wird eine auf beide Schalen aufgelegte

gleiche Belastung den Schwerpunkt des ganzen Systems ändern, um so

langsamer wird sich der Schwerpunkt dem Stützpunkt nähern, um so weniger

die vermehrte Reibung compensirt werden, um so unempfindlicher die Wage

sein. -- Weiter kommt dabei in Betracht, dass bei gleicher bewegender

Kraft eine geringere Masse leichter bewegt wird als eine grössere (§. 4,

[Greek: a]).

§. 6.

Nach diesen Vorausschickungen können wir nun ohne Weiteres zur $Prüfung$

einer Wage hinsichtlich ihrer Brauchbarkeit zu analytischen Zwecken

übergehen, nachdem wir zuvor auf folgende der Erfahrung entnommene und

durch den blossen Augenschein wahrzunehmende Umstände aufmerksam gemacht

haben.

1) Für bei Weitem die meisten Zwecke genügt eine Wage, welche mit 70-80

Grammen auf jeder Schale belastet werden kann.

2) Die Wage muss zum Schutz gegen Staub mit einem Glaskasten umgeben

sein. Man sehe darauf, dass derselbe nicht zu klein, namentlich

seine Seitenwände nicht zu nahe an den Schalen sind. Es ist

nothwendig, dass man nach dem Auflegen der Gewichte das Glasgehäuse

mit Leichtigkeit schliessen und somit bei Abhaltung allen

Luftzuges wägen kann; es muss daher entweder der vordere Theil

aus einem feststehenden Mittelstück und zwei seitlichen Thürchen

bestehen, oder es müssen, sofern die Vorderseite ein Ganzes und

zum Aufschieben eingerichtet ist, die Seitenwände des Kastens mit

Thürchen versehen sein.

3) Es ist unerlässlich, dass die Wage eine gute Arretirung habe, das

heisst, dass sie, während des Auflegens der Gewichte, in

unbeweglichen Zustand versetzt werden kann. Die gewöhnlichste Art

der Arretirung ist die, dass der Wagbalken gehoben und somit die

Mittelschneide von der Pfanne genommen wird, während die Schalen

in der Schwebe bleiben; -- andere Einrichtungen setzen die Schalen

auf, ohne die Mittelschneide von der Pfanne zu entfernen[1]. Sehr

zweckmässig ist es, wenn die Arretirungen bei völligem Verschluss

des Glaskastens, also von aussen, geleitet werden können.

4) Es ist nothwendig, dass die Wage einen Index habe, welcher ihre

Schwankungen an einem Gradbogen anzeigt, und angenehmer, wenn

dieser sich unten, als wenn er sich zur Seite befindet.

5) Es ist nothwendig, dass die Wage mit einem Pendel oder einer

Wasserwage versehen ist, damit die drei Schneiden in eine

Horizontalebene gelegt werden können, und zweckmässig, wenn der

Kasten zu diesem Behuf auf drei Schrauben ruht.

6) Es ist sehr bequem und zeitersparend, wenn der Wagbalken eine

Decimaltheilung hat, so dass mit Centigrammhäkchen Milligramme und

deren Bruchtheile gewogen werden können. -- Die neueren Wagen haben

meist die empfehlenswerthe Einrichtung, dass die Häkchen mittelst

eines in der Seitenwandung verschiebbaren Armes bei völligem

Verschluss des Glasgehäuses versetzt werden können.

7) Es ist nothwendig, dass die Wage mit einer Schraube zur Regulirung

des Schwerpunktes, ferner mit zwei anderen zur Herstellung der

Gleicharmigkeit und endlich mit solchen versehen ist, durch welche

das etwa gestörte Gleichgewicht der Schalen sogleich wieder in

Ordnung gebracht werden kann.

[1] Eine meiner Wagen (von dem verstorbenen ausgezeichneten Mechanicus

$Hoss$ in Giessen) hat die sehr zu empfehlende Einrichtung, dass

durch $eine$ Arretirung der Balken gehoben wird, während durch eine

$zweite$ selbstständige, von der Seite zu regulirende, die Schalen

von unten gestützt werden können. Die auf- und abgehenden Stützen

sind oben mit gekreuzten Seidenbändern versehen und bewegen sich so

stet, dass bei vorsichtiger Aufhebung der Arretirung die Schalen

nicht schwanken. -- Diese Einrichtung bietet erstens beim Auflegen

des zu Wägenden und der Gewichte grosse Annehmlichkeit, gewährt den

Vortheil, dass alles Schwanken der Schalen sogleich aufgehoben

werden kann, und die Bequemlichkeit, dass man bei wiederholten

Wägungen eines und desselben Körpers die Gewichte auf der Wagschale

lassen kann, ohne der Wage zu schaden.

§. 7.

Die Richtigkeit und Empfindlichkeit einer Wage erforscht man durch

folgende Versuche:

1) Man bringt die Wage, falls die Schalen nicht völlig gleich sind,

entweder mittelst der dazu angebrachten Schrauben, durch

Stanniolstreifchen oder dergl. ganz genau ins Gleichgewicht und

beschwert alsdann eine Schale mit einem Milligramm. Soll die Wage

brauchbar sein, so muss sie einen deutlichen, beträchtlichen

Ausschlag geben. Gute chemische Wagen zeigen noch 1/10 Milligramm

an.

2) Man beschwere die Wage auf beiden Seiten mit dem Maximum der

Gewichte, welche sie nach ihrer ganzen Construction zu tragen

bestimmt ist, mache die Schalen völlig gleich und lege alsdann auf

die ein 1 Milligramm. Der zu erhaltende Ausschlag muss dem in 1

erhaltenen etwa gleich sein. (Bei den meisten Wagen ist er etwas

kleiner.)

3) Man bringe die Wage (wenn nöthig) durch eine während des ganzen

Versuchs unverrückt bleibende Tara in völliges Gleichgewicht, lege

alsdann auf jede der beiden Schalen ein gleichnamiges Gewicht,

z. B. 50 Gramm, und bringe die Wage nöthigenfalls durch zugelegte

kleine Gewichte völlig ins Gleichgewicht. Alsdann vertausche man

die Gewichte, so dass dasjenige, welches zuvor auf der linken

Schale lag, nunmehr auf die rechte kommt und umgekehrt, und

beobachte, ob sich ein Ausschlag zeigt. Eine völlig gleicharmige

Wage darf keinen zeigen.

4) Man bringe die Wage völlig ins Gleichgewicht, arretire sie alsdann,

lasse wieder schwingen bis zum Einstehen und wiederhole dies öfter.

Eine gute Wage wird natürlich immer wieder völliges Gleichgewicht

zeigen. Eine solche, deren Endschneiden dem darauf ruhenden Haken

zu viel Spielraum gewähren, so dass er seine Lage ein wenig ändern

kann, zeigt merkliche Differenzen. Dieser Fehler ist nur bei

manchen Constructionen möglich.

Von diesen Proben muss eine brauchbare Wage die erste, zweite und letzte

bestehen, eine geringe Ungleicharmigkeit hingegen schadet wenig, da sich

die Fehler, welche daraus hervorgehen können, durch die Art des Wägens

völlig beseitigen lassen.

§. 8.

b. $Die Gewichte.$

Es ist an und für sich völlig gleichgültig, welche Einheit den

anzuwendenden Gewichten zu Grunde liegt. Die grosse Bequemlichkeit

jedoch, welche das Grammgewicht beim Aufschreiben, sowie bei den

Rechnungen mit Bruchtheilen gewährt, hat veranlasst, dass sich die

meisten Chemiker keines anderen als des erwähnten bedienen.

Ob das Gramm, seine Multipla und Bruchtheile in der That einem

normalen Grammgewichte völlig gleichkommen oder nicht, ist für den

wissenschaftlichen Gebrauch in der Regel völlig gleichgültig, --

absolut nothwendig aber ist es, dass die Gewichte unter sich genau

übereinstimmen, das heisst, dass 1 Milligramm wirklich genau der

tausendste, 1 Centigramm genau der hundertste Theil, das Fünfgrammstück

genau das Fünffache etc. des Grammstückes ist.

Ehe wir von der Prüfung der Gewichte auf ihre Richtigkeit in diesem

Sinne sprechen, machen wir noch auf folgende Punkte aufmerksam:

1) Gewichte, welche von 50 Gramm herab bis auf 1 Milligramm gehen, sind

für bei Weitem die meisten Zwecke völlig ausreichend.

2) Es ist nothwendig, dass die Gewichte in einem gut schliessenden Etui

aufbewahrt werden, und zweckmässig, wenn auch von den kleinen

Gewichten jedes ein abgesondertes Fach hat.

3) In Bezug auf die Form der Gewichte bemerke ich, dass mir die der

sogenannten Berliner Gewichte (aus den Werkstätten von Oertling,

Kleiner etc.) für häufigen Gebrauch die zweckmässigste scheint. Die

grösseren Gewichte bilden Cylinder mit oben befindlicher Handhabe,

die kleinen viereckige, an einem Eck aufgebogene Blechstücke.

Zweckmässig ist es, wenn das Blech, aus dem sie gefertigt sind,

nicht zu dünn und die Gefache, in denen sie liegen, nicht zu klein

sind, denn im anderen Falle bekommen sie, meist schon nach kurzem

Gebrauche, ein zerknittertes und unkenntliches Aussehen. Jedes

Gewicht (die Milligramme ausgenommen) muss deutlich bezeichnet sein.

4) In Bezug auf das Material bemerke ich, dass, wenn sich auch

Bergkrystall zur Darstellung von Normalgewichten sicher am

besten eignet, er doch zur Anfertigung der zum Gebrauch bei

chemischen Arbeiten bestimmten Gewichte der Kostspieligkeit und

der unbequemen Form der Stücke halber minder passend erscheint.

-- Gewichte von Platin würden, wenn sie nicht zu theuer wären,

ihrer Unveränderlichkeit halber sicher allgemein im Gebrauch sein;

in der Regel begnügt man sich damit, die Gewichte von 1 oder 0,5

Gramm herab von Platinblech, die anderen von Messing zu machen.

-- Solche Gewichte müssen gegen saure etc. Dämpfe sorgfältig

geschützt werden, wenn sie richtig bleiben sollen, auch dürfen sie

nie mit den Fingern, sondern sie müssen stets mit einer feinen

Pincette angefasst werden; unhaltbar aber ist die Meinung, dass

Gewichte, welche schwach angelaufen sind (es lässt sich dies auf

die Dauer kaum vermeiden), unbrauchbar seien. Ich habe viele

derartige Gewichte nachgewogen und dieselben unter einander noch in

derselben Uebereinstimmung gefunden wie vorher. Der Ueberzug, der

das Angelaufensein bedingt, ist so unendlich dünn, dass die dadurch

verursachte Gewichtsdifferenz selbst auf sehr feinen Wagen noch

nicht merklich ist. -- Sehr zweckmässig ist es, die Messinggewichte

vor dem letzten Justiren galvanisch zu vergolden.

Die $Prüfung der Gewichte$ auf ihre Uebereinstimmung unter einander wird

gar häufig in falscher Weise vorgenommen. Nur folgendermaassen erlangt

man das gewünschte Resultat:

Man legt auf die eine Schale einer fein ziehenden Wage 1 Grm. und

bringt die Wage durch Auflegen einer beliebigen Tara (Messingblech,

zuletzt Stanniol, -- nicht Papier, was Feuchtigkeit anzieht) völlig ins

Gleichgewicht, alsdann nimmt man das Gramm weg, vertauscht es zuerst

mit den anderen Grammstücken, dann mit derselben Gewichtsgrösse in

kleinen Gewichten und beobachtet jedesmal, ob die Wage einen Ausschlag

giebt und welchen. In gleicher Weise vergleicht man sodann, ob das

Zweigrammstück so viel wiegt als 2 einzelne Gramme, das Fünfgrammstück

so viel als die drei einzelnen Gramme und das Zweigrammstück, das

Zehngrammstück so viel als 10 Gramme in kleinem Gewicht u. s. w. -- Soll

das Gewicht brauchbar sein, so dürfen sich bei den kleineren Gewichten

auf einer 1/10 Milligramm ausschlagenden Wage gar keine Differenzen

zeigen; bei Vergleichung der grösseren Gewichte mit allen kleineren

mögen Differenzen von 1/10-2/10 Milligramm eher übersehen werden. Stellt

man seine Anforderungen höher, so muss man sich die Mühe nehmen, die

Gewichte selbst zu justiren; denn die aus den Werkstätten selbst sehr

renommirter Mechaniker hervorgehenden Gewichte werden alsdann selten die

Probe bestehen. -- Ich mache darauf aufmerksam, dass man die Prüfung der

Gewichte niemals unterlassen darf, wenn sie auch aus einer berühmten

Werkstätte hervorgegangen sind. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass man

auch unter solchen oft ziemlich ungenaue, ja völlig unbrauchbare findet.

-- Beim Ankauf wahrhaft guter Gewichte lasse man sich durch den Preis,

wenn er auch hoch ist, nicht zurückschrecken, denn gute Gewichte sind

viel, ungenaue nichts werth.

§. 9.

c. $Das Wägen.$

Es wird unten von den besonderen Methoden gesprochen werden, welche beim

Abwägen verschiedenartiger Substanzen zu befolgen sind; hier handeln wir

nur von dem Wägen als solchem.

Man kann zwei verschiedene Methoden anwenden, um das Gewicht eines

Körpers zu bestimmen; die eine könnte man directe Wägung nennen, die

andere heisst Wägung durch Substitution.

Bei der $directen Wägung$ kommt die Substanz auf die eine Wagschale

zu liegen, das Gewicht auf die andere; es ist dabei Mancherlei zu

beobachten.

Wenn eine Wage ganz gleicharmig und die Schalen völlig gleich sind, so

ist es gleichgültig, auf welche Seite man bei verschiedenen, zu einem

Versuch gehörigen Wägungen die Substanz legt. Man kann sie jetzt auf der

rechten, dann auf der linken Seite wägen ohne Nachtheil. Ist aber eine

oder die andere der angegebenen Bedingungen nicht erfüllt, so muss die

Substanz immer auf dieselbe Schale gelegt werden, wenn man richtig wägen

will.

Setzen wir den Fall, wir wollten 1 Gramm einer Substanz abwägen und

dieselbe dann in zwei gleiche Theile theilen. Unsere Wage aber sei zwar

im Gleichgewicht, aber ungleicharmig, so zwar, dass der linke Schenkel

99 Millimeter, der rechte 100 Millimeter lang sei. Wir legen zuerst auf

die linke Schale ein Grammgewicht und bringen dann auf die rechte Schale

Substanz bis zum Gleichgewicht.

Nach dem Satze "am Hebel sind die Massen im Gleichgewicht, wenn die

Producte derselben in ihre Entfernungen vom Unterstützungspunkte gleich

sind," haben wir demnach auf der rechten Schale 0,99 Grm. Substanz, denn

99 × 1,00 = 100 × 0,99.

Wenn wir nun, um die Hälfte abzuwägen, auf die linke Schale 0,5 Grm.

legen und von der auf der rechten befindlichen Substanz bis zum

Gleichgewicht wegnehmen, so bleiben darauf 0,495, und ebensoviel haben

wir weggenommen, das heisst mit anderen Worten, wir haben unseren Zweck

in Bezug auf relative Gewichtsgrössen vollkommen erreicht, und dass es

auf absolute bei wissenschaftlichen Arbeiten in der Regel nicht ankommt,

haben wir bereits oben erwähnt. -- Legten wir aber, um die Hälfte

abzuwägen, auf die rechte Schale 0,5 Grm. und brächten von den 0,99 Grm.

der abgewogenen Substanz auf die linke bis zum Gleichgewicht, so hätten

wir darauf 0,505 Grm.; denn

100 . 0,500 = 99 . 0,505.

Wir hätten also 0,505 - 0,495, d. i. 0,10 Grm. falsch gewogen.

Wenn eine Wage gleicharmig, aber nicht genau im Gleichgewicht ist, so

kann auf derselben nur dann eine Substanz richtig abgewogen werden,

wenn man dieselbe in einem Gefässe wägt (siehe §. 10. 5). Dass man

hierbei die Gewichte immer auf dieselbe Schale legen müsse, und dass

die Differenz der Schalen sich während einer Versuchsreihe nicht ändern

dürfe, liegt auf der Hand.

Aus dem Gesagten ergeben sich zwei Regeln:

1) Es ist unter allen Umständen am besten, sich daran zu gewöhnen, die

Substanz beim Wägen immer auf dieselbe Schale zu legen.

2) Es ist, wenn man eine Wage zum alleinigen Gebrauch hat und demnach

sicher sein kann, dass sich während der Dauer einer Analyse in

keiner Weise etwas daran ändert, nicht nothwendig, sie am Anfang

ins Gleichgewicht zu bringen, während dies ohne Widerrede geschehen

muss, wenn in Bezug auf den Gleichgewichtszustand der Wage dadurch,

dass Viele daran wägen, eine Veränderung vorgehen kann.

Nicht allein relativ, sondern auch absolut genaue Wägungen erhält man

durch die $Substitutionswägung$. Es ist hierbei völlig gleichgültig, ob

die Wage ganz gleicharmig ist oder nicht, eben so ob die Schalen gleich

oder ungleich schwer sind.

Um sie auszuführen, bringt man das Abzuwägende, sagen wir einen

Platintiegel, auf die eine Schale, auf die andere eine beliebige Tara

bis zum völligen Gleichgewicht, alsdann nimmt man den Tiegel weg und

legt an seine Stelle Gewichte bis zum Gleichgewicht. Man ersieht

auf den ersten Blick, dass die aufgelegten Gewichte jedenfalls das

wirkliche Gewicht des Tiegels mit absoluter Schärfe angeben. Bei

Wägungen, die eine möglichst grosse Genauigkeit erfordern, z. B. bei

Atomgewichtsbestimmungen, bedient man sich immer dieser Methode. Ihre

Ausführung kann man abkürzen, wenn man sich eine ihrem Wirkungswerthe

auf der einen, sagen wir der rechten, Schale nach genau bekannte Tara

für die linke hält, welche schwerer ist, als die abzuwägende Substanz.

Man ersieht leicht, dass man durch Abziehen der zu letzterer bis zum

Gleichgewicht zu legenden Gewichte von dem bekannten Gewicht der Tara

die absolute Gewichtsgrösse der Substanz und zwar durch $eine$ Wägung

erfährt. Denken wir uns z. B. die linke Schale mit einer solchen Tara

belastet, welche völliges Gleichgewicht herstellt, wenn auf die rechte

50 Grm. gelegt werden. Wir bringen auf diese einen Platintiegel und

legen Gewichte zu bis zum Gleichgewicht, beispielsweise 10 Grm. Tiegel

und Gewichte sind also dann genau gleich 50 Grm. und der Tiegel wiegt

50-10, d. i. 40 Grm.

§. 10.

Als wohl zu beachtende $Regeln beim Wägen$ erwähne ich folgende:

1) Wenn man bei dem Auflegen der Gewichte das Ziel schnell und sicher

erreichen will, muss man dabei nicht bald ein grosses, bald ein

kleines Gewicht probiren, sondern streng systematisch verfahren, so

dass man das zu findende Gewicht in immer engeren Grenzen kennen

lernt, bis man es zuletzt genau hat. Ein Tiegel wiegt z. B. 6,627

Grm. Wir legen auf die andere Schale 10 Grm. Es ist zu viel, die

nachfolgende Grösse 5 Grm. ist zu wenig, jetzt 7 Grm. zu viel, dann

6 Grm. zu wenig, 6,5 zu wenig, 6,7 zu viel, 6,6 zu wenig, 6,65 zu

viel, 6,62 zu wenig, 6,63 zu viel, 6,625 zu wenig, 6,627 recht. Ich

habe, um das Princip klar zu machen, einen möglichst complicirten

Fall gewählt; ich kann aber bestimmt versichern, dass man durch

diese Art des Gewichtauflegens im Durchschnitt in der halben Zeit

wägt, als wenn man ohne Regel probirt. Zu einer Wägung bis auf 1/10

Milligramm genau braucht man nach diesem Verfahren auf einer nicht

allzu langsam schwingenden Wage bei einiger Uebung nie länger als

ein paar Minuten.

2) Es ist bei gleicher Genauigkeit überaus viel bequemer und

fördernder, die Milligramme und deren Bruchtheile durch ein an

oder zwischen den Theilstrichen des Wagebalkens aufzuhängendes

Centigrammhäkchen, als durch unmittelbares Auflegen von

Milligrammgewichtchen zu bestimmen.

3) Beim Aufschreiben der Gewichte kann man nicht vorsichtig genug

sein. Zweckmässig ist es, die Aufschreibung zuerst nach den Lücken

im Gewichtskästchen vorzunehmen und sie sodann beim Abnehmen der

Gewichte von der Wage und Einlegen ins Kästchen zu controliren.

4) An der Wage darf nie irgend eine Veränderung (Darauflegen des zu

Wägenden, Auflegen oder Wegnehmen von Gewichten) vorgenommen

werden, wenn sie nicht arretirt ist; im anderen Falle würde sie in

kurzer Zeit verdorben sein.

5) Eine Substanz darf nie, es müsste denn ein Stückchen Metall oder

dergleichen sein, unmittelbar auf die Wage gelegt werden, sondern

alles Abwägen geschieht in passenden Gefässen von Platin, Silber,

Glas, Porzellan etc., nie auf Papier oder einer Karte, da diese

durch Anziehen von Feuchtigkeit ihr Gewicht fortwährend verändern.

-- Die gewöhnlichste Methode des Abwägens besteht darin, dass man

zuerst den Tiegel, überhaupt das Gefäss, wägt, dann die Substanz

in denselben bringt, wieder wägt, und das erste Gewicht von dem

letzten abzieht. In manchen Fällen, namentlich wenn man mehrere

Portionen von einer und derselben Substanz abzuwägen hat, bestimmt

man zuerst das Gewicht des Gefässes sammt der Substanz, schüttet

dann von derselben eine gewisse Portion heraus, wägt wieder und

findet so das Gewicht des Herausgeschütteten als Gewichtsabnahme.

6) Substanzen, welche leicht Feuchtigkeit aus der Luft anziehen, müssen

immer in verschlossenen Gefässen (in einem bedeckten Tiegel,

zwischen zwei Uhrgläsern, in einem verstopften Glasröhrchen)

abgewogen werden. Flüssigkeiten wägt man in mit Glasstöpseln

verschlossenen Fläschchen.

7) Ein Gefäss darf niemals gewogen werden, wenn es noch warm ist,

weil es in dem Falle immer und zwar aus zwei Gründen zu leicht

wiegt. Einmal nämlich verdichtet jeder Körper auf seiner Oberfläche

eine gewisse Portion Luft und Feuchtigkeit, deren Menge abhängig

ist von der Temperatur und dem Feuchtigkeitszustande der Luft,

wie auch von der Temperatur des Körpers selbst. Hat man nun einen

Tiegel am Anfang kalt gewogen, wägt ihn später mit Substanz warm

und rechnet die Differenz als Gewicht der Substanz, so bekommt

man dasselbe zu klein, weil man für den Tiegel zu viel abzieht.

-- Die zweite Ursache ist die, dass von einem warmen Körper

fortwährend die umgebende Luft erwärmt, dadurch aber leichter wird

und aufsteigt. Indem nun die kalte Luft nachdringt, entsteht ein

Luftstrom, der die Wagschale hebt und demnach leichter erscheinen

lässt, als sie wirklich ist.

8) Wenn man bedenkt, dass, sofern man an die beiden Endschneiden einer

Wage an dünnen gleichschweren Drähten an die eine 10 Gramm Platin,

an die andere 10 Gramm Glas hängt (so dass also Gleichgewicht

stattfindet) und jetzt den Platin- und Glaskörper in Wasser ganz

einsenkt, alsdann das Gleichgewicht nicht bleiben kann, weil jetzt

nur die Differenz der 10 Gramm und des verdrängten Wassers (welches

beim Glas weit mehr beträgt als beim Platin) als Gewicht wirkt,

so muss man einsehen, dass alle Wägungen, welche wir in der Luft

vornehmen, ebenfalls mit einem Fehler behaftet sind, sofern die

Volumina des Gewogenen und der Gewichtsstücke nicht gleich sind.

Dieser Fehler ist aber wegen des im Verhältniss zu festen Körpern

geringen specifischen Gewichts der Luft so unbedeutend, dass er

bei allen gewöhnlichen analytischen Versuchen vernachlässigt

werden kann; bei absolut genauen hingegen bringt man die Volumina

der Körper mit in Rechnung, addirt das Gewicht der entsprechenden

Lufträume zu der Grösse des Gewichts und des Gewogenen und reducirt

so die Gewichte auf den leeren Raum.

§. 11.

Anleitung zur quantitativen chemischen Analyse · 第 53 / 749 题