Allerlei

Das Sittsame fördert; das Rücksichtvolle scheint es zu etwas zu bringen.

Der, der die Zeit niemals mit irgend etwas Ablenkendem verlieren will,

trocknet und rostet ein. Es scheint, daß es unklug und bösartig ist,

immer energisch zu sein. Mangel an Zuversicht gebärdet sich gern

konstant energisch. Nun ist ja das alles so wunderbar. Fallen und seinen

Posten verlieren, heißt oft: einen neuen unter die Füße bekommen.

Triumphieren ist oft nichts anderes als Versinken in den Wellen der

Anmaßung; und doch triumphiert man so gern. Immer und immer gesetzt,

gerecht und gefaßt sein, ist hart und streift ans Unmenschliche, während

doch menschlich sein unser unabänderliches Los ist. Schön und

vortrefflich ist nur das Menschliche. Gewisse Tugenden sind ein Laster

oder die Blüte eines solchen. Das Laster scheint eine Höhle voll Unrat

und Unverständnis zu sein, aber aus dem Laster hervortreten, mit Reue in

der Seele, ist schöner als niemals sündigen. Sind denn nicht vielfach

die Fehler der Anlaß zu den Entzückungen und Rührungen? Wie willkommen

ist dem alten Vater der verlorene Sohn; wie herrlich, wie herrlich ist

es, Gnade und Erbarmen zu finden. Die Tugend beißt sich in die Lippen

und kehrt dem liebevollen Schauspiel schamhaft und boshaft den Rücken,

schauervoll fühlend, wie häßlich es ist, nie fehlzugehen. Das Sittsame,

das Kämpfe duldet und übersteht, ist das Wundervolle. Der wirkliche

Weltmann, zum Beispiel, ist sittsam; er ist fromm und duldet.

* * * * *

Die Wortkargheit kann in eine Schwäche ausarten; genau wie das

Gegenteil. Das Schweigen beherrscht uns oft, wie uns die Sucht, alles

auszuplaudern, beherrschen kann. Man soll nicht schweigen, wo es uns

schicklich scheint, den Mund aufzutun; nur müssen wir freilich ungefähr

wissen, was schicklich ist: und das weiß der Seelenvolle. Kann man nicht

auch durch das Schweigen verleumden? Jedenfalls sehr unangenehm kann man

sein. Man soll stets ein wenig lügen, das, was man nicht sagen darf, so

sagen können, daß es wie eine einfache Unterhaltung klingt. Das Gehörte

dem, den es angeht, genau so wiedersagen, wie es uns gesagt wurde, ist

taktlos und muß verletzen. Aus Rücksicht ein wenig die Wahrheit

entstellen, heißt sie vertiefen und verfeinern. Die Liebe versteht zu

lügen, die Liebe versteht zu reden, die Liebe allein versteht, auf

schöne Art zu schweigen. Übrigens sind das alles Schwankungen. Es kommt

da auf die Fälle an und auf die Personen. Zu gewissen Menschen steht man

so, daß ich und der andere es fühlen, wie unmöglich es ist, daß wir

einander verkennen oder mißverstehen können. Beleidigungen, zum

Beispiel, liegen nie im Ausdruck, sondern immer in den besonderen

Umständen. Plötzlich habe ich irgendwen tief verletzt und ich weiß es

gar nicht. Dich liebt jemand: und du drehst dieser Person im Weltleben

den Rücken. Du liebst dann wieder dort, wo du mißverstanden und verkannt

wirst.

* * * * *

Der große Dienst, den wir einer Frau erweisen, stürzt uns in die Gefahr,

von ihr für einen Dummkopf gehalten zu werden. Man muß ihr dann grausam

hart begegnen, um sie zu überzeugen, daß sie es mit einem Menschen von

Selbstbewußtsein zu tun hatte. Nichts verachten und verschmähen echte

weibliche Naturen so sehr wie Güte so ins Blaue hinein. Die Frauen

erziehen den anwachsenden Mann zur Schätzung und Wertung seiner selber.

Vielleicht geht im Meer dieser Erziehung manche feine, gute und tüchtige

Mannesgesinnung für immer unter, denn edel und hochherzig ist man nicht

gern zum zweitenmal, wo man das erstemal ausgelacht worden ist. Doch wer

könnte edel von Natur sein und nicht für immer?

* * * * *

Das Schweizerland, wie kühn und klein steht es da, umarmt von den

Staaten! Was ist es als Land allein für eine zugleich hehre und anmutige

Erscheinung! Europas schneeige Pelzboa könnte man es nennen. Wundervoll

wie seine Geschichte ist seine Natur. Merkwürdig wie sein Volk ist sein

Bestand. Es ist, als ducke es sich. Doch scheint es auch nicht ein

Panther, denn es hat keine Grenzenbeute zu machen. Seine Enthaltsamkeit

ist seine Festigkeit, seine Bescheidenheit ist seine Schönheit, seine

Beschränkung sein unvergleichliches Ideal. Wie ein politischer Felsen

steht es da, umbrüllt von den politischen Wogen. So lange es bleibt, was

es ist, schadet ihm, scheint es, nichts. Inwiefern es sich klein fühlt,

darf es sich stark und eigen und unabhängig fühlen, abhängig nur von der

Besonnenheit und Unerschrockenheit. Seine Würde ist seine Grenze; und

solange es diese in ihrer Art unübersehbare Grenze zu bewahren weiß, ist

es in seiner Art ein bedeutendes und großes Land, groß als Gedanke. Wie

reizend und wie gefährlich ist seine Lage. Seine Menschen, wie

heimatlich wissen sie, das Altertum bekräftigend, zu leben. Sein Handel

geht hoch, seine Wissenschaften blühen. Doch wozu ihm schmeicheln? Daß

es sein Eigen ist, schmeichelt ihm am tiefsten. Man will sie grob nennen

im Ausland, die Schweizer. Das ist so, als nennte man den Franzosen

unzuverlässig, den Deutschen anmaßend, den Türken unsauber, den Russen

rückständig. Wie verpesten Redensarten die Erde! Wie vergiften gewisse

Gerüchte das Leben!

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Reisen, im Eisenbahnwagen sitzen, erster Klasse natürlich. Man ist

eingestiegen und immer fährt man ins unbekannte, fremde Weite. Das ist

reizend. Man beherrscht so ein bischen alle Sprachen. Kauderwelschen:

Das ist so nett. Attachiert ist man als richtiger Reisender. Süß,

einfach göttlich. Und nun sitzt man; draußen ist Winternacht, es

schneit. Von der Wagendecke lächelt das Lämpchen wie ein unaufgeklärtes

tiefes Menschenbrust-Geheimnis dich an. Tränen treten dir plötzlich in

die Augen. Wie ist dir, du attachierter perfekter Reisender? Empfindest

du Schmerzliches? Ja, ich bin versunken in ein Meer von wehmutvollen

Erinnerungen. Ich werde in die fernen Länder davongetragen. Übrigens

lese ich ja jetzt die Zeitung. Plötzlich ist mir vollkommenem

Weltreisenden, als fahre ich zurück in die freudenüberströmte, liebe

Kindheit. Die Eltern tauchen vor mir auf; und da schaue ich namentlich

Mama tief in die Augen. Welch eine Wonne, welch ein Glück ist es, klein

zu sein! Mir ist, als möchte ich gerade jetzt von Papa verprügelt

werden. Doch weiter fährt es, weiter, weiter. Reisender sein: ach ja;

und draußen der Mitternachtschnee. Ach ja, Reisender sein, ist hübsch.

Aber richtiger attachierter Reisender muß man sein.

* * * * *

»Das alles ist nicht so schlimm«: finde ich hübsch gesagt. Mein lieber

Bruder Hans sagte das immer. Er ist ein goldener Mensch, golden durch

Treue. Ja, wenn es bei uns zu Haus oft schlimm aussah, sagte Hans: »Das

alles ist nicht so schlimm. Es sieht nur so schlimm aus.« Mir scheint,

Ehre und Liebe reden so. Tragisch die Dinge nehmen, ist ja plump. Wenn

du keinen Erfolg in der Welt hast, so ist das gar nicht so schlimm. Der

Humor ist die unübertreffliche Königin des Weltlebens. Hier wäre wieder

ein Wörtchen vom Wesen des wahren Weltmannes zu sagen. Doch man muß sich

diese Schreibfreude leider versagen; und das ist gar nicht so schlimm.

Einen Hieb bekommen, ist gar nicht so schlimm. Verachtung wecken, wo man

meinte, es recht getan zu haben, ist auch nicht so schlimm. Was ist

schlimm? Mutlos und freudlos sein? Ist das wirklich so schlimm? Ja: das,

das ist schlimm. Wenn ich falle und dazu lache, ist das gar nicht so

schlimm. Wenn ich mich aber über die Niederlage ärgere, dann ist es

schlimm. Doch ich habe noch allerlei anderes zu sagen. Das Leben enthält

nicht nur einerlei, sondern gar mancherlei. Also auf ins Allerlei!

* * * * *

Wenn ich eine Weile nicht habe denken dürfen, sondern habe wirken

müssen, wie sehne ich mich da wieder nach dem Leben in den Gedanken!

Wenn es mir schlecht in der Welt geht, wie wünsche ich da wieder,

geachtet, ausgezeichnet, gestreichelt, verwöhnt und geliebt zu werden!

Wenn ich lange Zeit mit gewöhnlichen Menschen zu tun gehabt habe, wie

schwebt mir da der Umgang mit feinen, ungewöhnlichen Menschen

paradiesgartenähnlich wieder vor! Und wenn ich dahingesunken bin in den

Abgrund der Verwilderung, ach, wie so gern betrage ich mich nachher

wieder gesetzt und gesittet! Muß alles so sein Gegengewicht haben? Soll

man immer und immer wieder durch die Schärfe der Gegensätze gerüttelt

und geschüttelt werden? So scheint es; und so mache du dich nur stets

auf Schwankungen, Unklarheiten und Unordnungen gefaßt. Trage es immer

wieder, das Schwere, dulde es immer wieder, das Unangenehme, finde es

immer wieder beherzigenswert und liebenswert, das Vielerlei. Pünktliche

Ordnung schaffst du nie rund um dich und in dir. Deshalb sei doch ja

nicht versessen auf die Ordentlichkeit. Dies stört, macht feig und

blendet.

* * * * *

Wir stecken immer noch sehr im Mittelalter, und diejenigen, die über die

Neuzeit murren, weil sie seelenarm sei, im Vergleich mit der Vorwelt,

irren arg. Abschaffen ist der Lauf der Welt? Wie? Wenn alles so leer, so

leicht würde, daß man an gar nichts mehr zu denken brauchte? Anzeichen,

daß die Menschen der Kultur und ihrer Peinlichkeiten überdrüssig werden,

sind vorhanden. Eine Welt glatt wie Glas, ein Leben sauber wie eine

Stube am Sonntag. Keine Kirchen und keine Gedanken mehr. Puh, mich

friert. Es sollte doch wohl immer noch allerlei in der Welt geben. Mich

würde nichts bewegen, wenn nicht allerlei mich bewegte.

Aufsätze · 第 106 / 111 题