Der Schriftsteller besitzt in der Regel zwei Anzüge, einen für die
Straße und zum Besuche machen und einen für die Arbeit. Er ist ein
ordentlicher Mensch; das Sitzen am engen Schreibtisch hat ihn bescheiden
gemacht, er verzichtet auf die heitern Genüsse des Lebens, und wenn er
von irgendeinem nützlichen Ausgang nach Hause kommt, so zieht er seinen
guten Anzug rasch vom Leib, hängt Hose und Rock, wie es sich gehört,
säuberlich in den Kleiderschrank, wirft sich in seine Arbeiterbluse und
Hausschuhe, geht in die Küche, macht Tee zurecht und begibt sich zur
gewohnten Arbeit. Er trinkt nämlich immer Tee während des Schaffens, das
behagt ihm sehr, es erhält ihn gesund, und seiner Meinung nach ersetzt
ihm das alle übrigen weltlichen Genüsse. Verheiratet ist er nicht, denn
er hat nicht die Kühnheit gehabt, sich zu verlieben, weil er allen ihm
zu Gebote stehenden Mut dazu hat anwenden müssen, seiner künstlerischen
Pflicht gegenüber, die, wie es vielleicht bekannt ist, eine sehr harte
sein kann, treu zu bleiben. Er hauswirtschaftet in der Regel gänzlich
allein, es sei denn, eine Freundin helfe ihm beim Ausruhen und ein
unsichtbarer Schutzgeist beim Arbeiten. Seiner innersten Überzeugung
nach ist sein Leben weder besonders freudig noch gar sehr trübe, weder
leicht noch schwer, weder eintönig noch abwechslungsreich, weder eine
fortdauernde noch eine oft unterbrochene Lustbarkeit, weder ein Schrei
noch ein anhaltendes, munteres Lächeln: er schafft, das ist sein Leben.
Er versucht in einem fort, sich in alles und jedes hineinzuleben, darin
besteht sein Schaffen, und wenn er von seiner Arbeit einen Augenblick
aufsteht, um sich eine neue Zigarette zu drehen, einen Schluck Tee zu
trinken, ein Wort zur Katze zu sagen, jemandem die Tür zu öffnen oder
rasch aus dem Fenster zu schauen, so sind das nicht wesentliche
Unterbrechungen, sondern gewissermaßen nur Kunstpausen oder Atemübungen.
Manchmal turnt er ein bischen im Zimmer, oder es fällt ihm ein, ein
wenig zu jonglieren; auch Übungen im Gesang oder in der tönenden
Deklamation sind ihm willkommen. Diese kleinen Dinge tut er, damit er
beim Schreiben nicht ganz und gar, wie er sonst leicht befürchten müßte,
zum Narren wird. Er ist ein exakter Mensch; sein Beruf hat ihn dazu
gezwungen, denn was sollten Liederlichkeit oder Unordentlichkeit
tagelang am Schreibtisch zu suchen haben? Der Wunsch und die
Leidenschaft, das Leben in Worten zu zeichnen, entstammen schließlich
nur einer gewissen Genauigkeit und schönen Pedanterie der Seele, der es
Schmerz bereitet, beobachten zu müssen, wie so viel Schönes, Lebendiges,
Eilendes und Flüchtiges in der Welt davonfliegt, ohne daß man es hat ins
Notizbuch bannen können. Welche ewige Sorge! Der Mann mit der Feder in
der Hand ist quasi ein Held im Halbdunkel, dessen Betragen nur deshalb
kein heroisches und edles ist, weil es der Welt nicht zu Gesicht kommen
kann. Man spricht nicht umsonst von »Helden der Feder«. Vielleicht ist
das nur ein trivialer Ausdruck für eine ebenso triviale Sache, aber ein
Feuerwehrsmann ist auch etwas Triviales, obschon nicht ausgeschlossen
ist, daß er gesetzten Falls ein Held und ein Lebensretter sein kann.
Wenn es bisweilen einem Mutigen gelingt, ein Kind, oder was es sei, mit
Lebensgefahr aus dem strömenden Wasser zu retten, so dürfte es
vielleicht des öftern der Kunst und dem aufopfernden Bemühen eines
Schriftstellers vorbehalten bleiben, dem achtlos und gedankenlos
dahinflutenden Strom des Lebens Schönheitswerte, die eben am Ertrinken
und Untergehen sind, mit Gefahr seiner Gesundheit zu entreißen, denn
gesund ist es nicht, zehn bis dreizehn Stunden hintereinander am
Romanen- oder Novellentisch zu sitzen. Er kann also wohl zu den mutigen,
kühnen Naturen gerechnet werden. In der Gesellschaft, wo es immer so
glänzend und glatt zugeht, benimmt er sich mitunter steif aus
Schüchternheit, rauh aus Gutmütigkeit und holperig aus Mangel an
Schliff. Aber man unternehme es doch, ihn in ein Gespräch zu ziehen oder
ins Netz einer herzlichen Unterhaltung einzufädeln, und man wird ihn
alsobald sein linkisches Wesen abwerfen sehen; seine Zunge wird sprechen
wie jede beliebige andre Zunge, seine Hände bekommen die
allernatürlichsten Bewegungen, und in seinen Augen wird gewiß ebensoviel
Feuer schimmern, als in den Augen irgendeines Staats-, Industrie- oder
Marinemenschen. Er ist gesellig, wie nur irgendeiner. Er erlebt
vielleicht einmal während eines ganzen Jahres nichts Neues, da er sich
immer mit Satz- und Tonreihen abgegeben hat und mit der Vollendung
seines Werkes, aber, ich bitte, hat er dafür nicht Phantasie? Schätzt
man die gar nicht mehr heutzutage? Er ist fähig, mit seinen Einfällen
eine Gesellschaft von, sagen wir, zwanzig Menschen sich beinahe kaput
lachen zu machen, oder er kann Staunen erwecken, und zwar im
Handumdrehen, oder er kann Tränen entlocken, indem er einfach ein
Gedicht, das er gemacht hat, vorliest. Und dann, wenn seine Bücher auf
dem Markt erscheinen! Alle Welt, bildet er sich in seiner dachstubigten
Verlassenheit ein, springt danach und reißt sich um die hübsch
eingebundenen oder sogar in braunes Leder gepreßten Exemplare. Auf dem
Titelblatt steht sein Name, ein Umstand, der seiner naiven Meinung nach
genügt, ihn überall in der runden, weiten Welt bekannt zu machen.
Alsdann kommen die Enttäuschungen, die Zurechtweisungen in den Blättern,
das Zischen zu Tode, das Verschweigen ins Grab hinein; unser Mann
erträgt es eben. Er geht nach Hause, vernichtet alle seine Papiere,
versetzt dem Schreibtisch einen furchtbaren Stoß, daß er umfliegt,
zerreißt einen angefangenen Roman, zerfetzt die Schreibunterlage, wirft
den Vorrat an Schreibfedern zum offenen Fenster hinaus, schreibt seinem
Verleger: »Sehr geehrter Herr, ich bitte Sie, aufzuhören, an mich zu
glauben,« und segelt auf Wanderschaften. Sein Zorn und seine Scham
kommen ihm übrigens nach kurzer Zeit lächerlich vor, und er sagt sich,
daß es seine Pflicht und Schuldigkeit sei, von neuem mit seiner Arbeit
zu beginnen. So macht's der eine, der andre macht's vielleicht um eine
Schattierung anders. Nie verliert ein zum Schriftstellern geborener
Schriftsteller den Mut; er hat ein beinahe ununterbrochenes Vertrauen
zur Welt und zu den tausend neuen Möglichkeiten, die sie ihm jeden neuen
Morgen bietet. Er kennt jede Art Verzweiflung, aber auch jede Art
Glücksgefühl. Das Sonderbare ist, daß ihn eher die Erfolge als die
Mißerfolge mißtrauisch gegen sich machen; das kommt aber vielleicht nur
daher, weil die Maschine seines Denkens fortgesetzt in Bewegung ist. Hin
und wieder macht der Schriftsteller Vermögen, aber er geniert sich
beinahe, Haufen Geldes erworben zu haben, und er macht sich in solchen
Fällen absichtlich klein, um den vergifteten Pfeilen des Neides und der
Spottsucht möglichst auszuweichen. Ein ganz natürliches Verhalten! Wie
aber, wenn er arm und verachtet dahinlebt, in feuchten, kalten Stuben,
an Tischen, über deren Platten ihm das Ungeziefer kriecht, in Betten aus
Stroh, in Häusern voll wüsten Gelärms und Geschreis, auf ganz und gar
einsamen Wegen, in der Nässe des herabströmenden Regens, auf der Suche
nach Lebensunterhalt, den ihm, weil er vielleicht eine dumme Figur
macht, kein vernünftiger Mensch gewähren will, unter der Glut der
hauptstädtischen Sonne, in Herbergen voll Ungemach, in Gegenden voll
Sturm oder in Asylen ohne die Freundlichkeit und Heimatlichkeit, die in
dem Namen so schön enthalten ist? Ist ein derartiges Unglück
ausgeschlossen? Nun also: auch Gefahren kann der Schriftsteller
durchmachen, und von seinem Genie, sich in alle üblen Umstände zu
schicken, wird es abhängen, wie er sie durchmacht. Der Schriftsteller
liebt die Welt, denn er fühlt, daß er aufhört, ihr Kind zu sein, wenn er
sie nicht mehr lieben kann. In diesem Fall ist er ja auch meist nur noch
ein mittelmäßiger Schriftsteller, das empfindet er deutlich, und deshalb
vermeidet er es, dem Leben ein mißmutiges Gesicht zu zeigen.
Infolgedessen kommt es auch oft vor, daß man ihn für einen urteilslosen,
beschränkten Schwärmer ansieht, während man doch gar nicht bedenkt, daß
er ein Mensch ist, der sich weder den Spott, noch den Haß gestatten
darf, weil ihm diese Empfindungen zu leicht die Lust am Schaffen rauben.