Nacht. Zimmer der Hofdame Gräfin so und so

=Gräfin=: Was soll das heißen?

=Lenz=: Lassen, lassen Sie mich. Vergönnen Sie mir den Genuß, zu Ihren

Füßen liegen zu dürfen. Wie schön, wie trostreich für die verdurstende,

schrecklich gepeinigte Seele ist dieser Moment. O, klingeln Sie nicht,

rufen Sie nicht Ihre Leute. Bin ich denn ein Räuber, ein Einbrecher?

Freilich bin ich unangemeldet hergestürzt. Wo man liebt: soll man sich

da erst noch lange um die hergebrachte Sitte kümmern müssen? Wie sind

Sie schön, und wie bin ich glücklich, und wie feurig, wie innig wünsche

ich, nicht Ihr Mißfallen zu erregen. Können Worte, die aus der Brust

eines Menschen kommen, der Sie anbetet, Sie beleidigen? Gewiß ist das ja

möglich, gewiß, gewiß. Ich Sie beleidigen, ich Sie auch nur mit einem

Hauch beunruhigen? Wie wäre das möglich? Schauen, schauen Sie mich nicht

so hart an. Ihre Augen, die so schön sind, haben nicht verdient, daß sie

so kalt, so unfreundlich, so ungütig blicken müssen. Retten Sie mich.

Ich bin dem Verderben preisgegeben, wenn Sie kein Gefühl für mich haben.

Haben Sie kein Gefühl? Dürfen Sie keins haben? Bin ich denn jetzt

zerschmettert? Bin ich verloren mit allen meinen himmlisch-schönen

Träumen? Wissen Sie, wie süß, wie schön ich träumte? Doch ich weiß nicht

mehr, was ich sagen soll. Ich soll schweigen, ich soll jetzt wohl

einsehen, daß ich die höchste aller Unziemlichkeiten begangen habe, ich

soll fühlen, daß alles kalt ist, und daß alles zu Ende ist.

=Gräfin=: Ich bin sprachlos.

=Lenz=: Wie schön du bist. Dieser Busen, diese Arme, dieser Körper.

Können so viele Herrlichkeiten sich anders als sanft gebärden?

=Gräfin=: Entfernen Sie sich auf der Stelle. Soll ich Ihnen erst noch

sagen, daß Sie bewiesen haben, wie verzweifelt und wie unmöglich Sie

sind. Sind Sie um die gesunde Vernunft gekommen? Ich muß es glauben.

Aufsätze · 第 100 / 111 题