Weimar. Saal im Schloß

=Die Herzogin=: Also so sehen Sie aus? Treten Sie ungescheut näher. Wie

man Sie willkommen heißt, dürfen Sie auch ein Zutrauen haben. Ihre

dramatischen Arbeiten sehen Ihnen ähnlich. Es ist etwas Schüchternes und

etwas Wildes an beiden. Legen Sie beides ein wenig ab, so werden Sie

mehr Genuß an Ihrem Dichterfeuer und an Ihnen selbst haben. Es freut

mich aber wirklich sehr, daß Sie Neigung gefunden haben, zu uns zu

kommen, und hoffentlich wird es Ihnen bald auch bei uns einigermaßen

behagen. Das Leben will eine gewisse behagliche Wärme und auch eine

gewisse schickliche Breite haben. Doch ich tu' ja, als wenn ich Ihnen

einen Vortrag halten wollte. Das will ich und soll ich nicht; ich soll

mich nur sehr von Herzen freuen, daß Sie hier sind, und das tu' ich,

glauben Sie es mir. Haben Sie auch schon eine günstige Wohnung gefunden?

Ja? Das ist gut. Unser Weimar kann Ihnen sicher heimisch werden, es

bietet mancherlei. Nur müssen Sie es eben, wie es ist, auch zu nehmen

und zu genießen wissen. Sieht man Sie so, so glaubt man, Sie ein bischen

schulmeistern zu dürfen. Verübeln Sie, daß ich warm mit Ihnen rede?

Nicht? Um so besser. Aber ich schwatze, und der Herzog wartet auf mich.

=Lenz= (errötend; sehr unsicher, will etwas sagen).

=Herzogin=: Ach, nur keine sonderlichen Danksagungen. Sagen Sie sie mir

ein andres Mal. Oder lieber gar nicht. Ihr Gesicht gefällt mir. Das

genügt. Es hat alle Artigkeiten und Höflichkeiten schon längst

ausgesprochen. Ich werde sorgen, daß wir uns wiedersehen. (Ab.)

=Lenz=: Schweb' ich? Wo bin ich?

Aufsätze · 第 98 / 111 题