Vom Zoologischen Garten her tönt Regimentsmusik. Man geht so, ganz
gemächlich. Ist es denn nicht Sonntag? Wie warm es ist. Jedermann
scheint erstaunt darüber zu sein, daß es jetzt, wie auf Zauberschlag, so
leicht, so hell, so warm ist. Wärme allein gibt schon Farbe. Die Umwelt
ist wie ein Lächeln, und es wird einem ganz weiblich zumut. Wie gern
möchte ich jetzt (beinahe) ein Kind auf dem Arm tragen und treubesorgtes
Dienstmädchen spielen. Wie stimmt der beginnende, herzbetörende Frühling
zärtlich. Ich könnte, bilde ich mir ein, geradezu Mutter sein. Im
Frühling, so scheint es, werden Männer und Mannestaten plötzlich so
überflüssig, so dumm. Nur keine Tat jetzt. Horchen, bleiben, am Fleck
stehen. Göttlich durch ganz weniges berührt sein. In dieses wonnensüße
kindheitartige Grün schauen. Ach, ist doch Berlin und sein Tiergarten
jetzt schön. Es wimmelt von Menschen. Die Menschen sind starke,
bewegliche Flecke im zarten, verlornen Sonnenschimmer. Oben ist der
lichtblaue Himmel, der wie ein Traum das untenliegende Grün berührt. Die
Leute gehen leicht und bequem, so, als fürchteten sie, in
Marschierschritt und in grobes Gebärden zu verfallen. Es soll Leute
geben, die nie daran denken, oder die sich zieren, sich am Sonntag auf
eine Tiergartenbank zu setzen. Wie doch solche Leute sich des
reizendsten Vergnügens berauben. Ich selbst finde das Sonntagspublikum
in seiner offensichtlichen harmlosen Sonntagslust bedeutender als alles
Kairo- und Rivierareisen. Da wird das Harte gefällig, das Starre
lieblich, und alle Linien und Gewöhnlichkeiten gehen traumhaft
ineinander über. Unnennbar zart ist solch ein allgemeines Spazieren. Die
Spaziergänger verlieren sich bald einzeln, bald in anmutigen dichten
Gruppen oder Haufen zwischen den Bäumen, die hoch oben noch luftig-kahl
sind, und zwischen dem niedrigen Gesträuch, das ein Hauch von jungem,
süßem Grün ist. Es zittert und bebt in der weichen Luft von Knospen, die
zu singen, zu tanzen, zu schweben scheinen. Das ganze Tiergartenbild ist
wie ein gemaltes Bild, dann wie ein Traum, dann wie ein weitschweifiger
angenehmer Kuß. Überall ist leichte, verständliche Lockung zum lange
Hinschauen. Auf einer Bank am Schiffahrtskanal sitzen zwei Ammen im
schneeweißen imposanten Kopfputz, weißer Schürze und knallroten Röcken.
Indem man geht, ist man befriedigt; indem man sitzt, ist man ganz ruhig
und schaut gelassen in die Augen der vorübergehenden Gestalten. Diese
sind Kinder, an Leinen geführte Hunde, Soldaten mit dem Mädel im Arm,
schöne Frauen, kokette Damen, alleinstehende, -tretende und -gehende
Herren, ganze Familien, schüchterne Liebespaare. Schleier wehen, grüne
und blaue und gelbliche. Dunkle und helle Kleider wechseln ab. Die
Herren tragen meistens die unvermeidlichen trockenen halbhohen steifen
Hügelhüte auf den Kegelköpfen. Man möchte lachen und zugleich ernst
sein. Es ist alles zugleich lustig und heilig, und man ist sehr ernst
dabei, wie alle. Alle zeigen denselben schicklichen leichten Ernst. Ist
nicht so auch der Himmel, der auch so ein Gesicht macht, als spreche er:
»Wie wunderbar ist mir?« Jetzt huschen, freundlichen Schemen ähnlich,
windähnliche Schatten durch die Bäume, über die hellen weißen Wege,
wohin? Man weiß es nicht. Kaum sieht man es, so zart ist es. Maler
machen auf solche Delikatessen aufmerksam. In einiger sanfter Entfernung
rollen roträdrige Droschken durch das milde grüne Gewebe, als gleite ein
rotes Band durch ein Stück zartes Frauenhaar. Alles atmet Fraulichkeit,
alles ist Helle und Milde, alles ist so weit, so durchsichtig, so rund,
nach allen Seiten dreht man den Sonntagskopf, um die Sonntagswelt hübsch
zu genießen. Menschen machen das Ganze eigentlich. Ohne die Menschen
würde man die Schönheit des Tiergartens nicht sehen, nicht merken, nicht
empfinden. Wie das Publikum ist? Na, gemischt, alles durcheinander,
Elegantes und Einfaches, Stolzes und Demütiges, Fröhliches und
Besorgtes. Ich selbst sorge mit meiner eigenen Person ebenfalls für
Buntheit und trage mit zur Gemischtheit bei. Ich bin gemischt genug.
Doch wo ist der Traum? Laß uns ihn doch noch rasch einmal betrachten.
Auf einer rundgebogenen Brücke stehen viele Leute. Man steht selbst da,
lehnt sich leicht und voll guter Manier an das Geländer und schaut hinab
in das zärtlich-bläulich glimmende, warme Wasser, wo Boote und Kähne,
menschenbesetzt und fähnchengeschmückt, leise, wie von guten Ahnungen
gezogen, umherfahren. Die Schiffe und Gondeln schimmern in der Sonne. Da
bricht ein Stück dunkles Samtgrün aus der Lichtheit hervor, es ist eine
Bluse. Enten mit farbigen Köpfen schaukeln auf dem Gekräusel und
Gezitter des Wassers, das manchmal schimmert wie Bronze oder wie
Emaille. Herrlich ist es, wie das Feld des Wassers so eng und so klein
ist und doch so vollbesetzt mit gleitenden Lustkähnen und
Freudenfarben-Hüten. Überall, wohin man blickt, glänzt und bricht der
Damenhut mit rot, blau und andern Augengenüssen aus dem Gebüsch hervor.
Wie ist alles so einfach. Wohin geht man jetzt? In ein Kaffeehaus?
Wirklich? Ist man jetzt so barbarisch? Jawohl, man tut's. Was tut man
nicht alles? Wie schön ist es, zu tun, was ein anderer ebenfalls tut.
Wie ist er nur schön, der Tiergarten. Welcher Einwohner von Berlin
liebte ihn nicht?