Friedrichstraße

Oben ist ein schmaler Streifen Himmel, unten der glatte, schwärzliche,

gleichsam von Schicksalen polierte Boden. Die Häuser zu beiden Seiten

ragen kühn, zierlich und phantastisch in die architektonische Höhe. Die

Luft bebt und erschrickt von Weltleben. Bis zu den Dächern hinauf und

über die Dächer noch hinaus schweben und kleben Reklamen. Große

Buchstaben fallen in die Augen. Und immer gehen hier Menschen. Noch nie,

seit sie ist, hat in dieser Straße das Leben aufgehört zu leben. Hier

ist das Herz, die unaufhörlich atmende Brust des großstädtischen Lebens.

Hier atmet es hoch auf und tief nieder, als wenn das Leben selber über

seinem Schritt und Tritt unangenehm beengt wäre. Hier ist die Quelle,

der Bach, der Fluß, der Strom und das Meer der Bewegungen. Niemals

sterben hier die Bewegungen und die Erregungen ganz aus, und wenn das

Leben am obern Ende der Straße beinahe aufhören will, so fängt es am

untern Ende von neuem an. Arbeit und Vergnügen, Laster und guter Trieb,

Streben und Müßiggang, Edelsinn und Niedertracht, Liebe und Haß,

feuriges und höhnisches Wesen, Buntheit und Einfachheit, Armut und

Reichtum schimmern, glitzern, blöden, träumen, eilen und stolpern hier

wild und zugleich ohnmächtig durcheinander. Eine Fessel ohnegleichen

bändigt und sänftigt hier die Leidenschaften, und Verlockungen ohne Zahl

führen zugleich in die begehrlichen Versuchungen, derart, daß die

Entsagung mit dem Rockärmel den Rücken der befriedigten Begierde

streifen, daß die Unersättlichkeit mit den lodernden Augen in den weisen

Frieden der Augen des Durch-sich-selbst-gesättigten schauen muß. Hier

klaffen Abgründe, hier herrschen und gebieten bis zum offenen Unanstand,

durch den sich kein vernünftiger Mensch verletzen läßt, Gegensätze, die

unbeschreiblich sind. Wagen fahren immer an Menschenleibern, -köpfen und

-händen dicht vorüber, und auf den Verdecken und im hohlen Innern der

Wagen sitzen, dicht aneinandergepreßt und geknechtet, Menschen, die aus

irgendwelchen Gründen hier drinnen sitzen, hier oben sitzen, sich

drängen und pressen und fahren lassen. Für jede Dummheit gibt es hier

unsagbar rasch rechtfertigende, gute, kluge Gründe. Jede Torheit ist

hier durch die offenbare Schwierigkeit des Lebens geadelt und geheiligt.

Jede Bewegung hat Sinn, jeder Ton hat hier praktische Ursache, und aus

jedem Lächeln, jeder Geste, jedem Wort strahlt eine sonderbar anmutige

Gesetztheit und Korrektheit billigend hervor. Hier billigt man alles,

weil jeder einzelne, durch den Zwang des zusammengeknebelten Verkehrs

genötigt, ohne Zaudern alles, was er hört und sieht, billigen muß. Zu

Mißbilligungen scheint niemand Lust, zu Abneinungen niemand Zeit und zu

Unlust niemand ein Recht zu haben, denn hier, und das ist das

Großartige, fühlen sich alle auf leichte, vorwärtshelfende Manier,

gleichsam säuberlich, verpflichtet. Jeder Bettler, Gauner, Unhold usw.

ist hier Mitmensch und muß einstweilen, weil alles schiebt, stößt und

drängt, als etwas Mithinzugehöriges geduldet werden. Ah, hier ist die

Heimat der Nichtswürdigen, der Kleinen, nein, der ganz Kleinen, der

irgendwo und wann schon einmal Entehrten, hier, hier herrscht Duldung,

und zwar deshalb, weil sich niemand mit Ungeduld und Unfrieden aufhalten

und abgeben will. Hier wird im Sonnenschein friedlich spaziert, wie auf

einer entlegenen stillen Bergesmatte, und im Laternenschimmer elegant

gebummelt wie in einem Feenmärchen voller Zauberkünste und -worte.

Wunderbar ist, wie der zweiteilige Menschenstrom auf den Trottoirs

unaufhaltbar und unaufhörlich ist, gleich einem dickflüssigen,

schimmernden, vielbedeutenden Wasser, und herrlich ist, wie hier die

Qualen gemeistert, die Wunden verschwiegen, die Träume gefesselt, die

Brünste gebändigt, die Freuden unterdrückt und die Begierden gemäßigt

werden, weil alles Rücksicht, Rücksicht und nochmals liebende und

achtende Rücksicht nehmen muß. Wo der Mensch so nah am Menschen ist, da

erhält der Begriff Nebenmensch eine tatsächlich geübte, begriffene und

rasch verstandene Bedeutung, und es darf da niemandem mehr einfallen,

überlaut zu lachen, übereifrig sich seinen persönlichen Bedrängnissen

hinzugeben oder überhastig Geschäfte machen zu wollen, und doch, welch

eine hinreißende betörende Hast ist in all der scheinbaren Gedrängtheit

und Besonnenheit. Die Sonne scheint hier in einer Stunde auf unzählige

Köpfe, der Regen netzt und näßt hier einen Boden, der gesalbt ist

gleichsam von Lustspielen und Tragödien, und abends, ah, wenn es beginnt

zu dunkeln und wenn die Lichter angezündet werden, tut sich ein Vorhang

langsam auf, um in ein Stück üppig voll immer derselben Gewohnheiten,

Lüsternheiten und Begebenheiten schauen zu lassen. Die Sirene Vergnügen

fängt dann an in himmlisch lockenden und anmutenden Tönen zu singen, und

Seelen werden dann zerrissen von den vibrierenden Wünschen und

Nichtbefriedigungen, und ein Geldauswerfen beginnt dann, wie es der

bescheidene kluge Begriff nicht kennt, wie es sich kaum eine

dichterische Phantasie mühselig vorstellen kann. Ein wollüstig auf und

nieder atmender Körpertraum sinkt dann auf die Straße herab, und alles

läuft, läuft und läuft diesem vorherrschenden Traum mit ungewissen

Schritten nach.

Aufsätze · 第 83 / 111 题