Dinerabend

O, in Gesellschaft zu gehen, das ist gar nicht so ohne. Man zieht sich

so hübsch an, wie es einem die Verhältnisse, in denen man vegetiert,

gestatten, und begibt sich an Ort und Stelle. Der Diener öffnet die

gastliche Pforte. Gastliche Pforte? Ein etwas feuilletonistischer

Ausdruck, aber ich liebe es, mich im Stil kleiner Tagesware zu bewegen.

Ich gebe mit so viel Manier, als ich kann, Hut und Mantel ab, streiche

mein ohnehin glattes Haar vor dem Spiegel noch ein wenig glätter, trete

ein, stürze mich dicht vor die Herrin des Hauses, möchte ihr die Hand

gleich küssen, gebe indessen diesen Gedanken auf und begnüge mich damit,

eine vollendete (?) Verbeugung vor ihr zu machen. Vollendet oder nicht,

vom geselligen Zug hingerissen, entfalte ich jetzt eine Menge Schwung

und übe mich in den Tönen und Sitten, die zu den Lichtern und Blumen am

besten zu passen scheinen. »Zum Essen, Kinder«, ruft die Hausfrau aus.

Schon will ich rennen, ich erinnere mich aber rasch, daß man so etwas

nicht tun soll, und ich zwinge mich zu einer langsamen, ruhigen,

stolzen, bescheidenen, gelassenen, geduldigen, lächelnden, flüsternden

und schicklichen Gangart. Es geht vortrefflich. Entzückend sieht mir da

wieder einmal die Tafel aus. Man setzt sich, mit und ohne Dame. Ich

prüfe das Arrangement und nenne es im stillen ein schönes. Wäre noch

schöner, wenn einer wie ich irgend was an der Dekoration auszusetzen

hätte. Gottlob, ich bin bescheiden, ich danke, indem ich jetzt zugreife,

zugable und messere und löffle und esse. Wunderbar schmecken einem

gesunden Menschen solch zartsinnig zubereitete Speisen, und das Besteck,

wie es glänzt, die Gläser, wie sie beinahe duften, die Blumen, wie sie

freundlich grüßen und lispeln. Und jetzt lispelt auch schon meinerseits

eine ziemlich ungenierte Unterhaltung. Nimmt mich bald einmal selber

wunder, wo und wie ich's hernehme, dieses Weltbetragen, derart Essen zum

Mund führen, und dazwischen parlieren zu können. Wie doch die Gesichter

purpurn anlaufen, je mehr Speisen und Weine dahergetragen werden. Schon

könnte man satt sein, wenn man wollte, aber man will nicht, und zwar in

erster Linie aus Schicklichkeitsgründen. Man hat weiter zu danken und

weiter zu essen. Appetitlosigkeit ist eine Sünde an so reichbesetzten

Tischen. Ich gieße immer mehr flüssige und leuchtende Laune in die

allezeit, wie es scheint, durstige Kehle hinunter. Wie das anhumort.

Jetzt schenkt der Diener auch noch aus dicken Flaschen schäumende

Begeisterung ein, in Gläser, breitgeformte, in denen das holde Wasser

wie in schönen Seebecken ruhen und glänzen kann. Und nun prosten alle,

Damen und Herren, einander zu, ich mache es nach, ich geborner

Nachahmer. Aber stützt sich denn nicht alles, was in der Gesellschaft

taktvoll und lieblich ist, auf die fortlaufende Nachahmung? Nachahmer

sind in der Regel glückliche Kerls, so ich. Ich bin in der Tat ganz

glücklich, schicklich und unauffällig sein zu dürfen. Und jetzt erhebt

sich der leichte Witz, die Zunge wird lose, das lachende Wort will

jedesmal an die sorglose, süße Ungezogenheit streifen. Es lebe, es lebe!

Wie dumm! Aber das Schöne und Reiche ist immer ein ganz klein wenig

dumm. Es gibt Menschen, die plötzlich lachen müssen beim Küssen. Das

Glück ist ein Kind, das »heute« wieder gottlob einmal nicht zur Schule

zu gehen braucht. Immer wieder wird eingeschenkt, und das wie von

unsichtbarer Geisterhand Eingegossene wird hinuntergeschüttet. Ich

schütte geradezu unedel hinunter. Aber die silbernen Flügel hübschen

Anstandes rauschen um mich und zwicken mich öfters mahnend an die

Wangen. Hinwiederum verpflichten die Weine und die Schönheit der Frauen

zu leisen, feinen Unverschämtheiten. Die Verzeihung dazu ist der

Kirschkuchen, der jetzt galant serviert wird. O, ich freue mich über das

alles, ich Proletarier, was ich bin. Mein Gesicht ist ein wahres,

hochrotes Eßgesicht, aber essen Aristokraten etwa nicht auch? Es ist

dumm, allzufein sein zu wollen. Die Eß- und Trinklust hat vielleicht

einen ganz aparten feinen Ton des Umganges. Das Wohlbefinden bewegt sich

möglicherweise noch am zartesten. Das sage ich so. Was? Auch noch Käse?

Und noch Obst und jetzt noch einmal einen See voll Sekt? Und nun steht

man auf, um vorsichtig nach Zigarren angeln zu gehen. Man spaziert durch

die Räume. Welche Weltsicherheit. In reizenden kleinen Nischen setzt man

sich ungezwungen und eng neben die Damen nieder. Alsdann, um es nicht

ganz zu verlernen, schritthüpft man zu den Likörtischen, um sich in

Wolken von Genüssen von neuem einzuhüllen. Der Herr des Hauses scheint

fröhlich. Das genügt, um sich wie sonnenbeschienen vorzukommen. Lässig

und witzig redet man zum weiblichen Geschlecht, wenn man kann. Immer

zündet man sich neue Zigarettenstangen an. Das Vergnügen, einen neuen

Menschen kennen zu lernen, tippt einen an die Stirne, kurz, es ist ein

beständiges, gutes, dummes, behagliches Lachen um einen herum. Nichts

kann mehr aufregend sein. Gewöhnt an das Schwelgen, bewegt man sich mit

einer behäbigen Sicherheit und mit dem Mindestmaß an Formen im Glanz und

im Menschenkranz einher, daß man leise und glücklich staunen muß, es im

Leben so weit gebracht zu haben. Spät sagt man gute Nacht, und dem

Diener drückt man mit Gewicht sein in mancherlei Beziehung redlich

verdientes Trinkgeld in die Hand.

Aufsätze · 第 82 / 111 题