Eine Minute später wird er von Bären zerrissen. Jetzt hat er die
Pflicht, eines elenden Todes zu sterben.
»Guten Abend, Jungfer!«
Wurm, Haussekretär des Präsidenten. Welch eine merkwürdige Figur. Dieser
großartig angelegte Schleicher. In seiner Seele hat einstmals
jugendliches Feuer gebrannt. Man muß sich einen Wurm als jung denken.
Damals hat er noch weinen, beben, beten und hell auflachen können. Es
ist möglich, daß er sogar Gedichte geschrieben hat, und jetzt! Er möchte
gern etwas ganz Großes sein, er hat Phantasie, und er ist in den
Bezirken des Hohen und Guten wie zu Hause. Aber er hat es zu nichts
Hohem und Fertigem gebracht, zu nichts Befehlshaberischem. Da er sich
vor unfeinen, ja scheußlichen Gewalten bücken muß, hat er sich auf die
betörende Grausamkeit verlegt, das zeigt unanfechtbar deutlich an, daß
er die Hoheit des Schönen und Guten schauerlich empfindet. Er wäre ein
guter Kerl, wenn ihm ein schöner Mund zulächeln wollte. Da schleicht er
nun, wie so ein vollendeter Schleicher, das vollkommene Bild eines
lebentötenden und -vergiftenden Schurken, und hat doch eine krankhafte
Sehnsucht nach dem Lieblichen. Wie wünscht er, gut und rechtschaffen und
wohlwollend zu sein. Schon allein seine Klugheit wünscht das. O, er weiß
in allen Herzenssachen so trefflich Bescheid, er kennt die Welt, und er
weiß, daß er das beste Weltgeschäft verpaßt hat: Zündende Wärme und
Liebe. Und da geht er nun hin, eines Abends, es fängt schon zu dunkeln
an, zu Luise, die er anbetet, und will nun um sie werben, obschon er von
der Nutzlosigkeit seiner Absichten überzeugt ist. Und nun beginnt diese
furchtbare Folterung der liebenden Seelen. Unzweifelhaft ist Wurm ein
Schurke, es macht ihm Spaß, zu quälen, aber ebenso gewiß tut er sich
weh, er liebt, und das ist sehr wichtig. Denn nun tut sich vor unsern
Augen da eine wahre Seelenschmerzenhölle auf, es regnet in dieser
herrlichen Abendszene Qualen. Das Luisen-Zimmer ist gleichsam tapeziert
mit Bildern der unnennbarsten Pein. Rache und Zärtlichkeit, körperliche
Lust und Bosheit, Schurkerei und herrische Standhaftigkeit, wie wimmelt
das kraß durcheinander. Wurm ist Weltmann, er besitzt die solide Bildung
eines Mannes mit guten Beziehungen, er ist genau informiert über die
Charaktereigenschaften des Heldenmädchens. Er bewundert sie ohnegleichen
in dem Moment, wo sie sich seinen entsetzlichen Plänen überliefert. Er
fühlt die grenzenlose Verachtung, welcher er sich aussetzt, er hält das
aus, ja, er übersteigt noch die Grenze, er zwingt sich zuletzt noch zu
Widerlichkeiten. Er steht unbedingt groß da, er ist Held. Inwiefern
Ferdinand Kavalier ist, kann er stolz sein, durch so kühne Intrigen zu
fallen.