Vier Späße

1.

Bei Wertheim, zu oberst, dort, wo man Kaffee trinkt, ist gegenwärtig

etwas Köstliches zu sehen, nämlich der dramatische Dichter Seltmann. Er

hockt auf einem kleinen Rohrstuhl auf erhöhtem Gestell, allen Blicken

eine leichte Zielscheibe, hämmert und nagelt und klopft in einem fort

und schustert, wie es denen vorkommt, die ihn betrachten, Blankverse.

Das kleine, viereckige Gestell ist mit dunkelgrünen Tannenzweigen

geschmackvoll bekränzt. Der Dichter ist anständig angezogen worden,

Frack, Lackschuh und weiße Binde, das alles ist da, und keiner wird sich

zu genieren haben, dem Mann seine Aufmerksamkeit zu schenken. Das

Wunderbare aber ist der rostgelbe, herrliche Haarsturz, der sich von

Seltmanns Kopf, über die Schulter weg, mächtig bis an den Fußboden

niederwölbt. Er gleicht der Mähne eines Löwen. Wer ist Seltmann? Wird er

uns von der Schmach befreien, unser Theater etlichen Salpeterfabriken

ausgeliefert zu wissen? Wird er das nationale Schauspiel schreiben? Wird

er uns eines Tages als der Kerl erscheinen, nach dem wir uns jetzt alle

wieder mal so blutwürstig sehnen? Jedenfalls aber muß man der Leitung

des Warenhauses Wertheim für die Ausstellung Seltmanns Dank wissen.

2.

Wie dem Theater allmählich die besten und gediegensten Kräfte

dahinschwinden, geht zu unserm großen Leidwesen aus einer Zuschrift

hervor, die Frau Gertrud Eysoldt an uns adressiert hat. Sie teilt uns

mit, daß sie an der Kantstraße, Ecke Joachimsthaler Straße, nächstens

einen Korsettladen eröffnen werde, um sich allda gänzlich als

Geschäftsfrau zu etablieren. Welch sonderbarer Entschluß, und wie

schade! Auch Schauspieler Kayßler will wegmachen, und zwar, wie wir

hören, aus der Empfindung heraus, daß es sich in die Zeitläufe besser

schicke, hinter einem Schanktisch zu stehen, als Figurinen auf den

Brettern zu spielen. Er soll zum ersten Mai eine kleine Kneipe im Osten

übernommen haben, und er freut sich schon darauf, sagen einige, Bier

einzuschenken, Gläser zu putzen, Butterbrote zu streichen, Bücklinge zu

servieren und nachts die Besoffenen zur Bude herauszustiefelwichsen. Ein

Jammer! Wir aber müssen aufs tiefste bedauern, zwei so sehr bewunderte

und wertgeschätzte Künstler ihrer Kunst untreu werden zu sehen, und wir

wollen hoffen, daß solches nicht Mode werde.

3.

In den Kammerspielen ist noch kurz vor Toresschluß eine kleine Änderung

getroffen worden. Die Direktion hat den Dramaturgen kleidsame hellblaue

Fräcke übergeworfen, mit großen, silbernen Knöpfen dran. Wir halten das

für hübsch, denn wir halten's für richtig. Die Theaterdiener sind

abgeschafft worden, und die Dramaturgen nehmen nun an den Spielabenden,

also zu einer Zeit, wo sie ja sowieso nichts zu tun haben, den Damen die

Mäntel ab und weisen den theaterbesuchenden Herrschaften die Plätze an.

Auch öffnen sie Türen und geben allerhand kleine, aber notwendige

Auskünfte. An den Beinen tragen sie jetzt lange, dicke, ledergelbe,

kniehohe Getern, auch können sie einem schon ganz ausgezeichnet, unter

einer eleganten Verbeugung, Programme darreichen und Guckgläser

anbieten. In der Provinz würden sie außerdem noch Zettel vertragen; dies

ist aber hier in Berlin nicht nötig. Kurz und gut, kein Kritiker wird

nunmehr noch fragen dürfen, was ein Dramaturg sei, und was er für

Obliegenheiten zu erfüllen habe. Sie tun jetzt ihr Äußerstes, und man

wird sie in Zukunft in Ruhe lassen müssen.

4.

Um endlich einmal dem ewigen Gejammer und den beständigen Vorwürfen, er

gebe nur Ausstattungen, keine Stücke, energisch auszuweichen, ist

Direktor Reinhardt auf die Idee gekommen, zukünftig seine Stücke einfach

vor weißer Wäsche spielen zu lassen. Seine Dramaturgen haben natürlich

das Geheimnis bereits ausplaudern müssen, und er wird erstaunt, wenn

nicht entrüstet sein, uns schon heut mit der Neuigkeit auftrompeten zu

sehen. Weiße Wäsche! Muß es denn gerade schneeweiße sein? Kann sie nicht

von irgendeiner unbekannten Riesendame aus dem Panoptikum, sagen wir,

etwa anderthalb Tage lang getragen worden sein? Alsdann würden die

Dekorationsstücke einen sicherlich bezaubernden Schenkelduft ausströmen,

was den Herren Kritikern nur gut tun könnte, die dann vergäßen, wo sie

säßen, und betäubt würden in ihren schärfern Sinnen. Ohne Spaß.

Reinhardts Idee scheint uns entwicklungsfähig, also glänzend. Auf den

weißen Tüchern werden sich die Gesichter und Spukgestalten der Akteure

und Aktricen außerordentlich farbig abheben. Ob Reinhardt das aber auch

am Hoftheater durchsetzen wird?

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