1.
Es schneite in der Straße. Da kamen die Droschken und Autos vorgefahren,
setzten ihren Inhalt ab und fuhren wieder von dannen. Die Damen staken
alle in Pelzen. An der Garderobe wimmelte es von Leuten. In den Foyers
gab es ein Grüßen, Anlächeln und gegenseitiges Händedrücken. Die Kerzen
schimmerten, die Roben rauschten, die Stiefelchen flüsterten und
knarrten. Der Boden war ganz glatt gewichst und Diener standen da und
machten Handbewegungen, bald so, bald anders. Die Herren waren in Fräcke
geschnürt, so ein Frack muß sitzen. Man verbeugte sich. Artigkeiten
flogen wie Tauben von Mund zu Mund, die Frauen strahlten, manche alte
auch noch. Alles stand aufrecht bei den Sitzplätzen, um Bekannte zu
sehen, nur wenige saßen. Die Gesichter waren so nahe beisammen, der Atem
des einen berührte die Nasenflügel des zunächst Stehenden. Die Kleider
der Frauen dufteten, die Scheitel der Herren waren glatt, die Augen
blitzten, die Hände sagten: Na, auch wieder, du? Wo denn solange
gewesen? In der ersten Reihe saßen die Kritiker wie Gläubige in einer
hohen Kirche, so still, so andächtig. Der Vorhang bewegte sich ein
bischen, da ertönte das Zeichen zum Anfang, wer sich räuspern zu müssen
glaubte, tat es rasch, und da saßen sie alle wie Kinder in der
Schulstube, gradausschauend, mäuschenstill, da erhob sich was und
spielte sich was.
2.
Der Vorhang ging in die Höhe, alles war gespannt, was es geben würde, da
trat ein Knabe auf, und der fing an zu tanzen. In einer Loge im ersten
Rang saß die Königin, umringt von den Hofdamen. Der Tanz gefiel ihr so
gut, daß sie sich entschloß, auf die Bühne zu gehen, um dem Knaben etwas
Liebevolles zu sagen. Bald darauf erschien sie auf der Bühne, der Knabe
schaute sie mit seinen jungen, schönen Augen an. Er lächelte. Da
durchfuhr es die Königin wie ein Blitz, an dem Lächeln erkannte sie
ihren eigenen Sohn, sie stürzte zu Boden. Was hast du, fragte der Knabe.
Da erkannte sie ihn immer deutlicher, an der Stimme auch noch. Da war es
mit ihrer königlichen Würde vorbei. Sie warf die Hoheit beiseite und
schämte sich nicht, den Jungen fest an ihr Herz zu pressen. Ihre Brüste
hoben und senkten sich, sie weinte vor Freude, du bist mein Sohn, sagte
sie. Das Publikum klatschte Beifall, aber was wollte der Beifall? Das
Glück dieser Frau war gewiß über allen Beifall erhaben, es würde auch
ein Zischen haben ertragen können, der Kopf des Knaben wurde immer
wieder genommen und an den wogenden Busen gedrückt. Sie küßte ihn, dann
kamen die Hofdamen und erinnerten ihre Gebieterin an die
Unschicklichkeit der Szene. Da lachte das Publikum, aber die Hofdamen
streuten Verachtung auf die vielköpfige Plebs herab. Sie zuckten mit dem
Mund, da zuckte der Vorhang und fiel herab.