Mein Herr, ich bin gestern abend im Stadttheater gewesen und habe Sie
als Prinzen Max in der »Hofgunst« gesehen, und ich schreibe Ihnen jetzt.
Ich bin, damit Sie es gleich im voraus wissen, eine Frau von dreißig
Jahren, etwas darüber, interessiert Sie das? Sie sind jung und hübsch,
machen eine gute Figur und sind wohl schon viel von Frauen angeschwärmt
worden. Apropos, rechnen Sie mich nicht zu den Frauen, die für Sie
schwärmen, und doch, ich muß es Ihnen nur gleich gestehen, Sie gefallen
mir, und ich sehe mich genötigt, Ihnen zu sagen, warum. Dieser Brief
wird vielleicht etwas zu lang werden, glauben Sie? Als ich Sie gestern
spielen sah, ist es mir gleich vom ersten Moment an aufgefallen, wie
unschuldig Sie sind; jedenfalls haben Sie viel Kindliches an sich, und
Sie haben sich den ganzen Abend auf der Bühne so benommen, daß ich mir
sagte, ich würde Ihnen vielleicht einiges schreiben dürfen. Ich tu es ja
jetzt; werde ich diesen Brief abschicken? Verzeihen Sie, oder so: Sie
sollen stolz sein, daß man wegen Ihnen im Zweifel sein muß. Vielleicht
schicke ich diese Worte nicht ab, dann wissen Sie nichts und werden auch
keinen Grund haben, in ein unschönes Gelächter auszubrechen. Machen Sie
so etwas? Sehen Sie, ich vermute ein schönes, frisches, reines Herz in
Ihnen, aber Sie sind vielleicht noch zu jung, um wissen zu können, daß
das wichtig ist. Wo verkehren Sie, sagen Sie mir das, wenn Sie mir
antworten, oder sagen Sie es mir mündlich, kommen Sie zu mir, morgen
nachmittag um fünf, ich erwarte Sie. Die meisten Menschen setzen ihren
ganzen Ehrgeiz in die unedle Unmöglichkeit, einer Torheit fähig zu sein,
sie lieben den Anstand des Benehmens nicht, obwohl das so scheint. Die
Sitte liebt eines nur dann, wenn es sich um ihretwillen einiger Gefahr
unterziehen mag. Denn Gefahren erziehen, und ohne die beständige Lust
mit sich zu tragen, auf lebendige Art über wichtige Dinge belehrt zu
werden, ist man sittenlos. Ängstlichkeit scheint oft die wahre Sitte zu
sein -- welch eine träge Gedankenlosigkeit! Hören Sie mir noch zu, und
tun Sie's auch aufrichtig? Oder sind Sie einer der leider vielen
Menschen, die glauben, alles, was ein wenig beschämend und anstrengend
ist, langweilig finden zu müssen? Spucken Sie auf dieses Schreiben und
zerreißen Sie es, wenn es Sie langweilt, aber nicht wahr, es reizt Sie,
es kann Sie anregen, es ist nicht langweilig. Wie hübsch Sie sind, mein
Herr, mein Gott, und so jung, sicher kaum zwanzig. Ein bischen steif
habe ich Sie gestern abend gefunden und Ihre schöne Stimme ein bischen
geschraubt. Entschuldigen Sie es, daß ich so rede? Ich bin zehn Jahre
älter als Sie, und es tut mir so wohl, mit einem Menschen reden zu
dürfen, der jung genug ist, daß ich mich als zehn Jahre älter ihm
gegenüber fühlen darf. Sie haben in Ihrem Benehmen etwas, was Sie noch
jünger erscheinen läßt, als man Sie, wenn man mit dem Verstand
nachrechnet, schätzen muß; das ist das bischen Geschraubtheit. Gewöhnen
Sie es sich, ich bitte Sie, noch nicht so rasch ab, es gefällt mir, es
wäre schade um dieses Stück, ich möchte sagen, natürlicher
Unnatürlichkeit. Kinder sind so. Beleidige ich Sie? Ich bin so offen,
nicht wahr, aber Sie wissen gar nicht, welche Freude für mich in der
Einbildung liegt, die mir zuflüstert: er gestattet es, er liebt das. Wie
Ihnen die Offiziersuniform gut gestanden hat, die engen Stiefel, der
Rock, der Kragen, das Beinkleid, ich bin entzückt gewesen, und was für
prinzliche Manieren Sie gehabt haben, was für energische Bewegungen! Und
wie Sie gesprochen haben: so ganz überflüssig heldenhaft, daß ich mich
beinahe ein bischen vor mir, vor Ihnen, vor alle dem habe genieren
müssen. So laut und wichtig haben Sie im Salon Ihres oder Ihres Herrn
Vaters Schlosse gesprochen. Wie Ihre großen Augen manchmal hin und her
rollten, als wenn Sie jemanden aus dem Zuschauerraum hätten aufessen
wollen, und so nah waren Sie. Einmal zuckte es mir im Arm, ich wollte
unwillkürlich die Hand ausstrecken, um Sie, wo Sie standen, anzurühren.
Ich sehe Sie so groß und laut vor mir. Werden Sie bei mir, wenn Sie
morgen zu mir kommen, auch so gewichtig auftreten? In meinem Zimmer,
müssen Sie wissen, ist alles so still und so einfach, ich habe noch nie
einen Offizier empfangen, und es hat noch nie eine Szene bei mir
gegeben. Wie werden Sie sich betragen? Aber das ganze, hochaufgepflanzte,
fahnenstangenhafte Wesen an Ihnen gefällt mir, es ist neu,
frisch, gut, edel und rein für mich, ich möchte es kennen lernen,
weil, wie ich es empfinde, etwas Unschuldiges und Ungebrochenes in ihm
steckt. Zeigen Sie es mir, wie es ist, ich achte es im voraus und ich
glaube, ich liebe es. Sie kennen keinen Hochmut mit diesem Ihrem ganzen
scheinbar so hochmütigen Wesen. Sie sind keines Truges fähig, Sie sind
zu jung dazu und ich zu erfahren, um mich in Ihnen täuschen zu können,
und jetzt zweifle ich nicht mehr, daß ich diesen Brief an Sie abschicken
werde, aber lassen Sie mich Ihnen noch einiges sagen. Sie kommen jetzt
also zu mir, es ist abgemacht. Putzen Sie dann zuerst Ihre Stiefel vor
der Treppe ab, bevor Sie ins Haus treten, ich werde am Fenster stehen
und Ihr Benehmen beobachten. Wie ich mich darauf freue, so dumm zu sein
und das zu tun. Sie sehen, wie ich mich freue. Vielleicht sind Sie ein
Unflätiger und werden mich dafür strafen, daß ich es unternommen habe,
Zutrauen zu mir in Ihnen zu erwecken. Wenn Sie so sind, so kommen Sie,
machen Sie sich einen Spaß, strafen Sie mich, ich habe es ja verdient.
Aber Sie sind jung, das ist ja das Gegenteil von unflätig, nicht wahr?
Wie deutlich ich Ihre Augen vor mir sehe, und ich will Ihnen etwas
sagen: für gar so klug halte ich Sie nicht, aber für recht, für gerade,
das kann mehr sein als klug. Bin ich da auf einem Holzweg? Gehören Sie
zu den Raffinierten? Wenn das ist, muß ich in Zukunft allein und
verlassen in der Stube sitzen, denn dann verstehe ich die Menschen nicht
mehr. Ich werde am Fenster stehen und Ihnen dann die Tür auftun, Sie
brauchen dann vielleicht gar nicht erst noch lange zu klingeln, und dann
werden Sie mich sehen, so bald schon. Eigentlich wünschte ich -- nein,
ich will nicht so viel sagen. Lesen Sie noch? Ich bin ziemlich schön,
ich muß Sie auch darauf im voraus aufmerksam machen, damit Sie sich ein
wenig Mühe geben und Ihr Bestes und Gebürstetstes anziehen. Was wollen
Sie trinken? Sie werden es mir ungeniert sagen, ich habe Wein im Keller,
das Mädchen wird heraufholen, aber vielleicht ist es am besten, wir
trinken zuerst eine Tasse Tee, nicht? Wir werden allein sein, mein Mann
arbeitet zu dieser Zeit im Geschäft, aber fassen Sie das nicht als eine
Aufforderung, unehrerbietig zu sein, auf, das muß Sie im Gegenteil
schüchtern machen. So will ich Sie sehen, schüchtern und schön, sonst
laufe ich dem Briefboten nach, der Ihnen diese Zeilen überbringen will,
schreie ihn an, nenne ihn einen Räuber und Mörder, begehe
Ungeheuerlichkeiten und komme ins Gefängnis. Wie mich danach verlangt,
Sie anzusehen, Sie in der Nähe zu haben; weil ich so mutig auf meiner
guten Meinung von Ihnen beharre, spreche ich so, und wenn Sie nach all
dem Gesagten kommen, so haben Sie Mut, und dann werden die anderthalb
Stunden, die wir miteinander verbringen, schön sein, und dann ist es
überflüssig gewesen, zu zittern, wie ich jetzt tue, denn es ist dann
keine solche Tollkühnheit gewesen, Sie zu mir eingeladen zu haben. Sie
sind so schlank, ich werde Sie schon erkennen, wenn Sie noch unten auf
der Straße vor der Gartentüre stehen werden. Was machen Sie jetzt? Was
meinen Sie, soll ich jetzt aufhören zu schreiben? Sie werden lachen,
wenn ich vor Sie hintrete und Ihnen vormache, wie Sie als Prinz Max
dagestanden haben. Ich beschwöre Sie, verneigen Sie sich tief vor mir,
wenn Sie mich erblicken, und seien Sie steif und benehmen Sie sich
herkömmlich, gestatten Sie sich keine freie Bewegung, ich warne Sie, und
ich werde Ihnen dafür danken, daß Sie mir gehorcht haben, wie man Ihnen
vielleicht nie in Ihrem Leben wieder danken wird.