In der Provinz

Ja, in der Provinz, da kann es der Schauspieler etwa noch schön haben.

Dort, in den kleinen Landstädtchen, die noch von alten Ringmauern

trotzig umschlossen sind, gibt es keine Premieren und keine

fünfhundertste Aufführung ein und desselben Salates. Die Stücke wechseln

mit den Tagen oder Wochen wie die blendenden Toiletten einer geborenen

Fürstin, die zornig würde, wenn einer ihr zumuten wollte, jahrelang

immer dasselbe Kleid zu tragen. Auch keine solche schnauzige Kritik gibt

es in der Provinz, wie dergleichen der Schauspieler in den Weltstädten

zu ertragen hat, wo es nichts mehr Ungewöhnliches ist, mit anzusehen,

wie der Künstler von oben bis unten von grimmigen Witzen wie von

wütenden Hunden zerrissen wird. Nein, in der guten, ehrlichen Provinz

wohnt erstens der Mann mit der Maske vor dem Gesicht im Hôtel de Paris,

allwo es toll und urgemütlich zugeht, und zweitens lädt man ihn etwa

noch zu Abendgeselligkeiten ein, in feine, alte Häuser, wo es ein ebenso

wohlschmeckendes Essen wie eine delikate Unterhaltung mit den ersten

Personen der Kleinstadt gibt. Zum Beispiel meine Tante in Madretsch, die

gab es nie und nimmermehr zu, daß von den Komödianten in unziemlichem,

wegwerfendem Ton geredet wurde, im Gegenteil, nichts war ihr angenehmer

und erschien ihr passender, als zum Abendessen, dessen Zubereitung sie

selber beaufsichtigte, jede Woche einmal mindestens, so lange sie in der

Stadt spielten, diese umherziehenden Leute recht lustig und fidel bei

sich zu sehen. Meine Tante, die jetzt gestorben ist, war eine geradezu

schöne Frau, auch noch zu einer Zeit, wo andere Frauen beginnen, ältlich

und runzelig zu werden. Mit ihren fünfzig Jahren schien sie noch eine

der allerjüngsten zu sein, und während in ihrer Umgebung die Frauen

plumpe, mißförmige Figuren zur Schau trugen, zeichnete sie sich durch

eine feste, üppig-schlanke Körperform zu ihrem eigenen, sehr großen

Vorteil aus, daß sie jedermann, der sie ansah, für schön erklären mußte.

Nie vergesse ich ihr helles, zartes Gelächter und nie den Mund, aus

dessen reizender Öffnung das Lachen heraustönte. Sie wohnte in einem

seltsamen, alten Haus; wenn man die schwere Tür auftat und eintrat, in

den stets dunkeln Korridor, lispelte einem das Plätschern eines

unaufhörlich fallenden Brunnens entgegen, der kunstreich in die Mauer

eingefügt worden war. Die Treppen und deren Geländer strotzten und

dufteten förmlich von Sauberkeit, und erst die Zimmer. Ich habe nie

nachher wieder solche Zimmer gesehen, solche heitere, polierte,

zimmerliche Zimmer. Ich glaube, wenn ich mich nicht irre, man sagt

Gemach, wenn man von einem Zimmer redet, das traulich und zugleich

äußerst vornehm und etwas altertümlich ausgestattet ist. In einem

solchen Hause, bitte ich zu beachten, dürfen also in der Provinz

Bühnenkünstler aus- und eingehen, dürfen solche Treppen mit ihren

wahrscheinlich manchmal ungeputzten Stiefeln berühren, solche Klinken,

messingene und rasend peinlich glänzende, mit ihren Händen anfassen, um

in solche Gemächer hineinzutreten, und dann einer solchen Frau, wie

meiner Tante, ungezwungen Guten Abend zu sagen. Was tut der Schauspieler

in der Großstadt? Er schuftet, läuft wie wahnsinnig in die Proben und

reibt sich auf, um es ja der säuerlichen Kritik recht zu machen. So

etwas gibt es in der Umgegend von Madretsch nicht, meine Damen und

Herren. Von Kranksein und Aufreiben wird da kaum die Rede sein dürfen,

vielmehr bummelt so ein Kerl, den Zylinder, den er weiß der Himmel woher

hat, auf dem Kopf, die Hände in womöglich hellgelben Handschuhen, den

Stock in der Rechten, in einem tragischen Mantel, dessen Schöße im Winde

flattern, so gegen elf Uhr vormittags oder halb zwölf, um nicht gelogen

zu haben, seelenheiter und von allen Passanten auf der Straße für einen

illegitimen Fürstensohn gehalten, angeblinzelt von Mädchenaugen, die

schöne Promenade entlang, um vielleicht zum See hinauszugehen und dort

eine halbe Stunde lang, bis es Zeit zum Essen ist, in die Ferne zu

schauen. Das, meine Herren, verschafft Appetit, ist gesund und wohl etwa

noch zu ertragen. Wo gibt es in der Großstadt einen See, einen

Felssturz, dessen Gipfel von einem im griechischen Stil erbauten,

niedlichen Pavillon gekrönt wird, wo man in der hellen Vormittagssonne

mit einer Frau, die man eben hat kennen lernen und die, sagen wir mal,

dreißig Jahre alt ist, ein seelenvolles Gespräch führen kann? Wo gibt es

ein Schulhaus in Weltstädten, in das der Herr jugendlicher Liebhaber,

Herr von Beck, so gegen drei Uhr, weil er gerade Lust zu einem solchen

Unternehmen hat, eintreten und den kleinen neun- bis zwölfjährigen

Schulmädchen einen Schulbesuch abstatten kann? Es ist gerade

Religionsstunde, die Mädchen langweilen sich ein bißchen, da tritt Beck

ein und frägt an, ob ihm wohl gestattet wäre, dem ihn im höchsten Grade

interessierenden Unterricht beizuwohnen. Der Pfarrer, ein durchaus

weltmännisch gebildeter, sympathischer Herr, errötet über die Keckheit

und weiß nicht recht, was er sagen soll, im ersten Augenblick nämlich,

wo ihm die Heldenmanieren eines von Beck den Verstand rauben. Aber schon

hat er sich gefaßt und schiebt den Darsteller des Ferdinand in Kabale

und Liebe sanft zur Tür hinaus, wohin er ja schließlich, wenn man die

Umstände bedenkt, auch gehört. Aber, Hand aufs Herz, ist das etwa nicht

reizend, und gibt's in Millionenstädten etwas Derartiges? Wie hübsch

dieser Herr Pfarrer gehandelt hat, Herrn Beck zu verbieten, in der edlen

Religionsstunde mit den Schülerinnen Allotria zu treiben. Aber wie

entzückend wiederum dieser Beck ist, der den Pfarrer zu dem

liebenswürdigen Benehmen veranlaßt hat; denn wenn es keine Becks gäbe,

die die Unverschämtheit besitzen, den Schulaufsichtsrat zu spielen, am

hellen Tag, wo die Sonne überall scheint und es in ganz Madretsch nach

Käsekuchen duftet, so gäbe es auch kein pfarrerlich-schönes Betragen,

wie denn Spitzbuben nicht fehlen dürfen, wo man noch hoffen will,

Tugenden anzutreffen. Solche Dinge ergeben sich in einer Kleinstadt von

selber; das reizende Erlebnis nimmt dort noch gern plastische Gestalt

an, und wer eignet sich in der Provinz besser zu Erlebnissen aller Art

als die Lumpenkomödianten, denen der Ruf des Gefährlichen, Schönen,

Geheimnisvollen und Abenteuerlichen immer vorangeht? Da sieht sie der

Bewohner von Bözingen oder Mett oder Madretsch in Gruppen vor dem

Rathause stehen, gestikulierend und in fremdartigen, eleganten Akzenten

sprechend, die Rollen, die sie abends spielen, in den blassen

durchgeistigten Händen, so wildfremd, so sehr scheinbar aus

Königsschlössern und Mätressenboudoirs herkommend, mit so schönen, hohen

Stirnen und mit wenn immer denkbar goldenen Haarlocken! Kann der

hauptstädtische oder gar reichshauptstädtische oder gar noch

literarische Schauspieler diese Genugtuung auch genießen, eine

wildfremde Figur auf Straßen, Plätzen und Promenaden zu sein? Kann er

überhaupt auch nur noch tiefer und inniger interessieren, als was auf

fünf Spalten im Lokalanzeiger gedruckt paßt? Und wenn er gar berühmt ist

und viel genannt wird, was ist das? Ich muß geradezu lächeln, daran zu

denken, wie oberflächlich das Interesse im Laufe der Jahre wird, das man

Berühmtheiten zollt. Nein und noch einmal nein. Wer gern mag, daß ihm

eine rote, warme, saftvolle, gequetschte, spritzende, sprühende und

duftende Empfindung dargebracht wird, der werde so rasch wie möglich

Schmierenschauspieler. Das bißchen finanzielle und ökonomische Elend,

das mit diesem Berufszweig ja allerdings immer verbunden sein wird, ist

zu ertragen. Ich mache gern noch auf ein paar Einzelheiten aufmerksam:

Schauspieler Beck wird eines Nachts von einem unkultivierten Burschen

einfach mir nichts dir nichts Hundsfott genannt. Das ist allerdings

starker Schnupftabak. Beck stürzt vor, und beide, der lümmelhafte Sohn

des Uhrenfabrikanten und das zierliche Söhnchen der dramatischen Kunst

packen einander am beiderseitigen Stehkragen, an den Haaren, beim

Genick, am Schopf, bei den Nasen, an den Lippen und Ohren, unterm Knie,

rund um die Leiber, um den Kampf zweier erzürnter Gottheiten

aufzuführen. Auch nicht denkbar in Reichsmetropolen, wo die Menschen

anfangen, so windig gesittet zu werden und ihren Zorn immer in die

Taschen stecken, wenn zu befürchten ist, daß er losbrennen will. Im

Hôtel de Paris sind immerhin noch ganz andere Sachen möglich. Dort küßt

man beispielsweise den Kellnerinnen die Hände, so fein sind sie, und

plaudert englisch mit der Leiterin des Geschäfts am Bufett, so lange,

bis einer kommt und einem von hinten her quer eins hinüberhaut, bis man

genug hat. Und dann die Natur in Kleinstädten. Das ist nun geradezu die

Wunderquelle, in der sich Karl Moor bis zum Strotzen gesund baden kann,

denn überall lockt's ihn, in Schluchten zu gehen, in denen Wasserfälle

schäumend und zischend und kühlend niederbrausen; über ebene, weite

Felder bis an den Rand mächtig-hoher und grüner Eichenwälder; über

Waldhügel hinüber, allwo er Blumen suchen und sie in seine

Botanisierbüchse stecken kann, um sie zu Hause in ein Glas Wasser zu

tun; auf breite, tausend Meter hohe Berge, entweder zu Fuß oder zu Roß,

wenn er eins auftreiben kann, oder per Drahtseilbahn, zu der entzückend

gelegenen Weide mit ihrer Blumen- und Gräserpracht, bis er am Abend,

erschöpft und erfüllt von schönen, müden Empfindungen, unter einer

hundertjährigen Tanne in die Matte sinkt, um den herrlichen

Sonnenuntergang zu betrachten. In Krächen und Schluchten liegt noch der

winterliche Schnee, obgleich es schon toller, üppiger Frühling ist. Oder

es lockt ihn, in eine leichte, schwankende Gondel zu steigen, die zu

haben ist bei Frau Hügli, Schiffsvermieterin, dicht am Ufer des Sees,

und aufs schöne, spiegelglatte Wasser hinauszufahren, zwischen

knirschenden Schilfgewächsen hindurch, bis er in der Mitte des Sees

angelangt ist und, die Ruder fahren lassend, sieht, wie köstlich die

Rebberge und Landhäuser und kleinen Jägerschlösser sich im tiefen Wasser

naturgetreu widerspiegeln. Und so noch vieles, und zu allen

Jahreszeiten, im Winter, Herbst, Sommer und Frühling. Die Natur ist

bekanntlich in allen ihren Verkleidungen erfrischend und bezaubernd und

immer des ganz und gar innigen Ansehens und Genusses wert. Geht in die

Provinz, in Kleinstädte; dort habt ihr noch Hoffnung, daß man euch an

euerm Benefizabend einen Lorbeerkranz vor die Füße und Nase wirft, den

ihr dankend aufheben und freudig nach Hause tragen könnt. Den

schauspielenden Damen nicht minder als den Herren sind diese Städte zu

empfehlen, auch sie werden sehr bald finden, daß ich nicht unrecht

gehabt habe, ihnen anzuraten, es einmal wieder mit der Provinz zu

versuchen. Zu guter Letzt: Es wird gut gekocht an solchen Orten, und es

muß ratsam erscheinen, bald einmal hinzugehen und diese vortreffliche

Kost zu probieren. Schmackhaftes Essen ist nicht zu verachten.

Aufsätze · 第 55 / 111 题