der Neuzeit auf das sorgfältigste verfolgt worden, namentlich
mit den beiden Riesenrefraktoren der Licksternwarte und des
Yerkes-Observatoriums. An beiden Orten verschwand der Ring niemals
vollständig, wie es in mittleren Instrumenten der Fall war. Es zeigte
sich zu beiden Seiten der Kugel eine schmale, nirgends unterbrochene
Lichtlinie, die in ihrem schmalsten Zustande zu 0,1′′ Breite geschätzt
wurde, woraus man die wahre Dicke der Ringe zwischen 30 und 60 ~km~
berechnen konnte. Sie sind also »papierdünn« im Vergleich zu ihren
andern beiden Dimensionen. Bei dieser Gelegenheit sah man wieder, wie
auch bei früheren, selbst bis 1774 zurück, daß sich zu der Zeit, wo man
nur die dunkle Seite der Ringe sehen konnte, rechts und links von der
Kugel je zwei deutliche _Lichtknoten_ in der schmalen Linie befanden,
die ihren Ort zur Kugel nicht veränderten. Da wir noch sehen werden,
daß die Ringe sich sehr schnell um sich selbst drehen, so konnten diese
Verdichtungen in Wirklichkeit nicht in den Ringen vorhanden sein. Man
hat sie als Lichtreflexe gedeutet, die durch den Schleierring und die
Cassinische Trennung auf die »Rückseite«, das heißt die unbeleuchtete,
hinüberfallen.
Um unsere Kenntnisse über die Natur dieser geheimnisvollen Gebilde zu
vervollständigen, richten wir das Spektroskop auf sie und erfahren,
daß sie nicht, wie Saturn selbst, von einer Atmosphäre umgeben oder
gar selbst Gasmassen sind. Ferner hat die gleichzeitige Beobachtung
der sich gegenüberstehenden Teile der Ringe durch das lichtbrechende
Prisma, das uns durch die Linienverschiebungen bekanntlich auch
eine gegen uns hin oder von uns hinweg gerichtete Bewegung des
leuchtenden Objektes offenbart, ergeben, daß sich das Ringsystem in
seiner mittleren Entfernung vom Saturnzentrum in jeder Sekunde um
18 ~km~ um sich selbst bewegt, während der Saturnäquator selbst nur
eine Geschwindigkeit von 10,3 ~km~ besitzt. Zugleich zeigte es sich,
daß die Geschwindigkeit der Ringteile mit der Entfernung von Saturn
abnimmt. In seltenen Fällen hat man auch direkt Einzelheiten auf
einem der Ringe oder dunklere Stellen in der Cassinischen Trennung
verfolgen können, die diese Umschwungsbewegungen bestätigten. Es ist
damit erwiesen, daß die Saturnringe sich genau so um den Planeten
bewegen, wie es ihn umkreisende Monde nach dem Keplerschen Gesetze
in der betreffenden Entfernung tun müßten. Die Ringe, denen man aus
theoretischen Gründen die Möglichkeit einer festen, flüssigen oder
gar gasförmigen Beschaffenheit absprechen mußte, können also nur aus
einer großen Schar ganz kleiner Satelliten bestehen, sie sind ein
dichter Asteroidenring des Saturnsystems, und alle Betrachtungen,
die wir schon bei ihm entwickelten, haben auch für die Saturnringe
Gültigkeit. Eine der interessantesten Parallelen ist beispielsweise der
Nachweis, daß sich die Lücken zwischen den Ringen, wie ich seinerzeit
zeigen konnte, an Stellen befinden, wo sich die Störungen der äußeren
Satelliten des Systems in derselben Weise summieren müßten, wie die
Störungen des Jupiter für die betreffenden Planetoiden, die aus diesen
Regionen vertrieben wurden. In einem Falle konnte ich eine vorher noch
nicht gesehene Trennungslinie errechnen, die nachträglich von _Holden_
auf der Licksternwarte wirklich wahrgenommen wurde. Den inneren
Schleierring haben wir uns aus Körperchen zusammengesetzt zu denken,
die nach der Art des Eros aus den dichteren Ringteilen versprengt sind.
Bei der großen Dichtigkeit, mit der die kleinen Körper in den hellen
Ringen verteilt sein müssen, kommen zweifellos Kollisionen häufig vor,
durch die ihre Tangentialkraft stark vermindert wird, und sie selbst
in spiralförmigen Bahnen durch die fortgesetzten Störungen, die in
den mit Materie besetzten inneren Teilen des Systems entstehen, dem
Saturn immer näher gebracht werden, bis sie als Meteoriten auf seine
Oberfläche fallen, beziehungsweise seinem noch gasförmigen Körper
einverleibt werden. Also auch hier ein beständiger Wandel der Dinge,
auch hier in den scheinbar durch alle Ewigkeiten unveränderlichen
Himmelsräumen ein unaufhörliches Werden und Vergehen.
Saturn wird von zehn _Satelliten_ umgeben, die sein System, auch
abgesehen von den Ringen, zu dem vielgestaltigsten im Sonnenreiche
machen. Es befindet sich darunter ein großer, _Titan_, der etwa
4000 ~km~ im Durchmesser faßt, also an die großen Jupitersatelliten
nahezu heranreicht und schon in kleinen Fernrohren trotz seiner
großen Entfernung von uns immer noch leicht gesehen werden kann, da
er 9. Größe ist, und zwei allerkleinste, 17. Größe, die nur mit den
Hilfsmitteln der modernen Himmelsphotographie unserer Erkenntnis
zugänglich gemacht wurden. Und auch, wie bei Jupiter, befindet sich
unter ihnen ein rückläufiger Trabant. Mit Ausnahme dieses letzteren
bewegen sich alle Monde des Saturn ungefähr in der Ebene der Ringe
um ihn, ihren gemeinsamen Ursprung mit diesen verratend, und haben
meist sehr geringe Exzentrizitäten. Sie führen in der Reihenfolge
ihrer Entfernung vom Hauptplaneten hinweg folgende Namen: _Mimas_,
_Enzeladus_, _Tethys_, _Dione_, _Rhea_, _Titan_, _Themis_, _Hyperion_,
_Japetus_, _Phöbe_. Die ganze Anordnung des Systems zeigt Analogien
sowohl mit dem Sonnen- wie dem Jupitersystem. Die Ringe des Saturn,
die wir ihrer Zusammensetzung nach mit dem der Asteroiden verglichen
haben, sind dagegen ihrer Stellung nach eher mit dem Körper des
Zodiakallichtes in Parallele zu stellen, der sich noch innerhalb der
Bahn des ersten Planeten Merkur befindet. Jenseits der Saturnringe
begegnen wir gleichfalls dem kleinsten unter den Saturnmonden, wenn wir
von jenen absehen, die wir eher als »Planetoiden des Saturnsystems« zu
bezeichnen haben. Mimas ist also der Merkur dieses sekundären Systems.
Er ist 13. Größe, woraus ein Durchmesser von 470 ~km~ zu folgern
ist. Namentlich auch weil das winzige Lichtpünktchen sich nur immer
sehr wenig von dem hellen Ringe, von dem es nur etwa das Vierfache
des Erddurchmessers trennt, entfernen kann, ist es nur in sehr guten
Fernrohren direkt zu erkennen. Bis jetzt war ein Fernrohr mit sechs
Zoll Öffnung in Madras das kleinste, das Mimas gezeigt hatte, während
es mir mit Hilfe eines nur vierzölligen Instrumentes von _Zeiß_
unter dem durchsichtigen Himmel Capris gelang, ihn mit allen andern
7 Satelliten wiederholt zu sehen, die ein Fernrohr überhaupt direkt
gezeigt hat. Mimas bewegt sich bereits in 22 Stunden 37 Minuten um das
Zentrum seines Systems.
Ihm folgt _Enzeladus_, nur eine halbe Größenklasse heller als
Mimas, aber wegen seiner etwas größeren Entfernung vom Ringe schon
merklich leichter in guten Fernrohren zu unterscheiden. Er mißt nach
photometrischen Bestimmungen 590 ~km~, und seine Umlaufszeit beträgt
1 Tag 8 Stunden und 53 Minuten. Wieder etwas größer ist der nächste
Mond _Tethys_. Er ist 11. Größe und mißt 920 ~km~. Umlaufszeit: 1 Tag
21 Stunden 18 Minuten. Ihm folgt _Dione_, um ein geringes kleiner
als Tethys, mit einer Umlaufszeit von 2 Tagen 17 Stunden 41 Minuten.
Nun kommt als fünfter Mond wieder ein etwas größerer, _Rhea_, mit
etwa 1200 ~km~ Durchmesser und 4 Tagen 12 Stunden und 25 Minuten
Umlaufszeit. Zwischen ihm und dem nun folgenden größten, _Titan_, ist
eine große Lücke. Die Abstände der sechs bisher genannten Monde vom
Saturnzentrum in Halbmessern des Planeten sind: Mimas 3,1; Enzeladus
3,9; Tethys 4,9; Dione 6,2; Rhea 8,7; Titan 20,2. Wir sehen, wie hier
eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Sonnensystem vorliegt, wo sich
auch vor dem größten Planeten Jupiter die Lücke der kleinen Planeten
befindet, und wo diesem auch verhältnismäßig kleine Planeten, dem
Zentrum näher, vorausgehen. Vom Saturnsysteme könnte man in diesem
Vergleiche sagen, daß es zwei Merkure, Mimas und Enzeladus, besitzt,
worauf dann drei etwas größere Körper für Venus, Erde und Mars folgen.
Dann kommt die Lücke, in der sich auch beim Saturn entsprechend kleine
Monde, die wir nicht mehr entdecken können, befinden mögen, und weiter
stoßen wir dann auf Titan-Jupiter.
Nun aber tritt im Saturnsystem eine Erscheinung auf, die in dem der
Sonne zunächst keine Parallele findet. Bis zum nächsten Monde, der in
unserm Vergleich als größerer Planet gelten kann, Japetus, der zwar
wesentlich kleiner als Titan, aber größer als alle andern Monde ist,
also etwa mit Uranus und Neptun, nicht mehr mit Saturn im Sonnensystem
zu vergleichen wäre, befindet sich abermals eine große Lücke von 20,2
Saturnhalbmessern zu 58,9 für Japetus. Diese Lücke aber ist inzwischen
in unserer Kenntnis von zwei sehr kleinen Körpern ausgefüllt,
_Hyperion_ und _Themis_, die nun als Planetoiden des Saturnsystems,
im Vergleich mit dem Sonnensystem _hinter_ Jupiter stehend, zu gelten
hätten. Wir wissen schon, daß das Vorhandensein solcher Planetoiden
im Sonnensystem heute durchaus wahrscheinlich ist. Die beiden kleinen
Körper in dieser Lücke des Saturnsystems bewegen sich in der Entfernung
24,16 für Themis und 24,49 für Hyperion in stark exzentrischen Bahnen
in 20 Tagen 20 Stunden und 21 Tagen 7 Stunden um den Planeten, also auf
nahe beieinander befindlichen und sich kreuzenden Wegen. Von ihnen ist
Hyperion schon 1848 von _Bond_, Themis aber, die nur 17. bis 18. Größe
ist, erst 1905 von _Pickering_ auf photographischem Wege entdeckt.
Der nun folgende Saturnmond, _Japetus_, bewegt sich in 79 Tagen
8 Stunden um sein Zentrum in einem Abstande von nahezu 59
Saturnhalbmessern. Diese Umlaufszeit erreicht also schon beinahe
die des Merkur. Der Mond zeigt dabei in sehr auffälliger Weise eine
Eigenschaft, die, wie schon früher erwähnt, wahrscheinlich alle
Satelliten besitzen, daß sie nämlich ihr Licht periodisch mit ihrem
Umlaufe um den Hauptkörper wechseln. Bei keinem andern Satelliten
ist dies aber in so starkem Maße der Fall wie bei Japetus, der in
dem westlichen Teile seiner Bahn ein auch in mittleren Fernrohren
leicht zu sehendes Objekt ist, während er in der entgegengesetzten
Bahnlage nur mit den besten optischen Mitteln noch ganz schwach zu
unterscheiden ist. Der Körper muß also zwei das Licht sehr verschieden
zurückstrahlende Oberflächenhälften besitzen, und zwar müssen diese
so geordnet sein, daß von diesen ungleichen Hälften nicht die eine
beständig dem Saturn zugewandt, die andere abgewandt ist, denn
dann müßte ja der größte Glanz oder die größte Dunkelheit für uns
stattfinden, wenn der Mond gerade hinter oder vor dem Planeten
stände, während die Lichtschwankungen in den größten Ausweichungen,
Elongationen, ihr Maximum haben. Wir haben also anzunehmen, daß auf
der dem Saturn beständig zugekehrten Oberflächenhälfte Japetus bereits
zwei sehr verschieden lichtreflektierende Seiten besitzt, die wohl dem
Saturn immer in gleicher Weise zugewendet bleiben, nicht aber uns.
Diese Ungleichheit der Oberflächenbeschaffenheit kann aber, soviel
unsere Betrachtungen über die Entwicklung der Himmelskörper vermuten
lassen können, doch nur einmal unter dem Einflusse des Saturn selbst
entstanden, müßte also auch ursprünglich zur Richtung des Saturn
geordnet gewesen sein, ich meine, zunächst war die eine, lichtstärkere
Seite entweder dem Saturn zu- oder abgewandt, und erst später muß
durch einen unbekannten Eingriff in die ursprüngliche Ordnung des
Systems der Mond um etwa einen Viertelkreis aus seiner ersten Lage
verschoben worden sein, damit er uns jetzt in der einen Elongation die
dunkle, in der andern die helle Seite zukehrt, statt in der Konjunktion
und Opposition. Dies ist ein interessanter Fingerzeig, der uns zum
entferntesten der Saturnsatelliten hinüberführt.
Dieser, _Phöbe_ genannt, wurde, wie Themis, auf photographischem
Wege von _Pickering_ zuerst 1898 festgehalten, doch erst 1904 mit
Sicherheit als neuer Saturnmond erkannt und ist gleichfalls von
äußerster Kleinheit. Er bewegt sich in dem enormen Abstande von 214
Saturnhalbmessern oder etwa 13000000 ~km~ um sein Zentrum in 440
Tagen. Nur viermal weiter ist Merkur von der Sonne entfernt, und
das Saturnsystem selbst ist durch diese Entdeckung um das Dreifache
erweitert worden. Das Merkwürdigste an dem Körper aber ist, daß er sich
ebenso wie der letzte neue (VIII.) Jupitermond retrograd um seinen
Planeten bewegt, in einer Bahn, die von der Bahnlage aller andern
Saturnmonde erheblich abweicht. Hier hat also entweder, wie wir schon
bei Japetus vermuten mußten, ein besonderer Eingriff stattgefunden,
oder wir haben es auch in Phöbe mit einem »eingefangenen« Körper zu
tun, einem kleinen Planeten, der seinerzeit einmal wieder ein solcher
werden wird.
Bis 1781 befand sich Saturn nach damaliger Kenntnis an der Grenze
des Sonnenreiches und in der vorkopernikanischen Anschauung zugleich
auch an den Grenzen der Unendlichkeit, mit deren Symbol, der sich
in den Schwanz beißenden Schlange, er sich scheinbar umgeben hatte.
In jenem Jahre aber erweiterte sich durch eine zufällige Entdeckung
_Herschels_ das Sonnensystem auf das Doppelte seiner vorher bekannten
Größe. _Uranus_, zuerst für einen schweiflosen Kometen gehalten, von
_Laplace_ aber als ein die Sonne umkreisender Planet erkannt, der
erste, der überhaupt als solcher entdeckt wurde, da die übrigen schon
seit dem grauesten Altertum als Wandelsterne bekannt waren, bewegt sich
um die Sonne in einer Bahn von der Exzentrizität 0,047, die der des
Jupiter etwa gleich ist, in einem Abstande von 19,19 Einheiten oder
2869000000 ~km~ in 84 Jahren und 7 Tagen.
Die Helligkeit des schon recht fernstehenden Planeten setzt ihn gerade
an die Grenze der Sichtbarkeit mit dem bloßen Auge. Im Fernrohr
erscheint uns Uranus als eine matt grünlich leuchtende, nicht recht
scharf begrenzt aussehende Scheibe von etwas mehr als 4 Bogensekunden
Durchmesser, woraus man auf den wahren _Durchmesser_ dieses Weltkörpers
von 57600 ~km~ schließt. Danach ist er noch etwa viermal größer als
der der Erde. Uranus ist also zwar merklich kleiner als Jupiter und
Saturn, aber immer noch größer als alle inneren Planeten. Seine _Masse_
ist aber nur noch 14mal größer wie die der Erde, woraus dann seine
_Dichtigkeit_ zu nur 0,23 von ihr folgt. Die Materie, aus der Uranus
gebildet wurde, ist also gerade ebenso leicht wie die des Jupiter. Alle
vier äußeren, größeren Planeten, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun,
sind aus derart leichten Stoffen geformt, im Gegensatze zu den inneren,
Merkur, Venus, Erde und Mars, die unter sich ungefähr gleich dicht,
aber drei- bis viermal so dicht sind wie die äußere Planetengruppe.
Auch hier wie in vielen andern charakteristischen Zügen zeigt es sich,
daß man es in diesen beiden Gruppen mit zwei wesentlich verschiedenen
Typen von Weltkörpern zu tun hat.
Die _Albedo_ des Uranus ist 0,6, also gleich der des Jupiter, aber
geringer wie die des Saturn und der Venus. Wir wissen, daß diese
rückstrahlende Kraft uns etwas über die Frage aussagt, wie weit ein
Planet vermutlich für unsern Anblick von Wolken verhüllt ist. Uranus
ist auch in dieser Hinsicht den übrigen Mitgliedern seiner Gruppe
ähnlich. Einzelheiten auf seiner Oberfläche sind nur sehr selten
und zweifelhaft gesehen worden. Man hat etwas wie einen hellen oder
dunkleren Streifen über seiner Scheibe schimmern sehen, so wie ihn
etwa auch Jupiter zeigen würde, wenn man ihn aus so großer Entfernung
betrachtete. Niemals aber hat man Sicherheit darüber gewinnen können,
wie schnell sich der Planet um seine Achse dreht, und in welcher
Richtung sein Äquator liegt. _Barnard_ glaubt freilich eine recht
beträchtliche Abplattung der Scheibe erkannt zu haben, die an sich
durchaus wahrscheinlich ist, aber noch der Bestätigung harrt.
Sehr eigentümliche Schlüsse würde es zulassen, wenn eine
spektroskopische Wahrnehmung _Lowells_ sich als zweifellos erwiese. Das
Spektrum aller äußeren Planeten weicht merklich von dem der inneren ab.
Die Atmosphären der beiden Gruppen müssen voneinander verschieden sein.
Nun zeigen jene Untersuchungen Lowells, daß das Spektrum des Uranus
sowohl wie das des Neptun wieder Abweichungen von denen des Jupiter und
Saturn besitzt, die auf das Vorhandensein von _Chlorophyll_ schließen
lassen. Chlorophyll ist das Pflanzengrün, jener wunderbare Stoff,
der unter dem Einflusse des Lichtes imstande ist, die Kohlensäure
zu zersetzen und dadurch erst alle Lebensprozesse der Pflanzen und
mittelbar auch der Tiere zu ermöglichen. Dieser »Lebensstoff« ist in
den Atmosphären der anderen Planeten nicht nachweislich vorhanden.
Sollte er an den Grenzen des Sonnenreiches, wo man sich auch an den
Grenzen der Lebensmöglichkeit glaubte, auf eine uns unbekannte Weise in
so großen Mengen erzeugt worden sein, daß durch ihn neue Wege für eine
Entwicklung des Lebendigen geschaffen werden?
Uranus wird von vier Monden umkreist, _Ariel_, _Umbriel_, _Titania_
und _Oberon_ genannt. Von ihnen sind die beiden nächsten nur mit
den besten Fernrohren zu sehen, auch die beiden äußeren Monde sind
schwierige Objekte, aber doch etwas größer als die innern, wieder in
Übereinstimmung mit dem bei allen Systemen wahrgenommenen Prinzip.
Titania, als der größte Mond dieses Systems, mag etwa 900 ~km~ messen.
Die Entfernungen vom Hauptplaneten sind der Reihe nach 202000, 285000,
464000, 620000 ~km~, und ihre Umlaufszeiten 2 Tage 12 Stunden 39
Minuten, 4 Tage 3 Stunden 28 Minuten, 8 Tage 16 Stunden 56 Minuten und
13 Tage 11 Stunden 7 Minuten.
Das Seltsamste an diesem ganzen System der Uranusmonde ist ihre
Rückläufigkeit, die gewissermaßen eine Übergangsform zu den bereits
im Jupiter- und Saturnsystem als rückläufig erkannten Körpern bildet.
Die Bahnen der Uranusmonde stehen nämlich nahezu senkrecht auf der
Bahn des Planeten selbst. Müssen wir annehmen, daß einmal alle Körper
des Sonnensystems in nahezu derselben Ebene sich bewegten, wie es ja
heute noch die großen Planeten tun, so hätten diese Monde inzwischen
gemeinsam unter einem Einflusse gestanden, der die Bahnen gewissermaßen
umgekippt hat. An ein »Einfangen«, wie bei den uns bereits bekannt
gewordenen kleinen Monden, kann hier nicht gedacht werden. Sie sind
dafür zu groß, und man könnte es sich auch nicht vorstellen, wie alle
vier Monde, die sich nahezu in der gleichen Bahnebene bewegen, eine
solche _gleichartige_ Störung hätten erfahren können. Hier an den
Grenzen des Sonnenreiches müssen besondere Vorgänge wahrscheinlich
schon in den ersten Zeiten des Werdens des Systems gewaltet haben, die
sich für uns im Dunkel der für uns unendlich entfernten Zeit verlieren.
Die an der Uranuskugel selbst vermutete Abplattung scheint auf der
Bahnebene der Monde senkrecht zu stehen, wie es sein müßte, wenn dem
Planeten bereits vor oder während der Entstehung der Monde jener Stoß
versetzt worden wäre, der seine Umdrehungsachse derart verschob, daß
nun die gleichzeitig abgesonderten Massen der Monde diese abnorme
Bahnlage annehmen mußten.
Man hatte die Bewegungen des Uranus um die Sonne kaum mehr als ein
halbes Jahrhundert lang verfolgt, als man Abweichungen an ihnen
wahrnahm, die sich durch die Anziehung der bis dahin bekannten
Körper des Systems nicht mehr erklären ließen. Mit immer größerer
Überzeugung schloß man deshalb, daß sich noch jenseits der Uranusbahn
ein ziemlich großer Planet befinden müsse, der jenen beständig um
merkliche Größen zu sich hinzöge. _Adams_ in Cambridge und _Leverrier_
in Paris machten sich schließlich an die schwierige Aufgabe, aus diesen
Störungen der Uranusbewegung den Ort des störenden Körpers und die
Elemente seiner Bahn um die Sonne zu berechnen. Das weltregierende
Newtonsche Prinzip von der Anziehung der Massen feierte durch sie den
Triumph, einen neuen großen Planeten auf dem Papier aus einem Wust
von komplizierten Rechnungen herauszufinden, der dann alsbald auch
mit dem leiblichen Auge, in naher Übereinstimmung mit der Rechnung
gesehen wurde. Diese Auffindung gelang zuerst in Cambridge auf Anregung
Adams; aber durch die Nachlässigkeit des betreffenden Astronomen, der
seine Beobachtungen nicht rechtzeitig darauf angesehen hatte, ob sie
das gesuchte Objekt enthielten, fiel der ganze Ruhm der großartigen
Entdeckung ungerechterweise auf Leverrier, auf dessen Aufforderung es
am 23. September 1846 _Galle_ auf der Berliner Sternwarte gelang, den
errechneten Körper aufzufinden, während er unbewußt schon mehr als
einen Monat früher in Cambridge gesehen worden war.
Der neue Körper, der den Namen _Neptun_ erhielt, bewegt sich in 30
Sonnenweiten oder 4467000000 ~km~ in 164 Jahren und 280 Tagen um
das Zentrum des Systems. Exzentrizität und Neigung seiner Bahn sind
gering. Sein Scheibchen, von der Helligkeit 9. Größe, ist in mittleren
Fernrohren eben noch als solches zu unterscheiden, aber selbst mit
starken optischen Mitteln bleibt es ein wenig verschwommen, als ob der
Planet keine scharf umkränzte Fläche besäße, vielleicht ein Gasball
wäre, dessen Grenzen sich in den Weltraum verlieren. Deshalb ist auch
seine Ausmessung recht unsicher geblieben, so daß die Resultate der
verschiedenen Beobachter nur ergeben, daß Neptun und Uranus ziemlich
gleich groß sein müssen. Bis vor kurzem pflegte man den Neptun größer
als Uranus anzugeben, nach neueren Messungen scheint er aber etwas
kleiner zu sein. Nach _Barnard_ wäre sein wahrer Durchmesser gleich
52900 ~km~. Daraus ergäbe sich dann seine Dichtigkeit etwa gleich der
des Uranus.
Die _Albedo_ ist gleichfalls der seines Nachbarplaneten fast gleich.
Wir haben also auch bei ihm anzunehmen, daß dichte Wolkenmassen das
Sonnenlicht von ihm zu uns zurückstrahlen. Weiteres als etwa noch die
Wahrnehmung, daß die Atmosphäre des fernen Weltkörpers der des Uranus
ähnlich ist und möglicherweise nach Lowell Chlorophyll, jedenfalls
aber ein bei uns nicht vorhandenes Gas enthält, wissen wir von der
physischen Beschaffenheit dieser Welt nicht mehr zu ermitteln.
Neptun wird, soviel wir bis jetzt ermitteln konnten, nur von einem
_Monde_ umkreist, der, damit wir ihn überhaupt noch aus der großen
Entfernung sehen können, recht groß sein muß. In Wirklichkeit ist er
ein nicht allzu schwer erkennbares Lichtpünktchen 14. Größe, woraus
wir entnehmen, daß seine wahre Größe etwa der unseres Erdmondes
gleichkommt. Die mittlere Entfernung ist bei einer Umlaufszeit von 5
Tagen 21 Stunden 3 Minuten gleich 14,7 Halbmessern des Planeten. Er
befindet sich also vergleichsweise in einer Region, wo sich bei den
andern Systemen dessen größere Körper bewegen. Es ist auch aus diesem
Grunde zu vermuten, daß Neptun noch andere kleine Monde besitzt,
die nur unsern Instrumenten nicht mehr zugänglich sind. Ein solcher
kleinerer Mond ist wahrscheinlich 1892 von _Schäberle_ mit dem großen
Lickrefraktor gesehen worden.
Auch der große Neptunmond bewegt sich rückläufig um seinen
Hauptplaneten, und zwar ist bei ihm die Bahnebene noch weit mehr als
bei den Uranusmonden nach der andern Seite »umgekippt«. Ist die Neigung
dieser letzteren Bahnen etwa gleich 98°, so begegnen wir hier einer
solchen von 143°, so daß sie sich schon auf der andern Seite wieder der
Normalebene der Planetenbewegung nähert. Die geheimnisvolle Wirkung,
deren Spuren wir an diesen Grenzgebieten des Sonnensystems erkennen,
hat hier also am stärksten eingegriffen.