BEFÜRCHTEN Sie nichts, Leserin! Wir wollen von etwas anderem reden. Kommen
Sie doch bitte nach der Zeppelinstraße. So. Da sind wir schon. Sie sehen
eine Ballonhalle? Recht! Wir gehen hinein, wir werden einen Aufstieg
machen, innerhalb einer Stunde sämtliche Länder der Erde überfliegen -- und
doch in dieser Ballonhalle bleiben.
Sie wissen, man kann bereits auf ähnliche Weise zu Wasser und zu Lande
reisen, in der Illusion, man säße in einem fahrenden Schilf oder
Eisenbahnwagen, die gemalte Landschaft rollt draußen vor den Fenstern
vorbei. Die Luftschiffahrt aber, die wir jetzt vorhaben, wird Sie durch die
Restlosigkeit der Illusion entzücken. In diesem eigens zur exakten
Vortäuschung von Luftreisen errichteten Kino hängt der Zuschauerraum hoch
über der Schirmbühne. Sie kennen die Technik der sogenannten
Hexenschaukeln: der Platz des Zuschauers ist stabil, der Raum aber um ihn
herum beweglich, so daß der Plafond und der Fußboden beliebig miteinander
verwechselt werden können, und der Zuschauer desorientiert und schwindlig
wird. Nach diesem Beispiel sollten alle Räume zu Darstellungen eingerichtet
sein; das beliebte horizontale Kino, in dem der Schirm sich vor dem
Zuschauer befindet, ginge dann mit Leichtigkeit so zu verwandeln, daß der
Zuschauer sich bald unter, bald über dem Schirm plaziert sähe; dadurch
könnten die wunderbarsten Wirkungen hervorgebracht werden!
Hier nun treten wir ein wie in die Gondelgalerien eines Riesenluftschiffs.
Diese Gondelgalerien sind an der Decke eines Saales befestigt, und diese
Decke ist dem Bauch eines Ballons nachgebildet. Von diesem Ballongewölbe
hängt, an Tauwerk und Schnüren, das Parallel-Ring-System aus vier Galerien
herab, auf dem Sitzplätze so angebracht sind, daß die Zuschauer über beide
Brüstungen nach unten sehen können. Die innerste Galerie hat nur eine
Brüstung nach außen hin; ihr Kreisrund ist nach innen hin durch einen
Fußboden ausgefüllt; unter diesem befindet sich die Zelle des Technikers
mit dem Projektionsapparat, dessen Aufnahmen bei Gelegenheit wirklicher
Luftschiffahrten angefertigt worden sind. Beiläufig bemerkt, hört sich das
Geräusch dieses Apparates wie das Surren der Schraube eines Luftschiffs an
und dient also zur Erhöhung der Illusion.
In senkrechter Tiefe unter diesen Galerien liegt die Bühne wie in einem
Abgrund. Würde man einen Schlafenden auf eine dieser Galerien bringen und
ihn dort aufwecken; sähe er dann über sich das Tauwerk und den Ballon,
hörte er das Surren wie von einer Schraube und überzeugte sich beim Blicken
in die Tiefe, daß unten etwa London vorbeizöge -- so würde er niemals auf
die Vermutung einer Illusion geraten. Mit größter Leichtigkeit sind Abstieg
und Aufstieg vorzuspiegeln: das zum Aufstieg gebrauchte Filmband wird
umgekehrt abgerollt.
Gleich das erste Bild wirft Sie unentrinnbar in den Wahn, Sie schwebten
über der Halle desselben Theaters, in dem Sie sitzen, aufwärts, und Sie
sähen, aus der Vogelperspektive, die weitere und immer weitere Umgebung.
Der Lauf beschleunigt sich, und eine Reihe immer fernerer Landschaften und
Städte ziehn unter Ihren Augen vorüber. Sie überfliegen Gebirge, Meere,
Ströme, unter Ihnen rollt die ganze Erde vorbei.
Das ist aber noch gar nichts gegen die ungeheuere Steigerung der Illusion
durch den Umstand, daß der Apparat schließlich astronomische Objekte
projiziert, und Sie sich wirklich unter die Sterne versetzt glauben können.
Diese Aufnahmen sind künstlich, aber sehr raffiniert hergestellt. Ihre
Reihe beginnt mit der Erhebung von der Erdkugel: Sie sehen z. B. unter sich
das Meer mit einigem Inselland; es versinkt in die Tiefe und wird dabei
zauberhaft plötzlich sphärisch, die Wölbung wird kleiner und kleiner -- auf
einmal liegt sie tief unter Ihnen als Erdkugel, und Sie sind im Raum ohne
Boden, bis Sie sich einer neuen Sternwelt, etwa dem Mond, dem Mars, wo
nicht gar der Sonne nähern.
Wie? Sie sagen, es gäbe weder die Zeppelinstraße noch so ein Kino? Sie
irren sich! Die Kino-Unternehmer sind noch lange nicht so dumm, eine solche
Gründung zu unterlassen. Und übrigens, argwöhnen Sie vielmehr, die gesamte
Welt wäre bereits ein so vertikales Gewerbe -- aber nicht bloß optisch,
sondern plastisch bis in alle Sinne hinein. Adieu! -- -- --